COOL: Die Stadt Wien wird klimafit!
von: Dipl.-Ing. Christine Holz
Wir lieben warme Sommertage in der Stadt, im Park unter schattigen Bäumen, am Wasser oder in den vielen Schanigärten. Wir kennen mittlerweile aber auch Hitzetage mit Temperaturen weit über 30 °C und Tropennächte, in denen die Stadt nicht mehr unter 20 °C abkühlt. Als Folge des Klimawandels haben sich unter anderem die Hitzetage in Österreichs Städten bereits mehr als verdoppelt*. Durch seine kontinentale Lage ist Wien besonders stark betroffen. Für sehr viele Menschen ist diese Hitze eine große Belastung, speziell für Ältere, chronisch Kranke, Kinder und Menschen, die draußen arbeiten. Klimaschutz und Klimawandelanpassungen wurden daher zu zentralen städtischen Aufgaben, um die Lebensqualität im urbanen Raum auch in Zukunft zu erhalten.
Mehr Grün für eine klimafitte Zukunft
In der österreichischen Bundeshauptstadt kommt den Wiener Stadtgärten hierbei eine wesentliche Rolle zu. Denn die Wiener Stadtgärten tragen bereits jetzt maßgeblich zur Lebensqualität der Bevölkerung bei. Sie planen, erhalten und pflegen mit ihren 1500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern über 1000 städtische Parkanlagen sowie das Straßenbegleitgrün mit einer Fläche von insgesamt 17 km². Zudem ermöglichen die Wiener Stadtgärten Kindern Bewegung und Abenteuer dank über 1700 Spielplätzen. Wer es sportlich mag, findet in 178 Park- und Grünanlagen über 550 Fitness- und Trainingsgeräte für unterschiedliche Generationen, über 40 Skateanlagen und über 670 Ballspielplätze. Des Weiteren verwalten die Wiener Stadtgärten über 500.000 Bäume, die im dicht verbauten Stadtgebiet wie Klimaanlagen wirken. Für unmittelbare Abkühlung sorgen die zwölf Wasserspielplätze und über 120 Wasserspielmöglichkeiten sowie die zahlreichen Trinkbrunnen, Nebelduschen und Nebelstelen in der ganzen Stadt.
Besonders die Park- und Grünanlagen der Wiener Stadtgärten gewinnen in Zeiten des Klimawandels an Bedeutung, denn sie wirken sich positiv auf das Mikroklima der Stadt aus. Um für die Zukunft gewappnet zu sein, setzen die Wiener Stadtgärten einen starken Fokus darauf, weitere Parkanlagen zu schaffen sowie bestehende Parkanlagen umzugestalten, damit diese noch klimafitter werden. Auch die Bäume tragen zur Klimaresilienz der Stadt bei. Damit das Wiener Mikroklima noch besser wird, gehört es zur Strategie der Wiener Stadtgärten, jährlich mehrere Tausend Bäume zu pflanzen sowie den bestehenden Baumbestand für künftige Generationen zu sichern. Um die Bäume trotz der widrigen Bedingungen (z. B. Stressfaktoren wie Verkehr, Bodenverdichtung und Abstrahlhitze) fit zu halten, haben die Wiener Stadtgärten in den letzten Jahren ein Maßnahmenpaket geschnürt, das im Zusammenspiel die Sicherheit, Vitalität und Erweiterung des Wiener Baumbestandes langfristig garantieren soll. Dieses Paket umfasst unter anderem intensive Jungbaumpflege, die Verwendung eines speziell entwickelten Baumsubstrats, die Anwendung des Schwammstadt-Prinzips und das Wiener Straßenbaumsortiment.
