Ein Überblick über den gegenwärtigen Markt für Gebäudebegrünung

Dach-, Fassaden- und Innenraumbegrünung im Jahr 2017

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Der Dachbegrünungsmarkt hat in den letzten Jahren gut zugelegt. Foto: FBB

2017 ist das Jahr der Gebäudebegrünung. Mit dem Weltkongress, der in diesem Jahr in Berlin stattfindet und von der Fachvereinigung Bauwerksbegrünung (FBB) organisiert wird, rückt der hiesige Markt ins Zentrum. Ein Blick auf die gegenwärtigen Entwicklungen zeigt, dass sich in der Branche schon viel bewegt hat, aber auch noch viel zu tun ist in Sachen Bauwerksbegrünung.

Unter dem Sammelbegriff "Gebäudebegrünung" sind Dach-, Fassaden- und Innenraumbegrünungen zu verstehen. In der genannten Reihenfolge sind auch die Flächengrößen der drei Begrünungsarten im deutschen Markt. Mit dem größten Flächenanteil liegen begrünte Dächer klar an der Spitze. Einen viel kleineren Markt nehmen die Fassadenbegrünungen ein, doch sind sie vor allem mit den "Living Walls" der Inbegriff der Gebäudebegrünung, da sie auffällig und gut sichtbar und damit optimal wahrgenommen werden. Die Innenraumbegrünung spielt bei der Bauwerksbegrünung in der öffentlichen Wahrnehmung leider eine eher untergeordnete Rolle, wobei die umgesetzten Projekte meist sehenswerte Leuchtturmprojekte sind und viel mehr umgesetzt wird als weithin bekannt ist.

Weltkongress Gebäudegrün in Berlin

2017 ist das Jahr der Gebäudebegrünung. Das zeigt aktuell der diesjährige Weltkongress Gebäudegrün in Berlin, der von der Fachvereinigung Bauwerksbegrünung (FBB) organisiert wird, mit über 500 Teilnehmern aus fast 30 Ländern, über 100 Referenten und rund 30 Kooperations- und Medienpartnern. Darunter auch Verbände, die bisher noch nicht so eng mit der Gebäudebegrünungsbranche verknüpft waren und durch den Weltkongress zusammengefunden haben: Bund Deutscher Architekten, Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall, Institut Bauen und Umwelt IBU. Der richtungsweisende Weltkongress ist die bisher größte Veranstaltung dieser Art und zu diesem Thema in Deutschland, so ist auch die Unterstützung durch die Politik nachvollziehbar: Die Schirmherrschaft haben die Bau- und Umweltministerin Dr. Barbara Hendricks und der Regierende Bürgermeister von Berlin Michael Müller übernommen. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt unterstützte bei der fachlichen und organisatorischen Vorbereitung. Gefördert wird der Kongress zudem mit Mitteln der Forschungsinitiative Zukunft Bau.

Altbewährt und dennoch innovativ: Dachbegrünung mit hoher Arten- und Strukturvielfalt. Foto: FBB

Drei neue Richtlinien zur Dach-, Fassaden- und Innenraumbegrünung

Doch es ist nicht nur der Weltkongress, auch die Rahmenbedingungen in Form neuer Normen und Richtlinien stimmen uns Gebäudebegrüner optimistisch. In Deutschland gibt es zwar keine Normen zu einer der genannten Gebäudebegrünungsformen, sondern die Richtlinien der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau (FLL) geben den Stand der anerkannten Regeln der Technik wieder. Sie werden unter der Leitung der FLL durch Mitgliedsverbände, unter anderem durch die FBB und Experten erarbeitet. Die "Dachbegrünungs-Richtlinie" und die "Fassadenbegrünungs-Richtlinie" sind derzeit im Gelbdruck und werden in den nächsten Monaten als Neuauflage erscheinen. Auch die Richtlinie zur "Innenraumbegrünung" wird derzeit aktiv im Regelwerksausschuss bearbeitet und im Laufe des nächsten Jahres in einer Neufassung veröffentlicht. Ergänzend dazu ist der RWA "Verkehrsflächen auf begehbaren Decken" nach einer längeren Pause wieder aktiv und wird aller Voraussicht nach auch Ende dieses beziehungsweise Anfang nächsten Jahres seine überarbeiteten "Empfehlungen" herausbringen.

