Weit mehr als gestalterische Elemente
Gehölze für Dachbegrünungen
von: Evelyn Trachsel
Intensive Dachbegrünungen verfügen in diesem Zusammenhang über ein besonders hohes Potenzial und werden in der Stadtplanung der Zukunft an Relevanz gewinnen. Vor allem Gehölze – also Sträucher und Bäume mit ausreichend Pflanzenmasse – tragen durch ihren Kühlungseffekt und ihre strukturelle Vielfalt entscheidend zur Verbesserung des Stadtklimas bei.
Gehölze finden vor allem in einfach-intensiven und intensiven Dachbegrünungen sowie auf Dachgärten Anwendung. Ab einer Substrathöhe von 15 bis 20 cm können sie erfolgreich etabliert werden.
Auch auf Biodiversitätsgründächern, insbesondere in angehügelten Bereichen, erweisen sie sich als wertvolle Ergänzung. Ihre Integration erweitert nicht nur die gestalterischen Möglichkeiten, sondern auch die funktionalen Leistungen von Dachbegrünungen erheblich: Sie spenden Schatten, schaffen Lebensräume, verbessern das Mikroklima und tragen aktiv zum Klimaschutz bei. Damit diese Potenziale vollständig ausgeschöpft werden können, sind eine sorgfältige Planung und die Berücksichtigung von Substratstärke, Wasserverfügbarkeit und statischer Tragfähigkeit unerlässlich.
Der Nutzen von Gehölzen auf Dächern ist vielfältig. Im Hinblick auf Klimaschutz und Mikroklima reduzieren sie die direkte Sonneneinstrahlung und verhindern eine übermäßige Aufheizung der Dachflächen. Durch Transpiration senken sie die Umgebungstemperatur, speichern Kohlenstoff in ihrer Biomasse und leisten so einen Beitrag zur Minderung von Treibhausgasen. Aus ökologischer Sicht bieten sie strukturreiche Lebensräume für zahlreiche Tierarten: Vögel nutzen sie als geschützte Nistplätze, Bestäuber profitieren vom oft frühen Blütenangebot, und Früchte dienen vielen Arten im Herbst als wertvolle Nahrungsquelle.
Auch für das Regenwassermanagement sind Gehölze von großer Bedeutung. Sie nehmen Niederschlagswasser auf, verzögern den Abfluss und erhöhen die Verdunstungsrate im Vergleich zu reinen Extensivbegrünungen erheblich. Gestalterisch bereichern sie das Dachbild durch Blütenaspekte, jahreszeitliche Farbwechsel und markante Strukturen. Begrünte Dächer mit Gehölzen laden zum Aufenthalt ein, fördern die Aufenthaltsqualität und steigern zugleich den Immobilienwert.
Im Vergleich zu Stauden bieten Gehölze eine größere Höhe und dreidimensionale Raumwirkung, verschatten Flächen effektiver, bieten Windschutz und strukturieren Dachbereiche in unterschiedliche Nutzungszonen. Ihre höhere Blattmasse sorgt für eine größere Verdunstungsleistung, während ihre holzige Struktur für Langlebigkeit und Standfestigkeit steht. Zudem prägen sie das Erscheinungsbild ganzjährig, selbst in der laubfreien Zeit, und bieten einen dauerhaften Lebensraum für viele Tierarten. Hinsichtlich ihrer Klimaresilienz verfügen Gehölze oft über tiefe und kräftigere Wurzelsysteme, die eine gute Wasserversorgung in Trockenperioden gewährleisten.
Ihre Langlebigkeit erlaubt eine kontinuierliche Anpassung an veränderte Umweltbedingungen, und ihre hohe Beschattungsleistung stabilisiert das Mikroklima nachhaltig. Einschränkungen bestehen vor allem in der empfindlichen Etablierungsphase sowie in den hohen Anforderungen an Substrattiefe, Nährstoffversorgung und Tragfähigkeit der Dachkonstruktion. Extreme Wetterereignisse wie Sturm oder Starkregen bergen zusätzliche Risiken, die in der Planung zu berücksichtigen sind.