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Die COOLing-Fibel
Einen weiteren wichtigen Baustein zur Umsetzung verschiedener Klimawandelanpassungen haben die Wiener Stadtgärten mit der Erstellung der COOLing-Fibel geleistet:
Im Fokus dieser Publikation stehen erfolgreich umgesetzte Wiener Beispiele für eine Verbesserung des Mikroklimas. Die Vorstellung der Beispiele beinhaltet Hinweise zu Errichtungskosten, Erhaltungsaufwand, Wasserverbrauch, Cooling-Effekt, Spielwert sowie eine Kennzeichnung von Maßnahmen, die die Biodiversität fördern beziehungsweise besonders zukunftsweisend und nachhaltig sind. Auf 90 Seiten zeigt die COOLing-Fibel damit leicht verständlich, wie das Mikroklima in Nachbarschaften positiv beeinflusst werden kann.
Die Fibel knüpft dabei an strategische Dokumente wie den Urban Heat Island Strategieplan, den Wiener Hitzeaktionsplan, den Wiener Klimafahrplan und die Stadtentwicklungsplanung an. Sie wurde von den Wiener Stadtgärten in Zusammenarbeit mit verschiedenen Wiener Magistratsabteilungen erstellt, wie Wiener Wasser, Architektur und Stadtgestaltung, Straßenverwaltung und Straßenbau, Bau- und Gebäudemanagement sowie Wiener Gewässer.
In einer großen Stadt wie Wien sind Erfahrungsaustausch und Wissensweitergabe zentral, da die 23 Wiener Bezirke und die jeweils zuständigen Abteilungen mit unterschiedlichen Aufgabenbereichen und deren Umsetzung befasst sind. Hier liegt auch der Vorteil der COOLing-Fibel, denn sie zeigt Best Practice Beispiele und bildet einen Ideenpool für zukünftige Projekte. Damit trägt sie zur Verbesserung der Lebensqualität in dicht verbauten Gebieten bei und unterstützt einen klimafitten Stadtumbau. Die große Bandbreite der Beispiele reicht von mehr Grün, Entsiegelung von Straßen und Plätzen, Gebäudebegrünung und Nutzen des Albedo-Effektes bis zur Förderung einer guten Durchlüftung, Regenwassermanagement sowie Renaturierung von Bächen und Flüssen. Drei zentrale Themenbereiche der Fibel werden im Folgenden vorgestellt.


Viel Grün und Schatten!
Schatten senkt die Temperatur spürbar und ist damit eine wesentliche Voraussetzung für die Benutzung des öffentlichen Raumes in den Sommermonaten. Zu den besten Schattenspendern gehören Bäume: Denn Blattoberflächen erhitzen sich nicht so stark wie Gebäude oder befestigte Flächen. Bei ausreichender Wasserversorgung verdunsten Pflanzen zudem Wasser und senken darüber hinaus die gefühlte Temperatur der Umgebung. Daher kommt den vielen Bestandsbäumen in der Stadt eine wichtige Rolle bei der Kühlung zu. Aus diesem Grund sieht der Wiener Klimafahrplan vor, in den nächsten Jahren überall dort, wo es möglich ist, Bäume zu pflanzen. Damit diese Bäume jedoch gut gedeihen können, brauchen sie ausreichend Platz und ein geeignetes Umfeld. Großkronige Baumarten, die längerfristig einen Kronenschluss erreichen, bieten eine gute Beschattung und sind die erste Wahl bei der Planung von Projekten. Wo weniger Platz zur Verfügung steht oder unterirdisch Leitungen verlaufen, werden häufig aufgeastete Großsträucher eingesetzt. Auch Rankgerüste, Pergolen sowie Laubengänge sind als Schattenspender geeignet und werden dort eingesetzt, wo Baumpflanzungen nicht möglich sind.
Auch die Gräser- und Staudenbeete der Wiener Stadtgärten** und naturnahe Wiesen verfügen über beträchtliche Blattmassen. Sie eignen sich für größere entsiegelte Bereiche und tragen nach nur ein bis zwei Jahren zu einem besseren Mikroklima bei. Eine besonders wichtige Rolle spielen solche vielfältigen Flächen für die Biodiversität in der Stadt.
