Vom Sinn und Unsinn der Schottergärten

"Sag mir wo die Blumen sind"

von

Kiesbeete in England (Beth Chatto Schaugarten) Foto: Karla Krieger

… und ihre Interpretation in deutschen Vorgärten. Foto: Karla Krieger

Zunehmend setzt sich in deutschen Landen ein Gartentyp durch, in dem sich nichts von der üblichen Auseinandersetzung mit dem Gestaltobjekt "Garten" wiederfindet. Es geht um den so genannten Kies- oder auch Schottergarten, welcher in der Regel mit dem Zusatz "pflegeleicht" versehen ist.

Wir finden diese Spezies mittlerweile überall zwischen Flensburg und München, vor allem als Privatgarten im Bereich neuerer Einfamilienhaussiedlungen und zunehmend auch in der Freiraumplanung öffentlicher Wohnungsbaugesellschaften. Diese so genannten "Kiesgärten" zeichnen sich aus durch eine besonders sparsame Form der Pflanzenverwendung und eine insgesamt stark ausgeprägte Gestaltarmut. Jeder Leser dürfte wissen, was gemeint ist. Weder verdienen diese Anlagen die Bezeichnung Garten …

"Ein Garten ist ein abgegrenztes Stück Land, in dem Pflanzen unter mehr oder minder intensiver Pflege … angebaut werden. …Gärten werden nicht nur angelegt, um einen direkten Ertrag zu ernten (Nutzgarten), sondern auch um einem künstlerischen, spirituellen oder therapeutischen Zweck zu dienen, oder auch der Freizeitgestaltung und Erholung, …" (Wikipedia) … noch wird in ihnen Kies verwendet, sondern meist Schotter oder Split, also ein Material, welches für gewöhnlich im Eisenbahn- oder Autobahnbau Verwendung findet.

Betroffen von dem Phänomen "Kiesgarten" ist in der Regel jene Fläche eines Grundstückes, die zwischen dem Eigenheim und der Straße einen mehr oder weniger breiten Streifen bildet, der vom Volksmund für gewöhnlich als "Vorgarten" bezeichnet wird. Nicht selten wird er auf der Grundstücksgrenze durch einige mannshohe, schussfeste Schallschutzwände (im Baustoffhandel unter der Bezeichnung "Gabione" erhältlich) vervollständigt. Diese Gärten sind weder "pflegeleicht" noch stellen sie ein irgendwie ästhetisch bereicherndes Gestaltelement im Stadt- oder Ortsbild dar.

Diese so genannten"Kiesgärten" sind nichts anderes als gestalterische "Unorte"! So dürfen und müssen sie bezeichnet werden. Sie stellen eine Herausforderung dar für alle, die sich ernsthaft mit der Planung, Gestaltung und Pflege von Gärten und öffentlichem Raum beschäftigen. Dieser Artikel möchte dazu aufrufen, diesem Phänomen aktiv zu begegnen.

Dieser Garten schirmt ab, aber sendet keine "feindlichen" Botschaften (Luss, Schottland). Foto: Karla Krieger

Der Vorgarten – die Visitenkarte eines Hauses. Welche Botschaft wird hier ausgesandt? Gefragt sind hier städtebauliche Vorgaben. Foto: Karla Krieger

Ein Ausflug nach Absurdistan: Metallgitterzaun, Kunststoffstreifen mit Kiesaufdruck. Die Illusion einer Gabione entsteht. Foto: Karla Krieger

Welche Qualität hat dagegen dieses sorgsam aufgearbeitete historische Gittertor? Foto: Karla Krieger

Materialwahl – es geht auch einfach und preisgünstig, Le Jardin Plume Frankreich. Foto: Karla Krieger

Der "Vertikalschotter" hat es bereits in das Repertoire der Kabarettisten geschafft. Foto: Karla Krieger

Zwei Gebäude – zwei Gesichter. Wie erreicht man die Bauherren, um ihnen Alternativen aufzuzeigen? Foto: Karla Krieger

Vorgarten in einer Vorortsiedlung in Ostwestfalen. Spätestens hier stellt sich die Frage „Ist das überhaupt erlaubt?“ Foto: Karla Krieger

Tatort Vorgarten

Ein "Kiesgarten" der hier gemeinten Art ist keine Frage des individuellen Geschmacks, sondern eine aktive Verunstaltung des öffentlichen Raumes. Dank der mangelnden Sensibilität weniger müssen viele unter diesen gestalterischen Entgleisungen leiden.