Annäherung von Siedlungswasserwirtschaftlern und Dachbegrünern

Es tut sich was in Sachen Regenwasserbewirtschaftung, vor allem unter Berücksichtigung von Dachbegrünungen. Das spiegelt sich eindrucksvoll in dem aktuellen Projekt "Grün trifft Blau" wieder, das von der FBB initiiert und derzeit von der Hafen City Universität Hamburg federführend betreut wird. Hier fand Ende letzten Jahres ein erster Erfahrungsaustausch namhafter Siedlungswasserwirtschaftler und Dachbegrüner statt, bei dem unter anderem über die verschiedenartigen Anwendungen von Abflussbeiwerten diskutiert wurde. Neue Regelwerke gehen richtungweisend auf die zuvor angesprochene Situation ein und berücksichtigen immer mehr die vielseitigen positiven Wirkungen begrünter Dächer mit Wasserrückhaltung und -speicherung, Abflussverzögerung und Verdunstung. Dabei sind in erster Linie das DWA-Regelwerk Arbeitsblatt DWA-A 102/ BWK-A 3 Grundsätze zur Bewirtschaftung und Behandlung von Regenwetterabflüssen zur Einleitung in Oberflächengewässer und die DIN 1986-100 Entwässerungsanlagen für Gebäude und Grundstücke - Teil 100 zu nennen. Im Arbeitsblatt DWA-A 102 geht es um das Ziel, den bebauten Zustand dem vorherigen, unbebauten Zustand gleichzusetzen und den natürlichen Wasserhaushalt in den Vordergrund zu stellen. Die Stellschrauben dazu sind Abflussverhalten, Grundwasserneubildung und Verdunstung. Die Dachbegrünung mit ihrer großen Kühlleistung ist dabei die effektivste Möglichkeit, Wärme aktiv abzuführen. Mit ihr lässt sich der lokale Wasser- und Energiehaushalt intakt halten und urbane Hitzeinseln verhindern. Die DIN 1986-100 gibt für begrünte Dächer modifizierte Spitzenabflussbeiwerte Cs in Anlehnung an die FLL-Dachbegrünungsrichtlinie an und führt den mittleren Abflussbeiwert Cm ein. Mit dem Cm können nun Retentions- und Versickerungsberechnungen durchgeführt werden.

Weißbuch "Stadtgrün" mit einem Kapitel Bauwerksbegrünung

Druckfrisch liegt das Weißbuch "Stadtgrün" der Bundesregierung vor, bei dem die FBB auch ihren Teil dazu beigetragen hat. Und dabei nimmt die Bauwerksbegrünung eine wichtige Rolle ein und das mit einem eigenen Kapitel! Damit ist eine hervorragende Basis aus der Politik über alle Parteien hinweg geschaffen worden, die Gebäudebegrünung weiter voran zu bringen. Der Bund selbst nimmt sich in die Pflicht und plant unter anderem folgende Maßnahmen:

  • Erstellung eines Leitfadens zur Begrünbarkeit von Bauwerken
  • Bewertung von Bauwerksbegrünungen und Integration beim Nachhaltigen Bauen

Aktuelles Thema: begrünte Dächer als Kleinklimaverbesserer durch Verdunstungskühlung. Foto: FBB

Wandgebundene Begrünungssysteme sind immer noch in Mode und der Blickfang. Foto: FBB

Der aktuelle Gründach-Markt

Eine interne Umfrage unter den FBB-Mitgliedern zum Dachbegrünungsmarkt, auf deren Methode hier nicht im Detail eingegangen wird, hat ergeben, dass der Anteil Extensiv- zu Intensivbegrünung im letzten Jahr 83 Prozent zu 17 Prozent betrug. Das Zahlenverhältnis hat sich vom Jahr davor etwas zu Gunsten der Intensivbegrünungen verschoben und bekräftigt die "gefühlte" Tendenz, dass immer mehr Intensivbegrünungen umgesetzt werden. Die Tendenz bei der extensiven Dachbegrünung geht klar in Richtung mehrschichtige Bauweise und damit in Richtung Qualität. Die jährlichen Entwicklungen im Vergleich zum Vorjahr sind nachfolgend dargestellt:

  • 2008 zu 2009: + 2,7 Prozent
  • 009 zu 2010: -10,6 Prozent
  • 010 zu 2011: + 29,5 Prozent
  • 011 zu 2012: -6,7 Prozent
  • 012 zu 2013: + 10,7 Prozent
  • 013 zu 2014: + 10,8 Prozent
  • 014 zu 2015: + 1,9 Prozent
  • 015 zu 2016: + 1,5 Prozent
  • 008 zu 2016: + 40,8 Prozent

Die Daten sind mehr oder weniger aussagekräftig, da die Umfrage zwar immer mit der gleichen Methode agierte, jedoch nicht immer alle Befragten auch mitgemacht haben. Immerhin scheint sich der Markt stabilisiert zu haben und wächst kontinuierlich an. Das Wachstum von 2008 zu 2016 ist beachtlich.

