Klimaschutz und Stadtentwicklung im Einklang

Umbau des Berliner Kurfürstendamms zum klimaresilenten Boulevard

von: ,
Historische Baumpflanzungen in unseren Städten wurden ursprünglich unter den damaligen Standortbedingungen und Gestaltungsideen konzipiert. Zwischenzeitlich haben unter anderem Stadtverdichtung, technische Infrastrukturen, Motorisierung und Klimaveränderungen bewirkt, dass Vitalität, Gesundheit und Verkehrssicherheit der Baumbestände immer stärkeren Belastungen ausgesetzt sind.
Alleen Baumpflanzung
1. Wenig attraktives Stadtbild: strukturlos, Trockenschäden, ohne Identifikation des Ortes, Kurfürstendamm vor den Eingriffen. Foto: Hartmut Balder

Eine vorausschauende Analyse stadtbildprägender Altbäume bietet die Chance, Wuchssituationen rechtzeitig zu korrigieren und Baumeingriffe im verträglichen Stadium vorzunehmen, bevor größere Baumschäden entstehen und der Verlust der Bäume drohen. Die Baumpflegemaßnahmen des Berliner Kurfürstendamms in Anpassung an Klimawandel, Stadtentwicklung und gesellschaftlichem Wandel sind hierfür ein wegweisendes Beispiel.

In den urbanen Stadtzentren kommen Boulevards in der Stadtentwicklung und im Marketing schon immer eine besondere Bedeutung zu. Dienten sie früher der herrschenden Oberschicht zur Präsentation ihrer politischen Macht, sind sie heute in der modernen Stadt für kommunale Institutionen, Gewerbetreibende und Touristen attraktive Aufenthaltsorte. Sie prägen den Ruf einer Stadt, charakterisieren den individuellen Ort und ihre Wohlfühlqualität beeinflusst unter anderem die Ökonomie von Einzelhandel, Gastronomie und Immobilienwirtschaft. Eine hohe Aufenthaltsqualität eines Boulevards war daher schon immer erklärtes Ziel der Akteure.

Viele Boulevards leiden bis heute unter den Folgen des Ausbaus der autogerechten Stadt in den 60er-Jahren, der Entwicklung des Einzelhandels hin zu Einkaufszentren sowie dem boomenden digitalen Versandhandel. Vielerorts wird daher ein Innenstadtsterben beklagt, die Folgen des Klimawandels in Form von Überhitzung, Grundwasserabsenkungen, Stürmen, Starkregen und Trockenheit mit negativen Auswirkungen auf die urbane Vegetation, das Stadtbild und die Lebensqualität sind überall wahrnehmbar (Abb. 1).

Hinzu kommt, dass die kommunalen Institutionen aufgrund von Sparmaßnahmen immer weniger in der Lage sind, die Unterhaltung der öffentlichen Räume qualitativ hochwertig zu betreiben. Dies ist umso kritischer, wenn sich Pflanzkonzepte mit den Standjahren in der Altersphase als problematisch erweisen, unter anderem durch zu enge Pflanzabstände, Schattierung, Bodenversiegelungen, Baumkrankheiten und Schäden durch Klimaextreme.

2. Der Kudamm in Berlin – Probleme wie überall

    Auch der Berliner Kurfürstendamm zählt zu den von Alleen gesäumten Straßenstandorten, die unter den zuvor genannten Aspekten eine Anpassung an die Stadtentwicklung und den Klimawandel benötigen. In der Diskussion um ein zukunftsfähiges Begrünungskonzept treten in jüngerer Zeit Funktionen wie Lebensraum, Biodiversität, Feinstaubbindung, Kühlung von verdichteten Arealen, Regenwassermanagement und Gesundheitsvorsorge in den Vordergrund.

    Über allem steht dabei natürlich die Steigerung der Aufenthaltsqualität. Von daher dürfen die Konzeption und Weiterentwicklung von Straßenbaumpflanzungen nicht dem Zufall überlassen werden, sondern müssen exakt diese Aspekte erkennen und aufgreifen. Das vom Bund vorgelegte Weißbuch Stadtgrün "Grün in der Stadt – Für eine lebenswerte Zukunft" (BMUB, 2017) empfiehlt daher den Kommunen, Städten und den beteiligten Akteuren, bei der Planung, Realisierung und langjährigen Unterhaltung von Straßenbaumpflanzungen integriert und weitsichtig vorzugehen.

