Maßnahmen zur Klimaanpassung

Verbesserung der Standortbedingungen für Straßenbäume im Schillerkiez

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Straßenbäume sind essenziell für die Lebensqualität in Städten. Im Schillerkiez, einem dicht besiedelten Stadtquartier in Berlin-Neukölln nahe dem ehemaligen Flughafen Tempelhof, stehen diese Straßenbäume vor besonderen Herausforderungen. Die Straßenräume sind eng und stark versiegelt. Der Bezirk Neukölln hat begonnen Maßnahmen zu ergreifen, um die Standortbedingungen für die Bäume zu verbessern und das Stadtviertel an die Auswirkungen des Klimawandels anzupassen.
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Typischer Straßenraum im Schillerkiez als Ausgangssituation. Beidseitig gibt es Parkstreifen für Autos. Als Straßenbäume stehen Linden verschiedener Arten und Sorten. Foto: hochC Landschaftsarchitektur

Das Straßen- und Grünflächenamt des Bezirks hat im Rahmen des Integrierten Stadtentwicklungskonzepts (ISEK) "Lebendiges Quartier Schillerpromenade" 2022 eine Baumleitplanung für den Schillerkiez erstellen lassen. Das Gutachten wurde durch ein Planungsbüro in Kooperation mit weiteren Fachplanern und in enger Zusammenarbeit mit verschiedenen Fachbehörden erarbeitet und stellt Grundlagen für die Umgestaltung der Straßen zur Verfügung.

Planerische Ausgangssituation

Mit dieser Planung gibt es nun ein Konzept zur Anpassung des Baumbestands und der Baumscheiben an den Klimawandel. Für Berlin wird in den nächsten Jahrzehnten eine weitere Zunahme von Hitzetagen und Tropennächten vorhergesagt. Insbesondere im Sommer ist die Trockenheit bereits jetzt ein begrenzender Faktor für die Vitalität der Bäume, was sich mit steigenden Sommertemperaturen noch verstärken wird. Durch Suchgrabungen wurde stichprobenhaft eine Analyse des Wurzelraums der Bäume vorgenommen. Es stellte sich heraus, dass die Baumwurzeln überwiegend unter den Gehwegen verlaufen. Der Boden ist im Parkstreifen unterhalb der KFZ-Stellplätze so stark verdichtet, dass die Luftkapazität für Baumwurzeln nicht ausreicht und dass diese Flächen deshalb nicht Teil des Wurzelraums der Bäume sind. Die Gehwege sind zur Straße geneigt, so dass das Oberflächenwasser schnell abfließt und nicht ausreichend Wasser innerhalb des Wurzelraums der Bäume versickern kann. Es werden im Gutachten Maßnahmen aufgezeigt, wie die Standorte von Straßenbäumen so verbessert werden können, dass mehr Regenwasser versickert und der Wurzelraum der Bäume in den Parkstreifen ausgeweitet werden kann.

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Vor der Erweiterung waren die Baumscheiben zumeist sehr eng. Foto: hochC Landschaftsarchitektur

Das Oberflächenwasser der Gehwege soll vergrößerten, aufgelockerten und mit Substrat ertüchtigten Baumscheiben zugeleitet werden durch – wo möglich - Änderungen in der Gefällesituation der anstehenden Beläge um dort zu versickern. Ziel ist es, den Bäumen möglichst gute Voraussetzungen zu schaffen unter dem Aspekt sich fortschreitend verschärfenden Bedingungen des Klimawandels und der Zunahme von Stressfaktoren. Für die Neupflanzung auf freien und freiwerdenden Baumscheiben werden angepasste Baumarten ermittelt. Die Bäume müssen unter den derzeitigen Standortbedingungen geeignet sein und sollten auch in 30 bis 50 Jahren unter den dann prognostizierten klimatischen Bedingungen noch standortgerecht und mit akzeptablem Aufwand pflegbar sein, insbesondere im Hinblick auf den Wasserbedarf. Dabei wird auf eine gemischte Artenauswahl gesetzt, um das Risiko von Totalausfällen zu vermeiden. Diese werden standortgerecht nach räumlichen und gestalterischen Erwägungen für die einzelnen Straßen vorgesehen. Für jede Straße werden nach gestalterischen Gesichtspunkten zwei neue Arten der Bestandsart zugeordnet. Die Arten sollen nach Blatt- und Wuchsform sowie Blattgröße zueinander passen. Mit den Pflanzungen soll eine klimatisch angepasste Situation erhalten werden. Durch die Beschattung des Straßenraums werden Temperaturspitzen im gesamten Viertel abgepuffert.

