Urbanes Stadt-Ökosystem

von:
Um Hitze, Dürre oder Starkregen zu begegnen, bieten sich naturbasierte Lösungen im urbanen Umfeld an. Diese mildern die Wetterextreme ab und halten die Lebensqualität in den Städten aufrecht. Um die Natur in der Stadt zu integrieren, werden die Prinzipien der Ökosysteme übernommen. Dazu bedarf es eines neuen Umgangs mit dem Grün und Boden in der Stadt. Es werden Lösungen aufgezeigt, die bereits umgesetzt wurden und die heute möglich sind. Darüber hinaus werden Gedanken entwickelt, wie die urbanen Räume zu einem echten Stadt-Ökosystem werden.
Schwammstadt Bauwerksbegrünung
Obertorplatz Hechingen. Asphalt wird zum grünen Platz mit Wasser, Spiel- und Aufenthaltsmöglichkeiten. Links vorher und rechts nach der Umgestaltung. Planung und Foto: Planstatt Senner, 2022

Der Klimawandel beschleunigt sich und ist immer spürbarer, besonders in Städten. Eine steinerne, graue und versiegelte Stadt heizt sich mehr auf, nimmt kaum Starkregen auf, bietet wenig Lebensraum für Tiere und Pflanzen und verbraucht zudem viele Ressourcen. Solche Städte sind nicht resilient gegenüber Veränderung und Extremen. Vorbild für resiliente Systeme sind in funktionierende Ökosysteme.

Durch die verschiedenen Kreisläufe bauen sie sich immer wieder auf und können auf Veränderungen besser reagieren. Letztendlich sind funktionierende Ökosysteme unsere Lebensgrundlage. Sie haben sich über Millionen von Jahren entwickelt und bewährt. Daher ist es sinnvoll, diese Kreisläufe in Städten zu integrieren und sich naturbasierten Systemen anzunähern.

Ökosysteme sind komplex, doch haben alle eines gemeinsam: Es sind Vernetzungen von lebendigen Organismen im Dreiklang von Produzenten, Konsumenten und Destruenten. Die Produzenten sind die Pflanzen, die Konsumenten die Tiere (einschließlich der Menschen) und die Destruenten die Bakterien, Pilze und Bodenlebewesen. Es gibt auch zwischen den drei Elementen Interaktionen und Vernetzung, doch der Hauptkreislauf ist der von Produzenten, über Konsumenten, zu Destruenten und schlussendlich wieder Produzenten.

In heutigen Städten braucht es mehr natürliche Produzenten und Destruenten. Die räumliche Verteilung dieser Elemente muss ausgeglichener verteilt und vernetzt werden. So ist es nicht effektiv und ökologisch, Lebensmittel und Produkte hunderte Kilometer in eine Stadt zu transportieren und sie dann wieder weit außerhalb auf Deponien zu entsorgen oder Schmutzwasser über lange Leitungswege in weit entfernte Kläranlagen zu pumpen und Energie aus fernen Regionen zu beziehen.

NL-Stellenmarkt

Relevante Stellenangebote
Regionalleiter/in Süd-West , Weimar  ansehen
Landschaftsplaner / Umweltingenieur (m/w/d) mit..., Wolfsburg  ansehen
Teamleiter:in (w/m/d) im Planungsbüro mit..., Frankfurt am Main  ansehen
Alle Stellenangebote ansehen
Schwammstadt Bauwerksbegrünung
Abbildung: Prinzip von Ökosystemen. Graphik: Tim Kaysers
Schwammstadt Bauwerksbegrünung
Wandbegrünte Module in der Innenstadt am Sparkassengebäude Rhein-Neckar Nord in Mannheim (Planstatt Senner/HT Architekten/Raumfreiheit/Fornatec, 2025). Bodengebundene Klettersysteme sind zu bevorzugen, doch ist dies nicht umsetzbar, sind Wandsysteme eine weitere Möglichkeit. Foto: Delker

Diese Kreisläufe müssen verkleinert und dezentralisiert werden – wie in natürlichen Ökosystemen. Als erster Schritt ist mehr Grün (Produzenten) in unseren Städten zu integrieren. Neben den klimatischen Vorteilen ist es Ausgangspunkt aller funktionierenden Ökosysteme. Die Stadtbegrünung ist mittlerweile immer mehr Realität. Einer der großen Hebel für mehr Stadtgrün ist die Mobilitätswende. Auf verkleinerten Straßen und vorherigen Parkplätzen können Bäume gepflanzt und Grünflächen mit Aufenthaltsmöglichkeiten angelegt werden.