Der Vorgarten als Visitenkarte des Hauses! - Welches Licht wirft ein solcher Garten auf seine Bewohner? Welch lebensfeindliche Haltung kommt hier zu Tage? Wem überlassen wir hier das Feld der gärtnerischen Planung und den wirtschaftlichen Vorteil daraus? Was ist schief gelaufen, dass solche Gärten in solchem Umfang angelegt werden?

"Ich bin eine Pflanze - holt mich hier raus!"

Es geht um lieblos mit Schotter überschüttete Vorgärten, die anschließend das Auge aller Vorrübergehenden beleidigen, ökologisch wertlos sind und auch durch einen solitär eingesetzten, bemitleidenswerten Buchs mit Bonsaifrisur nicht zum Garten deklariert werden können.

Der Kunde verlangt das aber so! - Wirklich? Müssen nicht Planer, Berufsverbände, Vereine und Genehmigungsbehörden hier versuchen, das schlimmste zu verhindern? Müssen nicht ausführende Betriebe oder Baumärkte, die wider besseres Wissen solche Gestaltungen als pflegeleicht anpreisen zur Unterlassung ermahnt werden? Sollten nicht Behörden im Bebauungsplan eine gärtnerische Gestaltung der Außenanlagen fordern? Sollte nicht jedem Bauwilligen eine Broschüre in die Hand gedrückt werden, die ihm eine Vorstellung davon gibt, wie Gärten mit wenig Pflege ansprechend gestaltet werden können. Können nicht Grünflächenämter und Wohnungsbaugesellschaften mit gutem Beispiel voran gehen?

". . . durch ein Gebirge wüst und leer"

Steine sind aus der Lebenswelt des Menschen kaum weg zu denken. Nicht selten sind sie Sinnbild für Last und Mühe.

"Als Kaiser Rotbart Lobesam

zum heil'gen Land gezogen kam,

da mußt er mit dem frommen Heer

durch ein Gebirge wüst und leer.

Daselbst erhub sich große Not,

viel Steine gab's und wenig Brot …"

Diese Zeilen des Dichters Ludwig Uhland (1787-1862) enthalten wohl eines der meistgebrauchten Zitate, das herangezogen wird, wenn menschliche Mühsal beschrieben werden soll.

Steine gehören zu den Urmaterialien der Erde. Sie bilden den tragfähigen Grund für alles, was auf der Erde fleucht und kreucht. In pulverisierter Form bildet der in Jahrhunderttausenden gemahlene Stein zusammen mit organischem Material das Substrat, welches Mensch und Tier mit Nahrung versorgt. Dominieren Gebirge, Felsen, Steine den Lebensraum des Menschen, ist dieser meist lebensfeindlich und karg. So ist Stein nicht selten ein Symbol für Öde, Hunger, Leid und Armut. Nach der Vertreibung aus dem Paradies musste der Mensch im Schweiße seines Angesichts den steinigen Boden beackern. Durch großes Leid kann der Mensch versteinern und ist er von böser Natur, dann ist sein Herz aus Stein und er erfreut sich möglicherweise daran, anderen Steine in den Weg zu legen.

Menschen leben seit hunderttausenden von Jahren in schützenden Felshöhlen und nutzten behauene Steine als Pfeil- und Speerspitzen oder zum Entfachen des Feuers. Ein ganzes Zeitalter menschlicher Entwicklung erhielt so den Namen "Steinzeit".

