Klimaresiliente, heimische Stauden und Gehölze für den Garten
von: Dominik Jentzsch, Markus Schmidt
Während die Klimakrise den meisten Menschen mittlerweile deutlich vor Augen steht, spielt sich eine weitere Krise fast unbemerkt ab – obwohl sie mindestens genauso dramatisch ist: Der Verlust der biologischen Vielfalt schreitet auch in unseren Breiten ungebremst voran. In Deutschland gilt etwa ein Drittel aller Arten als gefährdet. Drei Prozent sind bereits verschwunden, und rund 10.000 weitere Tier-, Pflanzen- oder Pilzarten stehen kurz vor dem Aussterben, wie der "Faktencheck Artenvielfalt" zeigt. Das ist ein umfassender Bericht zur biologischen Vielfalt in Deutschland, der im letzten Jahr erschienen ist.
Klimaresiliente und biodiversitätsfördernde Pflanzen
Wir müssen unsere Pflanzplanungen also für zukünftige Begebenheiten anpassen. Dabei sollten wir jedoch nicht ausschließlich auf Trockenheitstoleranz schauen, sondern mit mindestens gleicher Gewichtung auch auf die Verwertbarkeit für die heimische Fauna. Dies geht weit über Nektar- und Pollenwerte der Blüten hinaus. Nur etwa 10 Prozent der Insekten interessieren sich überhaupt für Blüten.
Für die meisten spielen Blätter, Stängel, Samen, Früchte oder Wurzeln eine viel größere Rolle, wenn es darum geht, ob sie eine Pflanze nutzen können. Wenig überraschend sind es vor allem heimische Arten, die der hiesigen Tierwelt nützen. Schließlich haben sie sich über Jahrtausende, teils Jahrmillionen, gemeinsam entwickelt. Die meisten exotischen Pflanzen aus Amerika oder Asien bieten unseren Insekten hingegen kaum etwas.
Beispiele dafür gibt es viele: Einige Wildbienen sind hoch spezialisiert und sammeln ausschließlich den Pollen bestimmter Pflanzengattungen. Ohne Natternkopf keine Natternkopf-Mauerbiene, ohne Glockenblumen keine Glockenblumen-Scherenbiene. In anderen Pflanzenteilen sind die Abhängigkeiten noch spezifischer. Manche Zikaden, Käfer oder Blattwespen benötigen genau eine bestimmte Wirtspflanze – und diese finden wir nur in unserer heimischen Flora.
Stöbern Sie doch einmal auf der niederländischen Internetseite https://bladmineerders.nl/.
Diese Datenbank sammelt diese Abhängigkeiten. Wenn Sie dort beispielsweise den Hornklee (Lotus corniculatus) eingeben, ist die Liste der an ihr vorkommenden Arthropoden sehr eindrucksvoll.
Trotzdem ist die Biodiversität auch in unseren Breitengraden dynamisch. Pflanzen und Tiere verschwinden, dafür wandern andere auf natürlichem Wege ein. Beobachten können wir das besonders gut an Tieren, die mit der Erwärmung nach Norden kommen. Die eindrucksvolle Blauschwarze Holzbiene ist dafür ein Beispiel, auch die Europäische Gottesanbeterin ist in Deutschland inzwischen viel häufiger als vor wenigen Jahren. Auch innerhalb Deutschlands bekommen Menschen in der nördlichen Hälfte das Taubenschwänzchen, das für Süddeutsche keine Besonderheit ist, immer öfters zu Gesicht. In diesem Jahr hat zudem ein Goldschakal auf Sylt für Schlagzeilen gesorgt. Beispiele gibt es also genügend.
NL-Stellenmarkt




Berlin zieht an die Adria
Nicht nur Tiere, auch Pflanzen wandern aus Südosteuropa ein, weil die Bedingungen hier inzwischen besser zu ihren Bedürfnissen passen. Hierbei soll es nicht um die eingeschleppten und teils invasiven Neophyten gehen, sondern um Pflanzen, die sich aus benachbarten wärmeren Klimazonen auf natürlichem Wege hier etablieren.
Da zu erwarten ist, dass ihre tierischen Begleiter ebenfalls nachrücken, können diese Pflanzen für die Förderung der Artenvielfalt mehr beitragen als Exoten aus Asien oder Übersee. Hinzu kommt: Wegen ihrer südeuropäischen Herkunft sind sie bereits besser an heiße, trockene Sommer angepasst.
