Biodiversität vor der Haustür fördern

Hecken nur noch mit Wildblumensäumen

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Artensterben, Biodiversitätskrise und Klimawandel gehören zu den größeren Herausforderungen der Zukunft. Wir können diese drei großen Krisen viel besser meistern, wenn wir heimische Wildpflanzen verwenden. Das gilt für die freie Landschaft, aber besonders im Siedlungsraum. Heckenpflanzungen mit gleichzeitiger Ansaat von heimischen Wildblumensäumen sind ein hervorragender Weg, über den wir hier berichten.
Wildblumen Pflanzkonzepte
Strauch, wo bist Du? Wenn wir das nicht ausgepflockt hätten, würde dieses kleine, noch quasi unsichtbare Heckengehölz bestimmt im Herbst unters Messer kommen. Die Wildblumensaat wird bis dahin noch dichter und üppiger werden. Foto: Reinhard Witt
Wildblumen Pflanzkonzepte
Stecken vergessen? Das Maleur passiert fast automatisch. Fehlt die Markierung, werden die anfangs oft kaum sichtbaren Gehölze beim Ausmähen abrasiert. Dadurch verliert in diesem Fall die Rotblättrige Rose ein Jahr und muss aufs Neue hochwachsen. Wenn man sie dann lässt. Foto: Reinhard Witt

Unser Ziel ist es, gleichzeitig eine komplette Lebensgemeinschaft von Wildblumenansaaten und Wildgehölzen zu etablieren. Also säen wir in und vor dem gepflanzten Heckenbereich Wildblumensäume – im Idealfall in unkrautfreien Boden. Bitte die Saummischung aus heimischen Arten ohne Grasanteil und ganz bestimmt ohne Rot- und Weißklee, von denen wir auf fast allen Böden schon von alleine viel zu viel haben. Dabei dürfen wir die Macht der Wildblumen nicht unterschätzen. Die werden die ersten Jahre auftrumpfen und binnen kurzem unsere wertvollen Wildsträucher überwachsen. Jetzt keine Angst bekommen um die Gehölze, selbst wenn sie die ersten Jahre kaum zu sehen sind. Die Gefahr liegt woanders: im Ausmähen. Oft schon in der ersten, spätestens in der zweiten Saison sind die Blumen den meisten klein gepflanzten Gehölzen über den Kopf gewachsen, immerhin können Wildblumensäume über 2 m hoch werden. Für Saum und Gehölz ist es zumindest die ersten zwei bis drei Jahre förderlich, diese starken Wildblumensäume nach dem Winter zu mähen. Damit die Gehölze nicht versehentlich ebenfalls abgemäht werden, sollte man die kleineren schon im ersten Jahr durch Pflöcke markieren. Machen Sie das bitte wirklich im ersten Jahr. Viele glauben uns nicht, dass aus den paar Sämlein in einer Saison ein unüberschaubares Wildblumenmeer entsteht und müssen sich dann mühsam nach ihren Gehölzen suchend durchwühlen. Ohne den markanten Stock gehen viele verloren. Es reicht eine angespitzte Dachlatte von 1,5 m Länge oder ein etwas dickerer Bambusstecken.

Nein, der Wildblumensaum behindert unsere Gehölze nicht. Die wachsen trotzdem und sind innerhalb von drei, spätestens vier Jahren über die Wildblumen hinaus. Wir haben in unseren zahlreichen Projekten keinerlei Nachteile durch gleichzeitige Wildblumenansaaten feststellen können. Es geht also beides nebeneinander: Blumen plus Gehölz. Mögen Sie anfangs noch um ihre Gehölze zittern, dürfen Sie nach einigen Jahren überbordender Fülle um ihre Wildblumensäume weinen. Denn die werden unweigerlich von den aufstrebenden Gehölzen mehr und mehr beschattet und letztlich aus dicht gepflanzten Hecken verdrängt. Deshalb der wichtige Tipp: Säen Sie auf jeden Fall auch vor der Hecke einen mindestens einen, besser zwei bis 5 m breiten Streifen nur mit Wildblumenrsaum.

Den kann man weiter fachgerecht pflegen und erhalten, selbst wenn die Hecke schon groß geworden ist und der Blumenschwund eintritt. Das wäre schade. Aber weil sie so schlau sind, werden Sie nicht trauern müssen um den schönen Wildblumensaum. Denn Sie haben vorgesorgt und vor der Hecke einen Streifen mit angesät.

