Gärten wie Landschaftsausschnitte

Chelsea Flower Show: Die Natur selbst gibt den Trend vor

Goldmedaille: Vestra Wealth's Garden of Mindful Living von Paul Martin. Foto: Sibylle Eßer

Auch dieses Jahr besuchte die Deutsche Bundesgartenschau-Gesellschaft auf der Suche nach Trends und Themen, ausgefallenen Pflanzungen und neuen Züchtungen die britische Chelsea Flower Show.

Jedes Jahr aufs Neue - nun schon zum 103. Mal - bot die nur fünf Tage dauernde Ausstellung aufregend andere Gartenarchitektur. Beeindruckend waren die 30 Designergärten, die auf dem Parkgelände rund um das Chelsea Hospital gestaltet wurden.

Die Natur selbst gab den Trend vor - in der Gestaltung spielte die in Zerstörung befindliche oder in kostbaren Biotopen zu erhaltende Landschaft eine Hauptrolle. Zum Beispiel ließ sich Goldmedaillengewinner Andy Sturgeon von der Gewalt geologischer Ereignisse inspirieren, die über Jahrmillionen Landschaft geformt haben. Sein Credo: Gärten müssen sich ihrer Umgebung - aber auch dem Klimawandel anpassen. Stilelemente seines Gartens, den der Daily Telegraph sponsorte, waren Felsen, vertikal aufgestellte Cortenstahlplatten, ein breiter Wasserlauf in der Mitte, der über Steinstege begehbar wurde. Trockenliebende mediterrane Pflanzen wie Polygonium, Quercus ilex, Echium, Karoo und Myrtus erweckten eine südliche Landschaftsszenerie. Dafür gab es auch das Etikett "Best-in-Show".

Ein Stück Provence

Ein weiterer Goldmedaillen-Gewinner ist James Basson, der den Garten für die Firma L'Occitane entwarf. Er versetzte uns in die Provence, wo die Marke 1976 gegründet wurde. Der erste Eindruck: Der Garten ist am Rand eines Lavendelfeldes entstanden - man blickt über sanfte Hügel in einen verkarsteten provenzalischen Wald. Auch die lokale Landwirtschaft mit den für diese Gegend so typischen Mandelbäumen wird angedeutet. Ein trockenes Flussbett verläuft von einer Steinhütte durch die Mitte der Anlage, bevor es unter einer Brücke verschwindet. Duft und Farbe mit mehr als 240 Pflanzensorten prägten die sensorische Atmosphäre dieses Entwurfs.

Goldmedaille: Der L'Occitane Garden von James Basson. Foto: Sibylle Eßer

Best Show Garden und Goldmedaille: The Telegraph Garden von Andy Sturgeon. Foto: Sibylle Eßer

Health, Happiness and Horticulture

Cleve West's naturalistischer Garten für den Show-Sponsor M &G Investments war ein weiterer Favorit der Jury, der mit Gold bedacht wurde: ruhig und erhaben zieht er den Betrachter sanft in eine waldige Szenerie. Dieser Garten wurde von Cleve West's Erinnerungen an den Exmoor National Park inspiriert, wo er eine Zeit als Teenager verbrachte. Eichen bilden die Grenzen. Struktur gewinnt die Anlage mit Sandstein-Felsen und einem Pfad aus Steinen, der eine Metapher für eine Reise in Gärten darstellen soll. Er beginnt am unbearbeiteten Felsen aus Dean und geht über immer glattere geschliffene Steine, bis er in einer abgesenkten Terrasse den Pool erreicht.

Ganz anders gestaltete Paul Martin, seinen "Vestra Wealth Garden of Mindful Living", der ebenfalls Gold gewann. Schlanke Linien und wiederholte Pflanzmuster brachten Ruhe. Die stark mit Stauden und Sommerblumen verwebten Border ließen ein weiches Gesamtbild für einen Garten der Entschleunigung entstehen.

Der Sitzbereich in einem Pavillon war durch ein Steindach geschützt, das ein Himmelsguckloch bot. Alles diente dazu, einen Erholungsraum zu schaffen, in dem man das Leben wieder ins Gleichgewicht bringen kann. Die Palette der Bepflanzung reichte von hellen Grün- über Orange- bis zu Gelbtönen.

