Flutkatastrophe im Ahrtal

Renaturierung von Fließgewässern

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Die beste Renaturierung ist eine, die die Natur selbst schafft. Die Flut im Ahrtal im Juli 2021 hat uns sicherlich zutiefst erschüttert. Umso wichtiger war die Hilfe, die von überall kam. Darunter waren viele Kollegen und Betriebe aus dem Garten-und Landschaftsbau, allen nochmals herzlichen Dank!
Flussufer Hochwasserschutz
Aufwändige Bautätigkeiten mit Spundwänden zur neuen Ufersicherung. Hier wurde auf einer Länge von mehreren 100 m erstmal Spundwände eingebaut. Später soll über den Spundwänden eine 4 m hohe Mauer entstehen, auf der anderen Seite ein Wall, um die entsprechenden Richtwerte für den HQ100 – Wert zu erreichen. Foto: Ulrike Romeis

Nachdem der erste Schock überwunden war, kam etwas Hoffnung auf, dass die Ahr wieder mehr Raum bekommt und vielerorts eine natürliche Auenlandschaft entstehen könnte. Es wäre die Gelegenheit gewesen, die zerstörten Häuser und öffentlichen Einrichtungen, unter anderem viele Schulen und Kindergärten, woanders aufzubauen. Beispielsweise am Fuß der Weinberge, um dort den Hang zu terrassieren. Dafür hätte es allerdings Bebauungspläne und Genehmigungen gebraucht, die nicht so schnell herbeigeführt werden konnten und schonmal gar nicht unbürokratisch. Stattdessen gab und gibt es Wiederaufbau meist an den gleichen Flächen wie zuvor. Oft wurden dabei die gleichen Fehler gemacht, manchmal gar noch schlimmer, größer, bunter und vor allem noch weniger Grün und Garten.

Warum? Weil es die Wiederaufbauhilfe (bis zu 80 % der förderfähigen Kosten) nicht für den Garten, Gehölze und Pflanzen gab, sondern nur für Baulichkeiten. Das bedeutete im Umkehrschluss Förderung von Parkplätzen und Wegeflächen, was schlussendlich wieder mit einer enormen Versiegelung einherging. Ein fataler Fehler, denn jetzt gibt es noch mehr verdichtete Flächen im Ahrtal als vor der Flutkatastrophe.

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Flussufer Hochwasserschutz
Infrastruktur an der Ahr. Eine weitere Engstelle. Auf der einen Seite wird die Bahntrasse erstmal mit Spundwänden gesichert und auf der anderen Seite im Auenbereich der Ahr mit viel Aufwand und entsprechendem Geräteeinsatz eine Baustraße gebaut. Auf der anderen Seite wurde die Bundesstraße mit der Böschung wiederhergestellt. Hätte man die Straße aufgeständert wäre wesentlich mehr Platz für das Wasser gewesen, wenn man sie sowieso schon neu macht. Foto: Ulrike Romeis

Nun aber zum Fluss: Man hat gesehen, wo er fließen will. Man kann und will dem Fluss aber nicht immer den Raum geben. Und so gibt es jetzt eine Vorgabe, die die Durchflussmenge vorschreibt: HQ100. Mit dieser Abkürzung wird ein Hochwasserereignis beschrieben, das statistisch gesehen einmal in 100 Jahren auftritt. Das heißt, eine enorme Bautätigkeit am Flusslauf der Ahr wird nötig, um die neuen Vorgaben zu erfüllen. Insbesondere in Bad Neuenahr-Ahrweiler, wo die teils beidseitigen Alleen entlang des Flusslaufes den Baumaßnahmen zum Opfer fallen werden. Weniger Aufenthaltsqualität für die Menschen und Habitat für Kleinstlebewesen, sowie der Entfall des natürlichen Schattenspenders und Feinstaubbinder geht mit der Rodung der Gehölze, für die neue Ufersicherung, einher.

Es entstehen bis zu 4 m hohe Betonmauern, viele Laufmeter Spundwände und diverse Erdwälle. Meist sind die Böschungen, teilweise mit Steinschüttungen überdeckt oder diese sind den Spundwänden vorgelagert. Wasserbausteine einer Klasse (III, IV oder V), sind oft zu klein, um dem tatsächlichen Hochwasser standzuhalten und wirken im Landschaftsbild störend und unnatürlich, wie abgekippt. In der Natur finden wir stets eine Mischung von Steinen unterschiedlichster Größe und Form, so angeordnet, dass man sieht, dass sie dort hingehören. Eingebunden und mit dem natürlichen Boden eng verbunden und über Jahrzehnte eingewachsen und nicht lose, von einer Größe übereinander getürmt.

