Trotz unzähliger Vermittlungserfolge
Bundeswirtschaftsministerium will Willkommenslotsen abschaffen
von: Christian Münter
Damit dass dem Bundesprogramm zur Fachkräftesicherung, vorrangig für kleine und mittlere Unternehmen, der Hahn abgedreht würde, hatte niemand gerechnet. Nur einen Monat vor dem Bekanntwerden der Nachricht hatte Gitta Connemann, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundeswirtschaftsministerium, die Arbeit der Willkommensloten und Berater auf ihrer Jahrestagung im RheinEnergieStadion in Köln noch gelobt.


Betriebsberatungen sind gestiegen
Dr. Hendrik Voß, Referatsleiter Berufliche Bildung des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), berichtete auf der Jahrestagung von einer Erhöhung der individuellen Betriebsberatungen durch Willkommenslotsen und Berater zur Passgenauen Besetzung im Jahr 2025 um 2 Prozent. Auf das Konto der Willkommenslotsen gingen davon 3.050 Unternehmen, auf das Konto der Berater 7.637. Gegenüber dem Vorjahr seien die Zielwerte der Willkommenslotsen „deutlich überschritten“ worden.
Insgesamt 31.375 Gespräche mit Bewerbern seien vergangenes Jahr von Willkommenslotsen und Beratern geführt worden. 10.358 Gespräche führten Willkommenslotsen, 21.017 führten Berater. Während die Gesamtzahl der Bewerberberatungen sank, konnten die Willkommenslotsen eine Steigerung ihrer Bewerbergespräche erreichen. Immerhin 4.886 davon führten zum Ziel.
Fachkräftelücke um 51% gewachsen
Nun ist es nicht so, dass es sich bei den von den Lotsen vermittelten Geflüchteten um „alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse“ handelt, wie es die heutige AfD-Vorsitzende Alice Weidel 2018 im Deutschen Bundestag vortrug. Das ifo Institut in München hat festgestellt, dass 2016 von allen deutschen Tatverdächtigen ungefähr jeder Dritte verurteilt wurde, bei den nicht-deutschen Tatverdächtigen aber nur jeder Vierte. „Denn je fremder der Täter ist, desto eher wird er angezeigt“, so die ifo-Studie.
Die Willkommenslotsen aber vermitteln statt haltloser Vorurteile Menschen, die die deutsche Wirtschaft dringend braucht. Denn von 2016 bis 2025 ist die Fachkräftelücke in Deutschlands kleinen und mittleren Unternehmen um 51 Prozent gewachsen, hat das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln festgestellt. Die meisten Fachkräfte fehlten laut IW zuletzt in Bayern. Dort wuchs die Fachkräftelücke in kleinen und mittleren Unternehmen seit 2016 um 64 Prozent, 13 Prozentpunkte mehr als im bundesweiten Schnitt. Die Ursache: Im Freistaat sind besonders viele Jobs ausgeschrieben, gleichzeitig ist die Zahl der Arbeitslosen relativ niedrig. So blieb in Bayern zuletzt etwa jede zweite offene Stelle im Mittelstand unbesetzt.

Susann Lieber vermittelt in Bayern
Susann Liebe ist studierte Landschaftsarchitektin und seit fast zehn Jahren Willkommenslotsin beim Verband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (VGL) Bayern. 301 Ausländer hat Liebe in dieser Zeit in Ausbildung oder Arbeit vermittelt. Das entspricht einer durchschnittlichen Quote von rund 30 Vermittlungen pro Jahr. 35 Prozent der betreuten Betriebe sind regelrechte Stammkunden, die den Service immer wieder in Anspruch nehmen.
Die Lotsin sagt, ihre Tätigkeit habe sich in den vergangenen zehn Jahren „von einer primär sozialen Integrationsmaßnahme zu einem Instrument der gezielten Fachkräfterekrutierung entwickelt“. Seit 2024 betreut sie immer mehr ausländische Fachkräfte bei komplexen Visa-Prozessen und Behördenkontakten. Die meisten kommen inzwischen nicht mehr aus Afghanistan oder dem Irak, sondern aus Kenia und Marokko. Im ersten Halbjahr 2026 gab es bereits 22 Vermittlungen, denn das Kenia-Pilotprojekt läuft auf Hochtouren. Die ersten zwei kenianischen Azubis sind Ende Juli am Flughafen in München eingetroffen, weitere neun folgen Ende August.
Martin Müller vermittelt in Nordrhein-Westfalen
„Und mitten in dieser Erfolgsphase fragen mich besorgte Betriebe bereits, ob ich ihnen bald nicht mehr zur Verfügung stehe“, sagt Liebe. „Dass das Bundeswirtschaftsministerium diese etablierte Arbeit an der Basis durch die Streichung der Förderung nicht mehr als wichtig erachtet, schmerzt mich persönlich tief“, so die Willkommenslotsin. „Es ist politisch ein völlig falsches Signal in Zeiten des akuten Fachkräftemangels.“
Auch Martin Müller ist studierter Landschaftsarchitekt und seit sechs Jahren Willkommenslotse beim Verband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (VGL) Nordrhein-Westfalen. Für ihn ist es ebenfalls nicht nachvollziehbar, dass bei steigendem Beratungsbedarf in der Fachkräfteeinwanderung das Förderprogramm eingestellt werden soll. „Die individuelle und konkrete Unterstützung in komplexen Verfahren wird wegfallen“, sagt er. Die Folge wäre, dass qualifizierte Ansprechperson fehlen, die Themen inhaltlich einordnen, konkrete Information geben und Hilfestellung für die Betriebe leisten.
BGL steht fest hinter den Willkommenslotsen
Der Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (BGL) steht fest hinter den Willkommenslotsen und Beratern der GaLaBau-Landesverbände. „Es ist äußerst schade und enttäuschend, dass diese sehr gute und für die kleinen und mittleren Unternehmen besonders wichtige Unterstützung künftig entfallen soll“, sagt BGL-Geschäftsführer Herbert Hüsgen. Kleine und mittlere Unternehmen hätten keine Personalabteilung, die es eigenständig schaffen könne, Nachwuchskräften aus dem Ausland zu überzeugen und durch den Behördendschungel zu leiten. Wegen des demografischen Wandels ist es nun „dringend notwendig, eine wie auch immer geartete Nachfolgelösung ab 2028 zu finden“.
Ähnlich sehen es auch die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK), der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) und der Bundesverband der Feien Berufe (BFB): „Ein Wegfall dieses Programms schadet ganz erheblich der Fachkräftesicherung und der betrieblichen Ausbildungsbereitschaft in Deutschland“, schrieben die drei Verbände im Juli in einem Brief an Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche. „Gerade in einer Zeit, in der viele Betriebe Schwierigkeiten haben, geeignete Auszubildende zu finden, darf ein erfolgreiches und nachgefragtes Instrument der Ausbildungs- und Fachkräftesicherung nicht abgeschafft werden.“
DIHK, ZDH und BFB appellierten an die Bundeswirtschaftsministerin, „das geplante Auslaufen des Programms zurückzunehmen und seine dauerhafte Finanzierung in der benötigten Höhe sicherzustellen“. Eine Kopie des Schreibens sandten sie an das Bundeskanzleramt. Deutschland brauche verlässliche Strukturen, um Unternehmen bei der Ausbildung zu unterstützen, junge Menschen aus dem In- und aus dem Ausland für die duale Ausbildung zu gewinnen und die Fachkräftebasis der Zukunft zu sichern. cm
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