Tatsächlich sind viele deutsche Städte klimatisch bereits mehrere 100 km "nach Süden gewandert". Ihr heutiges Klima ähnelt Regionen, die weit südlicher liegen. Ohne spürbare Emissionsminderung wird Berlin in wenigen Jahrzehnten klimatisch an die Adria gerückt sein. Das mag zunächst verlockend klingen, bedeutet aber massive Herausforderungen. Nicht nur die Natur, auch wir Menschen müssten uns dann innerhalb kürzester Zeit grundlegend umstellen.
Welche Pflanzen sollten wir also nutzen, damit sie möglichst vielen Arten nützen und sie gleichzeitig für kommende Hitzeperioden gerüstet sind? Der Blick sollte also zunächst auf unsere heimischen, aber trockenheitsverträglichen Pflanzen fallen.
Gehölze
Die extremsten Bedingungen finden Bäume sicherlich entlang von Straßen. Wenig Wurzelraum, Hitzeinseln und im Winter Streusalz setzen den Gehölzen zu. Die Deutsche Gartenamtsleiterkonferenz (GALK) führt eine Liste von Straßenbäumen, die als klimaresistent gelten. Herkunft und Bedeutung für Insekten spielen dabei jedoch meist keine Rolle, auch wenn vereinzelt auf "Bienenweiden" mit Nektar- und Pollenangeboten für Generalisten hingewiesen wird.
Eine wertvolle Ergänzung ist der 2021 veröffentlichte Biodiversitätsindex für Straßenbäume aus der Schweiz. Er zeigt, welche Baumarten besonders vielen Tieren Nahrung bieten. Wenig überraschend stehen hier heimische Arten wie Stiel- und Traubeneiche (Quercus robur und Q. patraea), Sommer- und Winterlinde (Tilia platyphyllos und T. cordata), Rotbuche (Fagus sylvatica), Ahorn (Acer spp.), Ulme (Ulmus spp.), Pappel (Populus spp.) oder Weide (Salix spp.) ganz oben. Und einige davon kommen auch gut mit Hitze und Trockenheit zurecht. Es ist also keineswegs nötig, bei Zukunftsbäumen nur auf Exoten zu setzen.
Der Index lässt sich hier herunterladen:
https://buntundartenreich.at/upload/file/2021_BE_StadtbaumBiodivIndex_SWILD_GSZ_20211209def.pdf
Schauen wir auf (Halb-)Sträucher, dann eröffnet sich auch hier mit der Erweiterung der Auswahl um Arten aus Süd- und Südosteuropa ebenfalls eine große Auswahl. Beispiele sind Küchenkräuter wie Salbei (Salvia officinalis) und Rosmarin (S. rosmarinus), Mönchspfeffer (Vitex agnus-castus), Ginster- und Geißkleearten (Genista spp, Cytisus spp. und Chamaecytisus spp.), der Gewöhnliche Blasenstrauch (Colutea arborescens), Gemeiner Wacholder (Juniperus communis), Sauerdorn (Berberis vulgaris) oder Schlehe (Prunus spinosa).
Wichtig ist jedoch: Auch die trockenheitstoleranteste Pflanze braucht in der Anwachsphase ausreichende Bewässerung. Am besten aufgestellt sind Gehölze, die direkt vor Ort gekeimt sind und so ungestört eine tiefreichende Pfahlwurzel ausbilden konnten. Doch weil eine Gehölzaussaat sehr langwierig und daher bei Pflanzplanungen kaum umsetzbar ist, müssen wir besonders in den ersten zwei Jahren nach Pflanzung nachhelfen. Das gilt auch für Stauden, wenngleich diese meist schon nach dem ersten Winter ausreichend tief wurzeln.



Blühpflanzen
Unter den heimischen Stauden finden sich zahlreiche Arten, die mit Trockenheit gut zurechtkommen. Trockenrasen etwa zählen zu den artenreichsten Lebensräumen Europas und sind obendrein attraktiv für das Auge. Pflanzen wir bevorzugt diese Arten, halten wir mit wenig Aufwand dauerhaft Grün auf der Fläche – bunte Blüten inklusive.
Durch die Spezialisierung dieser Pflanzen können wir auch die Pflege optimieren. Auf einem sonnigen, mageren Schotterbeet etwa fühlen sie sich wohl, unerwünschte "Unkräuter" haben dort hingegen kaum Chancen. Solche Flächen sind nach der Etablierung dauerhaft pflegeleicht. Selbst wenn bei extremer Trockenheit einige Arten verschwinden, regenerieren sie sich meist rasch, sobald wieder mehr Wasser verfügbar ist. Auch Mischungen für biodiverse Dachbegrünungen liefern hier wertvolle Artenlisten.
