Acht Monate nach dem Ende der Gartenschau

FLL-Experten bescheinigen IGA Berlin 2017 hohe Nachhaltigkeit

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Der Berliner Umwelt-Staatssekretär Stefan Tidow (Bündnis 90/Die Grünen) lobte die IGA 2017 für ihren Beitrag zur Artenvielfalt und zur Stärkung des Tourismus im Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Foto: Hendrik Behnisch, Neue Landschaft

Selbst wenn eine Gartenschau finanziell floppt, kann ihr Nachhaltigkeitswert sie für die austragende Stadt zum Gewinn werden lassen - mit dieser Botschaft eröffnete der Berliner Umwelt-Staatssekretär Stefan Tidow (Bündnis 90/Die Grünen) die offizielle Nachlese der Internationalen Gartenausstellung (IGA) Berlin 2017. Etwa 60 Vertreter der grünen Branche waren ins Besucherzentrum der Berliner Gärten der Welt gekommen, um diesbezüglich Bilanz zu ziehen. Gerade weil die IGA ihre Pforten mit einem Millionendefizit geschlossen hatte, geriet die Überprüfung ihrer ökologischen und sozio-kulturellen Verdienste zum Versuch der Ehrenrettung.

Neues Zertifizierungssystem erstmals erprobt

Maßstab für das Ermitteln des Nachhaltigkeitswertes der IGA war ein von der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau (FLL) entwickeltes Zertifizierungssystem, das hier erstmals freiwillig erprobt wurde - auch zum Wohl künftiger Gartenschauen, wie IGA Berlin 2017- und Grün Berlin Geschäftsführer Christoph Schmidt betonte. Der Chef der Deutschen Bundesgartenschau Gesellschaft (DBG), Jochen Sandner, verwies darauf, dass das Zertifizierungssystem zu einer Sensibilisierung von Gartenschau-Mitarbeitern führen solle. Gleichwohl sei die Teilnahme auch für künftige Gartenschauen freiwillig. Dass sie aber wünschenswert sei, stand für Schmidt außer Frage. Der Grün Berlin-Geschäftsführer sagte, dass das 144 Fragen starke System "mehr Chancen als Risiken" berge und auch grüne Großprojekte außerhalb von Bundes- und Landesgartenschauen davon profitieren könnten.

Ausgeprägte Standort- und Nutzungsqualität

Markus Gnüchtel, Fachsprecher beim Bund deutscher Landschaftsarchitekten (BDLA), erklärte den Anwesenden die Anatomie des Zertifizierungssystems. Dabei wies er darauf hin, dass die 144 Fragen einerseits konkrete, direkte Abfragen im Stile von "Haben Sie dieses oder jenes getan?" beinhalten. Aber auch offene Fragen zu Zielvorstellungen des Events und deren Erfüllungsgrad sind Teil des Katalogs. Fokussiert werden dabei sechs Qualitäten der Nachhaltigkeit: bezüglich des Standorts, der Ökologie, der Ökonomie, der soziologischen Funktionalität, der technischen Qualitäten und der Vegetationstechnik.

86 Prozent Punktausbeute gab es für die IGA 2017 bei ihrer soziokulturellen Qualität, also ihrer Nutzungsvielfalt, Naturerfahrung und Bildungsbandbreite. Foto: Hendrik Behnisch, Neue Landschaft

Die IGA trumpfte beispielsweise im Bereich "Standort" auf - 81 Prozent der erreichbaren Punkte stehen dort zu Buche. Wie Gnüchtel hervorhob, habe das Event die Gärten der Welt als "Point of Excellence" gesichert und mit dem Kienberg und dem Wuhletal die Stadtnatur Berlins gestärkt. Staatssekretär Tidow hatte zuvor in das gleiche Horn gestoßen: Die IGA habe die Peripherie als Tourismusstandort auf den Radar der Öffentlichkeit gebracht und dem Bezirk Marzahn-Hellersdorf ein neues Wir-Gefühl beschert. Letzteres schlägt sich auch in der Zertifizierung nieder: 86 Prozent Punktausbeute gab es für die IGA bei ihrer sozio-kulturellen Qualität, also ihrer Nutzungsvielfalt, Naturerfahrung und Bildungsbandbreite. Immerhin 78 Prozent der Punkte erlangte die IGA im Bereich ökologischer Verdienste. Laut Tidow habe die Großveranstaltung die Artenvielfalt gefördert, auch dank der hervorragenden Zusammenarbeit mit den Naturschutzverbänden. Den einzigen groben Ausreißer nach unten gab es beim Aspekt "Technische Qualitäten" (etwa das Vorhandensein eines Pflegehandbuchs, GIS-Nutzung, Vegetationstechnik) zu beklagen: Dort kam die IGA auf nur 47 Prozent der erreichbaren Punkte. Dennoch standen am Ende der Zertifizierung 76 Prozent, was vielen Anwesenden ein anerkennendes Nicken abrang.

Gnüchtel schloss mit dem Fazit, dass eine kurzfristige Meinungsbildung über die IGA - wie beispielsweise von der Berliner Lokalpresse betrieben - nicht ausreichend sei. Es ginge viel mehr um einen strukturierten Zielhorizont, in dem die halbjährige Gartenschau selbst nur eine Etappe gewesen sei - nun sei ein nachhaltiges Freiraum- und Nachnutzungskonzept entscheidend. Auch wenn Tidows eröffnende Aussage, Berlin blicke "mit Stolz auf die IGA zurück" zunächst nach einer inhaltsleeren Politiker-Phrase klang - die Zertifizierung hat gezeigt, dass die Hauptstadt tatsächlich allen dazu Grund hat, die IGA 2017 als Erfolg zu verbuchen. Ehrenrettung geglückt.

Hendrik Behnisch

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe NEUE LANDSCHAFT 06/2018 .

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