Ökonomisch betrachtet
Produktivität im GaLaBau
von: Prof. Dr. Heiko MeinenMitnichten. Schaut man auf die Entwicklung der Produktivstunden je Arbeitskraft, so ist festzustellen, dass die Arbeitsproduktivität 2022 stagniert und seither sogar rückläufig ist. Die hohe Wertschöpfung pro Stunde ist also nicht auf eine höhere Produktivität zurückzuführen. Sie resultiert lediglich aus einem wirtschaftlichen Nachunternehmereinsatz, moderateren Materialpreisen und steigenden Preisen für Landschaftsbauarbeiten. Der GaLaBau benötigt also, genauso wie das Baugewerbe, Strategien, um das Produktivitätsproblem zu lösen.
Nun können die Ursachen für die Schwäche vielfältig sein. Sie reichen von gesundheitlich bedingten Ausfalltagen über äußere Bedingungen bis zu organisatorischen Fragen des Bauprozesses.
Beginnen wir bei der Ursachenforschung mit gesundheitlichen Aspekten. Da wäre zunächst einmal der Arbeitsausfall durch Unfälle. Seit 2020 sinken die Unfallzahlen im GaLaBau jährlich um ca. 3 Prozent, wie die Statistiken der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) zeigen. Das ist erfreulich. Dagegen steigt aber der Krankenstand im Baugewerbe seit 2021 drastisch an. Lag er in den Jahren 2019 bis 2021 noch bei etwa 5,5 Prozent, stieg er auf rund 6,5 Prozent in den Jahren 2022 und 2023 (im Gartenbau lag er 2023 sogar noch etwas höher), wie der Fehlzeiten-Report 2024 (Springer) zeigt. Damit gehen durchschnittlich mehr als zwei Arbeitstage (mehr als 18 Stunden) je Mitarbeitenden pro Jahr an Produktivität verloren. Das Statistische Bundesamt gibt als Grund für das Jahr 2022 eine Grippewelle an. Allerdings bleibt der Krankenstand auch 2023 auf dem nahezu gleichen Niveau.
Wie der Branchenreport des BGL zeigt, sinkt die Zahl der produktiven Stunden von 2021 auf 2022 aber um über 30 Stunden je Mitarbeitendem. Immerhin etwa die Hälfte lässt sich durch den hohen Krankenstand erklären. Es muss jedoch weitere Gründe für diesen Effekt geben.
Mit Blick auf den Klimawandel ließe sich vermuten, dass ungünstigere Wetterbedingungen zu Produktivitätsproblemen bzw. einer höheren Belastung der Mitarbeitenden führen. Anhand der Entwicklung der Sonnenstunden oder der Temperaturen kann allerdings kein Zusammenhang ausgemacht werden. Weder elf zu warme Monate im Jahr 2019, das Unwetterjahr 2021, die Hitzewellen 2022 noch der sehr milde Jahresbeginn 2023 lassen einen Einfluss auf die Produktivität erkennen. Ein Blick auf die Grafik zeigt, dass auch die durchschnittlichen Niederschlagsmengen keinen Zusammenhang mit der Produktivität aufweisen.
Damit sind die Gründe für den Produktivitätsverlust aller Wahrscheinlichkeit nach bei Motivation, Arbeitsbedingungen, Fluktuation beziehungsweise dem Fachkräftemangel zu finden. Von 2020 bis 2024 hat sich letztgenannter mehr als verdoppelt. Während 2020 noch 3196 Stellen offen waren, sind es 2024 bereits 7552 (KOFA). So lässt sich vermuten, dass der Druck auf die Mitarbeitenden in den Betrieben in den letzten Jahren massiv gestiegen ist, da mit weniger Kapazität mehr geleistet werden muss. Die Produktivitätsentwicklung zeigt aber genau das Gegenteil. Offenbar hat sich durch den Fachkräftemangel zwar der Druck auf die Betriebe erhöht. Die Machtverhältnisse am Arbeitsmarkt haben sich allerdings so verschoben, dass Mitarbeiteranforderungen, wie zum Beispiel eine verbesserte Work-Life-Balance, besser durchsetzbar sind. Es ist also anzunehmen, dass die Betriebe mit dieser Entwicklung weiterhin leben und sich darauf einstellen müssen. Wie die Kennzahl Wertschöpfung je produktive Stunde zeigt, versucht das Management vieler Betriebe offenbar, diesem Problem durch einen erhöhten Fremdleistungsanteil zu entgehen.
Eine andere und möglicherweise sozial nachhaltigere Lösung könnte die Optimierung der Bauprozesse sein. Seit vielen Jahren wird zum Beispiel der Lean Management-Ansatz im Baubereich diskutiert. Praktisch sind es nur einzelne Betriebe, die an der Verbesserung der Prozesse arbeiten. Gerade die Routinearbeiten im Landschaftsbau, wie Pflasterarbeiten oder das Setzen von Bordsteinen, weisen ein erhebliches Potenzial zur Prozessoptimierung auf. In Untersuchungen konnte die Produktivität so verdoppelt werden. Damit ließe sich das aktuelle Produktivitätsdefizit mehr als auffangen.
Ein weiterer Aspekt ist die Digitalisierung von klassischen Baustellenprozessen. Hier kann ein Augenmerk auf den Maschineneinsatz und die Hinterfragung klassischer Arbeitsabläufe gelegt werden. Die Maschinentechnik entwickelt sich jedenfalls laufend weiter. Eine Herausforderung ist die Implementierung in einen traditionell organisierten Bauprozess. Hier müssen sich auch die Betriebe weiterentwickeln.
Zuletzt noch eine positive Nachricht: 2024 scheint sich die Produktivität etwas erholt zu haben. Der Effekt ist möglicherweise auf einen gesunkenen Krankenstand zurückzuführen.
Prof. Dr.-Ing. Heiko Meinen
h.meinen@kullmann-meinen.de
NL-Stellenmarkt










