Räume gestalten, Nachbarschaft stärken, Lebensqualität fördern

Freiraumplanung unter sozialen Aspekten

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Die Wohnungswirtschaft steht vor vielfältigen Herausforderungen: bezahlbarer Wohnraum, soziale Durchmischung, demografischer Wandel, Integration und Klimaanpassung sind nur einige der Themen, die nicht nur die Architektur, sondern auch das Wohnumfeld betreffen. In diesem Zusammenhang erfährt die Bedeutung von Freiraum- und Grünplanung eine zunehmende Aufwertung. Außenanlagen erfüllen heute weit mehr als rein ästhetische oder funktionale Zwecke. Sie haben das Potenzial, soziale Prozesse im Quartier positiv zu beeinflussen, Nachbarschaften zu fördern und die Lebensqualität der Bewohnerschaft nachhaltig zu steigern.
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1. Die neugestaltete Spielplatzanlage im Quartier Hangetal in Essen: Großes Angebot von Spiel- und Aufenthaltsräumen mit einer grünen Struktur – Ort für soziales Leben. Foto: W. Telöken

Die Erkenntnisse aus der Veröffentlichung "Mehrwert durch Grün in der Wohnungswirtschaft" im Fachbuch "Landschaft und Vegetation" sowie die Diskussionsbeiträge des Allbau-Sozial-Kongresses zeigen: Eine durchdachte Freiraumgestaltung ist ein wirksames Instrument, um soziale und wohnungswirtschaftliche Ziele in Einklang zu bringen.

Der Freiraum als strategischer Faktor in der Wohnungswirtschaft

Wohnungsunternehmen verfolgen wirtschaftliche Ziele wie Vollvermietung, geringe Fluktuation, stabile Mieterstrukturen und eine angemessene Mietrendite. Dabei spielen auch sogenannte "weiche Faktoren" wie das Wohnumfeld eine bedeutende Rolle. Grün- und Freiflächen können hierbei wichtige Impulse geben, um etwa die Mieterzufriedenheit zu erhöhen, das Image eines Quartiers zu verbessern oder das subjektive Sicherheitsempfinden zu stärken.

Freiräume wirken dabei in doppelter Hinsicht: Sie haben einen direkten Einfluss auf das individuelle Erleben des Wohnortes und leisten zugleich einen Beitrag zum sozialen Gefüge im Quartier. Begegnungsräume, Bewegungsangebote, Rückzugsorte und gemeinschaftlich nutzbare Flächen fördern nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch die soziale Teilhabe.

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    2. Neue Wegachsen fördern mehr Lebendigkeit und mehr Begegnung im Freiraum. Foto: W. Telöken
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    3. Die Spielplatzanlage vor der Umgestaltung. Foto: W. Telöken

    Soziale Nutzungspotenziale von Grünflächen

      Die Nutzungspotenziale von Grün- und Freiflächen sind vielfältig. Sie reichen von funktionalen Aspekten – wie Wegeführung, Erreichbarkeit und barrierefreier Zugang – bis hin zu emotionalen, sozialen und gesundheitlichen Wirkungen. Zentrale Aspekte hierbei sind:

      • Begegnung ermöglichen: Außenräume bieten Gelegenheiten für spontane oder organisierte Begegnungen. Sitzgelegenheiten, Gemeinschaftsflächen, Nachbarschaftsgärten oder generationenübergreifende Spiel- und Bewegungsangebote schaffen soziale Schnittstellen. Je vielfältiger das Angebot, desto größer ist die Chance auf informelle Kontakte – eine wichtige Grundlage für soziale Stabilität.
      • Kinderfreundliche Gestaltung: Spielplätze mit abwechslungsreichen, naturnahen Elementen bieten Kindern nicht nur Raum für Bewegung, sondern fördern auch ihre motorische, soziale und kreative Entwicklung. Gleichzeitig entstehen Aufenthaltsqualitäten für Eltern und Angehörige. Bei der Gestaltung sollte auf altersdifferenzierte Angebote, Sicherheitsaspekte sowie die Integration von Vegetation geachtet werden.
      • Erholung und Rückzug: Angesichts steigender Anforderungen im Berufs- und Familienleben gewinnen wohnortnahe Erholungsräume an Bedeutung. Grünflächen im direkten Wohnumfeld ermöglichen Ruhe, Entspannung und Naturerleben ohne große Wege. Diese niederschwelligen Angebote stärken die Gesundheitsvorsorge und das psychische Wohlbefinden.
      • Gemeinschaft stärken: Soziale Integration gelingt nicht allein durch Wohnraum, sondern durch gemeinsam nutzbare Räume und Aktivitäten. Gemeinschaftsgärten, Patenschaftsmodelle für Beete oder organisierte Nachbarschaftsfeste auf Freiflächen sind Beispiele, wie aus anonymen Siedlungen lebendige Nachbarschaften werden können.
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      4. Sandkasten und Treffpunkt. Foto: W. Telöken
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      5. Ein typisches Klettergerät aus den 70er Jahren. Foto: W. Telöken

