Hohe Temperaturen belasten künftig bis zu 11 Millionen Menschen

Klimawandel in NRW: Mehr Hitze, weniger Frost

Der Beginn der Apfelblüte in Nordrhein-Westfalen hat sich seit 1951 von Anfang Mai auf Mitte April verschoben. Das Frühjahr beginnt früher, der Herbst endet später. Foto: Andreas Hermsdorf, pixelio.de

Der Klimawandel ist in Nordrhein-Westfalen längst angekommen und bringt spürbare und sichtbare Veränderungen mit sich. Das belegen aktuelle Auswertungen anhand von 32 Indikatoren aus dem Klimafolgenmonitoring des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV). Demnach ist die mittlere Jahrestemperatur in der letzten Klimaperiode 1990 bis 2019 im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 1881 bis 1910 um 1,5 K auf 9,9°C angestiegen. Die Zahl der Sommertage (über 25 °C) beziehungsweise Hitzetage (über 30 °C) hat in den vergangenen hundert Jahren um elf beziehungsweise vier heiße Tage zugenommen. Zugleich gibt es in Nordrhein-Westfalen heute durchschnittlich zwölf Frosttage weniger.

Weniger Vögel, die Kühle bevorzugen

"Das Wetter ist der Vorbote des Klimawandels. Extremereignisse wie Hitze oder Starkregen werden unseren Alltag künftig noch stärker bestimmen", kommentierte Umweltministerin Ursula Heinen-Esser die neuesten Klimaanalysen. "Wir haben die Jahre 2018 und 2019 als Hitzejahre in Erinnerung. Aber mit Blick in die Zukunft dürften solche Sommer eher zur Normalität werden."

Das zeigen auch in der Tierwelt bereits sichtbare Veränderungen. Demnach steigt der Bestand der Vogelarten, die wärmere Gegenden bevorzugen wie der Grünspecht. Abnehmend ist die Zahl der Vogelarten, die kühlere Gegenden bevorzugen wie der Tannenhäher oder das Wintergoldhähnchen. Derweil können Pflanzen heute rund zwei Wochen länger wachsen als noch vor 70 Jahren.

Dauerte die Vegetationsperiode zwischen 1951 und 1980 noch 207 Tage, so sind es von 1990 bis 2019 schon 217 Tage im Durchschnitt. Der Beginn der Apfelblüte hat sich seit 1951 von Anfang Mai auf Mitte April verschoben. De facto bedeutet dies, dass der Frühling früher beginnt und der Herbst später endet, folglich der Winter kürzer wird. In der Folge ist die Anzahl der Schneetage auf dem Kahlen Asten in 60 Jahren um ein Viertel gesunken.

Vegetationsperiode zehn Tage länger

Das LANUV misst die Folgen des Klimawandels anhand von insgesamt 32 Indikatoren. "Unsere Indikatoren bilden die einzelnen Effekte der Klimaveränderungen ab und machen sie sichtbar und nachvollziehbar. In einigen Bereichen können unsere Fachleute auf Daten aus mehr als hundert Jahren zurückgreifen. Damit zeigen sich Trends, die die Auswirkung der Klimaveränderungen belegen", erläutert LANUV-Präsident Dr. Thomas Delschen die Datenauswertungen. Zu den Indikatoren gehören Daten zur Temperatur, zum Wasserhaushalt und zu den Ökosystemen, aber auch die Einflüsse auf die menschliche Gesundheit.

Bereits heute sind in den dicht besiedelten Gebieten Nordrhein-Westfalens 6,9 Millionen Menschen von Hitzebelastung betroffen, in Zukunft (2050) dürften es laut den Prognosen des LANUV bis zu 11 Millionen Menschen werden. So bedeutet Sommer für immer mehr Menschen Hitzestress. Betroffen sind vor allem ältere und kranke Menschen in den Städten. Hier können bei Hitzewellen die Temperaturunterschiede zwischen Stadt und Land bis zu 10 °C betragen.

In den dicht besiedelten Gebieten Nordrhein-Westfalens sind heute 6,9 Millionen Menschen von Hitzebelastung betroffen. 2050 werden es bis zu 11 Millionen Menschen sein. Foto: oyo, Adobe Stock

Kommunen können Gefährdung ermitteln

"Auf Grundlage unserer Daten und mit unserer Unterstützung können Kommunen, Landkreise und Regionen ihre individuelle Gefährdungslage herausarbeiten. Durch individuell zugeschnittene Daten können passgenaue Maßnahmen zur Anpassung entwickelt und umgesetzt werden", betont Delschen. Unter anderem hat das LANUV in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wetterdienst und der Stadt Bonn ein Planungs-Tool für die Kommunen entwickelt, mit dem bereits während des Planungsprozesses die effektivsten Anpassungsmaßnahmen ermittelt werden können.

Klimamodelle projizieren für Nordrhein-Westfalen eine Temperaturzunahme von 2,8 bis 4,4 °C für den Zeitraum 2071 bis 2100 bezogen auf den Zeitraum 1971 bis 2000 - sofern die Treibhausgasemissionen weiterhin weltweit steigen. Damit verbundene Klimaveränderungen stellen Mensch und Natur, aber auch Wirtschaftsbranchen wie den Garten- und Landschaftsbau, die Forst- sowie die Landwirtschaft vor große Herausforderungen. cm

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe NEUE LANDSCHAFT 09/2020 .

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