Das Château de Montigny und seine Gärten

Obstgartenkultur des 19. Jahrhunderts

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Das Château de Montigny-sur-Aube von Norden aus gesehen. Foto: Château de Montigny-sur-Aube

Ein Juwel ist das in der Nordbourgogne gelegene Château de Montigny-sur-Aube. Mit 800 Jahren bewegter Geschichte wartet das zu den Monuments historiques klassifizierte Schloss auf und bietet einige Highlights wie eine Renaissancekapelle aus dem 16. Jahrhundert, einen großen Englischen Garten sowie einen historischen Obstbaumgarten.

Vom in der Südchampagne gelegenen Dörfchen Arc-en-Barrois kommend fuhren wir schon eine Weile auf den schmalen Straßen, die uns durch weitere Dörfer führend, allmählich nach Montigny-sur-Aube brachten. Obwohl Schloss und Park das Dorf dominieren, ist das Château nicht gleich sichtbar, weil es hinter einer langen Mauer geschützt liegt. Erst als wir an der Ostseite bei der katholischen Kirche in den Park treten, eröffnet sich uns die ganze Schönheit des Renaissance-Schlosses und seiner Gärten. Die Besitzer wechselten im Laufe der Jahrhunderte und heute erfreuen sich die Eigentümer Marie-France Menage-Small und Len Robert Small an der prachtvollen Schönheit ihres Anwesens, in das sie aber auch viel Arbeit gesteckt haben. Zu den Highlights des seit 1961 zu den Monuments historiques klassifizierten Schlosses zählt eine Renaissancekapelle aus dem 16. Jahrhundert, ein großer Englischer Garten, ein Obstbaumgarten, der nach seinem Original aus dem 19. Jahrhundert saniert wurde und in dem sich die Zweige der Spalierobstbäume an den Mauern entlang ranken. Allein der alte Obstbaumgarten misst eine Fläche von über 5000 m² und umfasst unterschiedliche Gartenareale, wie drei Gemüsegärten, vier Frucht- beziehungsweise Obstgärten, einen Bienengarten sowie eine Obstbaumwiese. Dieser Gemüse- und Obstgarten birgt eine Vielzahl an Sorten von Obstbäumen mit mehr als 200 Varianten.

Der Burggraben wurde nach einer langen Trockenzeit wieder bewässert. Foto: Château de Montigny-sur-Aube

Spalierobst säumt die vier Gartenalleen. Foto: Château de Montigny-sur-Aube

Eine bewegte Schlossgeschichte

Die Ursprünge des Château de Montigny-sur-Aube gehen bis ins 12. Jahrhundert zurück. Zwei Jahrhunderte lebte die Familie d'Amoncourt im Schloss: Sie stammte aus dem Canton de Port-sur-Saône in der Franche-Comté und emigrierte in die Champagne, in die Diözese von Langres. Im 14. Jahrhundert wurde Jean V. d'Amoncourt Erzdiakon von Langres und dann Bischof von Poitiers.

Im 16. Jahrhundert, beeinflusst durch seinen Onkel und verschiedenen Reisen nach Italien, entschied sich Jean V. dazu, das Schloss nach modernstem Geschmack zu gestalten. Ihm zur Seite stand sein Bruder René und der Architekt Jean Bullant, der sich mit seinen Arbeiten bereits an den Schlössern Petit-Chantilly, Écouen und schließlich an einem Flügel des Louvre einen Namen gemacht hatte und damals in großer Mode war. Sein Einfluss ist auch in Montigny zu sehen: an der Kapelle und an der Nordfassade des Cour d'honneur, die 44 ionische Säulen schmücken. Damals umschlossen noch drei Gebäudeflügel den Innenhof.

Im 17. Jahrhundert erfuhr Familie und Anwesen einen Aufwind durch eine vorteilhafte Heirat. In 1625 heiratete Philiberte d'Amoncourt den Conseiller d'Etat und Finanzdirektor Antoine de Barillon de Morangis. Dank seiner loyalen Dienste erhob Ludwig XIV. die Herrschaft de Montigny-sur-Aube in 1697 zum Marquisat. Im 18. Jahrhundert dann erlebte das Anwesen eine wechselvolle Geschichte, die Besitzer wechselten in nur kurzen Intervallen. In 1724 übergab die Familie d'Amoncourt das Château de Montigny-sur-Aube an René Nicolas de Maupeou, Chancelier de France, also Justizminister unter Ludwig XV. Nach dessen Tod ging das Schloss an dessen Bruder, Generalleutnant der königlichen Armeen, der das Schloss wiederum in 1784 an Bénigne Joseph Vaillant, Comte de Savoisy verkaufte. Während der Revolution litt das Schloss unter diversen Zerstörungen und einem Brand in 1794, die Philippe Vaillant de Savoisy, den Sohn von Bénigne Joseph zu erheblichen Wiederaufbauarbeiten in 1817 zwangen. Joseph Gustave Le Bas du Plessis heiratete die Tochter von Philippe de Savoisy und wurde so der neue Eigentümer in 1862. Ihre Tochter Anne musste die Domäne 1901 allerdings wieder verkaufen. Der neue Besitzer wurde André Martin, der aus Lyon stammende Schwager von Édouard Aynard, Mitglied des Instituts und der Abtei von Fontenay nahe Montbard. Ab 1902 unternahm er umfassende Restaurationsarbeiten unter der Leitung von Édouard Aynard und dem Architekten Javelle aus Dijon. Nun erfuhr das Schloss eine große Verwandlung, im Äußeren und Inneren.