Standortbedingungen der Straßenbäume im Schillerkiez

Der Schillerkiez wird derzeit durch einen sehr umfangreichen Baumbestand geprägt, der aus insgesamt circa 950 öffentlichen Bäumen (davon rund 815 Straßenbäume) besteht, darunter überwiegend Linden verschiedener Arten und Sorten. Die Standortbedingungen sind jedoch oft suboptimal, weil es an durchwurzelbarem Boden mangelt und die Wasserversorgung nicht ausreicht. Die Bäume werden nach der Pflanzung bis zum 10. Standjahr von beauftragten Firmen und dem Grünflächenamt gegossen, ältere Bäume werden jedoch in der Regel nicht mehr in das Wässern einbezogen. Untersuchungen zeigten, dass viele Bäume unter den städtischen Bedingungen, insbesondere durch Hitze und Flächenversiegelung leiden. Die Vitalität der Bäume im Kiez ist zwar noch größtenteils befriedigend, jedoch gibt es aufgrund des Mangels an durchwurzelbarem Boden Einschränkungen und es kommt kontinuierlich zu Ausfällen von Bäumen. Besonders an heißen Sommertagen heizen sich die versiegelten Flächen stark auf, die Luftfeuchtigkeit sinkt und die Bäume leiden unter Hitzestress.

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Mit der Baumleitplanung wurden insgesamt 18 klimaverträgliche Arten und Sorten festgelegt. Für die nachzupflanzenden Bäume in den einzelnen Straßen werden jeweils Kombinationen zweier Baumarten vorgesehen. Foto: hochC Landschaftsarchitektur

Maßnahmen zur Verbesserung

Um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen und den vielfältigen Nutzungsansprüchen "gerecht" zu werden hat der Bezirk Neukölln als Modellprojekt im Herbst 2023 die Umgestaltung eines Abschnitts der Weisestraße zwischen Mahlower und Selchower Straße vorgenommen. Eine zentrale Maßnahme ist die Vergrößerung der Baumgruben und -scheiben. Diese ging mit einer Neugestaltung des Straßenraums einher, bei der auch im Fahrbahnbereich Stellplätze für Autos entsiegelt und durch Fahrradstellplätze ersetzt wurden.

Teile des Unterstreifens der Gehwege und Teile der Parkstreifen wurden entsiegelt, gelockert und mit Baumsubstrat aufgefüllt. Die Oberfläche der Gehwege wurde zudem so gestaltet, dass Regenwasser gezielt in die Baumscheiben geleitet wird. Eine leichte Ausmuldung dient dem Rückhalt von Oberflächenwasser. Durch eine Ansaat mit Gräsern und Kräutern erfolgte eine Begrünung der erweiterten Baumscheiben im Gehwegbereich. Die Bäume gewinnen mehr Wurzelraum und ihre Wasserzufuhr wird verbessert. Die Begrünung bewirkt eine verminderte Aufheizung der Flächen durch Sonneneinstrahlung.

Großteils wurden Baumgruben/-scheiben bis in den Fahrbahnbereich hinein erweitert. Die Stellplatzbefestigung (Granitgroßsteinpflaster) wurde entfernt, der Boden dort auf -120 Zentimeter GOK ausgekoffert und durch Baumsubstrat ersetzt. Abschließend wurde in diesen Bereichen wassergebundene Wegedecke / Tennenbelag eingebaut. Entscheidend für die Durchwurzelbarkeit ist das neu eingebrachte Substrat, das mit seinem Porenvolumen langfristig die Belüftung und Wasserdurchlässigkeit verbessert. Die Standortbedingungen werden dadurch entscheidend aufgewertet. Fahrradbügel und Poller schützen die Wurzelbereiche vor Verdichtung durch parkende Autos.

