Klima Fit
Sind Bäume lebende Klimaanlagen?
von: Dr. Philipp SchönfeldEines Tages beantragte eine Gruppe von Bürgern die Fällung mehrerer großer Eichen. Sie beklagten den Laubfall im Herbst und die Eicheln, die auf die Autos fielen. Zur Anhörung fand eine Versammlung mit den Antragstellern vor Ort statt. Das Wetter war an diesem Tag heiß und sonnig. Er diskutierte mit der Gruppe abseits der Eichen in voller Sonne. Nach etwa 15 Minuten stand allen Anwesenden der Schweiß auf der Stirn und die Diskussion wurde im Schatten der besagten Eichen fortgeführt. Sie endete mit der Rücknahme des Fällantrags. Mit dieser trickreichen Verhandlungsführung demonstrierte der Techniker sehr eindrucksvoll die Bedeutung der Eichen für die Schattierung und Temperatursenkung.
Die Hitzebelastung in deutschen Städten nimmt durch den Klimawandel stetig zu und führt vor allem in stark versiegelten Innenstädten zur Bildung gefährlicher städtischer Hitzeinseln. Besonders stark betroffen sind Großstädte, die durch eine Kombination aus hoher Bevölkerungsdichte, großer Versiegelung und mangelndem Grünvolumen und Baumkronenabdeckung auffallen. Im Hitze-Check 2026 der Deutschen Umwelthilfe sind die Städte Mannheim, Ludwigshafen und Worms Spitzenreiter im Hitzebetroffenheitsindex. Am anderen Ende der Skala finden sich weniger belastete Städte – meist im Norden – mit einem hohen Grünflächenanteil und/oder kühlenden Winden: Kiel, Flensburg, Wilhelmshaven und auch Wuppertal mit seinem hohen Grünanteil.
Hohe Lufttemperaturen gefährden besonders die sogenannten vulnerablen Gruppen und führen zur Erhöhung der täglichen Sterbefälle. Im besonders heißen Jahr 2018 waren es in Deutschland laut Schätzung des Robert-Koch-Instituts ca. 7.000 bis 8.500, im Jahr 2025 immer noch ca. 2.500 bis 3.000. Eine in The Lancet veröffentlichte Studie zeigte, dass eine Erhöhung der Baumkronenabdeckung um 30 Prozent die Zahl der hitzebedingten Todesfälle um 40 Prozent senken könnte. Hitzebelastung führt in Deutschland aber auch zu signifikanten Einbußen der Arbeitsproduktivität. Bei Temperaturen über 26°C sinkt die menschliche Leistungsfähigkeit messbar, und das betrifft nicht nur Branchen mit hoher körperlicher Belastung. Die Produktivitätsverluste verursachen in der Wirtschaft Schäden in Millionenhöhe.
Große, dicht belaubte und ausreichend mit Wasser versorgte Bäume können durch die Schattenwirkung und Verdunstung die Temperaturen merklich senken. Das wurde in vielen wissenschaftlichen Versuchen bestätigt. Die Wirksamkeit hängt von der Baumart, Größe, Kronendichte u.a. Faktoren ab. Moderne Software wie z.B. i-Tree (https://www.itreetools.org/) oder R3GIS (https://www.r3gis.com/de/benefits-module) können diese Kühlwirkung berechnen.
Das ist alles schon lange bekannt und was läge nun näher, als mehr Bäume zu pflanzen. Der Hitze-Check zeigt leider das Gegenteil. In fast allen untersuchten Städten nahm im Zeitraum von 2018 bis 2025 der Versiegelungsgrad zu, der Beschirmungsgrad durch Vegetation, höher als 2,5 Meter, erreichte nur selten den Wert von 30 Prozent (ein international angestrebter Zielwert) und die Zahl der Bäume nahm ab.
Hilfe kommt nun durch die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur und deren nationalen Wiederherstellungsplänen. Für das Stadtgrün entscheidend ist der Artikel 8 zur Renaturierung städtischer Gebiete. Das betrifft etwa 3.000 Kommunen. Er bestimmt u.a., dass es auf nationaler Ebene bis 2030 keinen Nettoverlust an städtischen Grünflächen und städtischer Baumkronenbedeckung im Vergleich zum Sommer 2024 geben darf! Ab 2031 muss ein steigender Trend bei der bundesweiten Gesamtfläche der städtischen Grünflächen erreicht werden, bis ein „zufriedenstellendes Niveau” erreicht ist.
Den Verantwortlichen für das städtische Grün kann nur dringend geraten werden, schon mal mit der Suche und Vorbereitung neuer Flächen und Standorte für Grünflächen und Bäume zu beginnen und die entsprechenden Finanzmittel bereit zu stellen.
Dr. Philipp Schönfeld