    Als Ziel wird formuliert, die grüne Infrastruktur in der sich wandelnden Stadt funktional weiter zu entwickeln, ihre langjährige Unterhaltung finanziell abzusichern und die hohen Investitionen damit letztlich zu rechtfertigen. Ausdrücklich wird den Kommunen die Partnerschaft mit weiteren Akteuren angeraten. In den Baukulturberichten der Bundesstiftung Baukultur wird empfohlen, die Pflege der öffentlichen Räume zu verstetigen (2022) und belastbare Infrastrukturen (2024) zu entwickeln. Sanierungsmaßnahmen sind dem Neubau vorzuziehen.

    Die primären Fehlentwicklungen und Belastungen des Kurfürstendamms im Sinne der Aufenthaltsqualität haben sich wie vielerorts seit den 90er-Jahren zunehmend gezeigt:

    • in trockenen Sommermonaten Blattfall und Trockenschäden (Abb. 1),
    • insgesamt ein unattraktives Stadtbild durch zugewachsene Räume (Abb. 2),
    • dadurch hohes Feinstaubpotenzial in der Atemluft (Tunneleffekt),
    • kaum wahrnehmbare Gebäudearchitektur und hohe Verschattung,
    • Verdichtung und Versiegelung urbaner Baumstandorte,
    • unzureichende Wasserversorgung der Bäume (Platanen) durch eingeschränkte Wuchsbedingungen,
    • wenig attraktives Stadtbild durch Wildwuchs, Trockenheit und Baumkrankheiten,
    • hohe Unterhaltungskosten der öffentlichen Räume durch Fassadenfreischnitt, mangelnde Verkehrssicherheit und Vermüllung,
    • Allergenes Potenzial der Platane im Blattaustrieb durch Blatthaare (Platanenhusten),
    • ökonomisch wenig attraktive Unterhaltungskonzepte,
    • Schiefstand der Bäume und Anfahrschäden durch Busverkehr.

    Als Alternative zur Fällung und Neupflanzung der Platanenallee von 1200 Bäumen wurde daher in enger Zusammenarbeit von kommunaler Praxis (Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf) und der Wissenschaft (BHT Berlin) ein Konzept entwickelt, was mehrere Aspekte erfüllen sollte und schrittweise umzusetzen war.

    Dazu zählten die Gesundung der Bäume, Verbesserung des Stadtbildes, Erhöhung der Aufenthaltsqualität des Ortes, Reduktion des Feinstaubes, Schaffung einer speziellen Identifikation des Boulevards mit hohem Wiedererkennungswert und Erweiterung der Stadtgestaltung durch ein verbessertes Lichtangebot. In jedem Fall sollten Baumfällungen vermieden werden.

    NL-Stellenmarkt

    Relevante Stellenangebote
    Professur oder Nachwuchsprofessur im Tenure-Track..., Freising  ansehen
    Projektleitung „Strategische Freiraumentwicklung..., Wiesbaden   ansehen
    Ingenieur:in - Landschaftsarchitektur (w/m/d) -..., Bremerhaven  ansehen
    Alle Stellenangebote ansehen
    Alleen Baumpflanzung
    2. Tunneleffekt und -öffnung (2006). Foto: Hartmut Balder
    Alleen Baumpflanzung
    3. Winterfrostrisse nach trockenen Jahren. Foto: Hartmut Balder
    Alleen Baumpflanzung
    4. Konzeptskizze 2006 zu den Umbaumaßnahmen. Grafik: Hartmut Balder

    Umsetzung des fachgerechten Erhaltungskonzeptes in Schritten

    Zur Erfassung der Situation wurden zunächst die Standortfaktoren umfassend geklärt, um in Hinblick auf Baumbestände gezielt die Wuchssituation nachhaltig zu verbessern. Die bereits damals erkannten Wuchsbelastungen der Bäume durch die Klimaveränderungen wurden zusätzlich betrachtet, beispielsweise zunehmende Trockenheit, erhöhte Windbelastungen, verstärkte Strahlung und Hitze, Stammrisse durch Winterfröste (Abb. 3). Bedeutsam war hierbei das Aufzeigen der Reststandzeit von Altbäumen.

