Ausgegraben.
Baden statt Bäume?
von: Patricia HempelDas bis zum ersten Oktober für nervenstarke Berliner Bürger kostenlos zugängliche Pop-Up-Schwimmbad ist das Auftaktprojekt des neuen Volksbühnenintendanten Matthias Lilienthal und als achtwöchige Protestaktion gegen den Verfall der öffentlichen Infrastruktur gedacht. Kostenfaktor: 300.000 Euro! Ein knappes Drittel davon entfallen auf das gemietete Becken, den Rest fressen Personal, Planung und Pommesbuden.
Kritik am Stadtbadmangel ist natürlich wichtig, aber man muss kein großer Denkkünstler sein, um zu erkennen, was an der Aktion trotzdem schwammig ist: Die Volksbühne im Bezirk Mitte liegt auf einer der größten versiegelten Hitzeinseln, die die Hauptstadt zu bieten hat. Im Vergleich zum Stadtrand können dort im Sommer die Temperaturen bis zu 8 Grad Celsius höher ausfallen. Ein Ort also, der von dauerhafter Abkühlung eher profitieren würde, als von hitzigen Profilneurosen selbsternannter Stadtklimavisionäre.
Hätte man die 300.000 Euro nicht lieber in Baumpflanzungen investieren sollen, um für Schatten, Abkühlung und Schutz vor UV-Strahlung zu sorgen? Mit der richtigen Baumwahl hätte Lilienthal eine Kunstaktion schaffen können, die ihn locker zwei Jahrhunderte überlebt.
Aber nicht nur das: Das Bad soll dem Volk gehören, jedoch nur, wenn es schnell genug seinen Browser öffnet und drei Tage auf das Schwimmvergnügen warten kann. Die Zeitfenstertickets sind so schnell vergriffen, wie die Pommes ausverkauft sind. Zwischenzeitlich musste das Schwimmbecken sogar geschlossen werden, weil die Duschen defekt waren.
Eine Installation, die auf marode Infrastruktur hinweisen soll, vollendet sich damit unfreiwillig selbstironisch. Anstelle eines effekthascherischen und temporären „Volksbades” wäre die Realisierung eines nachhaltigen „Volksbiotops” der eigentliche Kunstgriff gewesen.
Patricia Hempel
NL-Stellenmarkt










