Groß, langlebig, klimawandeltolerant und biodiversitätsfördernd
Ortsbildprägende Stadtbäume für die Zukunft
von: M.Sc. Jonas RenkOft wurde unter ihrer Krone geheiratet, gefeiert und getanzt, Neuigkeiten verkündet, gepredigt, gekämpft oder Urteile gefällt und manchmal auch vollstreckt. Manche Bäume wurden auch zu besonderen Anlässen, etwa als „Friedensbaum“ gepflanzt. All diese Bäume gilt es bestmöglich zu erhalten. Es ist aber ebenfalls erstrebenswert, dass es ortsbildprägende Bäume auch in Zukunft noch geben wird. Damit das möglich sein kann, bedarf es in der heutigen Zeit vor dem Hintergrund von Herausforderungen wie dem Klimawandel, der baulichen Nachverdichtung und des vielerorts festzustellenden Vandalismus Mut, geeignete Bäume an entsprechenden Stellen mit möglichst günstigen Bedingungen für die Zukunft zu pflanzen. In der Liste dieses Beitrags werden Bäume vorgeschlagen, die hierfür auf Grund ihrer Eigenschaften in Frage kommen und die gleichzeitig besonders zur Stärkung der Biodiversität beitragen.
Eigenschaften
Der Baumauswahl in der Liste liegen diese Kriterien zugrunde: Die Bäume können eine Wuchshöhe von mindestens 20 Metern erreichen (Bäume 1. Ordnung) (Citree). Sie sind auf Grund ihrer Eigenschaften als Stadtbäume geeignet. Bei den meisten Arten und Sorten handelt es sich laut der Deutschen Gartenamtsleiterkonferenz e.V. (GALK) und dem Bund Deutscher Baumschulen e.V. (BdB) (2020) um „Zukunftsbäume für die Stadt“. Zudem sind sie trockenheits- und hitzetolerant. Die Trockenheitstoleranz ist in Citree zumindest mit „trockenheitstolerant“, die Hitzeverträglichkeit mindestens mit „mittel“ bewertet. Sie tragen zusätzlich erheblich zur Biodiversität bei. Ihr Biodiversitätsindex beträgt mindestens 3,0 (Mittelwert aus dem Wert als Straßenbaum und dem als Parkbaum) nach Gloor et al. (2021).
Gattungen
Die Liste umfasst Ahorne (Acer), Eichen (Quercus) und Linden (Tilia).
Herkunft
Die Hälfte der empfohlenen Baumarten ist hierzulande heimisch – Traubeneiche (Quercus petraea), Winterlinde (Tilia cordata), Feldahorn (Acer campestre) und Spitzahorn (Acer platanoides). Aus dem Raum Süd- und Südosteuropa bis Westasien stammen die Ungarische Eiche (Quercus frainetto), die Zerreiche (Quercus cerris) und die Silberlinde (Tilia tomentosa) (Citree, FloraWeb). Die Roteiche (Quercus rubra) kommt natürlicherweise in Nordamerika vor (Citree).


Höchstalter
Sehr alte Stadtbäume zeichnen sich oft durch besonders ausgeprägte Lebensraumstrukturen aus und oft haben sie eine interessante Geschichte. Hinsichtlich des maximal erreichbaren Alters der aufgelisteten Arten ist anzumerken, dass es sich um bisherige Beobachtungen Handelt, zukünftige klimatische Entwicklungen hier nicht berücksichtigt sind und ein Höchstalter in der Regel nur unter optimalen Bedingungen erreichbar ist, wie es im Siedlungsraum selten der Fall ist. Unter den genannten heimischen Arten hat das bisher maximal erreichbare Alter bei der Winterlinde etwa 1.000 Jahre, bei der Traubeneiche etwa 800 Jahre, beim Feldahorn etwa 200 Jahre und beim Spitzahorn etwa 150 Jahre betragen (LfL). Das hierzulande zu erwartende Höchstalter der nicht heimischen Arten lässt sich ebenfalls nur bedingt beurteilen. Die Roteiche wird in ihrer natürlichen Heimat Nordamerika bis zu 500 Jahre alt (Burkardt 2017). Die Ungarische Eiche und die Silberlinde können in der Regel bis zu 200 Jahre alt werden (Geiger et al. 2024 und Binder 2016), die Zerreiche bis etwa 150 Jahre (De Rigo et al. 2016).