Gibt es nur wenig Platz in der Fläche oder verhindern Leitungen eine Baumpflanzung, können die Pflanzen die Gebäude begrünen. Insbesondere bei begrünten Dächern gibt es viele Vorteile. Nicht nur wird die Dachhaut besser geschützt und hält somit länger, sondern ein begrüntes Dach dient als Wasserspeicher, senkt die zu zahlenden Abwassergebühren und mindert Hochwasserschäden.

Weitere Vorteile sind verbesserte Luftqualität, Lärmreduktion und Energieeinsparungen durch Dämmwirkung sowie ein Beitrag zum städtischen Grün und der Artenvielfalt¹. Begrünte Dächer lassen sich hervorragend mit neuen Aufenthaltsflächen kombinieren und schaffen einen weiteren nutzbaren Raum auf dem Gebäude.

Neben den Gründächern gibt es ein großes Potenzial von Fassadenbegrünung. Jeder Stadtmensch kann dies in seiner eigenen Stadt beobachten, indem die vielen ungenutzten Dach und kahlen Fassadenflächen zusammengezählt werden. In vielen Städten sind die Fassadenflächen drei bis viermal größer als die Grundflächen der Gebäude.

Es gibt keine Fassadenfläche, die sich nicht auch begrünen lässt. Neben den Kosten-Vorteilen bei der Dämmung, dem Wetterschutz an der Fassade und der Wertsteigerung der Immobilie sind vor allem die klimatischen Vorteile noch wirksamer als auf dem Dach². Denn eine begrünte Fassade wirkt direkt auf den Menschen im Außenraum durch die spürbare Kühlwirkung und verbesserte Luftqualität. Die grüne Blattoberfläche hat sich über Millionen von Jahren entwickelt und bewährt – es gibt keine innovativere und bessere Oberfläche als die der Pflanzen.

Schwammstadt Bauwerksbegrünung
Kaum spürbar, dass dies ein Dach ist. Begrüntes Dach im Wohngebiet Q5 Überlingen mit hoher Aufenthaltsqualität (Planung m67 Architekten/Planstatt Senner, 2022). Foto: Tim Kaysers

Die einfachste Art der Fassadenbegrünung sind bodengebundene Kletterpflanzen, die an einer Kletterhilfe oder bei geeigneten Wänden auch selbst die Fassade emporklettern. Deutlich kostenintensiver sind wandgebundene Systeme, die jedoch pro Quadratmeter mehr Vielfalt ermöglichen. Wichtige Faktoren beim Fassadengrün sind die Pflege und Wasserversorgung.

Vor allem Wasser wird zukünftig eine zentrale Rolle spielen. Erst kürzlich kam in den Nachrichten, dass ganz Teheran wegen einer anhaltenden Dürre evakuiert werden soll³. Sicherlich sind wir da in Deutschland noch weit entfernt, doch muss das Wasserthema global betrachtet werden. Sauberes und gut verteiltes Wasser wird das zukünftige Gold. Nach wir vor wird in Deutschland zu viel Wasser verschwendet.

Es sollte viel mehr Regenwasser pflanzenverfügbar gemacht und gespeichert werden. Das Schlagwort ist die Schwammstadt, die versucht die natürliche Wasserhaushaltsbilanz wiederherzustellen. Diese zeigt auf, dass das meiste Regenwasser über die Pflanzen verdunstet. Dieses Prinzip hat sich schon vielfach bewährt. Das Regenwasser wird beispielsweise auf Dächern, an Fassaden, auf Tiefgaragen, in Gewässern oder in Zisternen gespeichert und pflanzenverfügbar gemacht.

Das Credo bei uns im Büro ist, ist, dass kein Regentropfen das Gebiet in einer Leitung verlässt beziehungsweise die Wiederherstellung der natürlichen Wasserbilanz. Das Wasser fließt also nicht den Berg herunter, sondern es fließt über die Pflanzen aufwärts – das ist das Ziel.