      Sicherheit durch Gestaltung

      Ein oft unterschätzter Aspekt der Freiraumgestaltung ist ihr Beitrag zum Sicherheitsgefühl der Bewohnerinnen und Bewohner. Studien zeigen, dass gepflegte, gut einsehbare und sozial aktivierte Freiräume das subjektive Sicherheitsgefühl deutlich erhöhen. Die Anordnung von Wegen, Plätzen, Beleuchtung und Sichtachsen sowie die soziale Aneignung durch Nutzergruppen beeinflussen die Sicherheit nachhaltig. Eine Untersuchung in Essen mit dem Titel "Lebensqualität durch Sicherheit" belegt: Eine Wohnsiedlung mit gezielt gestalteten Freiräumen wies signifikant geringere Einbruchszahlen auf als das umliegende Wohngebiet – ein deutlicher Hinweis auf das Potenzial gut geplanter Freiräume auch in diesem Bereich.

      Freiraumplanung als Teil einer integrierten Quartiersstrategie

      Die sozial wirksame Freiraumgestaltung gelingt nur, wenn sie integraler Bestandteil einer übergeordneten Quartiersstrategie ist. Wohnungsunternehmen, die gezielt auf Sozialmanagement setzen, können Freiräume als Teil ihrer Steuerung nutzen – etwa zur Integration von Zielgruppen, zur Stabilisierung von Mieterstrukturen oder zur Belebung von Quartierszentren.

      Entscheidend ist dabei die interdisziplinäre Zusammenarbeit: Landschaftsarchitektinnen, Sozialmanagerinnen, Quartiersentwicklerinnen und Bewohnerinnen müssen gemeinsam denken und planen. Partizipation ist hierbei kein Selbstzweck, sondern ein Erfolgsfaktor: Wer sich einbringen kann, fühlt sich verantwortlich und identifiziert sich stärker mit dem Wohnumfeld.

      Naturhaushalt, Biodiversität und Klimaanpassung – ökologische und soziale Synergien

      Neben den sozialen Wirkungen leisten Freiflächen auch einen Beitrag zur ökologischen Qualität des Quartiers. Vegetation unterstützt den Wasserhaushalt, verbessert das Mikroklima, reduziert Feinstaub und schafft Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Diese ökologischen Funktionen sind nicht nur gesamtgesellschaftlich relevant, sondern werden auch von den Bewohnerinnen und Bewohnern zunehmend wertgeschätzt. Die Begrünung von Höfen, Dächern und Fassaden sowie naturnahe Pflanzkonzepte fördern gleichzeitig ökologische Vielfalt und Aufenthaltsqualität.

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      6. Nach der Umgestaltung: Überdachter Ort für Jugendliche. Foto: W. Telöken
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      7. Ein Kiosk für die schnelle Versorgung und Treffpunkt für Jung und Alt. Foto: W. Telöken

      Das Quartier Hangetal in Essen – Freiraum als Motor sozialer Entwicklung

      Ein gelungenes Beispiel für die Umsetzung sozial orientierter Freiraumplanung liefert das Quartier Hangetal in Essen. Die in die Jahre gekommene Wohnsiedlung aus den 70er Jahren mit rund 250 Wohnungen wurde im Jahr 2000 einer umfassenden Umplanung unterzogen – die Geburtsstunde des Sozialmanagements beim Allbau. Im Mittelpunkt stand dabei die Neugestaltung der Freiräume – nicht als dekoratives Beiwerk, sondern als zentrale Maßnahme zur Verbesserung der sozialen und wohnungswirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

      Ausgangslage und Ziele

      Vor der Umgestaltung war das Quartier geprägt durch funktional veraltete Außenanlagen, wenig Aufenthaltsqualität und eingeschränkte Nutzungsmöglichkeiten – insbesondere für Familien, Kinder und ältere Menschen. Der vorhandene Spielplatz (Abb. 3, 4, 5) war weder altersgerecht noch sicherheitskonform und die Wegestruktur ließ keine gezielte Führung oder Anbindung innerhalb des Quartiers zu. Ziel der Neugestaltung war es, den Freiraum zu einem integrativen Bestandteil der Quartiersentwicklung zu machen und ihn als sozialen Treffpunkt aufzuwerten.

