Zu Besuch bei einer Flüchtlingsklasse im Rhein-Main-Gebiet

"Die Motivation der Geflüchteten bei uns ist enorm"

Die Geflüchteten aus Afghanistan, Eritrea und Somalia haben in ihren Heimatländern zuvor unter anderem als Lageristen, Schneider und Steinmetze gearbeitet. Foto: Hendrik Behnisch/Neue Landschaft

"Wie viel Geld verdient man im GaLaBau?" fragt Yarmohammed K., 25, ein ehemaliger Medizinstudent aus Afghanistan mit rundlichem Gesicht und freundlichen Augen. Er sitzt in der dritten Reihe am Fenster und hat sich bisher eifrig beteiligt. Nils Oelkers lächelt. Er hat diese Frage kommen sehen, hat sie bei ähnlichen Veranstaltungen immer wieder aufs Neue gehört. Gut, dass das Gehalt eines ausgelernten Landschaftsgärtners für einen Ausbildungsberuf verhältnismäßig hoch ist. "Nach Ihrer Ausbildung erhalten Sie etwa 2400 Euro monatlich", erwidert Oelkers. Der Afghane lächelt, nickt seinem Banknachbarn zu. Er wirkt zufrieden. Dass diese Summe erst am Ende einer dreijährigen Berufsausbildung steht, ist eine der Botschaften, die Oelkers während seines 45-minütigen Vortrags vermitteln muss.

Nils Oelkers, beim FGL Hessen-Thüringen in Lohn und Brot, ist einer von bundesweit 170 Willkommenslotsen, die das Bundeswirtschaftsministerium finanziert. Wie seine sieben Kollegen aus den anderen GaLaBau-Landesverbänden besucht er drei- bis viermal im Monat Flüchtlingsklassen, um für den Beruf des Landschaftsgärtners zu werben. Er beginnt seinen Vortrag in den Räumlichkeiten der Gesellschaft für Wirtschaftskunde (GfW) in Hanau damit, die Struktur der dualen Ausbildung in Deutschland zu erläutern.

Nils Oelkers, Willkommenslotse des FGL Hessen-Thüringen, informiert die Flüchtlinge in Hanau zunächst über die duale Ausbildung in Deutschland. Foto: Hendrik Behnisch/Neue Landschaft

Eindringlich weist Oelkers darauf hin, dass die Ausbildung gegenüber Gelegenheitsjobs für das schnelle Geld vorzuziehen sei - da man sich nur so langfristig auf dem hiesigen Arbeitsmarkt etablieren könne. Dass andauernde zustimmende Nicken der 24-köpfigen Klasse, die aus Afghanen (75 % der Gruppe), Somaliern, Eritreern und Pakistanern besteht, verleitet zu der Frage: Verstehen die das alles oder redet Oelkers über die Köpfe dieser jungen Männer, die nur einen guten Eindruck machen wollen, hinweg? Skepsis dieser Art ist unbegründet. Der seit September 2016 stattfindende Kurs ist Teil der Arbeitsagentur-gestützten Förderinitiative "Perspektiven für junge Flüchtlinge" (PerjuF). Dadurch bestehen klare Zugangsregeln: Nur wer Deutsch lesen und schreiben kann, kommt in die Kurse von Projektleiterin Nicole Stahlberg. Einige der Kursteilnehmer haben zuvor das hessische Integrationsprogramm "InteA" besucht, in dem zwei Jahre lang Deutsch vermittelt und auf einen Hauptschulabschluss vorbereitet wird. Andere sind Deutsch-Autodidakten, die in ihren Heimatländern nur kurz oder gar nicht die Schule besucht haben. Egal welche Vorbildung die jungen Asylbewerber hier vorweisen: Über Grundkenntnisse der deutschen Sprache verfügen sie alle. Komplexere Themen an die jungen Männer heranzutragen ist deshalb nicht nur möglich, sondern auch erwünscht. Und so wirken die Geflüchteten, die der Willkommenslotse heute vor sich hat, größtenteils wie Musterknaben: interessiert, lernwillig und hellwach. Oelkers' Vortragsstil tut sein Übriges, um die Aufmerksamkeit der zwischen 17 und 26 Jahre alten Männer zu binden. Durch stetes Nachfragen bezieht er die Geflüchteten von Anfang an aktiv ein. Als der Flüchtlingslotse Fotos von Azubis aus verschiedenen Branchen an die Wand wirft und fragt, welche Berufe dort dargestellt werden, ist das Eis endgültig gebrochen.