    Die erkannten Ziele mit Lebenszyklusansatz waren daher:

    • Sicherung des Baumbestandes,
    • Herstellen eines angepassten Stadtbildes,
    • Entwicklung einer Standortmarke mit Identifikationscharakter,
    • Sicherung von Baumgesundheit und -vitalität,
    • Senkung der Feinstaubbelastung durch Förderung von Windsituationen,
    • Temperatursenkung und Erhöhung der Transpirationsleistung durch gesundes Blattlaub,
    • Senkung der Unterhaltungskosten durch eine verbesserte Verkehrssicherheit,
    • Vernetzung kommunaler Interessen und Zwängen mit Anrainern,
    • Langfristige Entwicklung eines Standortkonzeptes.

    In dieser Phase war die Entwicklung eines Gestaltungskonzeptes elementar, um im Sinne eines Masterplanes das zu erzielende Gesamtbild schrittweise mit den Jahren zu erreichen. In den strategischen Abstimmungsgesprächen konnten so die Interessen der Akteure zusammengeführt und weiterentwickelt werden (Abb. 4).

    Neben den fachlichen Aspekten war es auch wichtig, eine weitsichtige und kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Der Beginn der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland war ein attraktiver Startschuss für die Umgestaltung mit Eingriffen in die Baumbestände. Im März 2006 führten das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf, die Berliner Hochschule für Technik (BHT), die ISA Germany sowie die Berliner Stadtreinigung (BSR) die ersten Schnittarbeiten mit medialer Aufmerksamkeit (durch Baumzeitung, 2006; Köber, 2006; Loboda, 2006; Taspo, 2006).

    Derartige Nachqualifizierungen benötigen ein kontinuierliches Vorgehen mit langem Zeithorizont unter fachlicher Betreuung und Aufsicht (Balder, 2009). Neben den formgebenden Schnittmaßnahmen wurden daher auch bodenverbessernde Maßnahmen mit zusätzlichen Nährstoffen und Bodenbakterien zur Steigerung der Trockenresistenz gegeben (Balder u. a., 2018).

    Diese Pflegemaßnahmen wurden kontinuierlich angepasst, um anfängliche Sanierungs- und Umbaumaßnahmen im mittelfristigen Erfolg nicht zu gefährden. Jeder Baumausfall gefährdet das Gesamtziel zur Aufwertung des Stadtbildes. Alle Akteure wurden über die Entwicklung kontinuierlich informiert, die gewerbetreibenden Anrainer (AG City) interessierten sich zunehmend für gärtnerische Möglichkeiten der Boulevard-Aufwertung und stehen dazu bis heute im engen Austausch mit dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin.

    Der Rückschnitt der Platanen reduzierte den Wasserbedarf, minimierte den Pilzbefall mit der Blattnervenkrankheit merklich und der Neuaustrieb verbesserte durch die Nährstoffgaben deutlich das Erscheinungsbild. Im Falle des Umbaus des Berliner Kurfürstendamm ist nach fast 20-jähriger Baumpflege nach Konzept inzwischen ein stabiler und akzeptierter Zustand des Boulevards erreicht (Abb. 5). Wissenschaftliche Studien an der Berliner Hochschule für Technik belegen die erzielte Wertsteigerung, Feinstaubsenkung und Klimaresilienz (Balder, 2019).

    Durch die positive Gesamtentwicklung und das große Engagement der AG City wurde 2018 das sogenannte "BID Ku'damm Tauentzien" für eine Laufzeit von fünf Jahren initiiert, einem Zusammenschluss der Immobilieneigentümer zur qualitativen Aufwertung des definierten Quartiers rund um den Kurfürstendamm und Tauentzien, dies in enger Kooperation mit dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf und der Berliner Stadtreinigung. Hierzu wurden private Finanzmittel in Hinblick auf ein höheres Pflegeniveau und Begrünungsmaßnahmen zusätzlich eingesetzt.