Gehölze sind somit weit mehr als reine Gestaltungselemente – sie sind ein strategisches Werkzeug, um klimaangepasste und lebenswerte Stadträume zu schaffen. Voraussetzung für ihren erfolgreichen Einsatz ist jedoch ein fachgerechtes Konzept, das technische, ökologische und gestalterische Aspekte in Einklang bringt.
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Auswahl und Verwendung geeigneter Gehölzarten
Die Integration von Gehölzen in Dachbegrünungen erfordert eine präzise Analyse der Standortfaktoren. Die verfügbare Substrathöhe ist einer der wichtigsten Parameter, ebenso wie die Gesamthöhe des Gebäudes. Bodennah gelegene Dachflächen, etwa über Tiefgaragen, weisen in der Regel ausgeglichenere Mikroklimabedingungen auf, während hochgelegene Dachgärten stärkeren Einflüssen wie Wind, intensiver Sonneneinstrahlung, größeren Temperaturschwankungen und längeren Trockenperioden ausgesetzt sind. Diese klimatischen Unterschiede wirken sich direkt auf die Artenwahl, die Etablierung und den Pflegeaufwand aus.
Für eine standortgerechte Gehölzauswahl müssen klimatische Rahmenbedingungen wie Winterhärte, Temperatur- und Niederschlagsverteilung, Lichtverhältnisse und Windbelastung berücksichtigt werden. Auch die Substratqualität – also Aufbauhöhe, Nährstoffgehalt, Wasserspeichervermögen und pH-Wert – ist entscheidend. Da Dachsubstrate häufig im alkalischen Bereich liegen, sind kalktolerante Arten mit hoher Trockenheits- oder Wechselfeuchtetoleranz auf exponierten Flächen im Vorteil.
Neben den Standortbedingungen sind auch ökologische und gestalterische Kriterien wichtig. Wuchshöhe und -form, Konkurrenzverhalten und Anpassungsfähigkeit bestimmen, ob sich ein Gehölz harmonisch einfügt. Zudem tragen Blütenaspekte, Herbstfärbung, Kronenform sowie die Eignung als Sicht- oder Windschutz dazu bei, dass eine Pflanze funktional und ästhetisch überzeugt. Arten, die Nektar, Pollen oder Früchte bieten, leisten zudem einen Beitrag zur Biodiversität.
Die langfristige Pflege spielt eine zentrale Rolle. Schnittverträgliche Arten erleichtern die Formgebung und Höhenkontrolle, bruchsichere Gehölze sind besonders in windexponierten Lagen wichtig, und robuste Arten verringern den Aufwand im Krankheits- und Schädlingsmanagement.
Auch der Wurzeltyp ist entscheidend: Tief- und Herzwurzler benötigen mehr Raum, während Flachwurzler mit geringeren Substrathöhen auskommen. Maßgeblich ist nicht nur die Wurzelarchitektur, sondern vor allem das verfügbare Wurzelraumvolumen, das eine ausreichende Versorgung und stabile Verankerung gewährleistet.
Hilfreich für die Auswahl ist die Einteilung in sogenannte Lebensbereiche, die Arten mit ähnlichen ökologischen Ansprüchen gruppiert. Der Abgleich dieser Angaben mit den Bedingungen des Dachstandortes reduziert Fehlpflanzungen und ermöglicht eine gezielte Artenwahl, die langfristig vital bleibt und ihr volles Potenzial für Mikroklima, Biodiversität und Gestaltung entfaltet.
Die Lebensbereiche der Gehölze
- Steppengehölze sind an trocken-warme, sogenannte xerotherme Standorte angepasst. Typisch sind ein langsames Wachstum, eine hohe Toleranz gegenüber Trockenstress und eine bemerkenswerte Langlebigkeit. Diese Eigenschaften prädestinieren sie für den Einsatz auf stark sonnenexponierten Dachflächen.