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Schnittdarstellung. Für die Erweiterung der Baumscheiben im Gehweg und auf den Stellplätzen wird der Standort durch verdichtbares Baumsubstrat aufgebessert. Foto: hochC Landschaftsarchitektur

Neugestaltung des Straßenraums und Stellplätze

Ein wesentlicher Aspekt der Maßnahmen war die Neugestaltung des Straßenraums, um den städtischen Raum sowohl für Bäume als auch für den Fahrradverkehr zu optimieren. In einem weiteren Projekt in der Oderstraße wurde die Straße in eine Fahrradstraße umgestaltet wobei auch dort Baumscheiben vergrößert und Vegetationsstreifen eingefügt wurden. Diese Streifen helfen, die Wurzeln vor Verdichtung zu schützen und das Regenwasser zu speichern. Fahrradbügel und versickerungsfähige Beläge wurden eingeführt, um den Boden wasserdurchlässig zu halten und die Verfügbarkeit von Wasser für die Bäume zu verbessern. Die Verringerung des Straßenquerschnittes trug hier ebenfalls zur Vergrößerung des Wurzelraums der Bäume bei.

Diskussion

Die ersten auf Grundlage der Baumleitplanung durchgeführten Maßnahmen werden deutliche positive Effekte auf die Vitalität der Straßenbäume haben. Insbesondere die Vergrößerung der Baumgruben/-scheiben und die Verwendung von wasserdurchlässigen Belägen verbessern die Wasser- und Luftversorgung der Bäume signifikant. Die Maßnahmen tragen zur Anpassung des Stadtgrüns an den Klimawandel bei, indem sie eine bessere Temperaturregulierung und Wasserversorgung ermöglichen. Die Baumleitplanung im Schillerkiez hat das Ziel, dass solche Maßnahmen das Stadtklima insgesamt positiv beeinflussen indem mehr Bäume, gesündere Bäume und eine vielfältigere Artenauswahl die Straßenräume beschatten.

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Im Stellplatzbereich wird die erweiterte Baumscheibe mit wassergebundener Wegedecke befestigt und als Fahrradstellplatz ausgebildet. Foto: hochC Landschaftsarchitektur
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Für neu gepflanzte Bäume wird die engere Baumscheibe mit Feinschotter gemulcht und die entsiegelte Fläche angesät. Über die Jahre wird sich hier Trittvegetation entwickeln. Foto: hochC Landschaftsarchitektur

Allerdings sind diese Maßnahmen nicht ohne Herausforderungen. Die Umsetzung ist mit hohen Kosten verbunden, und die langfristige Pflege der Baumscheiben erfordert zusätzliche Ressourcen. Bisher wird die Baumscheibenpflege in Neukölln nur mit großen zeitlichen Abständen vorgenommen, so dass vielfach Abfälle und ungepflegte Vegetation das Bild prägen. Zudem besteht in Neukölln die Herausforderung darin, die Maßnahmen auf andere Quartiere auszuweiten und dabei sowohl die baulichen Gegebenheiten als auch die Bedürfnisse der Anwohner zu berücksichtigen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Auswahl der richtigen Baumarten. Im Zuge der Nachpflanzungen werden hitze- und trockenheitsresistente Arten ausgewählt, um den künftigen klimatischen Bedingungen besser standhalten zu können. Dies ist ein wichtiger Schritt zur Sicherung des Baumbestandes im urbanen Raum.

Fazit

Die Baumleitplanung und die umgesetzten Maßnahmen im Schillerkiez haben gezeigt, dass es möglich ist, die Standortbedingungen für Straßenbäume in dicht besiedelten städtischen Quartieren "niedrigschwellig", das heißt mit relativ einfachen Eingriffen nachhaltig zu verbessern. Die Anpassung an den Klimawandel durch innovative Konzepte wie die Schwammstadt und die multifunktionale Straßenraumgestaltung bietet eine vielversprechende Zukunftsperspektive für das urbane Grün und die Bevölkerung in der Stadt.

Zukünftige Projekte sollten weiterhin auf eine Kombination von baulichen Maßnahmen, den bis dahin gemachten praktischen Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen setzen.

 Guido Fellhölter
Autor

Sachgebietsleiter Straßenbäume und Straßenbegleitgrün

Bezirksamt Neukölln von Berlin, Straßen- und Grünflächenamt
 Frank Riebesell
Autor

Garten- und Landschaftsarchitekt

hochC LANDSCHAFTSARCHITEKTUR GmbH

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