Der Paul-Arnsberg-Platz in Frankfurt am Main
Mehr Grün statt Grau: Klimaangepasste Umgestaltung
von: Dipl.-Ing.(FH) Thomas Herrgen
Das Problem ist bekannt. Beläge aus Asphalt, Beton- oder Naturstein, vor allem, wenn sie dunkel sind, heizen sich enorm auf. Mangels Wind und Luftströmen bleibt die Wärme vor Ort und lässt die Temperaturen steigen. Für Menschen kann die Hitzebelastung durch Werte von 30, 35 oder gar über 40 °C Lufttemperatur im Hochsommer eine (lebens-)gefährliche Situation darstellen, denn mangels Ableitung heizen sich Beläge und Fassaden auch schon einmal auf 50° und mehr auf.
In der Mainmetropole mit ihrer markanten Skyline haben sich fünf städtische Ämter zusammengetan und den "Leitfaden-Klimaangepasste-Stadtplatzgestaltung" herausgegeben. Er regelt die Zusammenarbeit und enge Koordination bei städtischen Freiraumprojekten, den Rück- beziehungsweise Umbau bestehender Plätze und formuliert Richtlinien für die Gestaltung künftiger neuer Plätze. Der Leitfaden ist für städtische Ämter und deren Planerinnen und Planer verbindlich und gilt als Empfehlung für private und gewerbliche Bauherren.
Handeln vor Ort
Klimaziele werden zwar auf internationalen Konferenzen, in der deutschen Hauptstadt Berlin oder den bundesdeutschen Landeshauptstädten formuliert, müssen aber vor Ort umgesetzt werden. Mit dem Leitfaden von März 2023 möchte die Stadt Frankfurt am Main ihren Beitrag dazu leisten und nicht nur damit.
Auszüge aus dem Leitfaden:
Wie der Klimawandel unser Stadtklima verändert
Was muss Stadtentwicklung künftig berücksichtigen?
Mehr Hitze bei Tag und Nacht und gleichzeitig weniger Wind
Dadurch kommt es vor allem in der Innenstadt zu Wärmeinseln und großer Hitzebelastung sowie konkreten Gesundheitsrisiken, etwa Herz- und Kreislauferkrankungen.
Längere Trockenperioden
Diese stressen Bäume und jegliche andere Vegetation, verringern die Biodiversität und die Neubildung von Grundwasser. Längere Trockenperioden wirken sich vor allem negativ und nachhaltig auf den Baumbestand aus. Im Stadtwald führen diese zu einer rasant ansteigenden Schädlingszahl und dem Absterben ganzer Waldquartiere, auf Plätzen und in Parks gehen selbst stattliche, gut eingewachsene Bäume ein.
Häufiger Starkregen und Hagel
Niederschlagsereignisse treten mit stärkerer Intensität auf. Große Regenmengen, die in kurzer Zeit fallen und zu Überflutungen im Stadtgebiet führen können, erfordern ein angepasstes Regenwassermanagement. Das Kanalsystem ist und kann für solche Extremwetterereignisse nicht ausgelegt werden, so dass das Niederschlagswasser häufig oberflächig abfließt. Das erfordert ein Regenwassermanagement, das sowohl private als auch öffentliche (Verkehrs-) Räume mit einbezieht, vor allem zur Gefahrenabwehr.
Häufigere Starkwinde wie Orkane und Tornados
Diese stellen eine Gefährdung für die Menschen dar und können erhebliche Schäden verursachen bis zur Entwurzelung großer Bäume.
Mildere, feuchtere Wintermonate und weniger Frostperioden
Dadurch verschieben sich die Vegetationsperioden, in der Folge können heimische Pflanzen verdrängt und die Biodiversität beeinträchtigt werden.
Quelle: Stadt Frankfurt am Main, Grünflächenamt in Kooperation mit vier weiteren Ämtern
Daraus ergeben sich unmittelbare Planungs- und Ausführungsnotwendigkeiten hinsichtlich Versiegelung, Oberflächengestaltung, Umgang mit Niederschlagswasser, Pflanzenauswahl und vielem mehr. Diese Aspekte wurden nun erstmals am Beispiel eines Platzes im Frankfurter Ostend durchdekliniert.
Dabei stand vor allem der Mensch im Mittelpunkt, denn Stadtplätze sind Orte der Begegnung, Kommunikation, für Erholung, Feiern und das Ausruhen von Alltag. Diese sozialen Aspekte zu erhalten und zu fördern muss künftig mit den dringend notwendigen Maßnahmen im Klimawandel kombiniert werden und das gelang beim ersten Platzumbauprojekt sehr anschaulich.