- Auengehölze, insbesondere Arten der Hartholzaue, sind hingegen oft schnellwüchsige Pionierarten mit hoher Transpirationsleistung. Sie können sowohl kurze Trockenphasen als auch Starkregenereignisse gut überstehen. Damit eignen sie sich hervorragend im Kontext der Schwammstadt-Strategie, da sie Wasserüberschüsse aufnehmen und später wieder verdunsten können.
Zur standortgerechten Auswahl und Verwendung von Gehölzen hat sich die Einteilung in gärtnerische Lebensbereiche nach Kiermeier bewährt. Dieses Klassifikationssystem orientiert sich am natürlichen Vorkommen der Arten und ordnet sie anhand von Kennziffern bestimmten Standorttypen zu. Es bietet Planern und Ausführenden eine praxisnahe Grundlage, um für jede Pflanze die passenden Klima- und Bodenbedingungen zu berücksichtigen.
Die Bewertung erfolgt sowohl nach dem zugehörigen Lebensbereich als auch nach klimatischen und edaphischen Faktoren wie Trockenheitsverträglichkeit, Nährstoffbedarf oder Anpassungsfähigkeit an urbane Stressfaktoren. So lässt sich frühzeitig erkennen, welche Arten sich langfristig unter den spezifischen Bedingungen des Stadtklimas bewähren können.
Ein großer Teil der Gehölze, die in Zukunft besonders klimaresilient sein werden, stammt aus den Lebensbereichen Steppen- und Auengehölze.
Darüber hinaus finden sich viele bewährte Arten für Dachbegrünungen in den Lebensbereichen Artenreicher Wälder und Gehölzgruppen, die auf gut versorgten, nährstoffreichen Böden vorkommen, sowie in den Artenarmen Wäldern und Gehölzgruppen, die mit nährstoffarmen Standorten zurechtkommen. Die Kenntnis dieser Herkunfts- und Anpassungseigenschaften ermöglicht eine zielgerichtete Artenauswahl, die sowohl den funktionalen Ansprüchen als auch den ästhetischen und ökologischen Zielen einer Dachbegrünung gerecht wird.
BuGG – Fachinformation "Gehölze für Dachbegrünungen"
Der Bundesverband GebäudeGrün (BuGG) hat 2020 eine Fachinformation zu Gehölzen für Dachbegrünungen herausgegeben, die 2024 grundlegend überarbeitet wurde. Sie berücksichtigt veränderte Klimabedingungen, enthält praxisorientierte Auswahlhilfen und listet Arten nach erforderlicher Substrathöhe.
Die Spanne reicht von Zwergsträuchern mit 15 bis 20 cm Substrat und 20 bis 100 cm Wuchshöhe über Klein- und Normalsträucher bis hin zu Großsträucher und Bäumen, die je nach Größe 60 bis 150 cm Substrat benötigen und mehrere Meter Höhe erreichen können.
Die Einteilung orientiert sich an der erforderlichen Wurzelraumtiefe, ergänzt durch Angaben zu Standortansprüchen, Substratanforderungen und natürlichem Lebensraum. Besonderes Augenmerk gilt den sogenannten TOP-Favoriten – Arten, mit denen in der Praxis wiederholt gute Erfahrungen gemacht wurden – sowie weiteren bewährten Gehölzen.
Bewertet werden außerdem die ökologische Bedeutung, Bruch- und Standsicherheit, Schnittverträglichkeit und Industriefestigkeit, also die Toleranz gegenüber städtischen Belastungen wie Luftschadstoffen, Hitze, Trockenheit oder Schwermetallen.
Lichtverhältnisse und Winterhärtezonen sind ebenfalls zentrale Auswahlkriterien. Während vollsonnige Flächen mehr als sechs bis acht Stunden direkte Sonne erhalten, sind schattige Standorte auf weniger als zwei Stunden Sonnenlicht pro Tag begrenzt. Kleinklimatische Unterschiede – etwa mildere Bedingungen in Innenstädten oder härtere in Tallagen – können die Einstufung erheblich verändern. Angesichts des Klimawandels ist die Wahl robuster, anpassungsfähiger Arten wichtiger denn je.