Flussufer Hochwasserschutz
Lose übereinander getürmte Wasserbausteine wirken im Landschaftsbild störend und unnatürlich. Sie erfüllen ihre Funktion nicht, weil sie zu leicht und zu klein sind. Foto: Ulrike Romeis
Flussufer Hochwasserschutz
Hier hat die Ahr sich nach dem Hochwasser ein neues Bett geschaffen. Foto: Ulrike Romeis

Viele Bereiche, wo invasive Arten überhandgenommen hatten, hat die Ahr mit ihrer Fließkraft bereinigt und weggespült. Es wäre leicht gewesen, von nun an hier durch gezieltes Mähen und Schneiden die Artenvielfalt zu fördern. Aber für die einfache Landschaftspflege hat man kein Interesse und auch kein Geld. So sieht man, dass viele Flächen wieder verbuschen und die invasiven Arten sich wieder ungestört ausbreiten.

Aber es gibt auch besondere Bereiche, wo die Ahr in den Rhein mündet, wo sie mäandert und sich ihren Weg frei wählt, hat man eine natürliche Situation, die man nicht mehr oft in Deutschland findet. Dort hat auch die Bebauung der Ahr viel Platz gelassen. Oder im Oberlauf der Ahr, wo die Bebauung dünner ist und die Dörfer kleiner. Allerdings ist dort und in den Seitentälern auch Bautätigkeit geplant. Viele Rückstaubecken sollen entstehen, eine Maßnahme, die schon einmal im Gespräch war, damals vor circa 100 Jahren, hat man die Gelder lieber für den Bau des Nürburgrings verwendet, um die Region wirtschaftlich zu stärken.

Die Bahn soll 2026 wieder fahren, erst danach wird die restliche Infrastruktur wiederhergestellt. Wie lange diese Bautätigkeiten (oft sind es derzeit noch Provisorien) und die Arbeiten am Fluss noch dauern, weiß man hier und heute noch nicht. Welche Auswirkungen es hat, werden wir erleben. Ob das romantische Ahrtal, wie es oft bezeichnet wurde, wieder seine natürliche Schönheit findet, ist zumindest in Teilen fraglich.

Flussufer Hochwasserschutz
Diese Engstelle nennt sich im Volksmund "bunte Kuh", früher ging der Radweg mit der Bahn über die Brücke und nun hat man sich mit dem neuen Radweg die Durchflussmenge unter der Brücke verringert. Foto: Ulrike Romeis

Was könnte man besser machen?

Die Ahr war vor der Flut ein grünes Band, weil Bäume die Uferseiten des Fließgewässers säumten. Diese wurden nicht gepflegt und geschnitten also sind sie größtenteils vom Wasser weggespült worden und zum Problem geworden. Ich selbst habe Bäume in direkter Flussnähe geschnitten, von denen ist keiner entwurzelt und weggeschwemmt worden! Keine Bäume mehr pflanzen ist keine Option, wir Menschen brauchen so viele Bäume wie möglich! Und auch die Ahr benötigt die Gehölze als wertvolle Schattenspender, da sie sonst zu sehr aufheizt, was diverse Auswirkungen auf die Biotope hat. Also ist die Devise Nachpflanzungen von Gehölzen mit guter Qualität, sorgfältige Gewässer- und Uferpflege, regelmäßige Unterhaltungspflegegänge und einen gezielten Gehölzschnitt einplanen und ausführen.

Natürlich wirkende Uferbefestigungen müssen erstellet werden, mit größeren Steinen von unterschiedlicher Größe und auch Pflanzflächen sollten unbedingt mit einbezogen werden. Das Feinwurzelsystem der Pflanzen durchwurzelt dann die Bodenschichten und die Hänge und Wälle werden gesichert. Außerdem fügt sich die Stein-und-Pflanze-Kombination optimal in das Landschaftsbild ein.

Flussufer Hochwasserschutz
Hammesmühle: Brückenpfeiler anstatt mit Spundwänden mit großen Steinen und ohne Beton gesichert. Foto: Volker Michael
Flussufer Hochwasserschutz
Natürlich gestaltete Uferbereiche. Foto: Volker Michael

Es sollten Fahrrad- und Fußwege im Überschwemmungsbereich der Ahr gebaut werden und es muss dem Wasser mehr Raum gegeben werden. Weiterhin Aufenthaltsqualitäten am Wasser schaffen, sodass die Uferbereiche auch als Naherholungsgebiet dienen. Öffentliche Einrichtungen, die direkt am Fluss liegen, zurückbauen und an topografisch sinnvollen Stellen aufbauen. Was zu nah am Fluss ist und extrem stört, zurückbauen und dem Menschen Alternativen aufzeigen und anbieten.

Es müssen Firmen beauftragt werden, die die Kompetenz haben, mit Verstand, Vorsicht und Sorgfalt in die Flusslandschaft einzugreifen. Unabdingbar ist die Fähigkeit, das Landschaftsbild lesen zu können und entsprechende Maßnahmen im Sinne der Natur und Ästhetik umzusetzen. Nur so kann eine komplexe und funktionierende Uferlandschaft entstehen, die für Mensch und Natur erlebbar wird und sich visuell in die kulturell geprägte Weinregion an der Ahr nahtlos integriert.

 Peter Berg
Autor

GartenLandschaft Berg & Co. GmbH

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