Projektdaten/Weitere Informationen
Alter Platz (Bestand)
www.ipach-mayerhofer.de/paul-arnsberg-platz
Umgestalteter Platz (Neu)
Bauherr und Finanzierung:
Magistrat der Stadt Frankfurt am Main, Grünflächenamt
Beschluss des Stadtparlaments:
von November 2021
Entwurf
ff. (HOAI LP 1-3; 5-8):
Ipach & Mayerhofer Landschaftsarchitekten
www.ipach-mayerhofer.de
Staudenkonzept:
Dipl.-Ing. Bettina Jaugstetter
www.jaugstetter-landschaftsarchitektur.de
Vergabeverfahren:
Frühjahr 2022
Baubeginn:
12. September 2022
Fertigstellung:
26. Juli 2023
Ausführung:
Immo Herbst GmbH
www.immo-herbst.de
Gesamtkosten brutto:
Rund 1 575.000 Euro
Ausstattung:
Sitzbänke, ein Trinkwasserbrunnen, Wiedereinbau eines Bücherschranks, Wiedereinbau Schachtische, Wiedereinbau Kunststele (für Paul-Arnsberg)
Besondere Einbauten:
Pergola (Stahl, Aluminium) mit Berankung
Flächen/Versiegelungsgrad:
Vor Umbau 3177 m² versiegelt, nach Umbau 1615 m²
Circa 50 ProzentFlächenentsiegelung zugunsten der Begrünung
Der Leitfaden "Klimaangepasste Stadtplatzgestaltung in Frankfurt am Main" steht auf der Website der Stadt zum Download zur Verfügung
NL-Stellenmarkt



Zu grau statt grün – Der Paul-Arnsberg-Platz
Noch vor etwa zwei Jahrzehnten galt der "steinerne Platz" als die Gestaltungslösung schlechthin für innerstädtische Freiräume. Es sollten Märkte, Feste, Konzerte und weitere Veranstaltungen stattfinden können, die eine Befestigung und Befahrung erfordern. Doch nun, in Zeiten des Klimawandels, erweisen sich solche Plätze als völlig kontraproduktiv. Es fehlt Grün, vor allem Bäume zur Beschattung, die Beläge heizen sich auf, Oberflächenwasser wird abgeführt und die Ausstattung ist mangelhaft. Doch Fehlentwicklungen lassen sich auch wieder korrigieren, wie das konkrete Beispiel nun eindrucksvoll zeigt.
Vor genau 20 Jahren (2005) war der Frankfurter Paul-Arnsberg-Platz im Entwicklungsgebiet Ostend eingeweiht worden, ein im Grundriss spitzes Dreieck, das nahezu vollständig versiegelt war. An allen drei Seiten führten zwei Stufen zu dem erhöhten Platzniveau, Rampen sorgten für barrierefreie Zugänglichkeit und die Zufahrt für Fahrzeuge. Im Plattenraster blieben lediglich einige Streifen offen, mit je zwei Bäumen bepflanzt, darunter Bänke. Der Platz war für Wochenmärkte, Stadtteilfeste und Bürgerbegegnung gedacht, später auch als Pausen- und Freifläche für die benachbarten Bildungseinrichtungen. Doch er "funktionierte" nie so richtig.
Schon bald nach der Fertigstellung richtete sich der versprochene Wochenmarkt ein, mit fixem Tag, Termin und Dauer. Doch die Kundinnen und Kunden aus dem Ostend waren zurückhaltend. Einige Marktbeschicker zogen sich schon bald zurück, das Angebot wurde kleiner und es kamen entsprechend auch noch weniger Kundschaft, sodass der Markt schon bald eingestellt werden musste. Auch Feste gab es nur wenige, so einmal im Jahr das "Frühlingsfest" der Jüdischen Gemeinde mit Kaffee und Kuchen, Programm und Darbietungen, auch für Kinder. Es bezieht sich nicht zuletzt auf den Namensgeber des Platzes Paul Arnsberg, ein jüdischer Jurist und Publizist, der 1933 vor dem nationalsozialistischen Unrechtsregime nach Palästina floh, 1958 zurück nach Frankfurt kam und dort maßgeblich am Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinde mitwirkte.
Über dieses Fest hinaus hatte die Fläche jedoch wenig bis keinen Nutzen für die Bürgerbegegnung, abgesehen von der Aktion zur jährlichen Schmückung des Weihnachtsbaumes mit Schulkindern. Mit der Zeit stellten sich auch Vandalismus und Vermüllung ein und das später in der Platzspitze nachgerüstete (sehr kostenintensive) Wasserspiel brachte zwar ein neues Element, nicht jedoch die gewünschte Belebung, dem Platz fehlte es grundsätzlich an Akzeptanz.