Die Frage nach der Quadratmeterzahl der jährlich neu begrünten Dachflächen konnte immer noch nicht abschließend beantwortet werden. Die FBB geht von etwa 10-14 Mio.m²/Jahr aus. Diese Entwicklung ist positiv, jedoch auch notwendig angesichts der noch ungenutzten Potenziale vieler unbegrünter Dächer bei Neubau und im Bestand. Es werden nur etwa 10 Prozent der neu erbauten Flachdächer begrünt.

Eine interne Umfrage zum Markt der Fassadenbegrünung innerhalb der FBB-Mitglieder wurde ebenfalls durchgeführt, jedoch ohne druckreifes Resultat. Hier muss die FBB also noch dran bleiben und sich Gedanken machen, wie für dieses Segment als auch für die Innenraumbegrünung Daten ermittelt werden können.

Förderungen zur Dach- und Fassadenbegrünung

Die FBB hat in 2016 und teilweise noch in diesem Jahr ihre Umfrage an alle Städte Deutschlands mit Einwohnerzahlen ab 10 000 durchgeführt. Die 1488 Städte wurden nach den direkten und indirekten Förderungen von Dach- und Fassadenbegrünung befragt. Obwohl der Deutsche Städtetag und des Deutschen Städte- und Gemeindebund die Umfrage unterstützt haben, war der Rücklauf mit 26 Prozent erstaunlich gering im Vergleich zur Rücklaufquote von 34 Prozent zwei Jahre zuvor. Die Ergebnisse 2016 sind in etwa vergleichbar mit denen aus 2014 - etwa 7 Prozent der Städte, die geantwortet haben, fördern Dach- und Fassadenbegrünungen direkt mit Zuschüssen. Erfreulicher ist dagegen die Feststellung, dass in Bebauungsplänen Dachbegrünungen in 53 Prozent der Städte verbindlich festgelegt werden. Fassadenbegrünungen spiegeln sich in den Bebauungsplänen noch nicht wie die Dachbegrünungen wieder. Dennoch werden diese zu rund einem Drittel (in 35 % der Städte) ebenfalls verbindlich festgelegt.

Dächer als Retentionsflächen nutzen mit „Rigolen“ auf dem Dach – der aktuelle „Renner“. Foto: FBB

Dr. Gunter Mann, Präsident der FBB, stellt die „Bundesweite Strategie Gebäudegrün“ vor. Dieses Jahr noch das Diskussionspapier 2.0 Foto: FBB

Auch wenn die Städte in ihrer Gesamtheit Gebäudebegrünungen weiterhin nicht mehr fördern als früher, so stellen doch immer mehr Städte eigene umfangreichere Gründach-Strategien und damit verbundenen Förderprogramme auf, wie aktuelle Beispiele in Berlin, Hamburg und Leipzig zeigen. Das Bewusstsein der Städte (meist erst einmal) für Dachbegrünung ist also verstärkt und Quantität und Qualität der Förderungen höher.

Forschungen, Produktentwicklungen und Trends

Natürlich entwickeln (sich) auch die Unternehmen der Branche weiter und präsentieren jedes Jahr weitere Produkt- und Systemlösungen wie beispielsweise Retentions- und Biodiversitätsdächer und über Wetter App steuerbare abflussverzögernde Drosselabläufe. So bedient sich die bald neu erscheinende Dachbegrünungsrichtlinie erstmals des Begriffs "Retentionsdach" und verbindet dies mit einem Anstaudach plus gedrosseltem Ablauf.

Doch auch Bäume, die waagrecht an der Wand wachsen, Salat produzierende Tonnen und begrünte Verschattungselemente sind innovative Highlights, die auf sich aufmerksam machen. Wobei die Themenfelder Regenwasserbewirtschaftung, Artenvielfalt, Kleinklimaverbesserung durch Verdunstung und Feinstaubfilterung momentan bei Hochschulen und Unternehmen vorrangig im Fokus stehen.