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Wildblumen Pflanzkonzepte
Hecke, wo bist Du? Falls Sie die Hecke noch nicht sehen, sehen Sie hoffentlich alle Stecken, die gepflanzte Sträucher markieren. Alles klar? Bitte vorsichtig sein an diesem Stellen beim Ausmähen im Frühjahr. Foto: Reinhard Witt
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Volldüngung. Lässt man das Mähgut vom Wildblumensaum liegen, verschwinden die Blumen mit der Zeit. Nach einigen Jahren hat wie hier Gras übernommen und noch später profitieren Brennnesseln vom Übermaß an Stickstoff. Foto: Reinhard Witt

Eine Hecke ohne bunten Saum von Wildblumen und Gräsern ist nackt. Jede Hecke garantiert eine große Standortvielfalt nicht nur für ihre Gehölze, sondern auch für ihre blurmigen Begleiter. Die Südseite ist der Sonnenplatz, auf der Nordseite herrscht das Schattenreich. Westen und Osten liegen im Kleinklima dazwischen. Jede Hecke weist zudem verschiedene Feuchtigkeitsabstufungen auf, was einem großen Spektrum von Wildblumen nützt. Neben der Saumzone links und rechts ist schließlich noch im Heckeninnern Platz.

Ein spezifischer, schattenverträglicher Unterwuchs deckt den Boden ab. Wildblumen siedeln sich allerdings nur dann von selbst an, wenn sie im Umkreis weniger Meter bereits natürlich vorkommen. Sonst stellen sich an der jungen Hecke unerwünschte Allerweltsarten ein: Disteln, Brennnesseln, Giersch und Quecken. Sät man sie allerdings gezielt ein, können sich Wildblumen langfristig etablieren. Jedoch nur, wenn Heckenanpflanzung und Wildblumensäume gleichzeitig erfolgen, erreicht man die erwünschte Pflanzenvielfalt und damit von Anfang an jede Menge Leben.

Fast immer müssen wir die früher vorhandene Wildblumenvielfalt heute künstlich einbringen, also einsäen. In freier Landschaft wählen wir dazu regionale Mischungen, im Siedlungsraum dürfen und sollten wir darüber hinausgehen und eine möglichst große heimische Artenvielfalt einbringen.

Wildblumensäume sind hoch- und oft auch starkwüchsige meist lineare Landschaftselemente, sie werden maximal einmal, manche auch nur alle zwei Jahre gemäht. Das Mähgut sollte in jedem Fall abgefahren werden und nicht als Mulch gehäckselt auf dem Boden verbleiben und so mit der Zeit zu stickstoffangereicherten Standorten führen, wo sich Brennnessel und Ackerkratzdisteln wohl fühlen. Säume begleiten mit einjährigen Kräutern und ausdauernden Stauden und Gräsern jede Art von Hecke.

Vielleicht noch ein kleiner Nachschlag zu den eingesäten Mischungen: In der Regel enthalten sie Sonnenarten, was einigermaßen logisch ist, denn in jungen Jahren ist jede Hecke ein Offenstandort. Wenn sie sich nach fünf Jahren zu schließen beginnt und nach zehn Jahren richtig dicht geworden ist, hat sich der Sonnen- in einen Schattenstandort verwandelt.

Man kann diese Veränderung auch floristisch begleiten, indem man nun passende heimische Wildblumen und vor allem auch Zwiebeln einbringt. Nicht ist schöner, als wenn im Heckeninnern oder an seinem Rand März-Veilchen und Leberblümchen blühen oder der Zweiblättrige Blaustern. Uns fallen hier noch ziemlich viele hübsche Frühjahrsblüher ein.

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Unkrautfreier Boden: 1. Jahr. Diese ein Jahr alte Werkszaunhecke bei Daimler in Rastatt zeigt, worauf es Naturgärtnern ankommt. Der relativ weite Pflanzabstand zwischen den Wildsträuchern lässt Platz und Licht für eingesäte Blumenteppiche. Waldvergissmeinnicht in Vollblüte. Foto: Reinhard Witt
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Unkrautfreier Boden: 3. Jahr. Obwohl noch kein Gehölz zu sehen ist, blüht der Wildblumensaum fantastisch. Nickende Disteln, Natternkopf, Färberkamille und Prächtige Königskerze locken jetzt Bläulinge und Natternkopf-Mauerbienen herbei, später dann Distelfinkenscharen. Foto: Reinhard Witt
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Unkrautfreier Boden: 7. Jahr. Endlich sind die Gehölze da. Allerdings ist es fast schade, dass sie so schnell groß geworden sind. Ihr Auf bedeutet das Ab vieler lichthungriger Wildblumen. Gut, wenn der Saum breiter ist als die Hecke und an etlichen Stellen noch weiter blumig sein darf. Foto: Reinhard Witt