Baumkrone
Die Größe der Baumkrone hat einen erheblichen Einfluss auf den Umfang der Ökosystemdienstleistungen eines Baumes, wie etwa Klimaanpassung und Luftreinhaltung. Die aufgelisteten Bäume können maximale Wuchshöhen im Bereich von etwa 20 bis 40 Meter erreichen (Citree). Die mittlere Wuchshöhe variiert zwischen 13 und 27 Metern (ebd.). Besonders hoch können die Roteiche, die Winterlinde und die Silberlinde werden (ebd.). Die Breite der aufgelisteten Bäume liegt zwischen 8 und 19 Metern (ebd.). Hier sticht der Spitzahorn als besonders breit hervor (ebd.).
Klimawandeltoleranz
Im Zuge des Klimawandels nehmen bekanntlich einerseits Trockenphasen und Hitze sowie andererseits Starkregenereignisse deutlich zu. Die dargestellten Arten und Sorten sind trockenheitstolerant und weisen mindestens mittlere Hitzeverträglichkeit auf (Citree). Besonders gut vertragen die Ungarische Eiche, die Zerreiche, die Silberlinde (als Art und als Sorte „Brabant“) und der Feldahorn sowohl Hitze als auch Trockenheit (ebd.). Durch Starkregen kann es im Wurzelbereich der Bäume unter Umständen zu Staunässe kommen. Dieser gegenüber sind die aufgelisteten Bäume allerdings empfindlich bis kurzfristig tolerant (Citree). Daher sollte Staunässe bei der Pflanzung vorgebeugt werden, zum Beispiel durch die Lockerung von verdichtetem Boden in der Grube, eine Drainageschicht bei schwerem oder verdichtetem Boden, Bodenverbesserung für mehr Durchlässigkeit und die Verwendung von entsprechendem Substrat.
Biodiversitätsförderung
Um den Beitrag zu ermitteln, den die Bäume für die Biodiversität leisten, wurde der Schweizer „Biodiversitätsindex 2021 für Stadtbäume im Klimawandel“ von Gloor et al. (2021) verwendet. Darin sind Stadtbäume anhand von sieben Organismengruppen bewertet und in einem Ranking miteinander verglichen worden. Die der Bewertung zugrunde liegenden Organismengruppen sind Wildbienen, Käfer, Schmetterlinge, Vögel und Säugetiere sowie Moose und Flechten. Der Biodiversitätsindex wurde jeweils einerseits in der Funktion als Parkbaum in Grünanlagen und Gärten sowie andererseits als Straßenbaum ermittelt. Die Bewertung reicht bei jeder Organismengruppe von 1 (nicht wertvoll) bis maximal 5 (sehr wertvoll). Bei dem aus den Einzelwerten abgeleiteten Index selbst reicht der Wert für Straßenbäume ebenfalls von 1 (nicht wertvoll) bis maximal 5 (sehr wertvoll), bei Parkbäumen bis maximal 6 (sehr wertvoll). In der vorliegenden Liste wurde jeweils ein Mittelwert aus den Werten als Straßen- und Parkbaum berechnet. Der mittlere Biodiversitäts-Index der dargestellten Bäume liegt jeweils über 3. Den besten Wert hat hier die heimische Traubeneiche mit einem mittleren Biodiversitäts-Index von 4,8. Sie hat die höchste Stufe (5) bei Schmetterlingen, Käfern, Vögeln, Säugetieren und Flechten. Dicht darauf folgt die Winterlinde mit einem mittleren Index von 4,7 und den besten Werten (5) bei Wildbienen, Schmetterlingen, Vögeln und Flechten.
Anwendung der Liste
Die Liste in diesem Beitrag soll als fachliche Unterstützung zur Auswahl ortsbildprägender und biodiversitätsfördernder Stadtbäume dienen. Sie hat aber keinesfalls einen abschließenden Charakter, sondern bildet nur eine methodisch bedingte Einschätzung eines gewissen Umfangs von in Frage kommenden Baumarten und -sorten ab. Es gibt durchaus weitere Kandidaten, die sich als ortsbildprägende Stadtbäume eignen und mit denen im Siedlungsbereich vielfältige Lebensräume und Nahrungsquellen bereitgestellt werden können.


Ausblick
Bei Reihen, Alleen und Gruppen von Bäumen ist für die Stärkung der Biodiversität auch die geeignete Kombination der Arten entscheidend. Zum Beispiel schneidet in der Liste die Traubeneiche auf Grund ihres äußerst vielfältigen Lebensraum- und Nahrungsangebots mit dem besten Biodiversitäts-Index ab, allerdings bilden Eichen als Windblütler keinen Nektar, den viele Bestäuberinsekten als Energiequelle benötigen. Die heimische Winterlinde hingegen bietet Bestäubern sehr viel Nektar (IEF 2019), hat jedoch im Index einen mittleren Wert bei den Käfern. Bei der spät blühenden Silberlinde wiederum ist von Nachteil, dass die Blüten auch dann noch mit ihrem Duft Bestäuber anlocken, wenn sie gar keinen Nektar mehr bieten, was dann dazu führen kann, dass die betreffenden Tiere verhungern, wenn vor Ort keine anderen Pflanzen Nektar bieten.
