Ein vielschichtiges Leben zwischen künstlerischer Innovation und historischen Widersprüchen

Zum 40. Todestag von Herta Hammerbacher

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Vor 40 Jahren, am 25. Mai 1985, starb Herta Hammerbacher. Die Landschaftsarchitektin, Gestaltungstheoretikerin und erste Professorin der Technischen Universität Berlin hinterließ ein umfangreiches Werk und hat die deutsche Garten- und Landschaftsarchitektur des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt.
Gartenbau Gartengestaltung und Grünflächengestaltung
Berlin Hansaplatz. Blick vom Hansaplatz in Richtung Oscar Niemeyer Haus. Hammerbacher hat die Außenanlage am Niemeyer Haus und den Hansaplatz entworfen. Foto: Jeonghi Go

Ihr Gesamtwerk umfasst über 600 Projekte, darunter zahlreiche Hausgärten, Parks, Grünanlagen an öffentlichen Gebäuden und bedeutende Beteiligungen an Gartenschauen. Ihr Einfluss reicht jedoch weit über die praktische Gartengestaltung hinaus.

Hammerbacher war eine profunde Denkerin, die Philosophie und Ästhetik mit praktischer Gestaltung verband, eine Pionierin für Frauen in der Berufswelt und eine Persönlichkeit, die sich im Spanrnungsfeld der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts behaupten musste.

Die Philosophin und Gartengestalterin

"Meine Mutter war eine Philosophin", beschrieb Hammerbachers Tochter Merete Mattern sie treffend.¹ Die intellektuelle Tiefe prägte ihr gesamtes Schaffen. Die Grundlage ihres landschaftsarchitektonischen Denkens bildeten die Begriffe "Ursprung und Natur". Ihr Verhältnis zur Natur war dabei ganz und gar nicht romantisch, sondern eher wissenschaftlich und metaphysisch.

Hammerbachers Gärten zeichnen sich durch eine charakteristische sanft gewellte Muldenbildung aus, die ihr den Beinamen "Mulden-Herta" einbrachte. Ihre Gärten wirken wie aus dem Boden gemeißelt und sind von einer dichten, nach dem Vorbild eines Waldmantels abgestuften Gehölzkulisse umgeben. Einzelne malerisch platzierte Bäume und die geschwungene Wegeführung erwecken die Illusion einer archaischen Landschaft.

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Herta Hammerbacher um 1934. Foto: Architekturmuseum der TU Berlin, Inv. Nr. F 12137
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Sommergarten, Luzer. Foto: Architekturmuseum der TU Berlin, Inv. Nr. F 12724
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Feldrappe, Chemnitz. Foto: Architekturmuseum der TU Berlin, Inv. Nr. HH 8102 003
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Lageplan mit Gartenplan für den Park an der Burg Hakeburg, Kleinmachnow (Wohnsitz des Reichspostministers). Foto: Architekturmuseum der TU Berlin, Inv. Nr. HH 0076.003

Sie konstruierte ihre Gärten nach dem Vorbild des "Locus amoenus" – der Lichtung im Wald – weil diese ihrer Meinung nach die erste Form der menschlichen Ansiedlung und folglich idealtypisch sei.² In den 1950er-Jahren erreichte ihr dem Landschaftlichen verpflichteter Gartenstil seine Reife und es entstanden ihre Meisterwerke an Hausgärten, darunter die heute denkmalgeschützten Gärten Schwebes (1956-1959), r (1957) und Schweitzer (1958) in Berlin.

Während Hammerbacher bei den privaten Hausgärten eine zurückhaltende Gestaltung bevorzugte, kamen ihre künstlerischen Impulse bei den Gartenschauen explosiv zur Geltung. Bei der Dresdner Gartenschau 1936 entwarf sie den "Garten des Blauen Fortschritts", der ausschließlich dem Rittersporn gewidmet war und eine philosophische Raum-Zeit-Konzeption verkörperte.³ Die von Fachkollegen als "unübertroffen" oder "virtuos" bezeichnete Pflanzenkomposition Hammerbachers zeigte sich besonders in ihren Beiträgen zu den Gartenschauen in Kassel 1955 sowie Köln 1957 und 1971.

