Neue Gartentrends auf der Chelsea Flower Show

Moose, Farne und Gräser: Wildwuchs gibt zusehends den Ton an

Die verkohlte Eichenholzskulptur, die Andy Sturgeon in seinen "M&G Garden" integriert hat, soll das frische Grün gesunder Pflanzen – und somit die Regenerationskraft der Natur betonen. Foto: Herry Lawford, Creative Commons CC BY 2.0

Dass die Juroren der Chelsea Flower Show gern unkonventionelle Gartenkunst prämieren, haben sie in den vergangenen Jahren ein ums andere Mal bewiesen. Bei der diesjährigen Ausgabe der britischen Gartenschau setzte sich dieser Trend nicht nur fort, sondern stieß in eine neue Dimension vor. Denn Andy Sturgeons "The M&G Garden", der als bester Schaugarten prämiert wurde, bricht gezielt mit der Vorstellung, dass bunte Blumenarrangements das Herzstück eines jeden Gartens sein sollten. Das Werk, gebaut von Mitarbeitern des Gartencenters Crocus, verblüffte die Besucher mit dem Verzicht auf farbenfrohe Stauden und Beete. Stattdessen dominiert grüner Wildwuchs die Szenerie: Moose, Farne und Gräser geben im "M&G Garden" den Ton an. Als Kontrapunkt zu diesem vermeintlich unspektakulären Einerlei hat Sturgeon ein verkohltes Eichenholzgebilde in das Werk integriert, das an eine Felsformation erinnert - dem Garten aber auch keinen freundlichen Farbakzent hinzufügt.

Uralte Vegetation in sattem Grün

Für den Schöpfer des Gartens war es bereits der achte Goldmedaillengewinn. In einem Interview, das er der Royal Horticultural Society (RHS) gab, beschrieb Sturgeon die Rezeption, die er sich für sein Werk wünscht: "Ich möchte, dass die Besucher beim ersten Anblick denken: Wow! Dann erst sollen sie sich den Details widmen, indem sie individuelle Pflanzen und das Wasser näher betrachten." Die verkohlte Eichenholzskulptur, so Sturgeon weiter, habe er verwendet, um das frische Grün der Pflanzen zu betonen. Dieses Spiel mit den Kontrasten ging einigen Kritikern allerdings nicht weit genug, wie in der britischen Tageszeitung "The Guardian" zu lesen war. Der Mangel an abwechslungsreichen Farbakzenten spreche ebenso gegen den "M&G Garden" wie die Tatsache, dass seine Blüten- und Nektarlosigkeit ihn unattraktiv für Bienen mache. In Wirklichkeit enthält der Garten sehr wohl Blumen - nur eben keine schillernden, sondern grüne, blassgelbe und weiße, die dem Betrachter naturgemäß nicht sofort ins Auge springen. Zu den eher unaufdringlich anmutenden Stauden vor Ort zählen Wiesen-Kerbel, Wolfsmilch und Echtes Mädesüß.

Ein Verzicht auf insektenfreundliche Bepflanzung hätte auch nicht zu der optimistischen Botschaft gepasst, die Sturgeon mit dem Schaugarten verbreiten will: Auf jeden Winter folgt ein Frühling - und die Natur wird sich stets selbst regenerieren. Der Brite setzt also der Lebenskraft an sich ein Denkmal, und das auch in den Details: Die Verwendung von Moosen, Farnen und Gräsern erfolgte nämlich nicht wahllos, sondern weil sie selbst an den kärgsten und unwirtlichsten Orten gedeihen können - und somit ultimatives Symbol der Lebenskraft sind, einige gar schon seit 400 Mio. Jahren. Die RHS spricht dem Garten in dem Zusammenhang eine "uralte Qualität" zu. Juror James Alexander-Sinclair setzte sogar noch einen drauf: Er bescheinigte Sturgeons Garten "eine seltene Perfektion".

"Die Essenz von Yorkshire" in Gartenform

Gärten, die bei der Jury hoch im Kurs liegen, treffen allerdings nicht zwingend den Publikumsgeschmack. Damit auch die Vorlieben der Besucher kein blinder Fleck bleiben, wird alljährlich der "People's Choice Award" vergeben, dessen Gewinner basisdemokratisch von den zahlenden Gästen gewählt wird. In diesem Jahr stand Mark Gregorys "The Welcome to Yorkshire Garden" in der Publikumsgunst ganz oben. Ähnlich wie "The M&G Garden" stellt der Schaugarten einen Brückenschlag in die Vergangenheit dar. Während der Jury-Liebling allerdings 1 Mio. Jahre alte Vegetation würdigt, nimmt Gregory mit seinem Werk menschengemachte - genauer: britische - Geschichte in den Blick. Bereits der Name des Schaugartens liest sich als Hommage an die größte ehemalige Grafschaft in Nordengland, die als Kulturraum auch heute noch einen klangvollen Namen hat. Die RHS teilt mit, dass der Garten von Yorkshires "stolzer Industrie-, Manufaktur- und Innovationsgeschichte" inspiriert ist. Folgerichtig steht Menschengemachtes gleichberechtigt neben Natürlichem.

Der "Welcome to Yorkshire Garden" zeigt durch die Kombination von Kanalschleuse, Steinhaus und Wildwuchs, wie idyllisch der Arbeitsplatz eines Schleusenwärters sein kann. Foto: Herry Lawford, Creative Commons CC BY 2.0

Als besonderer Blickfang fungiert die Kanalschleuse, von der ein Pfad zu einer kleinen Steinhütte führt. Die Hütte soll die Heimstatt des Schleusenwärters darstellen - und somit an die historische Bedeutung der nordenglischen Binnenschifffahrt erinnern. Dem Häuschen schließen sich ein Gemüsebeet sowie ein winziger winterharter Wiesenstreifen an. Zusammen mit der wilden Bepflanzung durch Wiesen-Kerbel, Griechischen Fingerhut und Kardengewächse entsteht so eine gewisse Gemütlichkeit. Laut RHS schafft der Garten durch die Kombination von Kanalschleuse, Steinhaus und Wildwuchs ein Gleichgewicht zwischen industrieller Ästhetik und natürlicher Landschaft. Zudem zeige er, wie idyllisch der Arbeitsplatz eines Schleusenwärters sein kann. Doch das ist noch nicht alles: Die Gartenschaumacher bescheinigen Gregorys Werk auch eine Strahlkraft über die Chelsea Flower Show hinaus: So verkörpere der Garten "die Essenz von Yorkshire" und könne die Besucher zu einer Reise in die nordenglische Grafschaft anregen - um "ihre Schönheit aus erster Hand zu erleben".

Hendrik Behnisch

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe NEUE LANDSCHAFT 06/2019 .

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