Trockenheitstolerante und optisch attraktive Arten sind in Mitteleuropa also zahlreich. Beispiele reichen von Zypressen- und Steppen-Wolfsmilch (Euphorbia cyparissias und E. seguieriana) über Kartäuser-, Heide- oder Pechnelken (Dianthus carthusianorum., D. deltoides, Silene viscaria), Kuhschellen (Pulsatilla vulgaris), Thymianarten (Thymus spp.), Grasnelken (Armeria maritima) bis hin zu Sand-Strohblumen (Helichrysum arenarium) und vielen mehr. Die Liste ließe sich noch lange weiterführen. In den Abbildungen sehen Sie Beispiele für Pflanzungen, die sich auf den Flächen der Stiftung für Mensch und Umwelt bewährt haben.
Grundsätzlich gilt: Aussaaten sind auf Dauer stabiler als Pflanzungen, weil sie den Pflanzen ermöglichen, von Anfang an tiefreichende Wurzeln auszubilden: Einer der besten Schutzmechanismen gegen Trockenheit. Andere sind etwa die Ausbildung kleiner und behaarter Blätter.
Artenreiche Wiesen
Jede zusätzliche Art erhöht zudem die Resilienz der Pflanzengemeinschaft. Fällt bei zehn Arten ein Fünftel aus, bleiben acht übrig. Haben wir jedoch 50 Arten eingeplant, stehen nach einem solchen Ausfall immer noch 40 Arten mit unterschiedlichen Blütezeiten, Farben und Höhen da.
Je vielfältiger also, desto stabiler. Eine Konsequenz daraus: Wiesen sind besser gegen Trockenheit gerüstet. Weil auch die Anlage und Pflege deutlich preiswerter sind als so manche Staudenmischpflanzung, bieten sie eine besonders zukunftsfähige Möglichkeit, die auch ökologisch kaum schlagbar ist. Planen Sie also auch mit heimischen Trocken- und Halbtrockenrasen- sowie Magerwiesenmischungen!
Offene Böden für ein- und zweijährige Pflanzen
Denken wir unbedingt auch die Ein- und Zweijährigen mit. Prinzipiell werden sie zum Teil sogar von Trockenheit profitieren können. Denn durch den Ausfall anderer Pflanzen sollten mehr offene Bodenstellen entstehen, als dies bei einer regenreichen Saison der Fall wäre. Weil sie sich über ihre Samen erhalten müssen, produzieren sie sie reichlich. Natternkopf (Echium vulgare), Wilde Möhre (Daucus carota) oder verschiedene Königskerzen (Verbascum spp.) sind unempfindlich gegenüber Trockenheit.
Sie eignen sich ebenso für Extremflächen wie beispielsweise das einjährige Nelken-Leimkraut (Silene armeria), das aus Europas Süden und Osten stammt. Zarter in der Erscheinung, aber ausgesprochen attraktiv für Tier und das menschliche Auge sind etwa das Berg-Sandglöckchen (Jasione montana) oder das Echte Tausendgüldenkraut (Centaurium erythraea).
Gräser
Nicht zuletzt verdienen auch Gräser Aufmerksamkeit. Viele heimische Arten sind Futterpflanzen für Zikaden oder Schmetterlingsraupen und gut an Trockenheit angepasst. Es muss also keine amerikanische Steppenpflanzung sein. Für Struktur sorgen zum Beispiel Sorten wie das sterile Land-Reitgras 'Karl Foerster' (Calamagrostis x acutiflora).
Dynamische Alternativen finden wir bei den Arten von Trocken- und Magerrasen. Hier bieten sich Schaf- und Blauschwingel (Festuca ovina und F. glauca), Blau-Schillergras (Koeleria glauca), Silbergras (Corynephorus canescens), Gewöhnliches Zittergras (Briza media), Steppen-Lieschgras (Phleum phleoides) oder das Wimper-Perlgras (Melica ciliata) an.
Glücklicherweise führen immer mehr Gärtnereien mittlerweile heimische Pflanzen, sodass die Verfügbarkeit stetig besser wird. Auch wenn nicht immer alle Arten zur gleichen Zeit erhältlich sind – die Auswahl ist groß. Eine kurze Internetrecherche hilft, die entsprechenden Gärtnereien in Ihre Nähe zu finden. Einige versenden ihre Pflanzen auch. Samen sollten sogar noch besser zu bekommen sein.