"Ein Automechaniker!" ruft Ahmedjawed A., 22, mit einem breiten Lächeln, das während des Unterrichts kein einziges Mal erlischt. Oelkers´ Daumen schnellt in die Höhe. Die Euphorie seiner Zuhörerschaft freut ihn sichtlich. Als er die Vorzüge der Arbeit des GaLaBaus auflistet - die Tätigkeit im Grünen, die Teamarbeit, die Vielfalt der Aufgaben und Materialien sowie das Erreichen konkret sichtbarer Arbeitsergebnisse - nicken die ersten Reihen zustimmend. Das Video, das der Willkommenslotse vorspielt, illustriert die attraktiven Aspekte des Berufs zusätzlich.

Erst als Oelkers über die Schattenseiten der landschaftsgärtnerischen Tätigkeit spricht - Überstunden im Sommer, Leerlauf im Winter - hakt Yarmohammed K. nach. "Wie kommt man dann durch den Winter?" will er wissen. Oelkers ahnt sofort, worum es dem Flüchtling geht: "Sie bekommen auch im Winter Ihr Gehalt. Nur die Auftragslage ist dann deutlich schlechter." Im Anschluss führt Oelkers die im GaLaBau üblichen Geräte - wie etwa Gummihammer, Wasserwaage und Gehörschutz - vor, bleibt in seinem Vortrag aber unaufdringlich. Als Ahmedjawed A. erwähnt, dass er als Steinmetz gearbeitet hat, bietet der Willkommenslotse an, ihn an seine Kollegin von der Handwerkskammer zu vermitteln. Mit der Brechstange will er hier niemanden vom GaLaBau überzeugen. Dass Oelkers auch Nachteile am Job des Landschaftsgärtners offen benennt, passt dabei ins Bild. Er ist kein Missionar, sondern lässt die Fakten für sich sprechen. Es ist eine Einladung, die er an die Geflüchteten ausspricht, nicht der Versuch einer Zwangsrekrutierung. Das kommt an. Als Oelkers auf die körperliche Beanspruchung im GaLaBau hinweist, zeigt sich hier niemand abgeschreckt. Im Gegenteil: Körperlich schwere Arbeit sind die meisten Afghanen laut Nicole Stahlberg gewohnt.

Projektbetreuerin Nicole Stahlberg (r.) ist davon überzeugt, dass die hohe Motivation der Schüler die beste Voraussetzung für eine duale Ausbildung ist. Foto: Hendrik Behnisch/Neue Landschaft

Überhaupt ist die gelernte Bauzeichnerin und Staatlich Anerkannte Sozialarbeiterin voll des Lobes für ihre Schüler: "Das Pfund, mit dem wir hier wuchern können, ist die hohe Motivation der Flüchtlinge." Dann erzählt sie von einem jungen Mann, der kein überhaupt Deutsch konnte und daher für den Filialleiter eines Supermarktes keine Hilfe war. Wegen Verständigungsschwierigkeiten wurde sogar aus der Kündigung nichts. Und so kam der junge Mann immer weiter, sortierte Regale ein und verbesserte seine Deutschkenntnisse stetig. Heute arbeitet er noch immer in dem Supermarkt, sein Selbstbewusstsein sei merklich gestiegen. Dass Sprachkenntnisse der Schlüssel zur Integration in den deutschen Arbeitsmarkt sind, ist der Gruppe hier vollauf bewusst. Ahmedjawed A., der in Afghanistan als Schneider, Steinmetz und Verkäufer gearbeitet hat, sagt: "Man muss hier soviel wissen für eine Ausbildung … am Computer, Chemie, Physik. Das kann ich alles noch nicht. Mein Deutsch muss dafür besser werden." Sein Sitznachbar Abdul Mashuq H., 26, der daheim als Lagerist tätig war, ergänzt: "Auf Farsi konnte ich alles wie ein Chef, aber hier muss ich noch soviel lernen." Dass auch beim Spracherwerb die Motivation der Flüchtlinge hoch sei, betont Nicole Stahlberg abseits des Klassenzimmers bei einer Tasse Kaffee.

Einige "ihrer" Afghanen hatten in der Heimat keinerlei Schulbildung genossen, und deshalb in Deutschland begonnen, sich in Lerngruppen zu organisieren und mithilfe von YouTube-Lehrvideos Lerninhalte zu vertiefen. Für die deutschen Arbeitgeber hat sie eine Botschaft: "Die Motivation der Geflüchteten bei uns ist enorm. Sie müssen sich vor ihren deutschen Mitbewerbern nicht verstecken." Nils Oelkers nickt, ehe er die GaLaBau-Werkzeuge wieder in der Postkiste verstaut. Er wirkt sehr zufrieden damit, wie der heutige Termin in Hanau gelaufen ist.

Hendrik Behnisch

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe NEUE LANDSCHAFT 03/2017 .

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