Die Renaissancekapelle, umgeben von Hortensien und Buchsbaum. Foto: Château de Montigny-sur-Aube

Spalierobst kurz vor der Ernte. Foto: Château de Montigny-sur-Aube

Er entschied sich für eine Restauration der von Säulen dominierenden Nordfassade. Aber auch die an den Park angrenzende Südfassade des Schlosses stand auf der Agenda von André Martin. So erstrahlte das Schloss von neuem, dieses Mal im Neo-Renaissance-Stil. Während der beiden Weltkriege bot das Anwesen zweierlei Arten von "Gastfreundschaften": Gegen Ende des Ersten Weltkrieges in 1918 residierte Harry Truman mehrere Monate im Schloss; er wurde in 1945 der 33. Präsident der USA. Im Zweiten Weltkrieg besetzten die Nazis das Schloss und richteten im großen Salon eine Kommandantur ein. In 1961 wurden schließlich unter Minister André Malraux das Schloss de Montigny-sur-Aube, der Park, die Kapelle und das gesamte Anwesen als Monument historique klassifiziert. Nach zwei abermaligen Besitzerwechseln im 20. Jahrhundert kaufte in 2002 Marie-France Menage-Small die Domäne.

Die Restauration der Obstgärten des 19. Jahrhunderts

Unter dem großen Engagement von Marie-France Menage-Small lebt das Schloss wieder neu auf. Nicht nur durch umfassende Restaurationsarbeiten, sondern auch durch vielzählige Unternehmungen, die Besucher und vor allem auch Schulklassen nach Montigny-sur-Aube locken. Insgesamt erfuhr das Schloss im Laufe der Zeit fünf große Umgestaltungen. Die gegenwärtigen Sanierungsarbeiten stehen unter der Leitung von Éric Pallot, dem Chefarchitekten der Monuments historiques. Ein besonderes Augenmerk verdient die an der Westseite des Parks gelegene Orangerie, in der seit ihrer Erneuerung in 2010 Ausstellungen stattfinden. Darüber hinaus wurde die Kapelle in 2009 umfangreichen Sanierungsarbeiten unterzogen. Eine Gruppe von Restaurateuren war unter anderem damit beschäftigt, die dorischen und ionischen Säulen im Kapelleninnern zu renovieren.

Ein besonderes Lieblingsprojekt von Marie-France Menage-Small ist die Fasanerie im Park. Heute kann man Fasane, weiße Pfauen, Wellensittiche in strahlenden Farben und viele Hühner, die von ihrem Hahn bewacht werden, bewundern. Auch der Burggraben wurde wiederbelebt und bewässert; in ihm tummeln sich nun Enten, Schwäne, Forellen und Karpfen.

Das aktuellste und auch anspruchsvollste Projekt ist die Pflege des Obstbaumgartens, der im 19. Jahrhundert angelegt wurde. Geplant und konzeptioniert wurde dieses Restaurationsprojekt gemeinsam von Éric Pallot, Marc Lechien, Landschaftsarchitekt aus der Champagne-Ardenne, und Madame Menage-Small. Dabei handelt es sich um eine 5244 m² große eingemauerte Fläche, die neun Gemüse- und Obstgartenbereiche umfasst. In ihrem Zentrum liegt ein ausgedehntes rundes Bassin, in dem sich vier Alleen kreuzen.

Im Gemüsegarten setzen die Gärtner bewusst unterschiedliche Sorten nebeneinander, um Schädlinge von den Nutzpflanzen abzuwehren. Foto: Château de Montigny-sur-Aube

Ein Blick in den Englischen Garten des Châteaus. Foto: Château de Montigny-sur-Aube

Ein Vorbild an Artenvielfalt

Die Gemüse- und Obstgärten grenzen an den Englischen Park an und liegen nahe der Orangerie. Das Château de Montigny ist eine einzigartige Illustration der fortschrittlichen Obstgartenkultur im 19. Jahrhundert. Insgesamt erstrahlen die Gärten nun in vollster Pracht: Sie teilen sich auf in drei Gemüsegarten (groß, klein, Kindergarten) und vier Fruchtgärten mit Erdbeer-, Johannisbeer- und Stachelbeersträuchern. Einen Höhepunkt bildet der Obstbaumgarten mit 240 verschiedenen alten Baumsorten, darunter zierliche Spalierbäume. Zudem besteht seit einigen Jahren ein Bienengarten mit zehn Bienenstöcken, der seit 2014 die Honigproduktion erlaubt. Und im Gewächshaus wachsen Tomaten, Birnen und Melonen, Feigen und Passionsblumen.