    In Fortsetzung der Qualifizierungsmaßnahmen des BID-Abschnittes Uhlandstraße – Breitscheidplatz wurde das Hochbord 2018 mit Pflanzstreifen zwischen den Platanen ausgestattet (Abb. 6).

    Die Reduktion lediglich auf Bänder war richtig, da ansonsten die Wurzeln der Bäume geschädigt worden wären. Im Laufe der fünf Jahre wuchsen die Platanenwurzeln immer mehr in die Pflanzrabatten hinein, da diese durch die Pflegemaßnahmen attraktive Bereiche darstellten. Die Gestaltung der Staudenbänder im Wechsel der Jahreszeiten erfolgte mit angetriebenen Frühjahrsblühern oder voll ausgebildeten Stauden nach einem Farbkonzept ergänzt mit solitären Sträuchern. Von allen Bepflanzungen wurde unmittelbar der gestalterische Effekt erwartet, der aufgrund der hochwertigen Pflanzware aus den bezogenen Gärtnereien (Freie Wirtschaft, Bezirksgärtnerei Charlottenburg-Wilmersdorf) schnell und sicher erreicht werden konnte.

    Die Betreuung der Platanen oblag in der Laufzeit des Projekts nach wie vor dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf. Die regelmäßigen Baumschnitte wurden von einem externen Baumpflegebetrieb unter Aufsicht vorgenommen und aus dem BID-Etat finanziert. 2020 wurden auch die seitlichen Großbäume leicht eingekürzt, finanziert jetzt wieder aus kommunalen Mitteln. Insgesamt ist der Gesamteindruck dieses Abschnittes gut. Die bisherigen Trockenschäden und Astbrüche bei Sturmbelastungen wurden so deutlich reduziert.

    Der dreimalige Wechsel der Bepflanzung pro Jahr erfolgte aufgrund der guten personellen und technischen Ausstattung des beauftragten GaLaBau-Betriebes (Firma Kittel & Kruska, Berlin) in wenigen Tagen, so dass termingerecht das Marketing bedient wurde. Größere Ausfälle der Bepflanzungen konnten nicht ermittelt werden, der Vandalismus war unauffällig. Vielmehr beachteten die Passanten die Bepflanzung.

    Die Berliner Stadtreinigung (BSR) war nach Service-Level für die Pflege der grauen Infrastruktur ergänzend tätig. Die Fortführung des BID wird gegenwärtig noch verhandelt. Es laufen aktuell Gespräche zwischen dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin und der AG City über die Bepflanzung der Mittelstreifen. Ein Gestaltungskonzept wurde in 2025 dazu erstellt.

    Alleen Baumpflanzung
    5. Nach viermaligem Kronenschnitt ist die Baumform (siehe Abb. 4) erreicht. Foto: Hartmut Balder
    Alleen Baumpflanzung
    6. Üppiger Sommerflor 2022 und klare Infrastruktur. Foto: Hartmut Balder

    Resilienz eines flachgründigen Mittelstreifens

    In Fortsetzung des Kurfürstendamms schließt sich die Straße Tauentzien an, hier stellt sich die Wuchssituation völlig anders dar. Die Straße ist seitlich von größeren Platanen und Ulmen bepflanzt, die dem begehbaren Mittelstreifen einen Rahmen geben. Der Mittelstreifen ist ein schwieriger Standort, da sich unter der Bodenoberfläche in geringer Tiefe die U-Bahn-Abdeckung befindet. Hier wurde großflächig ein sogenanntes strukturstabiles Pflanzsubstrat vor über zehn Jahren locker eingebaut und wird seitdem von der Berliner Hochschule für Technik auf seine Eignung als modernes Substrat für Beetpflanzungen getestet (Balder, 2020).