Über die Auswahl und Zusammenstellung der Bäume hinaus gibt es im Baumumfeld viele weitere Möglichkeiten zur Steigerung der Biodiversität. Hier spielen unter anderem große bepflanzte Baumscheiben eine wichtige Rolle. Dort können zum Beispiel Bestäuberinsekten gefördert werden, indem bei der Bepflanzung auf ein möglichst vielfältiges und durchgängiges Blühspektrum mit Nektar und Pollen für verschiedene Arten vom phänologischen Vorfrühling bis in den Spätsommer oder gar Herbst geachtet wird. Hierfür bieten sich flachwurzelnde und trockenheitsverträgliche Stauden, Geophyten und Kleingehölze an. Auf „Unkrautvlies“ sollte verzichtet werden, weil dadurch der Boden und das Bodenleben, die Baumwurzeln und der Wasserhaushalt beeinträchtigt werden können. Indem an geeigneten Stellen Kräuter wie Brennnesseln, Knoblauchsrauke, Spitzwegerich, Klee und Wicken toleriert werden, stehen sie Schmetterlingsraupen als Futterpflanzen zur Verfügung. Insbesondere bei Neupflanzungen von Bäumen kann auf großen Baumscheiben auch durch eine Wiesenansaat in Verbindung mit einer extensiven Mahd Lebensraum und Nahrung für Insekten und andere Tiere geboten werden. In Baumreihen und Alleen kann zudem die Vernetzung der Lebensräume gesteigert werden, indem die Bäume in zusammenhängenden Pflanzstreifen anstatt in punktuellen Baumscheiben gepflanzt werden.
Literatur und Quellen:
Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL): Feld-Ahorn – Kurzbeschreibung heimischer Gehölze. https://t1p.de/in5u2 (letzter Zugriff 03.03.2026)
Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL): Spitz-Ahorn – Kurzbeschreibung heimischer Gehölze. https://t1p.de/xt05n (letzter Zugriff 03.03.2026)
Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL): Trauben-Eiche – Kurzbeschreibung heimischer Gehölze. https://t1p.de/vhyar (letzter Zugriff 03.03.2026)
Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL): Winter-Linde – Kurzbeschreibung heimischer Gehölze. https://t1p.de/00qk1 (letzter Zugriff 03.03.2026)
Binder, F. (2016): Kurzportrait Silberlinde (Tilia tomentosa). https://t1p.de/1r035 (waldwissen.net - letzter Zugriff 03.03.2026)
Bundesamt für Naturschutz (BfN): FloraWeb: https://www.floraweb.de (letzter Zugriff 03.03.2026)
Burkardt, Katharina (2017): Portrait fremdländischer Baumarten – Quercus rubra. http://www.waldwissen.net (letzter Zugriff 03.03.2026)
De Rigo, D., Enescu, C. M., Houston Durrant, T., Caudullo, G., 2016: Quercus cerris in Europe: distribution, habitat, usage and threats. In: San-Miguel-Ayanz, J., de Rigo, D., Caudullo, G., Houston Durrant, T., Mauri, A. (Eds.), European Atlas of Forest Tree Species. Publ. Off. EU, Luxembourg, pp. e01b479+ t1p.de/ddq40 (PDF - letzter Zugriff 03.03.2026)
Deutsche Gartenamtsleiterkonferenz e.V. (GALK) und Bund Deutscher Baumschulen e.V. (BdB) (2020): Zukunftsbäume für die Stadt. Auswahl aus der GALK-Straßenbaumliste. Frankfurt/Main, Berlin. https://t1p.de/eg6zw (letzter Zugriff 03.03.2026)
Gloor, S.; Taucher, A.; Rauchenstein, K. (2021): Biodiversitätsindex 2021 für Stadtbäume im Klimawandel. Schlussbericht Dezember 2021. SWILD Zürich, Grün Stadt Zürich, Zürich. https://t1p.de/t78z2 (letzter Zugriff 03.03.2026)
Institut für Erwerbs- und Freizeitgartenbau (IEF) der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) (2019): Bienenbäume. https://t1p.de/ga0qe (PDF)
Johann Geiger, Muhidin Šeho (2024): Kurzportrait Ungarische Eiche (Quercus frainetto Ten.): https://t1p.de/yikm4 (waldwissen.net - letzter Zugriff 03.03.2026)
Technische Universität Dresden: Citree - Gehölze für urbane Räume Planungsdatenbank: https://citree.de/ (letzter Zugriff 03.03.2026)