Bürger wünschten Veränderung
Seit 2017 bemühte sich die sehr engagierte Bürgerinitiative "PAPI" (Paul Arnsberg Platz Initiative) des Vereins Lebenswertes Ostend um eine für die Anwohnerinnen und Anwohner ansprechendere Platzgestaltung. Über die Bürgerinitiative wurde der Volkshochschulkurs "Planungswerkstatt für Bürgerinnen und Bürger zur Neugestaltung des Paul-Arnsberg-Platzes" eingerichtet, der unter fachlicher Begleitung einer Stadtplanerin stattfand.
Mit dem Grünflächenamt als Auftraggeber kam die Neuplanung des Platzes zustande, der als erster "klimaangepasster" Stadtplatz den Anfang für weitere Umgestaltungen machen sollte. In einem abschließenden Planungsworkshop von März 2019 formulierten die Teilnehmenden ihre Wünsche. Gefragt war eine drastische Entsiegelung für mehr Grün und Bäume, vor allem auch für Schatten und eine verbesserte Aufenthaltsqualität. Dafür wünschte man sich optimierte Sitzplatzangebote, eine begrünte Pergola und ganz allgemein einen an die klimatischen Gegebenheiten der Gegenwart angepassten Platz.
Daraus resultierte unmittelbar die Planungsaufgabe. Circa 50 Prozent des Platzes sollten zugunsten neuer Bepflanzung entsiegelt werden, um zukunftsfähige Baumstandorte für mehr Abkühlung im Hochsommer zu etablieren. Dazu sollten große zusammenhängende Beetflächen für 30 neue Großgehölze geschaffen werden, als Ersatz für die 16 Trompetenbäume (Catalpa bignonioides), die vorher auf dem Platz gestanden hatten und praktisch alle abgängig waren.
In den neuen Beeten wurden auch Stauden und Gräser vorgesehen (557 m²), außerdem Flächen mit Blumenwiesen (410 m²), eine Pergola mit Grün/Berankung sowie Sitzmöglichkeiten bei den Staudenbeeten und unter der Pergola. Um den Bäumen gute Wuchsbedingungen zu ermöglichen waren große zusammenhängende Baumgruben, Tiefe 2 m (rund 20 bis 25 m² pro Baumstandort) geplant und das Niederschlagswasser der Oberflächen sollte zu den Bäumen hingeleitet werden. Eine zentral freizuhaltende Fläche hatte alte und neue Nutzungswünsche (Spiel- und Bewegungspunkte für Kinder, Bühne, Feste, etc.) im Blick.
Gewünscht waren zudem Bereiche für Kommunikation und Ruhe im Schatten/ Halbschatten und die Wegebeziehungen sollten durch die Neuausrichtung des Hauptweges optimiert werden.


Planung und Ausführung
Das beauftragte Landschaftsarchitekturbüro Ipach & Mayerhofer, das auch schon die erste Planung von 2005, damals für das Stadtplanungsamt, erstellt hatte, setzte bis September 2021 alle Vorgaben in einen Entwurf und nach dessen Abstimmung in der Ausführungsplanung um. Das Büro begleitete den Workshop der "PAPI" bei der Erstellung mehrerer Entwurfsvarianten und erarbeitete auf den Zielen basierend die dann umgesetzte Planung.
Im nördlichen Platzbereich, der teilweise noch über einer Tiefgarage liegt, platzierten sie die zweigeteilte Pergola aus Stahl. Davor in der Mitte entstanden acht Beete in polygonaler Form mit Bäumen und Unterpflanzung. Im südlichen Teil liegen die Blumenwiesen und der aus dem Bestand erhaltene Wassertisch in Dreiecksform.
Zentral im Großdreieck, zwischen den Beeten, verblieb eine ausreichend große Freifläche für Veranstaltungen, wie etwa bei der Einweihungsfeier Anfang August 2023 genutzt. Alle Betonplatten aus dem Bestand waren aufgenommen worden. Etwa die Hälfte davon fand nach Säuberung und Kontrolle (Bruchstellen etc.) in neuer Verlegeausrichtung wieder ihren Platz vor Ort. Gebaut wurde von September 2022 bis Juli 2023.
Deutlich mehr Bäume als vorher
Ganz im Norden, über der Tiefgarage konnten keine Bäume gepflanzt werden, an der Pergola jedoch verschiedene Rankpflanzen, wie Amur-Strahlengriffel (Aktinidia kolomikta), die Fünfblättrige Akebie (Akebia quinata) die aufgrund des würzigen Geruchs der Blüten auch "Schokoladenwein" genannt wird. Hinzu kommen die Goldene Clematis (Clematis tangutica) und die Ufer-Rebe (Vitis riparia), eine sehr widerstandsfähige Wildrebe, die in den USA beheimatet ist.