Eine neue Art der Steinzeit begann, als der Mensch sesshaft wurde. Steinerne Burgen und Paläste widerstanden Feuer, Diebstahl und feindlichen Angriffen und erlaubten die Anhäufung von großem Reichtum.

Seit dem Beginn der Industriellen Revolution dürfen wir wohl von einer dritten Steinzeit sprechen, deren Folgen jedoch nachdenklich machen. Unsere Umwelt ist, insbesondere im Bereich der Städte, nahezu versteinert. Klimawandel, Monokulturen und großflächiger Holzeinschlag bewirken die Ausbreitung von Wüsten und Erosion und sorgen so quasi für eine Rückbildung der Welt zu ihrem steinernen, unwirtlichen Ursprung.

Viele Riten, Geschichten und Bilder verweisen auf die Bedeutung von Stein im menschlichen Erleben - im negativen wie im positiven Sinn. Davon künden die geheimnisvollen Steinkreise der Steinzeitkulturen, die mächtigen Pyramiden in Ägypten und nicht zuletzt die zahlreichen steinernen Grabsteine auf unseren alten Friedhöfen. In der christlichen Religion ist Jesus "der Fels in der Brandung". Für die Indianer Nordamerikas ist auch im Stein Manitou zu finden, der große Weltgeist, der alles zusammen hält.

Der antike Gott Prometheus formte den Menschen aus Ton. Dann brachte er ihm die Zivilisation nahe, unter anderem indem er ihn lehrte, feste Häuser aus Stein zu bauen. Dem griechischen Halbgott Orpheus wird nachgesagt, dass er mit seiner wohlklingende Musik sogar Steine zum Weinen bringen konnte. Ganz profan ist Stein ein Symbol für Reichtum. "Er ist steinreich." "Er hat den nötigen Schotter/Kies."

Der Gang über einen alten Friedhof mit seinen Grabsteinen, den betagten Bäumen und einem oft labyrinthischen Wegenetz ist immer noch geheimnisvoll und unheimlich. Seit den 1960/70er-Jahren aber schlichen sich auch auf Friedhöfen zunehmend gestalterische Misstöne ein. Immer häufiger finden sich pflegeleichte, "polierte Seelenrutschen" aus Granit, die auf einer bekiesten, sparsam bepflanzten Grabfläche platziert werden. Darf man in ihnen einen Vorläufer der pflegeleichten "Kiesgärten" sehen, die nun den Sprung in die Vorgärten der Einfamilienhaussiedlungen geschafft haben?

Stein - unverzichtbar für den Garten

Stein ist in der Kultur des Menschen fest verwurzelt wie sein Gegensatz, das Wasser. Beide Motive treffen sich im Japanischen Garten - womit wir wieder beim Thema "Garten" sind. Es sind vor allem die sorgsam geharkten Kiesflächen, die das Wesen eines Japanischen Gartens ausmachen. Sie sind Symbol für ein ganz und gar gegensätzliches Material - das Wasser. Sorgsam ausgewählter Kies wird in Wellenform geharkt und mit Felsen und Pflanzen kombiniert. Das Anschauen eines japanischen Gartens bringt Reflexion und Gelassenheit.
Im europäischen Garten des Mittelalters prägte der Kontrast eines üppigen, grünen Gärtleins zur umgebenden Burgmauer das Wesen des "hortus conclusus". In der Landschaft sind die von Menschenhand gestalteten Terrassen der Weinberge bereits seit der Römerzeit durch ihre kunstvoll aufgeschichteten Stützmauern prägend. In der Landwirtschaft wurden Steine von den Äckern gelesen und am Rande als (Grenz-)Mauern aufgeschichtet, so wie es in England und Irland noch anzutreffen ist. Im Barock tauchen Kies und Ziegelsplitt als Schüttmaterial für Beete auf, sodass sich dem Betrachter farbenprächtige, geometrisch gestaltete Bilder boten, die mit einer Bepflanzung so nicht zu erreichen waren.