Die Pionierin für Frauen

Als Pionierin in einem männerdominierten Berufsfeld und als erste Professorin der Technischen Universität Berlin (berufen 1950) kämpfte Hammerbacher zeitlebens für die Selbstständigkeit und berufliche Entfaltung von Frauen. Sie entwickelte einen klaren Standpunkt zur "Frauenfrage": Frauen sollten unbedingt einen Beruf ausüben, der öffentlich wirksam ist, um selbstständig und unabhängig zu sein.4

Diese Überzeugung bezog sich nicht nur auf den finanziellen Aspekt. Die "schöpferische Selbstverwirklichung" spielte für sie eine zentrale Rolle, ebenso wie das gesellschaftlich-politische Wirken der Frau. In einem Brief von 1956 schrieb sie: "Aufgrund meiner Erfahrung bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es [...] heute besonders wichtig ist, dass die Frau in die Öffentlichkeit geht. Gerade in ihrer ganzheitlichen Art ist sie dazu berufen, unsere Kultur auf eine höhere Ebene heben zu helfen."

Hammerbacher hatte nicht nur mit der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau zu kämpfen, sondern auch mit Vorurteilen innerhalb der Frauenwelt. Als eine der ersten Abonnentinnen des Frauenmagazins "Emma" kritisierte sie 1978 im Gespräch mit Alice Schwarzer: "Ihr tut so, als ob Ihr die Frauenemanzipation erfunden hättet, und vergesst diejenigen, die übergeleitet und den Emanzipationsgedanken über das 3. Reich hinweggerettet haben."5

Auch in ihrer zweiten Ehe, die sie 1942 mit dem Staatswissenschaftler Dr. Kurt Laux einging, setzte sie klare Bedingungen durch: die Fortführung ihres Mädchennamens im Beruf, räumliche Trennung der Wohnorte, Entbindung von der Pflicht, den Haushalt des Mannes zu führen, sowie die Sicherung des Wohnrechts ihrer Tochter aus erster Ehe.

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Prof. Herta Hammerbacher bei der Vorlesung in der TU Berlin. Foto: Architekturmuseum der TU Berlin, Inv. Nr. F 13152

Im Spannungsfeld der deutschen Geschichte

Hammerbachers Leben und Karriere fielen in eine Zeit extremer politischer Umbrüche. In den frühen 1930er-Jahren war sie links orientiert und organisierte mit ihrem damaligen Ehemann Hermann Mattern eine kommunistische Gruppierung in Bornim. Während der Kommunistenverfolgung des NS-Regimes trennten sie sich von der Roten Hilfe.6 Wie sie der Verhaftung entgingen, ist nicht vollständig geklärt, vermutlich halfen gute Kontakte wie Albert Speer und Karl Foerster.

In den Kriegsjahren leitete Hammerbacher den Bornimer Betrieb mit etwa 200 Mitarbeitern und war in zahlreiche Projekte eingebunden. Ihre Projekte zwischen 1939 und 1945 umfassten Arbeiten für die Reichspostdirektion, die Rüstungsindustrie im Auftrag der Organisation Todt, Umsiedlungsprojekte in Österreich und Tirol sowie Gestaltungsarbeiten in den besetzten Gebieten Polens.

Im Unterschied zu vielen Zeitgenossen versuchte Hammerbacher nicht, ihre Vergangenheit zu verbergen. Sie war die einzige Zeitzeugin unter den Garten- und Landschaftsarchitekten, die zu Lebzeiten das Schweigen brach und öffentlich Stellung bezog. Sie verfügte testamentarisch, dass ihr schriftlicher und planerischer Nachlass an die TU Berlin überführt werden solle. Dieser erwies sich als wertvolle Quelle für die Planungsgeschichte der NS-Zeit.7

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Hakeburg, Terrasse mit Gartenmöbeln (Stahlrohrstühle mit Korbgeflecht und Sonnenschirm). Foto: Architekturmuseum der TU Berlin, Inv. Nr. F 12801
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Garten Mohr, Berlin-Grunewald. Foto: Architekturmuseum der TU Berlin, Inv. Nr. F 13080
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Gartenplan mit Höhenangaben. Foto: Architekturmuseum der TU Berlin, Inv. Nr. HH 0512 002

Die Kontroverse und der Umgang mit dem Erbe

Im Jahr 2022 rückte Hammerbachers Vergangenheit im Nationalsozialismus in den Fokus der Öffentlichkeit, als der Berliner Bezirk Pankow eine geplante Straßenbenennung nach ihr aufgrund ihrer Verbindung zum Bornimer Kreis rückgängig machte.8 Ein Journalist veröffentlichte daraufhin einen Artikel mit dem Titel "Pankow streitet um Straßennamen: Ehre dem braunen Daumen von Herta Hammerbacher?"9

Diese Kontroverse zeigt exemplarisch, wie schnell ein Rufmord geschehen, und ein verdienstvolles Leben mit einer aus dem Zusammenhang gerissenen Halbwahrheit und unbedacht vorgebrachten Worten zerstört werden kann. Ich will damit nicht sagen, dass Hammerbacher unbelastet war. Wie sie selbst zugegeben hat, war sie "mitgelaufen". Man sollte sich aber ein gesamtes Bild der Zeit und Geschehnisse machen, bevor man urteilt.

