Neue Wege: Umsetzung von Pflegestufen in der Staudenpflege

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Pflegestufe 1: wiesenartige Staudenansaat. Foto: Cassian Schmidt

Pflegestufen können dabei helfen, die notwendigen Pflegearbeiten in Staudenpflanzungen nach Intensitäten zu gliedern. Je nach Standort und Bepflanzungstyp ergeben sich ganz unterschiedliche Pflegemaßnahmen und Pflegeaufwendungen. Bei zunehmendem Kostendruck ist eine differenzierte Betrachtung notwendig, um die Pflegekräfte zielgerichtet und vorausschauend einsetzen zu können.

Das Vorurteil, Staudenpflanzungen seien kompliziert in der Planung und aufwändig in der Unterhaltung, hält sich immer noch hartnäckig. Hinzu kommt, dass sich Planer und Pflegekräfte mangels Kenntnissen vor der vermeintlich unbeherrschbaren pflanzlichen Dynamik fürchten und sich deshalb erst gar nicht mit dem Thema Pflanzenverwendung auseinandersetzen. Auf der anderen Seite gibt es über den langfristigen Pflegeaufwand, bezogen auf unterschiedliche Pflanzungstypen, kaum Untersuchungen, die konkrete Zahlenwerte liefern. Wenn es von Bauherrenseite um die Frage geht, was denn die ambitioniert geplante Pflanzung zukünftig in der Unterhaltung kosten wird, wird mehr spekuliert als mit Fakten gekontert.

Dass es keine generellen Faustzahlen für Staudenpflanzungen geben kann, zeigen die seit über zehn Jahren im Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof durchgeführten Pflegeaufzeichnungen. Eine differenzierte Betrachtung für unterschiedliche Pflanzthemen und Standorte erscheint angebracht, denn die ermittelte Spannbreite des Pflegeaufwandes ist enorm: Sie reicht von durchschnittlich 1,9 Minuten/m²/Jahr bei Schattenpflanzungen bis hin zu durchschnittlich 17,5 Minuten/m²/Jahr und darüber bei anspruchsvollen Schmuckpflanzungen und Wechselflor.

Die Pflegestufen 1 bis 5. Quelle: Cassian Schmidt

Pflegestufen

Jede Staudenpflanzung verlangt individuell zugeschnittene Pflegefahrpläne mit unterschiedlichen Pflegeintensitäten je nach Nutzeranspruch, Umfeld und Pflanzungstyp. Eine Gliederung und Zuordnung aller möglichen Pflegearbeiten zu klar abgrenzbaren und aufeinander aufbauenden Pflegestufen ist eine wichtige Voraussetzung zur Erfassung des Pflegebedarfs. Die anfallenden Pflegearbeiten werden gegliedert nach: Pflegezielen (Konzepterhaltung, Unkrautbekämpfung, Vitalisierung, Kosmetik bis hin zur Umgestaltung und Weiterentwicklung), Pflegerhythmus (Häufigkeit und Zeitpunkt der Pflegeintervalle) und Pflegeergebnis (ästhetische Qualität).

Die Pflegestufe 1 (Rückschnitt) dient der Konzepterhaltung und ist für jede Pflanzung (auch sehr extensive!) zwingend notwendig: einerseits, um die trockenen Pflanzenteile des Vorjahres zu entfernen, andererseits, um Gehölzaufwuchs zu unterbinden. Selbst angesäte, extensive Wiesen oder Staudensäume benötigen die regelmäßige, zumindest einschürige Mahd, ansonsten verbuschen sie relativ rasch.

Naturalistische Pflanzungen auf mageren Mineralsubstraten, die auf der Basis von extensiven Planungsstrategien (Mischpflanzungsprinzip) konzipiert wurden sowie Staudenflächen im Gehölzschatten, können durchaus mit den Maßnahmen der ersten beiden Pflegestufen (Rückschnitt und Unkrautkontrolle) dauerhaft erhalten werden. Bei weniger extensiven Pflanzkonzepten sind in der Regel zusätzlich einige Pflegearbeiten der Stufe 3 (Vitalisierung) bedarfsgerecht durchzuführen, um die Funktionsfähigkeit und ästhetische Qualität dauerhaft zu erhalten. Die vierte Pflegestufe (Kosmetische Arbeiten) ist für alle Pflanzungen mit hohem gestalterischen Anspruch und Ordnungsgrad (intensiv zu pflegende Beetstauden- und Wechselpflanzungen) unerlässlich. Regelmäßige "kosmetische" Eingriffe (zum Beispiel Anbinden und Stäben, Verblühtes entfernen, Ordnungsschnitte) erhalten oder steigern die Bildaussage dieser gestalterisch anspruchsvollen Pflanzungen. Da sich Pflanzen stets mehr oder weniger dynamisch verhalten, darf man langfristig auch die Maßnahmen zur Weiterentwicklung der Pflanzung nicht aus den Augen verlieren (Stufe 5).