    Auch hier wurde im BID-Konzept eine Wechselbepflanzung (3mal pro Jahr) konzipiert. Allerdings wurde ein Teil als Dauerrasenfläche angelegt, die straßenseitige Bepflanzung des Mittelsteifens wurde mit dauerhaften Gerüstpflanzen aus Gräsern vorgenommen. Diese schirmten sehr gut die Pflanzungen vom Durchgangsverkehr ab und mussten nicht ausgetauscht werden.

    Im Winter lieferten sie stimmungsvolle Bilder und erholten sich nach dem Frühjahrsrückschnitt. Durch dieses Gesamtkonzept wurde der Aufwand in der Bestückung des vom BID betreuten Mittelstreifens deutlich reduziert. Da es sich bei dem Mittelstreifen um einen vollsonnigen Standort handelt, wurde dieser mit wenigen größeren Sonnenschirmen ausgestattet. Diese waren für schattensuchende Nutzer sehr attraktiv (Abb. 7).

    Die Bepflanzungskonzepte entsprachen in der Pflanzenauswahl dem 1. BID-Abschnitt. Sie wurden gleichzeitig ausgetauscht, was die Akteure logistisch vor große Herausforderungen stellte. Hier zeigte sich das neue Pflanzsubstrat mit seinen Eigenschaften als großer Vorteil, da die zu entfernenden Beetpflanzen leicht mit allen Wurzeln entnommen werden konnten.

    Auch ist das Substrat beim Einbau unkrautfrei, nimmt sehr gut das Wasser auf und fördert bei guter Bodenluft das Tiefenwachstum der Pflanzen. Aufgrund der Flächen war die Wirkung der Beete viel prägnanter als bei den Bändern im 1. Abschnitt und zog viele Besucher an. Als Fotomotiv war dieser Ort in Ergänzung der örtlichen Kultur und der Architektur ein Werbeträger für das BID und für Berlin.

    Die Kombination aus infiltrationsfähigem Substrat, tiefer Wurzelentwicklung, trockenangepasster Bepflanzung und Schutzmaßnahmen vor dem Betreten durch die Nutzer stabilisierte das Bepflanzungskonzept trotz der extremen Standortbedingungen.

    Einbindung von Plätzen in das Gesamtkonzept

    Der Kurfürstendamm ist in seiner Gesamtlänge von 3,5 km zwischen Breitscheidplatz und Rathenauplatz durch weitere Plätze gestalterisch charakterisiert. Damit verbunden sind unterschiedliche Nutzungen aus der Vergangenheit, meist ohne Konzept. Der motorisierte Ausbau des Kurfürstendamms hatte vielmehr zur Folge, dass diese Plätze immer unattraktiver wurden und zum Beispiel der Georg-Grosz-Platz durch Abbiegespuren regelrecht abgeschnitten war (Abb. 8).

    Der Rückbau dieser Straßensituation ermöglichte es, durch Baumpflanzungen und Außengastronomie klimagerechte Platzaufwertungen zu realisieren (Abb. 9). Zuvor belegten Studien, dass diese Investitionen sich in einer Aufwertung für Anrainer rechnen würde (Hanisch, 2007). Unterstützung erfuhr dieser Ansatz durch ein Sponsoring aus der freien Wirtschaft.

    Andere Plätze wurden durch kühlende Brunnenanlagen, Baumpflanzungen und neue gastronomische Angebote mit Schattierungen schrittweise umgebaut, zum Beispiel der Lehniner Platz, Olivaer Platz. Auch gegenwärtig werden angrenzende Plätze immer wieder in die Planungen des Straßen- und Grünflächenamtes aufgenommen, mit dem Ziel, die Aufenthaltsqualität und Klimaresilienz zu steigern.

    Aktuell laufen Planungen zum Hardenbergplatz (https://gemeinsamdigital.berlin.de/de/smart-space-hardenbergplatz/), wo insbesondere die Pflanzung von Bäumen im Fokus steht.