Hammerbacher selbst veranlasste, dass ihre Tätigkeit in der NS-Zeit viel früher erforscht wurde als Foersters und Matterns. Sie schrieb Ende der 1970er-Jahre, dass eine Forschung über diese Zeit wichtig wäre, aber schwierig, "weil sie fast alle Gartenarchitekten dieses Jahrhunderts beträfe. Man werde kaum jemanden finden, der gänzlich unbelastet sei."10

Eine Eigenschaft ist bei Hammerbacher besonders beeindruckend: "Sie war bis zur Schmerzensgrenze aufrichtig. Was war das für eine Zeit, dass ein so aufrichtiger Mensch zum Mitlaufen gezwungen wurde?"¹¹

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Garten Dr. Bahr. Foto: Architekturmuseum der TU Berlin, Inv. Nr. F 11618

Ein vielschichtiges Vermächtnis

Herta Hammerbachers Vermächtnis ist vielschichtig und komplex. Als Landschaftsarchitektin und Gestaltungstheoretikerin prägte sie mit ihrer "Neuen Landschaftlichkeit" die deutsche Garten-und Landschaftskultur nachhaltig. Ihre Verbindung von philosophischer Tiefe, gestalterischer Virtuosität und Pflanzenkenntnis macht sie zu einer der wichtigsten Figuren der modernen Landschaftsarchitektur.

Als Pionierin für Frauen in der Berufswelt kämpfte sie für Selbstständigkeit und öffentliches Wirken von Frauen. Ihre klaren Vorstellungen über die Rolle der Frau in der Gesellschaft und ihre praktische Umsetzung dieser Ideale in ihrem eigenen Leben machen sie zu einem bemerkenswerten Vorbild.

Gleichzeitig steht ihr Leben exemplarisch für die Verstrickungen und Widersprüche, mit denen Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland konfrontiert waren. Ihre Bereitschaft, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen und sie der Nachwelt zugänglich zu machen, zeugt von einer Aufrichtigkeit, die Respekt verdient.

Zum 40. Todestag von Herta Hammerbacher ist es an der Zeit, ihr Leben und Werk in seiner ganzen Komplexität zu würdigen. Weder unkritische Verehrung noch pauschale Verurteilung werden ihrer Persönlichkeit gerecht. Erst in der differenzierten Auseinandersetzung, die sowohl ihre Verdienste als auch ihre Verstrickungen in den historischen Kontext einordnet, kann ein angemessenes Gedenken stattfinden.

Hammerbacher selbst hat uns einen Weg gewiesen, wie wir mit ihr und ihrem Erbe umgehen sollten: "Immer heraus mit der Wahrheit und nichts als die Wahrheit." Diese Maxime bleibt auch 40 Jahre nach ihrem Tod eine wichtige Orientierung – nicht nur für den Umgang mit historischen Persönlichkeiten, sondern auch für unsere eigene Gegenwart.

Anmerkungen

¹ Merete Mattern in einem Interview 2002

² Go, 2006: Herta Hammerbacher, Virtuosin der Neuen Landschaftlichkeit – Der Garten als Paradigma, (Schriftenreihe der Fakultät Architektur Umwelt Gesellschaft, TU Berlin, Bd. 18), S.88f

³ Ebd. S. 61f

4 Go, "Herta Hammerbacher – DIE FRAU", in: Blätterrauschen Herbst 2024, Jg. 52, Ausgabe 65, S. 18ff.

5 Ebd.

6 Go, 2006: Herta Hammerbacher, Virtuosin der Neuen Landschaftlichkeit – Der Garten als Paradigma, (Schriftenreihe der Fakultät Architektur Umwelt Gesellschaft, TU Berlin, Bd. 18) S.28

7 Go, ebd. Zunächst 2004 als Dissertation, veröffentlicht 2006 von der Universitätverlag der TU Berlin. Im Dritten Teil sind Projekte, die in den Jahren 1939-1945 entstanden, sind aufgeührt. S. 132-137

8 Drucksache Bezirksverordnetenversammlung Pankow von Berlin. X-0517 vom 06.12.2022; Frauenbeirat Pankow, Sitzungsprotokoll vom 11.01.2023

9 Berliner Zeitung am 19.04.2023

10 Wolschke-Bulmahn/Gröning, Gert: Der 100. Geburtstag von Herta Hammerbacher. Stadt und Grün 1/2001. S. 35-39.

¹¹ Go, in einem Interview 01.2025

Dr. Go Jeong-Hi
Autorin

Landscape Architecture & Garden History, Berlin–Seoul

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