Grundsätzlich ist es nicht sinnvoll, einzelne Stufen im Pflegeplan vorübergehend wegzulassen, denn Versäumnisse wirken sich später als Mehraufwand in den anderen Pflegebereichen aus. Sinnvolle Möglichkeiten zur Pflegeeinsparung gibt es dennoch: Innerhalb einer Pflegestufe kann die Optimierung der Pflegemethoden durch Maschineneinsatz oder eine bessere Arbeitsorganisation (zum Beispiel Mulchen, maschineller, nicht selektiver Rückschnitt, Zusammenfassung von Pflegegängen, Einsatz qualifizierter Mitarbeiter) zu einer nachhaltigen Verringerung des Pflegeaufwandes beitragen.

Pflegestufe 1 bis 3: Exklusive Schattenpflanzung, mosaikartig-flächig. Foto: Cassian Schmidt

Durchschnittlich zu erwartender Pflegeaufwand in Abhängigkeit von den Pflegestufen und jeweils typischen Pflanzkonzepten. Quelle: Schmidt 2012

Höhe des Pflegebedarfs und dessen Einflussfaktoren

Die Höhe des Pflegeaufwandes ist stets von zahlreichen unterschiedlichen Faktoren abhängig und kann deshalb nur annähernd im Voraus abgeschätzt werden. Es lassen sich jedoch anhand der im Sichtungsgarten Hermannshof langjährig gemittelten Pflegezahlen Tendenzen ablesen und Spannbreiten des Pflegeaufwandes für unterschiedliche Bepflanzungstypen angeben.

Einen nicht unerheblichen Einfluss auf den Pflegeaufwand, scheint der Ordnungsgrad innerhalb der Pflanzungen zu haben. Staudenpflanzungen, die stärker durchgestaltet sind und entsprechend weniger Dynamik im Pflanzenbestand zulassen, brauchen langfristig mehr Aufwand zur Erhaltung des Gestaltungskonzeptes. Das sind vor allem Bepflanzungstypen wie Mosaik-, Drift-, und formale Pflanzungen, aber auch differenzierte Pflanzungen nach Geselligkeitsstufen.

Wird dagegen mehr Dynamik zugelassen wie in wiesenartigen Staudenmischpflanzungen, sinkt der quantitative Pflegeaufwand. Der Vorteil der sehr dynamischen Mischpflanzkonzepte liegt darin, dass die Pflanzen von vornherein in zufälliger Anordnung auf der Fläche verteilt wurden. Spätere Verschiebungen im Artengefüge und im Anordnungsmuster fallen daher kaum auf und müssen auch nicht korrigiert werden. Der gewünschte, wiesenartige Charakter und die Funktionsfähigkeit der Gesamtpflanzung bleiben über Jahre erhalten, auch wenn sich im Detail eine ganze Menge geändert hat. So können einzelne Individuen längst abgestorben und durch Sämlinge ersetzt sein oder es können bestimmte Arten ganz verschwunden sein. Die entstandenen Lücken wurden rasch durch andere ausbreitungsfreudige Stauden oder durch kurzlebige Füller wieder geschlossen. Der Pflegevorteil liegt also in der geschickten Ausnutzung und Steuerung natürlicher Prozesse wie der Sukzession und dem ausbalancieren des Konkurrenzgefüges. Zur fachgerechten Steuerung dynamischer Pflanzkonzepte werden allerdings höher qualifizierte Pflegekräfte benötigt.

Der Pflegeaufwand verhält sich zyklisch

Betrachtet man den Verlauf der Pflegezahlen für eine bestimmte Pflanzung über ein Jahrzehnt, fallen bestimmte zyklische Veränderungen und Wiederholungen auf. Jede Neuanlage verlangt in der Regel zumindest im ersten Jahr (ruderale Phase) einen erhöhten Pflegeaufwand. In den Folgejahren pendelt sich der Aufwand dann um einen Mittelwert auf recht stabilem Niveau ein.