    Alleen Baumpflanzung
    7. Sommerflor mit Schatten spendenden Schirmen am Tauentzien. Foto: Hartmut Balder
    Alleen Baumpflanzung
    8. Ausgangssituation des Georg-Grosz-Platzes (2006). Foto: Hartmut Balder
    Alleen Baumpflanzung
    9. Georg-Grosz-Platz nach dem Umbau mit attraktiver Nutzung (2025). Foto: Hartmut Balder

    Pflegemaßnahmen und Nutzerdruck

    In der Unterhaltung derartiger Konzepte müssen die Wachstumsansprüche der unterschiedlichen Pflanzen durch sachgerechte Pflege kontinuierlich erfüllt werden, damit keine Fehlentwicklungen ausgelöst werden. In Hinblick auf Klimaresilienz und Ökonomie ist die Einsparung von Pflegemaßnahmen und ihre sichere Handhabung von besonderem Interesse.

    Dies ist bei der Heterogenität urbaner Flächen problematisch, da unterschiedliche Jahreszeiten, kleinräumige Unterschiede in der Besonnung, geringe Durchwurzelungstiefen und Belastungen durch die Nutzer stets ein individuelles Handeln erfordern. Der Bewässerung kommt hierbei eine zentrale Bedeutung zu. Im Falle des Umbaus des Ku´damms war es von Vorteil, dass vor Ort Hydranten benutzt werden können.

    Auch investierte der Pflegebetrieb bei dem mehrjährigen Engagement in moderne Fahrzeugtechnik (Abb. 10). Kurzfristige Hitzephasen führten nur vereinzelt zu Trockenschäden, die Pflanzen regenerierten aber unmittelbar. Entscheidender war eher die Verwendung von wasserbedürftigen immergrünen Pflanzen, die in der Winterbepflanzung aufgrund der kalten Bodentemperaturen kaum Feinwurzeln bildeten und folglich Wintertrockenschäden auftraten.

    Die täglichen Nutzer bildeten ein breites Spektrum im Verhalten ab. Je nach Jahreszeit und Witterung hielten sie sich länger insbesondere im Abschnitt des Tauentzien auf, was die Attraktivität des Areals unterstreicht. Sie respektierten die Bepflanzung, indem sie die Sitzgelegenheiten meist schonend benutzten (Abb. 7). Die Sonnenschirme dienten als willkommene Schattenspender und wurden gezielt aufgesucht. Die befürchtete Vermüllung hielt sich in Grenzen, da auch täglich zweimal gereinigt wurde.

    Fortsetzung des Umbaus

    In Fortsetzung der Klimaanpassung werden die Baumpflegemaßnahmen fortgesetzt, um das erzielte Stadtbild weiter zu stabilisieren und den Klimaanforderungen gerecht zu werden. Geprüft wird, inwieweit die Kronenschnitte automatisiert und günstiger gehandhabt werden können, ohne die ästhetische Qualität und die Baumvitalität zu gefährden.

    Angestrebt wird, dass bei einer Neuauflage von "BID Ku'damm Tauentzien" mit externem Controlling die Kronenformen in Anlehnung an den Bildqualitätskatalog OK Freianlagen der FLL (2016) von den Akteuren eingefordert werden können.

    Die Bezirksgärtnerei kultiviert ein breites Sortiment an Wildstauden, womit künftige Mischbepflanzungen aus Wild- und Prachtstauden realisiert werden können. Die entsprechenden Pflanzpläne für den Kudamm liegen teilweise bereits vor. Auch Teilentsiegelungen sind im Bezirk großflächig geplant, da Charlottenburg-Wilmersdorf ein hoch verdichteter Innenstadtbezirk ist.

    Wildstauden schaffen strukturreiche Lebensräume, bieten Nahrung für Insekten und fördern so die biologische Vielfalt im dicht bebauten Raum. Anders als viele Zierpflanzen sind sie meist ökologisch wirksamer: ihre offenen Blüten versorgen Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge mit Pollen und Nektar.

    Gleichzeitig sind sie pflegeleicht, benötigen nur wenig Nährstoffe oder Bewässerung und sind an das Stadtklima angepasst – ideale Voraussetzungen für eine nachhaltige, kosteneffiziente Grünpflege. In Zeiten zunehmender Flächenversiegelung, Hitze und Artensterbens ist eine naturnahe Bepflanzung mit Wildstauden ein wichtiger Beitrag zur ökologischen Stadtentwicklung (Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin, 2025).