Das Thema "Steingarten" ganz unterschiedlich interpretiert. (Reihenhausgarten von Ber Slangen in Maastricht, Niederlande.) Foto: Karla Krieger

Vorgarten in einer Vorortsiedlung in Ostwestfalen. Spätestens hier stellt sich die Frage "Ist das überhaupt erlaubt?" Foto: Karla Krieger

Auch die künstlichen Felsen der Landschaftsgärten und die handwerklich vollendeten Trockenmauern der Reformgärten leben durch die Verwendung von Stein. Schließlich verbreiteten sich "Steingärten" im 19. Jahrhundert in ganz Europa. Die Überquerung der Alpen, der Alpinismus als solcher und die Suche nach Pflanzen aus immer neuen Habitaten lassen in den Gärten wohlkomponierte Steinlandschaften entstehen, die von ausgedehnten "Rockeries" bis hin zu kleinsten Miniatursteingärten in Schalen und Trögen reichen und durch die Frühjahrsblüte einen besonderen Reiz entfalten. Es ist unbestritten, dass Stein in jeder Form in Gärten eine gestalterische Bereicherung darstellt - vorausgesetzt er wird mit einer geeigneten Pflanzung kombiniert.

Steine als Symbol des Lebens

Was fasziniert an der Verwendung von Stein im Garten? Unter anderem lebt die Gestaltung durch den Gegensatz von totem Stein und lebenden Pflanzen. Kaum besser als in einem Steingarten lässt sich beobachten, wie aus unwirtlichen Lebensräumen Leben erwächst. Mühsam aber unbeirrt dringen im Frühjahr Pflanzen aus den Ritzen und Fugen des Gesteins und beeindrucken mit besonders reicher Blüte. Kiesel am Ufer eines Bachlaufes rerinnern an die lange Zeit, die das Wasser braucht, um aus scharfkantigem Geröll runde, formschöne Kiesel werden zu lassen. "Wenn einer uns hebt, hebt er Urzeiten empor. Wenn einer uns hebt, hebt er den Garten Eden empor - …" heißt es in dem Gedicht "Wir Steine" von Nelly Sachs (1891-1970). Erinnern wir uns, wie wir als Kinder mit wachsender Begeisterung am Flussufer Kieselsteine sammelten, die wir noch Jahre lang aufbewahrt haben.

Nahezu jeder Botanische Garten verfügt über einen Steingarten. Doch auch private Steingärten sind sehenswert. So jener in Maastricht am Reihenhaus des Niederländers Ber Slangen. Durch die Unterstützung eines Freundeskreises ist der Garten auch nach dem Tod des Besitzers der Öffentlichkeit zugänglich. Der Gartengestalter Jörg Lonsdorf hat in seinem Schaugarten in Bonn einen ehemaligen Schotterparkplatz mit standortgerechten Pflanzen von einem Unort in ein sehenswertes Staudenbeet verwandelt. In einem kleinen Ort an der Küste Südenglands verbrachte der schwerkranke Filmemacher und Künstler Derek Jarman seine letzten Lebensjahre und legte in der unwirtlichen Kieswüste einen letzten "Garten" an, der wohl wie kaum ein anderer Garten die Themen Leben, Sterben und Tod so miteinander verwebt.

"Viel Steine gab's und wenig Blumen!"

Wie werden Gartenhistoriker in einigen Jahrzehnten die deutsche Gartenkultur des frühen 21. Jahrhunderts beschreiben? Wirft man einen Blick in die deutsche Gartenliteratur der letzten Jahre, so ist diese voll von guten Beispielen und alles steht zum Besten. Pflanzenmärkte, Gartenreisen und die Offenen Gartenpforten boomen. Vergessen sind die Gartenwüsten der Nachkriegszeit aus Rasen, Cotoneaster, Bergenien, Knöterich und Jägerzaun und Ligusterhecken. Dachten wir!