Solch eine außergewöhnliche Gartenanlage erfordert selbstverständlich auch einen hohen Aufwand an Pflege. In jeder Saison sind fünf Gärtner und ein Praktikant beschäftigt. Da seit diesem Jahr die Produktion als "biologisch" anerkannt ist, bedeutet das auch ein mehr an Arbeit. So kommt das Saatgut weitgehend aus der eigenen Produktion des jeweiligen Vorjahres und in diesem Jahr wurden vier neue Varianten an biologischen Äpfelbäumen kultiviert. Das neben der Orangerie gelegene Gewächshaus ist ebenfalls als Monument historique klassifiziert. Die in ihm erhaltene Wärme erlaubt es, bereits ab Februar Samen zu produzieren. Im Sommer dient dieser Raum dann der Kultivierung von sieben Feigenvarianten.

Zur Erweiterung der Artenvielfalt besteht zudem ein Projekt zur Vermehrung der Gemüsesorten durch den Austausch mit anderen Schlössern, die Mitglieder in der Association Les Potagers de France sind, die wiederum angegliedert sind an die Potagers du Roi im Château de Versailles.

Für die Anlage ist es von besonderer Bedeutung, in welcher unmittelbaren Umgebung die verschiedenen Gemüse- und Obstsorten angepflanzt sind. So ist keine Mauer, an der die Obstbäume im Spalier wachsen, nach Norden ausgerichtet. Auch ist den Gärtnern bewusst, dass manche Mauern sich besser für gewisse Obstsorten eignen. Die Bäume werden im Winter und im Juni zugeschnitten.

Die Mauern bieten den Bäumchen Schutz und Halt. Foto: Château de Montigny-sur-Aube

Der Honig aus den hauseigenen Bienenstöcken ist bio-zertifiziert. Foto: Château de Montigny-sur-Aube

Die Ernte hängt von der Größe der Bäume ab. Hier ist ein Wissen gefragt, das der Chefgärtner von Montigny mit bringt und in seiner langjährigen Erfahrung peu-à-peu erweitert hat. Denn er hat einige Jahre bei den Schlossgärtnern von Versailles gelernt. So werden am Fuße der Obstbäume Erdbeeren angebaut, und zwar sieben Varianten, die von Mai bis Oktober Früchte tragen. Sie halten die Erde kühl und speichern Feuchtigkeit, was sich auszahlt, wenn es weniger regnet. Aus dem gleichen Grund pflanzen die Gärtner Kapuzinerkresse in schattigen Arealen des Gartens. Sie dient schließlich der Tischdekoration und wird auch zu den Menüs serviert. Die 40 verschiedenen Tomatensorten sind von indischen Nelken umsäumt, die diese vor Falschem Mehltau schützen. Die Artenvielfalt bereichern darüber hinaus auch zahlreiche Blumensorten. Die Blütenpracht speist sich unter anderem aus Begonien, Hortensien und Rosen, die sich über die Anlage verteilen. Natürlich darf der großformatige und zugeschnittene Buchsbaum nicht fehlen, der vor allem den Park schmückt.

Ein Ort der Wissensvermittlung

Schloss, Park und Gärten bilden eine beispielhafte Anlage von Arten- und Sortenvielfalt und der bewussten Kombination unterschiedlicher Nutzpflanzen. Aber auch das Halten von Tieren, wie Hühner, Fasane und Bienen weisen auf die biologische Sensibilität der Besitzerin hin. Das Miteinander-leben und gegenseitige "Befruchten" sind für Marie-France Menage-Small ein wichtiges Anliegen. Denn Das Anwesen ist für sie auch ein Ort der Wissensvermittlung, wie viele Veranstaltungen zeigen. Regelmäßig besuchen Schüler und Schülerinnen Schloss und Gärten und zahlreiche Vortragsveranstaltungen unterstützen darin, mehr Verständnis für Biodiversität und artgerechte Haltung zu vermitteln. Das Château de Montigny ist in dieser Hinsicht ein vorbildlicher Ort.

Die Erhaltung der Gartenkultur aus dem 19. Jahrhundert ist schließlich die Quintessenz eines umfassenden Know-hows, das dazu führte, dass der Park vom Château de Montiogny zu den "Jardin Remarquable" in Frankreich zählt. Dies zwingt quasi dazu, die Anlage für das Publikum zu öffnen. Marie-France Menage-Small betont, dass das für die jungen Gärtner eine Herausforderung ist, aber auch zugleich eine große Genugtuung, da sie stets Feedback von den Besuchern sowie großen Dank für ihre außergewöhnliche Leistung erhalten.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe NEUE LANDSCHAFT 08/2019 .

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