Der Kommentar

Strategie ist auch, keine zu haben

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Das Lehrbuch der Wirtschaftswissenschaften bezeichnet die Strategie als eine langfristige Ausrichtung der Unternehmenspolitik, nach der sich die kurzfristige Operative und die mittelfristige Taktik zu orientieren haben. Nachdem sich regelrechte Schulen zur Begründung einer "richtigen" Unternehmensstrategie entwickelt haben, die Visionen, Kernkompetenzen, Geschäftsfelder und Wertschöpfungsketten definieren, kommen auch immer wieder Zweifel auf, ob das Festhalten an einer definierten Strategie überhaupt der richtige Weg ist.

Bei den großen Unternehmen steht deren Strategie im Wirtschaftsteil der Zeitung. So wollte beispielsweise Edzard Reuter in den 1980ern aus Daimler-Benz einen "integrierten Technologiekonzern" der Luft- und Raumfahrt über Schiene und Straße bis hin zu Mikroelektronik machen: MTU, AEG, Aerospace, Dornier. Der nächste, Jürgen Schrempp, hat alles wieder rückgängig gemacht und in der Verfolgung einer horizontalen Expansionsstrategie Autohersteller gekauft: Mitsubishi, Chrysler. Der darauffolgende Vorstandsvorsitzender Dieter Zetsche, hat erneut alles rückgängig gemacht und sich auf den Kern des Kerngeschäfts konzentriert. Der Volkswagenkonzern war mit dem Erwerb von Marken deutlich erfolgreicher. Nun setzt VW in der aktuellen Unternehmensstrategie alles darauf, den Verbrennungsmotor abzuschaffen und baut bald nur noch Elektrofahrzeuge.

Auch in der Bauwirtschaft gibt es solche Strategien. So hat die STRABAG mit Geld aus dem Ausland durch die Akquisition von Konzernen (WALTER-BAU, DYWIDAG, HEILIT+WOERNER, Ed. Züblin) und dem Kauf einer schier endlosen Zahl von Mittelständlern einen mächtigen und erfolgreichen Baukonzern entwickelt. Fast zeitgleich wickelte ein ehemaliger Ministerpräsident den Baubereich der einst stolzen und erfolgreichen Bilfinger Berger AG ab, um Industriedienstleitungen zu erbringen.

Auch im Landschaftsbau treten plötzlich eine Vielzahl Private-Equity-Gesellschaften (außerbörsliche private Kapitalbeteiligungen) auf, die Landschaftsbau-Unternehmen kaufen wollen, um daraus Unternehmensgruppen zu bilden, die mittelfristig europaweit Umsätze in Milliardenhöhe generieren sollen. Bei knapp 10 Milliarden Branchenumsatz in Deutschland, könnten das schon einflussreiche Markteilnehmer werden.

Das ist eine sehr klare Botschaft für den Landschaftsbau, die anders als bei Mittelständlern ganz sicher nicht aus dem Bauch entschieden wurde. Der Landschaftsbau wird als erfolgversprechende Zukunftsbranche gesehen, immerhin wurden einzelnen Betrieben schon Kaufangebote jenseits der 25 Millionen gemacht. Investoren versprechen sich offenbar mehr Rendite als an der Börse, wo der Dax die letzten fünf Jahre über 10 Prozent per anno Gewinn verzeichnet hat.

Einen solchen Versuch, wenn auch deutlich zaghafter, gab es schon Anfang der 1990er-Jahre. Vermögensverwalter aus den USA wollten in die "Landscape Industry" in Deutschland einsteigen. Sie haben es dann gelassen, denn der deutsche Markt ist eben ganz anders als der in Frankreich oder Großbritannien. Auch weil die kleinen Betriebe viel näher am Kunden sind als ein Konzern es sein kann. Die deutsche Skepsis Konzernen gegenüber tut da ihr übriges. Es scheint so, als wenn es auch ohne Expansionsstrategie weiter gut laufen wird im Landschaftsbau, aber wer weiß das schon genau.

Ihr Martin Thieme-Hack

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe NEUE LANDSCHAFT 09/2021 .

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