Doch wie sind die neuen, pflegeleichten "Kiesgärten" einzuordnen? Sind sie wiederauferstandene Geister der Vergangenheit? Oder sind es Vorboten einer düsteren Zukunft? Bei ihrer Betrachtung regt sich zunächst die berechtigte Frage nach dem Geschmacksempfinden ihrer Besitzer bis hin zu einem lauten: "Ist sowas überhaupt erlaubt?" Dem sensiblen Beobachter drängen sich jedoch weitere Fragen auf wie etwa diese: Steht der Untergang des Abendlandes nun unmittelbar bevor? Denn wie steht es um eine Welt, in der sich Menschen freiwillig eine derart lebensfeindliche Umwelt direkt vor der Haustür erschaffen?

Ein gelungener gestalterischer Übergang von Fläche in Fassade (Sissinghurst, Großbritannien). Foto: Karla Krieger

Keine Chance zum optischen Atmen bietet diese Lösung an einem Gasthof. Foto: Karla Krieger

Was ist "Simultane Perzeption"?

Nach der Definition des Landschaftsplaners und Umweltsoziologen Tony Hiss hat jedes Gebäude, das von mehr als einem Menschen wahrgenommen wird, eine öffentliche Dimension. Dies trifft auch auf die vorgelagerten Plätze und Freiflächen zu. Und was der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau über die Architektur sagte, gilt auch für den Garten: ". . . . Ein Buch kann man zuschlagen und weglegen. Musik kann man abschalten, und niemand ist gezwungen ein Bild aufzuhängen, das ihm nicht gefällt. An einem Haus aber oder an einem anderen Gebäude kann man nicht vorbei gehen, ohne es zu sehen. Architektur hat die größte sichtbare gesellschaftliche Wirkung …" (Rede vom 04.04. 2003 zum 1. Konvent der Baukultur, Bonn).

"Na dann guck doch einfach nicht hin" möchte man demjenigen zurufen, der sich über eine misslungene Gestaltung erregt. Das jedoch ist in der Tat nicht möglich! Die Gestaltung der äußeren Welt beeinflusst Körper und Geist des Menschen. Der Mensch hat in hunderttausenden von Jahren gelernt, seine Umwelt genau zu beobachten - bewusst und unbewusst. Nur so kann er sich vor Gefahren schützen. Obwohl wir heute wissen, wie ein Gewitter entsteht und wie wir uns vor Blitzeinschlag schützen können, überfällt viele Menschen beim ersten Donnergrollen und den dunklen Wolken ein gewisses Unbehagen. Eine natürliche Reaktion, denn Blitze konnten Häuser in Brand setzen und Existenzen vernichten. Doch auch im positiven Sinne wirkt die Umwelt auf uns. Stimmt alles an einem Ort, wählen wir diesen bevorzugt als Urlaubsziel oder Lieblingskneipe.

Der Mensch scannt quasi permanent seine Umgebung und nimmt unbewusst verschiedenste Zeichen wahr. Dies nennt Tony Hiss die "Simultane Perzeption". Es ist eine Art sechster Sinn, der versucht, das Wahrgenommene unmittelbar einzuordnen in "harmlos" und "gefährlich". Obwohl wir viele Gefahren aus unserem Leben verbannen konnten, funktioniert unsere Psyche auch heute noch nach diesen Regeln. Ständige negative Wahrnehmungen erzeugen Unwohlsein und Stress. Bei positiven Merkmalen, fühlen wir uns wohl, es ist "gemütlich". (Man hat festgestellt: Bratapfelduft senkt den Blutdruck.)

Was also passiert, wenn wir "Schottergärten", Gabionen und Stabgitterzäune betrachten? Das Grau des Schotters wirkt leblos, kalt, unwirtlich, nahrungsarm. Die scharfen Kanten von Schotter und Split suggerieren "Vorsicht! Schnittwunden möglich!" Eine einzelne Pflanze in der grauen Schotterfläche lässt Einsamkeitsgefühle entstehen. Das Bild spielender Kinder ist in einem solchen Garten nicht vorstellbar. Je mehr wir Assoziationen in Bezug auf unsere Umwelt formulieren, desto mehr Kriterien gewinnen wir für eine gute oder schlechte Gestaltung.

