Wenn Pathogene leichtes Spiel haben

Bäume im Klimastress

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In einer Ära zunehmender Extremwetter wie Hitzewellen, Dürreperioden oder Starkregen, steckt auch unsere städtische Baumwelt in einem tiefgreifenden Wandel. Welche Baumarten werden die kommenden Jahrzehnte überhaupt noch überstehen? Welche fallen schon beim nächsten Extremjahr aus? Wie lässt sich in urbanen Gefügen die Verkehrssicherheit gewährleisten, wenn Hitze, Trockenstress und neuartige Erkrankungen gleichzeitig zuschlagen? Und was, wenn wir nicht nur Szenario X oder Y betrachten müssen, sondern unbestimmte Variablen dazukommen? Etwa Pilze, die bislang kaum eine Rolle spielten, oder plötzlich neue Wirtsarten erobern?
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1. Eschentriebsterben oder auch Rußrindenkrankheit? Foto: Daniela Antoni
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2. Straßenbaum mit Befall in Baden, Österreich. Foto: Daniela Antoni

Klimastress schwächt die Abwehrkraft von Bäumen, senkt ihre Vitalität und öffnet so Pathogenen neue Chancen. Nicht, weil sie sich grundlegend verändern, sondern weil die Rahmenbedingungen es ihnen erlauben. In der Folge beobachten wir heute, dass ursprünglich harmlose oder saprotrophe Pilzarten zunehmend zu akuten Bedrohungen werden, und dass der Wechsel auf bislang untypische Wirtspflanzen keine Ausnahme mehr sein muss.

Genauso drängen diese Fragen in die Praxis. Ob in der kommunalen Verwaltung, in Landschaftsarchitekturbüros oder in der Baumpflege. Wir alle suchen nach Orientierung in einer Zeit, in der sich die Spielregeln rasant ändern. Während wir noch diskutieren, welche Baumarten in Pflanzlisten aufgenommen werden, überschreiten wir weltweit planetare Grenzen. Ozeane versauern, Meeresströmungen drohen zu kollabieren. All diese Entwicklungen zeigen: Veränderungen können schneller und unumkehrbarer eintreten, als wir denken. Und genau das gilt auch für unsere Bäume. Klimastress macht sie verletzlich, senkt ihre Abwehrkraft und öffnet Türen für Pilze und andere Schaderreger, die zuvor kaum Relevanz hatten. Es geht also nicht darum, dass plötzlich neue Krankheiten den Weg in unsere Städte finden. Das eigentliche Problem ist die schwindende Fitness der Bäume. Pathogene sind nur die Nutznießer, und sie werden in Zukunft häufiger Chancen bekommen.

Anthostoma decipiens - vom Totholzzersetzer zum Angreifer

Noch vor wenigen Jahrzehnten hätte kaum jemand den unscheinbaren Pilz Anthostoma decipiens als Bedrohung eingestuft. Lange galt er als harmloser Totholzzersetzer, der ausschließlich an abgestorbenen Hainbuchen (Carpinus betulus) zu finden war. Doch die Hitze- und Dürrejahre der letzten Dekade haben dieses Bild grundlegend verändert. In mehreren Regionen Europas werden mittlerweile auch lebende Hainbuchen befallen. Viele unserer öffentlichen Bäume zeigen Rindennekrosen, Kronenverlichtung und partielles Absterben.

Weitere Arbeiten zeigen, dass A. decipiens ein relativ breites Wirtspektrum haben kann: Saracchi et al. (2015) injizierten den Pilz in Spezies wie Betula pendula, Ostrya carpinifolia, Alnus glutinosa unter anderem und dokumentierten in mehreren Fällen Befall und Re-Isolation des Pilzes. Damit wird deutlich: Der Pilz ist nicht streng wirtsspezifisch, sondern nutzt ökologische Nähe, eine Bedrohung, die weitergedacht werden muss.

Das Muster folgt dem zentralen Ansatz: Unter Klimastress sinkt die Widerstandskraft der Bäume, etwa durch verlangsamte Wundheilung, reduzierte Reserven oder verringerte Stoffwechselaktivität und Pathogene wie A. decipiens nutzen diese Schwächen. In urbanen Milieus, mit Hitzeinseln, starker Bodenverdichtung und eingeschränkter Wasserversorgung, verschieben sich hier die Verhältnisse zu Lasten der Bäume.

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3. Sporen der Rußrindenkrankheit. Foto: Daniela Antoni
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4. Saftporling an Birke. Einzelfall oder vermehrtes Auftreten als Trend? Foto: Daniela Antoni

Wenn Pilze die Wirtspalette wechseln - Rußrindenkrankheit als Warnsignal

Besonders deutlich wird die neue Dimension des Problems beim Blick auf Cryptostroma corticale, den Erreger der Rußrindenkrankheit. Ursprünglich galt die Art als typische Erkrankung des Berg-Ahorns (Acer pseudoplatanus) und weiterer Ahorn-Arten (Acer spec.) Inzwischen mehren sich Hinweise, dass sie nicht strikt wirtsspezifisch ist.

