Der Kommentar
Nachtrag gesucht
von: Prof. Dipl.-Ing. (FH) Martin Thieme-HackAuch wenn die Unternehmen dies in ganz unterschiedlicher Art und Weise tun. Angefangen bei denjenigen, die es mit größtmöglicher Sensibilität und Kommunikationskompetenz versuchen, über diejenigen, die versuchen die Vorteile für den Auftraggeber zu finden, bis hin zu Unternehmern, die ein ganz unverhohlenes "selbst schuld" in den Raum stellen, im Wissen, dass unter den gut 200 Teilnehmern auch eine ganze Reihe von Vertretern der öffentlichen Hand und aus Planungsbüros sind.
Die Methoden der Nachtragssuche sind zudem sehr unterschiedlich. Da gibt es diejenigen, die schon vor der Submission die voraussichtlichen Ausführungsmengen prüfen und die Preise danach gestalten, ob mit Mengenmehrung oder mit Mengenminderung zu rechnen ist. Auch lassen Unternehmen z. B. die verschiedenen Instrumente der Dynamischen BauDaten über ein Projekt laufen, um fehlende Positionen in der Leistungsbeschreibung aufzuspüren.
Das neueste Instrument ist nun die künstliche Intelligenz, KI. Die ersten KI-Anbieter zum Thema Claim-Management sind bereits auf dem Markt und nutzen nicht eine einzelne KI, sondern gleich eine Vielzahl unterschiedlichster antrainierter Systeme, die nach Fehlern und Lücken in der Leistungsbeschreibung suchen. Leider scheint es noch keine KI zu geben, die aus den Plänen Lücken findet. Wann auch das möglich ist, ist nur noch eine Frage der Zeit.
Bei einer Präsentation einer solchen KI habe ich angefragt, wie viele Kunden aus Planungsbüros und von den großen Auftraggebern kommen, denn da gehört dieses System doch eigentlich hin. Die überraschende Antwort war, dass die Büros solche Systeme aus ethischen Gründen ablehnen. Welch eine naive Sicht auf die Dinge.
Am Ende sind das die Spielregeln, die wir im sogenannten Submissionsgeschäft haben. Auftraggeber, die sorgfältig planen lassen und großen Wert auf eine vollständige, lückenlose Vertragsgestaltung legen, werden kein Opfer von den Nachtrags-Glücksrittern.
Gründe, warum das Nachtragsgeschäft so gut läuft, gibt es einige. Angefangen bei den Förderprogrammen der Bundesregierung, bei denen bereits die zeitlichen Vorgaben es unmöglich machen, sorgfältige Planungen und Abstimmungen vorzunehmen. Häufig muss ohne jegliche Ausführungsplanung in die Ausschreibung gegangen werden.
Sicher leisten auch die Ausbildungsstätten einen Beitrag. Wenn nur der Entwurf und das planerische Wettbewerbswesen im Mittelpunkt stehen, das Studium mit modernen Inhalten wie Planungssoziologie, Nachhaltigkeit, BIM und vielem mehr überfrachtet wird, das private Bauvertragsrecht aber als Thema der Steinzeit abgetan wird, darf sich niemand wundern.
Am Ende führt dann nicht das wirtschaftlichste Angebot zum Auftrag, sondern das beste Nachtragsmanagement. Wenn das die Spielregeln sein sollen, werden sich Unternehmer gerne darauf einstellen.
Ihr Martin Thieme-Hack
NL-Stellenmarkt