Naturbeobachtung – standortgerechte Bepflanzung – einfühlsame Gestaltung schafft eine gelungene Synthese, hier im Garten des Künstlers Derek Jarman in Großbritannien. Foto: Karla Krieger

Betrug am Kunden

Die hier beschriebenen Kiesgärten legen nahe, dass sie nicht zum Aufenthalt von Menschen gemacht sind. Sie strahlen keinerlei Willkommenskultur aus. Sie verändern sich nicht im Jahreslauf. Nach zwei bis drei Jahren säen sich erste Wildkräuter aus. Der Garten wird unansehnlich. Die ausführenden Firmen sind mit den hier angeprangerten Arten von Gärten allerdings gut bedient, da sowohl zur Planung wie auch zur Anlage und Pflege kein ausgebildetes Personal notwendig ist. Und nach einigen Jahren kann das Material - kostenpflichtig versteht sich - wieder aufbereitet oder entsorgt werden.

Alles eine Frage des Geschmacks?

Es ist eigentlich klar, dass derart verunstaltete Vorgärten nicht mehr nur eine Frage des Geschmacks einzelner Gartenbesitzer sind. Sie sind ein Affront. Ein Angriff auf die Sinne. "Über Geschmack lässt sich nicht streiten" sagt man - Stimmt! Entweder man hat Geschmack oder man hat keinen. Interessanterweise funktioniert die Geschmacksbildung in der Mode besser. Jeder, der in unpassender Kleidung vor die Tür gehen will erhält Tipps: "Die Farben passen nicht zusammen!" "Querstreifen machen Dich noch dicker!" "Das sieht zu trist aus!"

Über "Vertikalschotter" und "Talibanhecken"

Die gesellschaftliche Bedeutung eines Phänomens ist spätestens dann gegeben, wenn es im Repertoire der Kabarettisten angekommen ist. Der Kabarettist Dieter Wischmeyer liefert eine bitterböse Analyse zum Kiesgarten in seiner vertikalen Ausprägung. Sein bissiger Kommentar "Vertikalschotter" ist als Podcast zu hören.

Bleibt zum Schluss nur noch zu wünschen, dass bald wieder ein Orpheus kommen möge, der mit seinem Gesang den Schotter erweiche - oder besser noch die Herzen der Gartenbesitzer. Auf dass diese sich besinnen und beseelen und ihren Garten einer baldigen Umgestaltung unterziehen. "Wenn Du in einem Garten keine Liebe machen kannst, wenn Du dort nicht träumen oder Dich betrinken kannst - asphaltier ihn doch, wozu ist er sonst gut?" (Tim Smit, The Lost Gardens of Heligan)

Literatur

Alexander, Christopher: A pattern Language. 1977 (Gestaltmerkmale).

Chatto, Beth: Der Kiesgarten: Gärtnern auf trockenem Standort. Stuttgart 2001.

Hiss, Tony: Ortsbesichtigung - wie Räume den Menschen prägen, und warum wir unsere Stadt- und Landschaftsplanung verändern müssen. Hamburg 1992.

Jarman, Derek, Sooley, H.: Derek Jarman's Garden. 1995.

Whyte, William H.: The social life of small urban spaces. Washington 1980.

Garten von Ber Slangen, Maastricht NL, www.berslangen.nl

Schaugarten von Jörg Lonsdorf, Bonn, www.gartenthusiasten.de

Der Beitrag "Vertikalschotter" des Kabarettisten Dietmar Wischmeyer zum Thema Schottergärten und Gabi Ohnen ist im Internet käuflich zu erwerben.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe NEUE LANDSCHAFT 03/2017 .

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