    Alleen Baumpflanzung
    10. Flächige gerätetechnische Bewässerung im Einsatz Foto: Hartmut Balder

    Fazit

    Das Beispiel des schrittweisen Umbaus der Platanenbestände des Kurfürstendamms seit 20 Jahren und die zusätzliche Einrichtung des "BID Ku'damm Tauentzien" belegen, wie auf der Grundlage gesicherter Ortskenntnisse und –entwicklungen ein bekannter Boulevard ohne Baumentnahmen in seiner Struktur klimafitter gemacht werden kann. Die engagierten Akteure benötigen in allen Prozessphasen eine hohe Fachlichkeit und strategisches Handeln, um auf gesamtstädtischer Ebene Akzeptanz zu finden.

    Auch ist eine ämterübergreifende Zusammenarbeit dabei unerlässlich. Nach erfolgter Baumstabilisierung waren weitere Pflanzrabatten realisierbar, die bei fachgerechter Pflege die Aufenthaltsqualität der Standorte nachhaltig verbesserten.

    Deutlich wurde aber auch, dass ein Erfolg nur gegeben ist, wenn als Wertschöpfungskette gedacht und gehandelt wird. Weitere Klima angepasste Maßnahmen sind in Vorbereitung und werden bereits schrittweise umgesetzt. Das BID endete im Juni 2023, soll aber wegen des Erfolges in angepasster Form fortgesetzt werden.

    LITERATUR

    • Balder, H., 2009: Baumpflege-Erfolge am Kurfürstendamm. Baumzeitung 02/09, S. 15–16.
    • Balder, H. und Niemann, U., 2018: Düngung von Straßenbäumen – Was hilft wirklich in der Praxis? NL 2, S. 39–43.
    • Balder, H., 2019: Straßenbaumpflanzungen in der modernen Stadt. In: Heider, A., Domnick, I. (Hrsg.): Urbane Konzepte und Entwicklungen. Forum Geo Bau, Band 9, S. 35–44.
    • Balder, H., 2020: Gehölzentwicklung in strukturstabilen Substraten. ProBaum 2, S. 12–18.
    • Balder, H., 2022: Betreiber-Modelle im Stadtgrün – neue Chancen für den GaLaBau? NL 1, S. 47-53.
    • Baumzeitung, 2006: Formschnitt als Rettungsversuch. 3/S. 12.
    • Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin, 2025: Ökologisches Grünflächenmanagement in Charlottenburg-Wilmersdorf – Buntes Treiben in Berlin.
    • BMUB, 2017: Weißbuch Stadtgrün – Grün in der Stadt – Für eine lebenswerte Zukunft. Berlin.
    • FLL, 2016: Bildqualitätskatalog Freianlagen – BK FREI, Bonn.
    • Hanisch, Cornelia, 2007: Nachqualifizierung vorhandener Grünstrukturen und ihr Einfluss auf ihre Wertermittlung. Masterarbeit BHT Berlin.
    • Köber, K., 2006: Platanenschnitt auf dem Kurfürstendamm. ProBaum 2, S. 19.
    • Loboda, S., 2006: Straßenbaum-Management in Berlin. AFZ, S. 660.
    • Taspo, 2006: Startschuss für Ku'damm im WM-Design. TASPO 9.6.2006.
    • Taspo, 2006: Formschnitt als Rettungsversuch für Platanen auf dem Kudamm. TASPO GaLaBau, 9.6.2006.
    Prof. Dr. habil. Hartmut Balder
    Autor

    Professor für Phytopathologie und Pflanzenschutz im urbanen Bereich

    Beuth Hochschule für Technik Berlin
     Jochen Flenker
    Autor

    Bezirksamt Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf, Leitung Straßen- und Grünflächenamt

    Ausgewählte Unternehmen
    LLVZ - Leistungs- und Lieferverzeichnis

    Die Anbieterprofile sind ein Angebot von llvz.de

    Redaktions-Newsletter

    Aktuelle GaLaBau Nachrichten direkt aus der Redaktion.

    Jetzt bestellen