Natürlich gab es auch wieder Exzentrisches - allerdings nicht mit Gold Ausgezeichnetes vom Iren Diarmuid Gavin: dieses Mal inszenierte er für den Sponsor Harrods sehr selbstironisch einen "Jahrmarktgarten": im angedeuteten Stil der italienischen Renaissance fanden sich klassische britische Gartenhäuser und mechanisch bewegte, sich drehende Buchskegeln und manipulierte Blumenkästen. Ein Publikumsmagnet.

Ein Garten der Klänge

Und dann gab es wie in jedem Jahr die Kategorie der so genannten "Artisan Gardens", die Kunsthandwerker-Gärten. Hervorheben möchte ich den Garten des Papworth Trust, einer Stiftung, die sich unter anderem für Gehörlose einsetzt. Der Trust hatte hier der weltberühmten gehörlosen Solo Percussionistin Dame Evelyn Glennie die Inspiration für ihren Garten während der Arbeit an ihrer "I Can"-Kampagne geboten.

Wasser, das sich aus Marimbahölzern in Schalen ergießen konnte, erzeugte den akustischen Impuls, - mit Wasser, Sonne, Holz und Erde wird der grüne Freiraum selbst zu einem Musikinstrument. Alles wird sinnbildlich zueinander in Schwingungen gesetzt.

Gesägter Yorker Stein - im konzentrischen Radial-Muster verlegt - versuchte symbolisch Schallwellen auf das Publikum zu übertragen. Grüne Vierkant-Eichenhölzer wie Monolithen und feste Steinbänke waren die Vertikalen zwischen den geschwungenen Linien der Anlage. Wer genau hinschaute, konnte in der Form des Gartens den Aufbau des Ohres erraten. Zu den floralen Solisten im Konzert gehörten Farne und Gräser, an Rändern kuschelnde Thymiankissen, Violen und korsische Minze.

Ohne Auszeichnung aber mit Furore: Der Ire Diarmuid Gavin mit dem Harrods Garden inszeniert selbstironisch einen "Jahrmarktgarten". Foto: Sibylle Eßer

Favoriten unter den Pflanzen

Im "Great Pavillon" präsentierten 112 Gärtnereien und Liebhabergesellschaften mit aufwendig gestalteten Ständen die Stars aus der Züchtung. In diesem Jahr stehen Farne hoch im Kurs, auch Digitalis, zum Beispiel die Sorte "Illumination", neue Rosen wie eine violette, intensiv duftende "Sandringham" von Züchter Peter Beales, oder die vanillefarbene "Merry Berry" von Harkness. Es gibt auffallend viele neue Streptocarpus, neue zweifarbige Clematis zum Beispiel die Sorte "Volunteer" und unter den Iris von Cayeux Irises die "Terre A Silex".

In den Gärten draußen vor dem Pavillon beherrschten vor allem Digitalis das Bild, Primula "Harperley Pink", Veronica in neuen Farbnuancen und Akelei - hier auch orientalische Akelei. Ein Star im Garten wird ganz sicher die Anemonenverwandte Hepatica, das Leberblümchen, das der Züchter Ashwood Nurseries in über 100 Sorten und diversen Farbspielen anbot.

Sibylle Eßer, Deutsche Bundesgartenschau-Gesellschaft

Goldmedaillen

The Telegraph Garden – Designer: Andy Sturgeon
L’Occitane Garden – Designer: James Basson
The Chelsea Barracks Garden – Designer: Jo Thompson MSGD
The M&G Garden – Designer: Clive West
The Morgan Stanley Garden for Great Ormond Street Hospital
Designer: Chris Beardshaw
Vestra Wealth’s Garden of Mindful Living – Designer: Paul Martin
Best Show Garden: The Telegraph Garden – Designer: Andy Sturgeon
Best Fresh Garden: The Marble and Granite Centre
Designer: Martin Cook, Gary Breeze
Best Artisan Garden: Viking Cruises Mekong Garden – Designer: Sarah Eberle FSGD
RHS People’s Choice Award: Artisan Garden Meningitis Now Futures Garden – Designer: John Everiss
Best Construction Award: Swatton Landscape for the M&G Garden

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe NEUE LANDSCHAFT 07/2016 .

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