Wir als Stiftung für Mensch und Umwelt haben zahlreiche Beispiele für gelungene und widerstandsfähige Pflanzungen geplant und umgesetzt. Beispiele finden Sie hier: www.stiftung-mensch-umwelt.de/unsere-projekte/treffpunkte-der-vielfalt.html


Neben Trockenheit mehr Starkregen
Neben längeren Trockenperioden ist die Zunahme von Starkregenereignissen ein weiteres deutliches Zeichen des Klimawandels. Über den aufgeheizten Meeren verdunstet mehr Wasser, das sich dann oft schlagartig und lokal entlädt.
Doch weil wir unsere Landschaft jahrzehntelang so gestaltet haben, dass Wasser möglichst schnell abfließt – etwa durch Begradigungen, Entwässerungsgräben oder Versiegelung –, muss hier zuerst angesetzt werden. Renaturierungen, die Wasser in der Fläche halten, sind dafür der Schlüssel.
Das Gleiche gilt für den urbanen Raum: Werden Städte konsequent zu Schwammstädten umgebaut, können wir dort gezielt Flächen mit feuchtigkeitsliebenden Pflanzen gestalten. So lässt sich die zunehmende Dynamik von Dürren und Starkregen nicht nur besser ausgleichen, sondern gleichzeitig auch die Artenvielfalt fördern.
Viele trockenheitsresistente Pflanzen kommen auch mit Starkregen zurecht, solange sich die Nässe nicht staut. Für sie ist die ungleiche Wasserverteilung also kein Problem. Für staunasse Standorte eignen sich Arten feuchter und wechselfeuchter Standorte.
Oft werden diese Stauden recht groß und kräftig, sodass sie eine gute Schauwirkung haben. Beispiele sind Blutweiderich (Lythrum salicaria), Mädesüß (Filipendula ulmaria), Wasserdost (Eupatorium cannabinum), Gilbweiderich (Lysimachia vulgaris), Langblättriger Ehrenpreis (Veronica longifolia) und einige mehr. Etwas kleiner, aber ebenso schön sind typische Pflanzen von Feuchtwiesen wie Sumpfdotterblume (Caltha palustris), Kuckuckslichtnelke (Silene flos-cuculi) oder Sumpf-Storchschnabel (Geranium palustre).
Wir haben es also in der Hand, ob wir unseren Beitrag zum Schutz der Biodiversität auch mit zukunftsfähigen Pflanzplanungen leisten werden. Die heimische und benachbarte Flora hält zahlreiche Möglichkeiten dafür bereit. Zu erwarten ist in jedem Fall, dass überpflegte Rasenflächen mehr und mehr verschwinden werden, weil ihr Pflegeaufwand nicht mehr zu rechtfertigen ist. So ist es auch eine Chance, dass an ihre Stelle bunte und diverse Beete und Wiesen treten können, die unser Umfeld bereichern.
Quellen und weiterführende Links:
Deutscher Wetterdienst: Klimatologische Einordnung der Trockenphase 1. Februar 2025 - 31. Mai 2025 in Deutschland.
GALK-Liste der Straßenbäume: https://galk.de/arbeitskreise/stadtbaeume/themenuebersicht/strassenbaumliste/galk-strassenbaumliste/
Natur & Garten Sonderheft „Biodiversität und Klima“, Naturgarten-Verlag, 2025. Download: https://loyy.qloc-cloud.de/s/eRa8KKr5x7YEAfS
Naturgarten e. V.: Straßenbäume und biologische Vielfalt: https://naturgarten.org/wissen/2023/10/03/klimabaeume-und-biologische-vielfalt/
Role??ek, J., D??evojan, P., Hájková, P. & Hájek, M. (2019): Neue Maximalwerte der Artenvielfalt von Gefäßpflanzen auf Kleinflächen in ostmitteleuropäischen Halbtrockenrasen. – In: Tuexenia 39: 423–431. DOI:10.14471/2019.39.008
SWILD Stadtökologie, Wildtierforschung, Kommunikation: Biodiversitätsindex 2021 für Stadtbäume im Klimawandel. https://buntundartenreich.at/upload/file/2021_BE_StadtbaumBiodivIndex_SWILD_GSZ_20211209def.pdf
Umweltbundesamt: Klimatische Zwillingsstädte in Europa.
https://www.umweltbundesamt.de/klimatische-zwillingsstaedte-in-europa#klimatische-verschiebung-deutscher-regionen-nach-sudwesteuropa
Wirth, C., Bruelheide, H., Farwig, N., Marx, J.M. & Settele, J. (Hrsg.) (2024): Faktencheck Artenvielfalt. https://www.feda.bio/wp-content/uploads/2024/11/Faktencheck-Artenvielfalt-ZfE_hq.pdf
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