Der Kommentar. Von Prof. Martin Thieme-Hack.

Wir steigern das Bruttosozialprodukt

von:
Vor einigen Jahren hat mich ein großes Softwareunternehmen gebeten, das Thema „2.000 Baustellenstunden sind möglich“ zu behandeln. Rechnerisch geht das nur in Bundesländern mit wenigen Feiertagen, wie z.B. Schleswig-Holstein, weniger als vier Kranktagen, um die 15 Samstagen und täglich 8,5 Baustellenstunden. Beim letzten Punkt sprechen aktuelle gesetzliche Regelungen dagegen. Das wird also nichts. Nun habe ich wieder einen Auftrag bekommen über „Effiziente Bauabwicklung“ zu sprechen.

In der Baubetriebslehre ist der Begriff Effizienz ungewöhnlich. In der Literatur wird Effizienz als das Verhältnis zwischen eingesetzten Mitteln (Kosten) und erreichtem Erfolg (Nutzen) beschrieben. In der Betriebswirtschaftslehre werden dagegen die Wirtschaftlichkeitsprinzipien gelehrt: Nach dem Minimalprinzip wird ein festgelegtes Ziel (Ergebnis) mit möglichst geringem Mitteleinsatz (Aufwand) erreicht oder nach dem Maximalprinzip soll mit vorgegebenen Mitteln (Input) ein möglichst großer Nutzen (Ertrag/Output) erzielt werden.

Auch auf den Baustellen im Landschaftsbau werden diese Prinzipien umgesetzt. Dort soll die vom Kunden gewünschte Bauleistung mit möglichst geringem Einsatz von Personal, Maschinen, Baustoffen und Nachunternehmern erreicht werden.

Unternehmen versuchen, die größte mögliche Produktivität aus einer Baustellenstunde zu erreichen. Im viel zitierten „Robinson-Modell“ ist Produktivität die Menge der Güter und Dienstleistungen, die der einsame Robinson in einer bestimmten Zeit herstellen kann. Je mehr Fische er fängt, umso mehr hat er zum Abendessen. Um produktiver zu werden, kann er schneller arbeiten, einen besseren Angelplatz finden, seine Angel technisch verbessern oder einfach länger arbeiten.

Nun ist genau das längere Arbeiten aktuell in die politische Diskussion gekommen. Nach Schätzungen der OECD beträgt die durchschnittliche Jahresarbeitszeit in China über 2.100 Stunden. In Deutschland sind es gut 1.300 Stunden, allerdings hat rechnerisch Teilzeitbeschäftigung hier einen großen Effekt.

Tatsächlich führt länger arbeiten auch zu höheren Gewinnen in den Unternehmen. Je höher die Zahl der Baustellenstunden je Mitarbeiter ist, desto geringer wird der Anteil der Soziallöhne, der Lohnzahlungen ohne Arbeit, für Urlaub, Feiertage, Krankheit und andere Ausfalltage. Dadurch entsteht ein doppelter Effekt. Die Kosten je Stunde sinken und die Zahl der „verkauften“ Stunden steigt, so dass auf das Jahr gesehen schon bei 10 bis 15 % mehr Baustellenstunden die Deckungsbeiträge je Mitarbeiter sehr deutlich steigen können.

Für den Betrieb eine gute Sache und für den Mitarbeiter meist auch, denn mehr Stunden bedeuten in der Regel auch mehr in der Lohntüte. Ein Effekt, den sich viele Nachunternehmer zu Nutze machen. Dort wird einfach sehr viel mehr gearbeitet und werden die Lohnkosten je Stunde gesenkt.

Und am Ende ist es auch gut für das Land. So schätzen die Wirtschaftsinstitute, dass für einen Feiertag, der nach aktuellem Vorschlag vom Wochenende auf den folgenden Montag verlegt wird, das Bruttosozialprodukt um 0,1 % bis 0,3 % sinkt, immerhin etwas zwischen 3 und 10 Milliarden.

Ihr Martin Thieme-Hack

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Prof. Dipl.-Ing. (FH) Martin Thieme-Hack
Autor

Hochschule Osnabrück, Fakultät A&L

Hochschule Osnabrück University of Applied Sciences

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