Daher sollten – wo immer möglich – anstelle versiegelter Böden Grünflächen geschaffen werden. Sie erwärmen sich weniger und ihr Pflanzenbewuchs trägt wesentlich zum Klimakomfort in städtischen Freiräumen bei.

Kühle Oberflächen schaffen!
Urbane Hitzeinseln entstehen durch einen hohen Anteil an Bebauung und wasserundurchlässige Oberflächen. Denn das Regenwasser läuft hier schnell ab und kann keine Verdunstungskühle produzieren. Dunkle, versiegelte Oberflächen heizen sich zudem besonders stark auf. Daher sind viele Straßen und Plätze an heißen Sommertagen kaum benutzbar und auch nachts kann sich die Stadt kaum mehr abkühlen. Doch diese Effekte können durch überlegte Oberflächengestaltung deutlich reduziert werden: Unversiegelte Flächen sind in der Regel kühler und verbessern das Mikroklima. Auch Bodenbeläge mit breiten Fugen und Pflasterritzenvegetation heizen sich wesentlich weniger stark auf als Asphaltflächen. Helle Beläge, Fassaden und Dachflächen nehmen weniger Wärme auf und reflektieren die Sonneneinstrahlung. Gründächer und Fassadenbegrünung beschatten und kühlen Gebäude und Freiräume.
Um Kühle in der Stadt zu fördern, stellt die COOLing-Fibel unterschiedliche Bodenbeläge vor, von hellen Pflasterflächen über Natursteinpflaster mit breiten Fugen, Schotterrasen bis zu speziellen Betonsteinbelägen mit breiten, vegetationsfähigen Fugen.
Auf dem Weg zu einer kühlen Stadt nimmt Entsiegelung einen weiteren zentralen Stellenwert ein. Auf Grünflächen oder in Rasenfugen kann das Regenwasser versickern. Über Verdunstung kühlt es die Umgebung und kommt auch Pflanzen, Boden und letztlich dem Grundwasser zugute. Gleichzeitig werden Kanalsystem, Bäche und Flüsse entlastet. Für diese Maßnahme der Klimawandelanpassung ist ein kritischer Blick auf den Bestand wichtig: Können bei Neugestaltungen von Straßen und Plätzen mehr Grünflächen entstehen? Gibt es Straßenbahntrassen, die sich für eine Begrünung eignen? Sind alle Parkplätze wirklich nötig – und falls ja, können sie mit versickerungsfähigen Belägen ausgeführt werden? Ein Beispiel dafür ist die Langauergasse im 15. Wiener Bezirk hinter dem Wiener Westbahnhof. Die Bürgerinnen und Bürger sprachen sich für das Auflassen von Parkplätzen aus. Inzwischen ist hier ein neuer kühler Treffpunkt in der Nachbarschaft entstanden.
Daneben kann Fassadenbegrünung über Beschattung und Kühlung von Gebäudefassaden die Aufheizung von Stadträumen reduzieren. Einerseits werden in der COOLing-Fibel Beispiele für bodengebundene Begrünungen vorgestellt, bei denen die Kletterpflanzen in schmalen Beeten im Gehsteigbereich wurzeln. Eine andere Möglichkeit bilden Wurzelräume in Trögen, die am Gehsteig stehen oder als Element in die Fassade integriert sind. Bei großen, fensterlosen Fassaden können beispielsweise flächige fassadengebundene Begrünungssysteme zum Einsatz kommen.

Wasser in die Stadt!
Vielseitige Wasserangebote sind der Stadt Wien wichtig: Rund 1300 Trinkbrunnen stellen von Frühling bis Herbst eine Grundversorgung für Mensch und Tier auf ihren Alltagswegen dar, damit alle bei Hitze freien Zugang zu Wasser haben und ihren Durst stillen können. Wien bietet im öffentlichen Raum auch erfrischende Erlebnisse in Form von Brunnen, Fontänen, Wasserspiel- und Nebelelementen an.