Im zentralen mittleren Bereich der Neugestaltung stehen insgesamt 30 Bäume, Hochstämme und mehrstämmige Exemplare. Das sind etwa doppelt so viele Gehölze wie vorher und sie verteilen sich auf sieben Baumarten. Neben dem Zürgelbaum (Celtis australis) und der Schmalblättrigen Esche (Fraxinus angustifolia 'Raywood') sind dies eine Sorte des Lederhülsenbaums (Gledistia triacanthos 'Skyline'), der nur selten Früchte ansetzt, sowie der im Herbst mit seiner Färbung strahlende Amberbaum (Liquidambar styraciflua 'Worplesdon'), der breit pyramidal wächst und Schatten spendet.
Für besondere Blüheffekte sorgen die Kobushi-Magnolie (Magnolia kobus) und der Japanische Schnurbaum (Styphnolobium japonicum 'Regent'). Die Sorte hat ein kräftiges Jugendwachstum und bildet später eine breit ovale Krone aus. Und schließlich wurde die Japanische Zelkove (Zelkova serrata 'Green Vase') gepflanzt, die im Alter eine breit trichterförmige Krone ausbildet.
Alle Bäume sind stadtklimaverträglich, kommen mit Hitze und mehrheitlich mit Trockenheit gut zurecht. Manche sind als Jungbäume noch etwas frostempfindlich. Nach der Anwuchszeit und der fünfjährigen Pflegezeit (ein Jahr Fertigstellungs- und vier Jahre Entwicklungspflege bei Bäumen, zwei Jahre Pflege für die Stauden) sollte das aber keine Rolle mehr spielen.



Stauden- und Gräserbeete sowie Blumenwiese angelegt
Unter den Bäumen kam ein ausgetüfteltes klimaresilientes Staudenkonzept mit insgesamt 4400 Stück Pflanzen sowie Geophyten als Frühjahrsaspekt zum Tragen. Auf 557 m² wurde eine trockenheitsrobuste, bienenfreundliche Staudenmischpflanzung etabliert. Zu den Gerüstbildnern gehören unter anderem ein großes Reitgras (Calamagrostis) und die Fetthenne (Sedum telephium 'Herbstfreude'). Begleiter sind diverse Salbei-Sorten (Salvia), Sonnenhüte (Echinacea) oder Herbstastern (Aster amellus, A. divaricatus). Mehrere Bodendecker (u. a. Heuchera, Sesleria, Geranium, Bergenia) sorgen für Grün in der Fläche. Zuletzt ergänzen (kurzlebige) Füllpflanzen wie die Kokardenblume (Gaillardia), die Pfirsichblättrige Glockenblume (Campanula persicifolia) und die Mandelblättrige Wolfsmilch (Euphorbia amygdaloides 'Purpurea') das Konzept. Eigens dafür wurde die Landschaftsarchitektin und Staudenexpertin Bettina Jaugstetter engagiert. Bei der Platzeinweihung erklärte sie detailliert, wie sich die Pflanzung zusammensetzt, dass sie pflegeextensiv und trockenheitsverträglich ist. Die Beobachtungen im Zusammenhang mit der Fertigstellungspflege werden zeigen, wie stabil und vital sich die Staudenbeete entwickeln.
Im Südteil des Platzdreiecks wurden insgesamt 410 m² Wiesenfläche angelegt. Die Ansaat erfolgte mit der Mischung "Schmetterlings-und Wildblumensaum" UG 9 (Rieger-Hofmann GmbH), bestehend aus rund 70 Arten. Das Saatgut ist 2023 zwar noch ausgelaufen, kam aber aufgrund des sehr nassen Augusts kaum noch zur Blüte. Darauf durften sich dann alle im Jahr darauf freuen. 2024 blühte die Wildblumenwiese erstmals prächtig.
Nach der ersten erfolgreichen klimaangepassten Umgestaltung sind in Frankfurt am Main weitere Stadtplätze gemäß der Priorisierung im Leitfaden bereits in konkreter Planung, teilweise in der Umsetzung. Sie sollen im Rahmen eines eigens dafür aufgelegten städtischen Millionen-Programms folgen und bei Neuanlagen werden die Vorgaben des Leitfadens künftig ohnedies beachtet und umgesetzt. Der Klimawandel ist längst Realität, aber Maßnahmen, ihn wenigstens abzumildern gibt es genügend. Sie müssen allerdings vor Ort in die Tat umgesetzt werden.
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