Pflanzenporträts – ausgewählte TOP-Favoriten
Zwerg- und Halbsträucher (Substrathöhe 15–20 cm, Wuchshöhen 20–100 cm)
Rosa x rugotida – Glanzblättrige Apfelrose
Diese robuste Gartenkreuzung ist industriefest, salztolerant und hitzeverträglich. Ihre hohe Schnittverträglichkeit und Windfestigkeit machen sie vielseitig einsetzbar. Sie bildet flache Wurzeln und gedeiht auch auf mageren Substraten. Dichte Wuchsformen bieten Vögeln sichere Nistplätze, ihre Blüten werden von Insekten besucht, und die leuchtenden Hagebutten im Herbst sind nicht nur Zierde, sondern auch Nahrungsquelle.
Cytisus decumbens – Niederliegender Geißklee
Ein trockenheitsliebender, teppichbildender Strauch aus Südeuropa, der mit goldgelber Blüte im Mai/Juni auffällt. Als Leguminose bindet er Stickstoff und verbessert so das Substrat. Ideal für vollsonnige, durchlässige Standorte.
Kleinsträucher (Substrathöhe 25–30 cm, Wuchshöhen 80–100 cm)
Vitex agnus-castus – Mönchspfeffer
Ein mediterranes Steppengehölz, das im Hochsommer blüht und damit zu einer Zeit, wenn die einheimischen Sträucher verblüht sind Nektar für Bienen und Schmetterlinge liefert. Aromatisch duftendes Laub, trockenheitsverträglich, bevorzugt sonnige und gut drainierte Standorte.
Ribes alpinum – Alpenjohannisbeere
Dicht verzweigter, heimischer Strauch mit leuchtend gelber Herbstfärbung und roten Beeren, die vor allem von Vögeln geschätzt werden. Anspruchslos und robust, vorallem für halbschattige Standorte geeignet.
Normalsträucher (Substrathöhe 40–50 cm, Wuchshöhen 200–500 cm)
Elaeagnus x ebbingei – Ebbings Ölweide
Immergrüner Strauch mit silbrig-grünen Blättern und stark duftender Herbstblüte. Wind- und salztolerant, schnittverträglich und ganzjährig als Sichtschutz nutzbar.
Colutea arborescens – Blasenstrauch
Lang blühender, trockenheitsresistenter Strauch mit dekorativen, aufgeblasenen Samenhülsen. Wertvolle Nektarquelle für Wildbienen.
Großsträucher & Kleinbäume (Substrathöhe 60–70 cm, Wuchshöhen 500–1000 cm)
Cornus mas – Kornelkirsche
Heimischer Strauch oder Kleinbaum mit früher gelber Blüte vor dem Blattaustrieb, vitaminreichen Früchten und goldgelber Herbstfärbung. Windfest, schnittverträglich und ökologisch wertvoll.
Sorbus intermedia – Schwedische Mehlbeere
Stadtklimafester Baum mit rundlicher Krone, dekorativem Laubschmuck durch die weisse Blattunterseite und orangeroten Früchten. Trockenheitsverträglich, ökologisch wertvoll.
Bäume (Substrathöhe 80–150 cm, circa 25 m² Wurzelraum, Wuchshöhen über 10 m)
Pyrus salicifolia – Weidenblättrige Birne
Kleinbaum mit silbrigem Laub, reicher Frühlingsblüte und kleinen, herb schmeckenden Früchten. Ideal für vollsonnige, trockene Standorte.
Sorbus torminalis – Elsbeere
Sehr langlebiger, trockenheitsverträglicher Baum mit spektakulärer Herbstfärbung und essbaren Früchten, die von Vögeln geschätzt werden.
Fazit
Gehölze auf Dächern sind weit mehr als gestalterische Elemente – sie sind ein Schlüssel zu klimaresilienten, biodiversen und lebenswerten Städten. Mit fachgerechter Planung, sorgfältiger Standortanalyse und gezielter Artenwahl lassen sich ihre Potenziale dauerhaft nutzen. Die BuGG- Fachinformation Gehölze für Dachbegrünungen wird demnächst auf der Verbands-Homepage veröffentlicht.
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