Teil der Schwammstadt ist auch die natürliche Wasserreinigung von verschmutztem Regenwasser oder Abwasser. Um an dieser Stelle naturbasierte Systeme zu integrieren, sollten natürliche Reinigungszonen geschaffen werden. Dies können Pflanzenkläranlagen und die belebte Oberbodenschicht sein, welche das Wasser auf natürliche Weise reinigen. Diese Wasserreinigung wird schon lange in Naturteichen umgesetzt.

Auch öffentliche Gewässer können so gereinigt werden. Die grünblaue Stadt ist schon heute möglich. Doch um sich den Ökosystemen noch mehr anzupassen, sollten wir noch weiterdenken. Wird mehr Platz für Grün geschaffen, kann dies auch zur Ernährung dienen und als Rohstoff für Materialien verwendet werden. Grün sollte die Ausgangsbasis und nicht nur Zierde sein.

Mehr Grün könnte hervorragend mit dem Konzept der Bioökonomie4 verbunden werden. Für diese braucht es viel Biomasse, die in einer kaskadenförmigen Nutzung in der naturbasierten Stadt verwendet werden kann. Die Nutzung der Biomasse sollte und kann jedenfalls vielfältig sein. Dadurch lohnt sich auch die Pflege des Grüns. Denn durch Pflege wird wertvolle Biomasse gewonnen. Pflege bedeutet zukünftig nicht Geldverlust, sondern Ressourcengewinn.

Schwammstadt Bauwerksbegrünung
Wohnprojekt Naturella in Langenargen. Kein Regenwassertropfen verlässt das Gebiet in einer Leitung (Planung Planstatt Senner mit Plösser Architekten und Umsetzung Reisch Bau, Bauherr Fränkel AG, 2025) Foto: Kaysers Foto: Tim Kaysers

Um noch tiefer in eine mögliche Ökosystemstadt einzusteigen, sollten wir noch größere Visionen diskutieren. Dabei betrachten wir das Thema Destruenten. Das bedeutet, dass die Biomasse der Pflanzen, alle Reststoffe (auch die Fäkalien der Menschen) und Materialien auf natürliche Weise abgebaut werden.

Dies jedoch in Städten zu implementieren, braucht einen kompletten Systemwandel hin zu der zuvor genannten Bioökonomie und einer abfallfreien und kaum versiegelten Stadt. Einer Stadt, in der alles recycelt, abgebaut und wiederverwendet wird.

Das mag eine Utopie sein, doch es gibt nichts Nachhaltigeres als dieses natürliche Prinzip. Daher ist es sinnvoll diese Gedanken zu thematisieren. Für den Abbau braucht es viel Fläche und eine neue Architektur und Stadtplanung.

Der erste Schritt könnte die Reduzierung von Leitungen im Untergrund sein. Grünflächen verdienen einen mindestens ebenso hohen Stellenwert wie technische Infrastrukturen. Regenwasserleitungen können durch die Umsetzung des Schwammstadtprinzips eingespart werden. Weniger Schmutzwasserleitungen sind durch mehr Trockentoiletten und Pflanzenkläranlagen möglich.

Auch der Rückbau von Gasnetzen hin zu einer strombasierten Energieversorgung reduziert Leitungen. Zwar braucht es für die Energiewende weitere Stromleitungen, doch diese sind gegenüber Baumwurzeln unempfindlicher und können leichter geschützt werden. Einer der größten Hebel ist jedoch die zuvor angesprochene Mobilitätswende.

So werden große Flächen im urbanen Raum frei und könnten als Grün- und Filterzonen genutzt werden. Auch die Architektur kann sich der Natur anpassen. Etwa durch leichtere Holzgebäude, die aufgeständert über dem Boden schweben und ihn nicht versiegeln. Beispielhafte Modulhäuser wurden von der Technischen Hochschule Köln mit metabolon in Lindlar entwickelt und getestet5.

Noch weiter geht die Vision der Baumgebäude in der Phytostadt6. Mehr Platz für Pflanzen und Boden im urbanen Raum zu schaffen ist sicher eine große Herausforderung und braucht weitere Detaillösungen. Doch der große Vorteil ist, dass wir dazu nichts neu erfinden müssen, sondern bewährte Natursysteme integrieren.

