Pfälzer Startup tritt in Wettbewerb mit grüner Branche

Neues Mooswand-System soll Kommunen überzeugen

Die Gründer (v. l. n. r.) Martin Hamp, Björn Stichler und Dr. Tobias Graf haben die neue Fassadenbegrünung entwickelt. Foto: Koziel/TU Kaiserslautern

Trotz vieler dürftiger Versuche mit Mooswand-Systemen hat ein Startup der Universität Kaiserslautern erneut eine - nach eigenen Angaben - wartungsfreie und selbst begrünende Moos-Fassade auf den Markt gebracht und tritt mit der grünen Branche in Wettbewerb um die Gunst der Kommunalpolitik. Die Jungunternehmer wurden dafür bereits mit dem 1. Preis des Ideenwettbewerbs Rheinland-Pfalz 2019 ausgezeichnet.

Hinter dem Unternehmen mit dem Namen Artificial Ecosystems stehen der Biologe Dr. Tobias Graf, der Bauingenieur Martin Hamp sowie der Informationselektroniker und Wirtschaftsinformatiker Björn Stichler. Graf sammelte von Juli bis September 2017 als Forscher bei den Entwicklern des Bio-Tech-Filters CityTree in Berlin Erfahrungen mit Mooswänden. In diese Zeit fiel ein herber Rückschlag: Ein CityTree mit sich selbst regenerierenden Mooskulturen, war in der Halle des Essener Hauptbahnhofs aufgebaut worden. In den Sommermonaten glich er nach Angaben des Onlineportals "Der Westen" einem Schlachtfeld. Er zeigte gelbe und braune Stellen. Mitarbeiter mussten immer wieder frische Pflanzen in die Wand setzen, da die alten abgestorbenen auf den Boden rieselten.

Eine Kette von Rückschlägen

Der Rückschlag von Essen war nur einer in der langen Geschichte der Versuche, mit Moos-Systemen Feinstaub aus der Luft zu filtern. Bereits 2007 hatte Prof. Dr. Jan-Peter Frahm im Labor der Uni Bonn festgestellt, dass Moospolster von einem Quadratmeter bis zu 20 Gramm Feinstaub binden können. Doch einen Feldversuch dazu gab es nicht. Eine Lärmschutzwand mit integrierten Moosmatten wollte das Institut für Agrar- und Stadtökologische Projekte der Berliner Humboldt Universität 2012 erproben. Doch das Projekt wurde "nicht beendet".

2015 beschäftigte sich Dr. Holger Wack vom Fraunhofer-Institut mit dem Einsatz von Moosen als vertikales Begrünungselement. Er bezeichnete das Vorhaben als "schwierig". Die Skalierung in großformatige, flächige Systeme sei "hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit und Akzeptanz problematisch". Er wandte sich für die Fassadenbegrünung anderen Pflanzen zu. Schließlich testete Landeshauptstadt Stuttgart 2017/18 eine 100 Meter lange und drei Meter hohe, regelmäßig bewässerte Mooswand an der Cannstatter Straße, einem Belastungshotspot. Doch das Ergebnis fiel ernüchternd aus: Es ließ sich keine große Wirksamkeit bei der Reduktion von Luftschadstoffen feststellen. Doch Graf ließ sich davon nicht entmutigen. Anfang 2018 begann er als Geschäftsführer bei Artificial Ecosystems in Kaiserslautern. Ihre Technik haben die Pfälzer BryoSYSTEM getauft. Der Name leitet sich von dem lateinischen Wort für Moose Bryophyta ab. Die kleinste Einheit besteht aus einem rund ein Meter hohen, 15 Zentimeter breiten Betonelement, das nur wenige Zentimeter tief ist. Es kann an Wänden von Gebäuden angebracht werden.

Oben befindet sich eine Solarzelle. Auch eine andere Energieversorgung ist möglich. Am Boden gibt es einen Wassertank, in dem die Technik untergebracht ist. Er kann in den Boden eingelassen werden.

Überall in der Luft befänden sich Sporen von Moosen, sagen die Entwickler. Sie sollen sich auf vorbehandelten Betonbauteilen ansiedeln. Foto: Biodehio, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Moossporen sollen sich ansiedeln

Damit Moose auf der Oberfläche wachsen, besäßen die Elemente besondere Strukturen, auf denen sich junge Moospflanzen optimal entwickeln könnten, so die Entwickler. "Ganz oben an den Elementen befindet sich eine halbrunde Aussparung, über die die Bewässerung stattfindet. Die eingefassten Rillen sorgen dafür, dass sich das Wasser gleichmäßig verteilt", erläuterte Hamp die Technik. Zum Einsatz könne dabei Regenwasser kommen, das in einer Zisterne gesammelt werde. Das Besondere sei: Die Fassadenelemente müssten nicht vorab bepflanzt werden. Die Gründer behandeln ihre Fassadenelemente mit einer speziellen Mischung vor, damit sich Moose schneller daran etablieren. Überall in der Luft befänden sich Sporen von Moosen. Diese könnten sich ansiedeln und fänden dabei für sie ideale Wachstumsbedingungen vor.

"Die Pflanzen sind an das vorherrschende Klima gewöhnt und müssen sich nicht anpassen, außerdem benötigen Moose keine weiter kostenintensive Pflege wie Pflanzenschutz oder Rückschnitt - was ein Nachtteil von bisheriger Fassadenbegrünung darstellt", sagt Graf. Im Vergleich zu anderen Pflanzen, die bei Fassadenbegrünungen derzeit schon zum Einsatz kommen, sind Moose ganzjährig grün. "Bei kühleren Temperaturen fühlen sie sich am wohlsten", fährt er fort. "Wenn es im Sommer zu heiß wird, fallen sie in eine Art Schlaf, eine Dormanz."

Sensoren überwachen die Ernährung

Das BryoSYSTEM besitzt zahlreiche Sensoren, die die Feuchtigkeit und andere Umweltparameter überwachen und die Daten an ein Messgerät schicken. "Dieses passt mithilfe eines Algorithmus` die Pflanzenernährung je nach Wetterlage an", sagt Stichler. "Außerdem sind solche Daten spannend für zukünftige Smart-City-Konzepte." Auf allzu vollmundige Ankündigungen zur Leistungsfähigkeit des BryoSYSTEM haben die Jungunternehmer bislang verzichtet. "Wir wollen etwa herausfinden, wie viel CO² und Feinstaub die Pflanzen fixieren", heißt es eher zurückhaltend. Doch die Marketing-Ausrichtung auf ambitionierte Kommunalpolitiker ist deutlich: "Mit diesen Zahlen könnten zum Beispiel Städte werben, die das System bei öffentlichen Gebäuden nutzen", heißt es in einer von der Uni Kaiserslautern verbreiteten Pressemitteilung.

Im Visier: Ambitionierte Kommunen

Das Mooswand-System ist schon zum Patent angemeldet und das Startup sucht Partner und erste Kunden für Pilotprojekte. Vielleicht hilft da das Versprechen, die Technik würde nicht nur helfen, der Luftverschmutzung in den Städten entgegenzuwirken, sondern erhöhe auch die Biodiversität. Die bemoosten Betonelemente könnten zudem als Regenspeicher und Lärmschutz dienen. Langfristig kann sich das Pfälzer Startup Mooswände sogar in Tunneln und U-Bahnstationen vorstellen: "Wenn sie mit einer künstlichen Lichtquelle bestrahlt werden, können sie auch dort leben und zum Beispiel helfen, die Luft von Schadstoffen zu reinigen."

cm/TU Kaiserslautern

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe NEUE LANDSCHAFT 07/2019 .

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