KlimaFit
Stolz und Vorurteil
von: Johannes M. JeutterDie neue Bundesregierung plant ein gigantisches Investitionspaket. Man kann davon ausgehen, dass das Geld auch in unsere Leistungsbereiche hineinwirkt. Beim Erhalt und bei der Entwicklung der Infrastruktur unserer Städte und Verkehrsnetze wird unsere Branche in Zukunft stark beteiligt sein. Nur weitermachen wie bisher, birgt zwar eine gewisse trügerische Sicherheit, bringt aber keine oder allenfalls eine marginale Veränderung. Veränderung brauchen wir, sonst droht der Verkehrskollaps und in seiner Folge, ein immer anfälligeres Betriebssystem in unseren Städten. Unter dem wir auch täglich bei unserer Arbeit leiden. Mit unserem Fachwissen können wir unsere Innenstädte grüner und lebenswerter machen.
Wir können stolz sein, mit unserer Expertise zu einer Entwicklung beizutragen, die neue Wege beschreiten kann: ob Vertikalbegrünungen, klimagerechte Pflanzungen oder Staudenpflanzungen, die nicht nur schön aussehen, sondern auch Futter und Lebensraum für Schmetterlinge und Co. darstellen. Ob es der Umgang mit Boden ist, der uns in die Lage versetzt, aus unseren gestalteten Gärten und Freianlagen CO²-Speicher zu machen, oder der Einsatz von recycelten Baustoffen. Überall können wir unser Wissen und unser Können einbringen. Der Stolz der Branche ist auch unsere Flexibilität beim Umgang mit Neuerungen. Wir pflegen handwerklichen Fähigkeiten, können aber auch jederzeit auf neue Herausforderungen eingehen. Diese Flexibilität hat uns in den letzten Jahrzehnten zu einem stabilen Faktor in der Arbeitswelt gemacht. Diese Flexibilität kostet allerdings Kraft.
Wir müssen uns dem Vorurteil stellen, dass es zu anstrengend ist, sich intensiv und flächendeckend wieder vermehrt mit dem Grün zu beschäftigen. Das Wissen um Pflanzen, um Lebewesen, die von und mit Pflanzen leben, um Krankheiten und Befindlichkeiten von Bäumen, um Gehölzen und Stauden darf uns nicht schrecken. Bei aller Schwierigkeit auszubilden, egal ob das Auszubildende oder Studierende betrifft, bei allen Anstrengungen, die damit verbunden sind, sich dem Thema Pflanze zu widmen, darf uns das nicht schrecken. Es sei beispielhaft die Birke genannt, die in der Lage ist, mit ihren Wurzeln Mikroplastik aufzunehmen, und nach Kat Austen* "ein echtes Potenzial für langfristige Lösungen zur Bodensanierung hat". Oder wenn wir wissen, dass die Knautie in dementsprechendem Substrat gepflanzt, die Knautiensandbiene anlocken kann, hat das nicht nur emotionale Bedeutung im Privatgarten oder im öffentlichen Grün.
Sehen wir das Wissen um Grün als Herausforderung und als Teil unseres Wettbewerbs, dann kann es uns zu den Spezialisten der Zukunft machen. Wenn wir nicht nur darum bemüht sind, Bäume auszusuchen, die Hitze vertragen, sondern die auch für unsere Insekten und Vögel interessant sind, können wir als wahre Klimahelden dastehen.
Grundlage unserer Ernährung ist die Bestäubung durch eine Vielfalt an Insekten. Diese können wir nur erhalten, wenn wir wissen, welche Pflanzen unterstützend zu deren Erhalt beitragen. Wir haben jetzt die große Chance mit unseren Stauden- und Gehölzpflanzungen nicht nur grüne Paradiese für den Menschen zu schaffen, sondern zum Erhalt der Arten beizutragen. Wir haben die Chance, das Vorurteil, diese Zusammenhänge als belastend zu empfinden, zu überwinden. Bleibt der Stolz, wenn wir mit unserem Wissen vorne mitspielen.
*Kat Austen, Joana MacLeanc, Daniel Balanzateguide, Franz Hölkera (2022): Microplastic inclusion in birch tree roots, in: Science of The Total Environment, 20 February.
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