In einer betonierten und technischen Welt verlieren wir Lebensqualität und Lebensgrundlage. Smarte, technische Lösungen können allenfalls naturbasierte Systeme ergänzen, jedoch niemals ersetzen. In einer Natur basierten Welt gewinnen wir Leben in allen Bereichen.

Schwammstadt Bauwerksbegrünung
Abbildung: Natürliche Wasserreinigung am Inselsee in Stuttgart. Planung und Foto: Planstatt Senner (2024)

Die Richtung hin zu einer Ökosystemstadt beziehungsweise die Integration der Natur in der Stadt wird auf verschiedenen Weisen verfolgt. Ein Beispiel ist die "Stadt als Natur" durch die Stiftung BiotopeCity7 in Wien. Dort wird die Vision verfolgt, dass sich die Bewohner und Bauten der Stadt wieder in den Zyklus der Natur einbetten.

Die lebendige organische Welt wird zum Element der Gestaltung und das Grün verwebt und verschränkt sich mit der grauen Stadt. In Leipzig gibt es seit Oktober 2025 den KreisLauf8, ein Rundweg durch die Stadt, der den Bewohnerinnen die Zirkularität im Alltag näherbringt und aufzeigt.

Praktische Erfahrungen werden schon seit vielen Jahren in ökologischen Siedlungen wie in Düsseldorf-Unterbach oder in Berlin im Roof-Water-Farm Reallabor9 gesammelt.

Bei der Suche nach Lösungen im urbanen Raum hilft öfters auch der Blick weit zurück. So war die aztekische Stadt Mexiko City vor 500 Jahren schon damals eine der größten Städte weltweit. Die Stadt wurde durchzogen von Wasserstraßen und schwimmenden Inseln10, die sich in die Natur einfügten und selbst ein eigenes Ökosystem bildeten.

Danach kamen die Kolonialisten, sie legten die Stadt trocken und bauten eine moderne Stadt auf, die nicht auf die Ökologie des Ortes einging. Heute leidet Mexico City an Wassermangel und Trockenheit. Die Renaturierung der Stadt wäre der Ausweg.

Lösungen für Materialkreisläufe nach dem Prinzip der Natur werden bereits wieder praktiziert und über das Prinzip Cradle to Cradle¹¹ in die heutige Zeit übertragen. Ein weiterer Schritt wäre die Umstellung in eine Ökosystemstadt, welche die Natur selbst integriert. Die pflanzlichen Produzenten, die Boden-Destruenten und Wasser sollten dabei eine wichtige Rolle spielen.

Denn die Ökosystemstadt setzt ganz auf Kreisläufe und Vernetzung. Grün ist dabei nicht nur die Grundlage, sondern auch das Prinzip. Es gibt keine effektivere Lösung gegen Hitze, Dürre, Starkregen, Ressourcenmangel und Krisen als die grünblaue und naturbasierte Stadt.

Internetquellen:
1 Link: https://www.gebaeudegruen.info/wissen-und-ressourcen/gebaeudebegruenung/dachbegruenung/

2 Link: https://www.gebaeudegruen.info/wissen-und-ressourcen/gebaeudebegruenung/fassadenbegruenung/

3 Link: https://www.merkur.de/politik/wir-muessen-vielleicht-teheran-evakuieren-die-katastrophe-die-iran-bedroht-zr-94035342.html

4 Link: https://biooekonomie.de/themen/was-ist-biooekonomie

5 Link: https://www.bavweb.de/-metabol...

6 Link: https://www.buechner-verlag.de/buch/phyto-for-future-mit-pflanzen-aus-der-klimakrise/

7 Link: https://biotope-city.net/

8 Link: https://dbfz.pageflow.io/kreislauf-start

9 Link: https://regenwasseragentur.berlin/inspirieren-lassen/projektdatenbank/roof-water-farm/

10 Julia Watson, Lo-Tek Water, Taschen Verlag, 07.2025, Seite 545

11 Link: https://c2c.ngo/

Dipl.-Ing. Tim Kaysers
Autor

Landschaftsarchitekt, Teamleiter Objektplanung

Planstatt Senner GmbH

Ausgewählte Unternehmen
LLVZ - Leistungs- und Lieferverzeichnis

Die Anbieterprofile sind ein Angebot von llvz.de

Redaktions-Newsletter

Aktuelle GaLaBau Nachrichten direkt aus der Redaktion.

Jetzt bestellen