Wettbewerbssituation mit Photovoltaik

Der Photovoltaikboom stellt für die Dachbegrüner einen gewissen Wettbewerb dar, doch nicht in dem befürchteten Maße. Das meist geringe Budget des Bauherrn kann nur einmal ausgegeben werden und im Zweifelsfall entfällt oftmals die Begrünung. Auch die Städte sind verunsichert. Immer wieder ist zu hören, dass sie ihre Bebauungspläne mit festgesetzten Dachbegrünungen aufweichen und eher Photovoltaik zulassen und festlegen. Dabei ist Photovoltaik und Dachbegrünung im gegenseitigen Nutzen kombinierbar. Durch die Kühleffekte der Begrünung und damit verbundenen Effektivitätssteigerung der Photovoltaikanlage amortisiert sich diese schnell und das Gründach ist damit auch finanziert. Und so "nebenbei" bietet ein Gründach eine Vielzahl an weiteren Möglichkeiten, wie zum Beispiel Schutz der Dachabdichtung, Regenwasserrückhalt und ökologischer Ausgleich. Zudem gibt es auch Systemlösungen aus der Gründachbranche, die mit der Last des Begrünungsaufbaus die Photovoltaikaufständerungen lagesicher auf dem Dach fixieren, ohne in die Dachabdichtung einzugreifen.

Innenraumbegrünung als 3. Säule der Gebäudebegrünung. Foto: FBB

Living walls und neue Systematik bei der Fassadenbegrünung

Durch die gute Öffentlichkeitsarbeit und die vielen sehenswerte Projekte von Patrick Blanc ist eine bestimmte Art von Fassadenbegrünung in den letzten zwei Jahren extrem in den Fokus der Presse gerückt. Durch die populär gewordenen "Living walls" (lebende Wände) erfährt die Fassadenbegrünung immer noch eine große Aufmerksamkeit, der große Hype wie vor etwa zwei Jahren ist allerdings rum. Jetzt befinden wir uns in der Phase, der skeptischen Beobachtung ausgeführte Projekte. Wenn erste Langzeiterfahrungen vorliegen gilt es zu zeigen, dass sich die Wandbegrünungen auch über Jahre hinweg bewähren. Aufgrund der neuen Entwicklungen änderte sich auch die Systematik (Sprachgebrauch) der Fassadenbegrünungsarten. Man spricht jetzt von den "bodengebunden" (= bisher üblichen Verfahren von Kletterpflanzen mit Bodenanschluss) und "wandgebunden" (ohne Bodenanschluss) Begrünungssystemen.

Verbandsarbeit zur Gebäudebegrünung

Die FBB ist der einzige Verband, der sich ausschließlich mit allen drei Segmenten der Gebäudebegrünung (Dach-, Fassaden- und Innenraumbegrünung) beschäftigt. Dass das Interesse an der Gebäudebegrünung und am der FBB zunimmt, lässt sich auch an der Mitgliederentwicklung der FBB erkennen: innerhalb von etwa zwei Jahren schnellte die Mitgliederzahl von 122 auf aktuell 194 hoch. Ein Grund dafür ist die von der FBB Mitte 2013 ins Leben gerufene "Bundesweite Strategie Gebäudegrün", in der der aktuelle Stand der Gebäudebegrünung, Ziele und Maßnahmen zur Vergrößerung des Marktes beschrieben wurden. Verbände wurden zudem zur Zusammenarbeit in Sachen Gebäudebegrünung aufgefordert. Die zwei wichtigsten Ziele der "Bundesweiten Strategie Gebäudegrün", eine informative Internetseite (www.gebaeudegruen.info) bereitzustellen und den Weltkongress Gebäudegrün 2017 zu organisieren, wurden erfolgreich umgesetzt. Im Laufe dieses Jahres wird mit dem Diskussionspapier 2.0 die Fortführung der "Bundesweiten Strategie Gebäudegrün" erscheinen, das die Erfahrungen der letzten Jahre aufnimmt und konkrete Ziele und Handlungsanleitungen für die nächsten zwei bis drei Jahre festlegt.

Eine richtige Lobbyarbeit pro Bauwerksbegrünung gab es bisher nicht, wäre jedoch dringend notwendig. Eine Voraussetzung dazu wäre die Vereinigung der verschiedenen Branchen-Verbände und Erhöhung der Mitgliederzahlen und einem damit steigenden Budget. Viele Stadt- und Gemeinderäte müssen noch von den vielen Vorteilen begrünter Dächer und Fassaden überzeugt und alte Vorurteile ausgeräumt werden. Die drei Hauptzielgruppen der FBB sind: Städte, Planer und Endverbraucher.

Fazit

Es gibt also noch viel zu tun und viel zu begrünen. Und das gelingt am ehesten, wenn die "grünen" Verbände zusammen agieren und gemeinsam dieses Ziel verfolgen - so wie es in der "Bundesweiten Strategie Gebäudegrün" der FBB heißt: "verbandsübergreifende Allianz Bauwerksbegrünung"!

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe NEUE LANDSCHAFT 06/2017 .

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