Saum ausmähen

Den Wildblumensaum anzusäen ist leicht, aber wann gehört er gemäht? Darüber wird immer wieder heftig diskutiert. Wir sagen es so: Es kommt darauf an. Normalerweise sollte er über den Winter stehen bleiben und vor dem Neuaustrieb der Blumen gemäht werden. Das heißt, je nach Region, Witterung und Jahr zwischen Februar und April. Doch mit diesem Zeitpunkt wird eine wichtige biologische Funktion des Saumes torpediert:

Die Überwinterungsstation für viele Insekten und Spinnen, die als Erwachsene, als Larve oder als Ei an oder in den Stängeln sitzen. Frühes Mähen mag für die Erhaltung des Saumes gut sein, aber eben nicht für seine Tierwelt. Ein Dilemma! Was tun?

Findige machen es so: Sie mähen nur einen Teilbereich früh, den zweiten oder dritten später, beispielsweise im Februar den ersten Abschnitt, im März den zweiten und im April oder Mai den dritten. Andere mähen alles früh im Februar oder März und lagern das Schnittgut noch zwei Monate nebendran auf einem lockeren Haufen bis Anfang Mai.

Dann sind die Insekten draußen. Ganz kreative binden einen Teil des Schnittgutes an Pfähle, was recht hübsch aussieht. Man kann auch einen Bereich zwei Jahre stehen lassen und muss ihn dann aber wieder mit mähen, weil er sonst verbracht, verbuscht und floristisch verarmt.

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Saumeinsaat auch vor der Hecke. Die noch jungen, gut markierten Sträucher stehen auf der Außenseite. Die spätere Hecke nimmt aber nur die Hälfte der Breite ein. Die Innenseite ist der Saumeinsaat vorbehalten. So bleibt uns und den Tieren später immer noch der Wildblumensaum am Rand. Foto: Reinhard Witt

Insgesamt ist es wichtig zu mähen, weil wir sonst Pflanzenarten verlieren. Je mehr Nährstoffe ein Boden hat, um so öfter muss man das tun. Die Hochschule Anhalt hat mit ihren Säumen viele Mähversuche gemacht und empfiehlt bei sehr nährstoffreichen, leicht und schnell vergrasenden Standorten sogar einen Frühsommerschnitt zwischen Mai und Mitte Juni.

Damit nimmt man vor allem den Gräsern viel Kraft und der Saum kommt trotzdem noch in Blüte und Frucht. Mehr dazu im Buch Nachhaltige Pflanzungen und Ansaaten. Das Schnittgut soll so weit und so lange es geht auch aus dem Heckenbereich entfernt werden. Wird die Hecke zu dicht, darf das Mähen im Inneren eingestellt werden. Ab dann wird nur noch der Saum außen rgemäht.

Wildblumen Pflanzkonzepte
Saummahd Anfang März. In Rankweil lässt der Bauhof Eisenteil des Schnittguts immer noch einige Wochen liegen. Damit bekommen die darin überwinternden Insekten eine Chance rechtzeitig herauszuschlüpfen. Foto: Reinhard Witt
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Saummahd Anfang März. Das lässt sich auch aufhübschen, indem man abgeschnittene Stengel an Pflöcken aufbindet. Rankweil lässt grüßen. Foto: Reinhard Witt
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Stehen gelassener Saum. Ebenfalls ein Vorbild aus Rankweil. Dieser Abschnitt bleibt bis über den nächsten Winter stehen und wird erst dann wieder gemäht. Foto: Reinhard Witt

Buchtipps

  • Reinhard Witt/ Katrin Kaltofen: Wildgehölze. Heimische Gehölze für Gärten und andere Freiflächen. Verlag Naturgarten, 2025.
  • Reinhard Witt: Nachhaltige Pflanzungen und Ansaaten. Jahrzehnte erfolgreich gärtnern. Verlag Naturgarten, 2020.
Dr. Reinhard Witt
Autor

Fachbetrieb für naturnahes Grün

 Katrin Kaltofen
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