An Tagen mit Temperaturen über 30 °C kühlen die über 300 Nebelduschen, Nebelstelen und Bodennebeldüsen Straßenräume, Plätze und Parks. Die feinen Tröpfchen bilden auf der Haut einen angenehm frischen Film. Die Nebelelemente aus Edelstahl werden hierbei gezielt zur kleinräumigen Abkühlung besonders heißer Bereiche eingesetzt. Als ergänzendes Erfrischungsangebot hat die Stadt temporäre Aufsätze für Hydranten entwickelt, die im Sommer überall in Wien zum Einsatz kommen können: zum Beispiel Nebelelemente wie der "Sommerspritzer" oder der 3 m hohe, mobile Trinkbrunnen mit Nebelfunktion "Brunnhilde".
Die Vielfalt an Brunnen, Wasserbecken und -rinnen im öffentlichen Raum kühlen nicht nur ihre Umgebung ab, sondern sind auch als soziale Treffpunkte oder als Orte des Spielens zu verstehen. Kleine und kleinste Wasserfontänen, die es seit einigen Jahren in Wien gibt, sollen Jung und Alt einladen, sich zu erfrischen. Dabei wird mit der Ressource Wasser sparsam umgegangen: Um den Wasserverbrauch zu vermindern, werden technische Maßnahmen wie Schaumdüsen, Bedarfssteuerung, Zeitschaltungen oder Umwälzpumpen eingesetzt.
Besonders interessant für einen Familienausflug an heißen Sommertagen sind die kleinen Wasserspielplätze, wie beispielsweise im Heiligenstädter Park im 19. Wiener Bezirk. Unterschiedliche Wasserspielelemente laden hier die Kinder zum Spielen, Entdecken und Abkühlen ein. Das abfließende Wasser wird aufgefangen und kann langsam im Untergrund versickern bzw. verdunsten. Wer einen ganztägigen Familienausflug machen möchte, besucht den Wasserspielplatz Wasserturm im 10. Wiener Bezirk. Großzügige Rasenflächen, vielfältige Spielangebote im und rund um das Thema Wasser laden zum Verweilen ein.
Der Klimawandel bringt jedoch nicht nur mehr Hitze, sondern auch immer mehr Starkregenereignisse mit sich. Um Regenwasser zurückzuhalten, werden in der COOLing-Fibel unter anderem Mulden oder Tiefbeete vorgestellt, die auch über unterirdische Sickerkörper verfügen können. Unter befestigten Flächen ist es möglich, mithilfe des Schwammstadt-Prinzips nicht nur Wurzelraum für Bäume zu schaffen, sondern auch Regenwasser zu speichern. Da in Wien Verkehrsflächen im Winterdienst gesalzen werden, sind duale Systeme erforderlich: Im Sommer versickert abfließendes Wasser und trägt durch Verdunstung zur Kühlung bei, während es im Winter in den Kanal geleitet wird. Dadurch können Schäden an Pflanzen, Boden und Grundwasser verhindert werden.
Die genannten Beispiele sollen einen ersten Einblick in die COOLing-Fibel geben und einen Überblick darüber bieten, welche kurz- und langfristig wirksamen Maßnahmen die Wiener Stadtgärten sowie die Stadt Wien ergreifen, um Klimawandelanpassungen umzusetzen. Alle Maßnahmen haben gemeinsam, dass sie einen Beitrag zu mehr Kühle, Klimakomfort und Aufenthaltsqualität für die Menschen im dicht bebauten Stadtraum leisten.
Weiterführende Informationen
COOLing-Fibel. Kühlende Maßnahmen für heiße Zeiten in Wien. Online unter www.wien.gv.at/umwelt/cooleswien/massnahmen.html abgerufen 20.11.2024
Wiener Hitzeaktionsplan. Für ein cooles Wien der Zukunft. Online unter www.wien.gv.at/spezial/hitzeaktionsplan/ 20.11.2024
Wiener Klimafahrplan. Unser Weg zur klimagerechten Stadt. Online unter www.wien.gv.at/spezial/klimafahrplan/ abgerufen am 20.11.2024