Pflegestufe 1 bis 5: Aufwändige Schmuckpflanzung. Foto: Cassian Schmidt

Pflegeaufwand verschiedener Bepflanzungstypen mit Stauden im Vergleich zu Zierrasenflächen. Durchschnitt aus zehn Versuchsjahren, ohne Rüstzeiten, Pflegestufen 1–3. Quelle: Schmidt et. al. 2010

In stärker gestalteten Pflanzungen auf sonnigen Freiflächen waren die Ausschläge nach oben und unten allerdings deutlich stärker als in Mischpflanzungen oder in standortgerecht bepflanzten Schattenflächen und Gehölzrändern. Mehr Dynamik und standortbedingte Wachstumseinschränkungen (Trockenheit, Schattendruck, Nährstoffarmut) wirken sich offensichtlich reduzierend auf das Niveau des Pflegeaufwandes aus. Nach Phasen von drei bis fünf Jahren eines relativ gleich bleibenden Aufwandes, wird in fast allen erfassten Flächen ein deutlicher Anstieg für ein bis zwei Jahre erkennbar.

Dieser mittelfristig wiederkehrende Zyklus ist mit notwendigen grundsätzlichen Überarbeitungen der Pflanzungen zu erklären. Die Gründe hierfür sind vielfältig, meist hat sich die ursprüngliche Planungsidee der Pflanzung durch unaufhaltsame vegetative (Ausläuferbildung, Horstvergrößerung) oder generative Ausbreitung (Versamung) der Pflanzen schleichend so weit verändert, dass (gestalterische) Eingriffe notwendig werden (Entnahme, Reduktion oder Teilung). Bei höherem gewünschtem Ordnungsgrad und Gestaltungsanspruch ist der Aufwand naturgemäß höher, als in naturnahen, dynamischen Bepflanzungskonzepten.

Stauden bieten Vorteile in Problemsituationen

Vergleicht man den im Hermannshof gemessenen Pflegeaufwand von Zierrasenflächen einschließlich dem Kantenstechen (4,8 Minuten/m²/Jahr) mit den günstigsten Staudenflächen (1,9 bis 2,8 Minuten/m²/Jahr), ergeben sich gerade in Problemsituationen eindeutige Argumente für den Einsatz von Stauden. Unter Gehölzen sind Rasenflächen stets sehr pflegebedürftig (Licht- und Nährstoffmangel, Vermoosung etc.), im Gegensatz zu standortangepassten Schattenstauden. Generell zählen Pflanzungen im Schatten von Gehölzen zu den pflegeextensivsten Flächen. Dafür sind mehrere Faktoren maßgeblich: Wachstumseinschränkungen (Stressfaktoren) wie Lichtmangel und Trockenheit führen zu wenig Unkrautkonkurrenz, die stresstoleranten Pflanzen sind meist niedrigwüchsig, teilweise wintergrün, deshalb fallen nur wenig Rückschnittarbeiten an, Falllaub kann als natürliche Mulchdecke weitgehend in den Flächen belassen werden.

Auch die in den letzten Jahren zunehmend für das öffentliche Grün propagierten Mischpflanzungen aus getesteten, standortabgestimmten Artenkombinationen können mit durchschnittlich 5,3 Minuten/m²/Jahr auf trockenen Freiflächen durchaus mit Rasenflächen konkurrieren. Stauden bieten auch ohne Zusatzbewässerung den ganzen Sommer Erlebnisvielfalt und optische Attraktivität, während Rasenflächen im innerstädtischen Verkehrsbegleitgrün oft braun und vertrocknet wirken.

Der zu erwartende Pflegeaufwand hängt aber nicht nur vom Pflanzthema, dem angestrebten Ordnungsgrad oder dem Standort ab. Letztlich entscheidend für die Umsetzung neuer Pflegestandards und die Qualität der Pflege sind die Voraussetzungen bei den Pflegekräften: gute Pflanzenkenntnisse, Sensibilität für ökologische Prozesse und Aufgeschlossenheit gegenüber Veränderungen in der Pflegemethodik sollten zukünftig mehr Gewicht haben. Nur wenn die Pflege die ästhetischen, ökologischen und funktionalen Anforderungen berücksichtigt, kann eine erlebnisreiche Staudenvegetation im privaten und öffentlichen Grün dauerhaft und nachhaltig sein.

Literatur

Dunnett, N. (2004): The dynamic nature of plant communities - patterns and process in designed plant communities. In Dunnett, N., Hitchmough, J. (eds) The Dynamic Landscape-Design, Ecology and Management of Naturalistic Urban Planting, Spon Press, London S. 97-114.

Schmidt, C. (2006): Ökologische Strategien und Staudenpflege. Gartenpraxis 4/2006: 28-35. Verlag Eugen Ulmer KG, Stuttgart.

Schmidt, C. (2006): Ökologische Strategien und Pflanzenverwendung. Gartenpraxis 3/2006: 24-33. Verlag Eugen Ulmer KG, Stuttgart.

Schmidt, C. (2005): Neue Pflegekonzepte für nachhaltige Staudenpflanzungen. Stadt+Grün 54 (3), 30-35; Patzer Verlag, Berlin - Hannover.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe NEUE LANDSCHAFT 11/2013 .

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