      Maßnahmen und Wirkungen

      Ein zentrales Element der Planung war die Neustrukturierung der Wegeverbindungen (Abb. 2). Durch neue Wegachsen wurden wichtige Orte des täglichen Lebens wie Eingänge, Spielbereiche, Aufenthaltsorte und Quartiersgrenzen miteinander verbunden. Die dadurch entstehende Bewegungsdynamik schuf "Begegnungsfälle" – zentrale Voraussetzung für nachbarschaftliche Interaktion.

      Besonderes Augenmerk lag auf der Schaffung von multifunktionalen Spiel- und Aufenthaltsflächen (Abb. 1). Unterschiedlich ausgestattete Räume mit naturnaher Vegetation, Sitzgelegenheiten und Spielangeboten für verschiedene Altersgruppen laden heute zum Verweilen, Spielen und Kommunizieren ein. Die Vegetation wurde gezielt eingesetzt, um Räume zu strukturieren, Schatten zu spenden und eine freundliche Atmosphäre zu erzeugen.

      Ein überdachter Treffpunkt für Jugendliche (Abb. 6) bietet einen wetterunabhängigen Ort der Begegnung, ohne andere Gruppen zu stören – ein wichtiges Element zur Konfliktvermeidung im gemeinsamen Freiraum. Ergänzt wird die Anlage durch einen kleinen Kiosk (Abb. 7), der nicht nur zur Nahversorgung beiträgt, sondern auch ein identitätsstiftender Treffpunkt für Jung und Alt ist.

      Die Planung (Abb. 8) zeigt exemplarisch, wie sich durch eine bewusste Gestaltung des Freiraums Lebensqualität steigern, soziale Prozesse aktivieren und wirtschaftliche Ziele (z. B. Vermietbarkeit, Image) nachhaltig positiv beeinflussen lassen.

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      8. Ausschnitt aus der Planung zur Umgestaltung des Freiraums aus dem Jahr 2000. Abbildung: W. Telöken

      Fazit zum Praxisbeispiel

      Das Quartier Hangetal verdeutlicht, dass sozial orientierte Freiraumplanung mehr ist als "grüne Gestaltung" – sie ist Steuerungsinstrument, Begegnungsplattform und Lebensraum in einem. Die positiven Rückmeldungen der Bewohner:innen sowie eine deutlich stabilere Mieterstruktur bestätigen den Erfolg der Maßnahmen. Dieses Beispiel unterstreicht die zentrale These: Investitionen in Freiraumqualität sind Investitionen in soziale Nachhaltigkeit.

      Fazit und Ausblick

      Freiraumgestaltung ist mehr als ein gestalterisches Element im Städtebau – sie ist ein Instrument sozialer Steuerung, ein Ort der Begegnung und ein Faktor für wirtschaftlichen Erfolg. In Zeiten steigender Anforderungen an Nachhaltigkeit, soziale Integration und Lebensqualität sollte die Freiraumplanung integraler Bestandteil unternehmerischer Strategien in der Wohnungswirtschaft sein.

      Wohnungsunternehmen sind gut beraten, nicht nur auf die Bauqualität, sondern auch auf die Qualität der Freiräume zu achten. Die Investitionen in soziale Außenräume zahlen sich langfristig aus – nicht nur in stabileren Mieterstrukturen, sondern auch in zufriedeneren, gesünderen und aktiveren Nachbarschaften.

      Literatur/Quellen:

      Allbau-Sozial-Kongress, 13.06.2025, Essen

      Landschaft und Vegetation, Hrsg.: Florian Bellin-Harder, 01/2024, Seite 373–386 "Mehrwert durch Grün in der Wohnungswirtschaft" Wolfgang Telöken, transcript.open.

      Studie: "Lebensqualität durch Sicherheit", Natascha Schlömer, J. Alexander Schmidt (ISS Universität Duisburg-Essen), 2008.

       Wolfgang Telöken
      Autor

      Lehrbeauftragter an der Universität Kassel, Allbau GmbH

      Allbau GmbH

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