Eine aktuelle Studie von Langer et al. (2024, Journal of Plant Diseases and Protection) dokumentiert erstmals den Nachweis von C. corticale an Esche (Fraxinus excelsior) in Deutschland. Dabei wurde der Pilz aus Proben mit Stammkragenfäule, Nekrosen und Läsionen isoliert, die Symptome des Eschentriebsterbens aufwiesen. Zitat aus der Studie:

"Cryptostroma corticale wurde von drei verschiedenen Eschen geborgen. Diese isolierten Stämme waren der erste Nachweis von C. corticale auf Esche und der erste Nachweis einer Assoziation dieses Pflanzenpathogens mit Gehölzen anderer Baumarten als Acer spp. in Deutschland."

Um die Pathogenität zu prüfen, führten die Forschenden Inokulationstests an Fraxinus excelsior durch, um die Kochschen Postulate zu erfüllen. Das Ergebnis: C. corticale kann nicht nur auf Ahorn, sondern potenziell auch auf Esche übergehen. Ein klarer Hinweis auf die Fähigkeit dieses Pilzes zum Wirtswechsel.

Diese Erkenntnis unterstreicht den Wandel, der sich im Stadtbaumkontext zunehmend zeigt: Pilze sind keine statischen Spezialisten. Sie reagieren flexibel auf sich ändernde Umweltbedingungen. Wenn ökologische Grenzen durch Klimastress verschoben werden, erweitern auch Pathogene ihre Nische.

Wer künftig Bäume in Städten schützen will, muss nicht nur einzelne Pathogene im Blick haben, sondern das Gesamtsystem. Vitalität, Standort, Pflege und auch Monitoring.

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Foto: Daniela Antoni

Pilze werden nicht über Nacht zu "Superkrankheiten". Vielmehr nutzen sie Schwachstellen, die durch Klimastress entstehen. Wir dürfen nicht mehr nur dem Pilz hinterherarbeiten, wir müssen die Widerstandskraft der Bäume stärken. Gleichzeitig fehlt uns bislang ein systematisches Monitoring für Pilzvorkommen im Stadtbaumkontext. Während der Forstbereich über gut etablierte Erhebungen, Schadensinventuren und Forschungsprojekte verfügt, existiert für urbane Räume kaum eine belastbare Datengrundlage. Dabei zeigen sich Veränderungen hier zuerst, weil Stadtbäume an der Klimagrundlinie stehen: Hitzeinseln, Bodenverdichtung, Wasserdefizit und mechanischer Stress wirken als Katalysatoren für neue Krankheitsmuster.

Dass gerade dort, wo die Anzeichen früh sichtbar werden, kaum wissenschaftlich begleitet wird, ist ein Versäumnis. Ein engmaschiges, praxisorientiertes bundesweites Monitoring urbaner Pilzpathogene wäre deshalb nicht nur ein Forschungsdesiderat, sondern ein elementares Instrument der Vorsorge. Es würde uns ermöglichen, Trends früh zu erkennen, Risiken einzuordnen und Strategien rechtzeitig anzupassen, bevor Schäden eskalieren.

Literatur

Antoni, D. (2025): Neuartige Pilzgefahren erkennen und kommunizieren: der Fall Anthostoma decipiens. In: Jahrbuch der Baumpflege 2025 (29. Jg.), S. 247-253. Haymarket, Braunschweig. ISBN 978-3-87815-292-7.

Boddy, L., Hynson, N.A., & Bradford, M.A. (2017): Interactions between decomposition and climate change – The role of fungal ecology. Fungal Ecology 29, 67-78. https://doi.org/10.1016/j.funeco.2017.04.003

Brodde, L., Oliva, J., & Ihrmark, K. (2023): Diplodia sapinea in Scots pine – crown decline, mortality, and interaction with drought stress. Swedish University of Agricultural Sciences (SLU Epsilon Archive). https://pub.epsilon.slu.se/32484/1/brodde-l-et-al-20231215.pdf

Kespohl, S., Kelnhofer, K., & Schröder, H. (2022): Heat, drought, and the rise of sooty bark disease in European maples. Forest Pathology 52(5), e12783. https://doi.org/10.1111/efp.12783

Langer, G.J., Peters, S., Bußkamp, J. et al. Cryptostroma corticale and fungal endophytes associated with Fraxinus excelsior affected by ash dieback. J Plant Dis Prot 131, 1289-1299 (2024). doi.org/10.1007/s41348-023-00750-8

Rocchi, F., Quaroni, S., Sardi, P., & Saracchi, M. (2010): Studies on Anthostoma decipiens involved in Carpinus betulus decline. Journal of Plant Pathology 92(2), 637-644.

Saracchi, M., Sardi, P., Kunova, A., & Cortesi, P. (2015): Potential host range of Anthostoma decipiens and Endothiella sp., agents of hornbeam blight. Journal of Plant Pathology 97(1), 93-97.

 Daniela Antoni
Autorin

B.Sc. Forswissenschaften und Waldökologie // Sachverständige für Stadtbäume und Treefluencerin

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