Von der Zierfläche zum Lebensraum
Naturnahe Gärten
von: Dominik Jentzsch
Studien zeigen, dass naturnahe Grünflächen die Artenvielfalt fördern, das Mikroklima verbessern, und das Wohlbefinden der Bewohner steigern (Marselle et al., 2020; Methorst et al., 2021; Spieß et al., 2024). Durch heimische Pflanzen und vielfältige Strukturen entstehen Orte, die ganzjährig Lebensraum und Nahrung für zahlreiche Tierarten bieten. Selbst in einem kleinen innerstädtischen naturnahen Garten wurden 1000 Arten nachgewiesen (Zehm et al., 2024). Dies zeigt das Potenzial selbst kleinster Flächen für die Artenvielfalt. Unternehmen in den "Grünen Berufen" können mit einer naturnahen Gestaltung und Pflege einen entscheidenden Beitrag zum Artenschutz leisten und dem wachsenden Umweltbewusstsein gerecht werden.
Innovative Gestaltungskonzepte
Ein vielversprechendes Konzept im Wohnungsbau ist der "PikoPark". Inspiriert von englischen "Pocket Parks" handelt es sich hierbei um kleine, naturnahe Parkflächen von etwa 300 m² (Wissenschaftsladen (WILA) Bonn, 2021). Sie ermöglichen Naturerfahrung und Begegnung direkt vor der Haustür, und erlauben die aktive Beteiligung der Mieterschaft. (Bild 1)
Ein anderes Konzept sind die "Trittsteinbiotope". Sie dienen als Verbindungselemente zwischen Lebensräumen und sind gleichzeitig selbst Lebensräume. Diese kleinen, strukturreichen Beete bieten Tieren Verstecke und fördern die Ausbreitung von Pflanzen und Tieren im städtischen Raum. In Berlin wurden zahlreiche Trittsteinbiotope mit einer Größe von 20 bis 40 m² angelegt, die zur Vernetzung beitragen. Sie finden fast überall Platz und können je nach Standort mit schattenverträglichen und/oder lichtbedürftigen heimischen Pflanzen geplant werden. (Bild 2)
NL-Stellenmarkt




Ein weiterer Ansatz ist die Umwandlung artenarmer Rasenflächen in artenreiche Blumenwiesen. Durch die Aussaat von regionalem Wildblumensaatgut und durch die Pflanzung von heimischen Stauden und Zwiebelpflanzen kann die Artenvielfalt erheblich gesteigert werden. Ein Beispiel ist die "Robinson'sche Wiese" in Ingolstadt, auf der sich die Anzahl der Pflanzenarten von 75 auf bis zu 199 erhöhte (Wittmann & Maurer in: Hölzer & Hoppen, 2024).
Schlüsselrolle für die Biodiversität: heimische Pflanzen
Heimische Wildpflanzen sind die Grundlage für einen selbsterhaltenden Naturgarten und spielen eine entscheidende Rolle für die Artenvielfalt. Insekten sind oft auf bestimmte heimische Pflanzenarten spezialisiert. Beispielsweise finden die Raupen des Kaisermantels (Argynnis paphia) nur an Veilchen (Viola spec.) die richtige Nahrung. Die Weibchen der Dunkelfransigen Hosenbiene (Dasypoda hirtipes) sind auf wenige Korbblütlerarten angewiesen, um Pollen für ihren Nachwuchs zu sammeln. Geranien (Pelargonium spec.) aus Südafrika oder Fuchsien (Fuchsia spec.) aus Peru können diese nicht ersetzen.
Exotische Pflanzen bieten wenig Nutzen für die heimische Insektenfauna. Thujahecken haben kaum mehr ökologischen Wert als ein grüner Plastikzaun. Was macht heimische Wildpflanzen so wertvoll? Sie sind an die lokalen Bedingungen angepasst, vermehren sich selbstständig und bilden stabile Pflanzengemeinschaften. Rund 1000 heimische Wildpflanzen könnten in unseren Gärten gedeihen. Darüber hinaus dienen die Früchte und Samen heimischer Pflanzen als wichtige Nahrungsquelle für Säugetiere, Vögel, Insekten und andere Tiere.


Tipps für die Pflanzenwahl
Bevorzugen Sie heimische Wildformen, die Sie standortgerecht pflanzen. Diese bieten das ganze Jahr über Nahrung für die heimische Tierwelt.
Einjährige Pflanzen wie Nelken-Leimkraut (Silene armeria), Kornblume (Centaurea cyanus) oder Klatschmohn (Papaver rhoeas) bringen im ersten Jahr Farbe auf die Fläche. Zweijährige Arten wie Natternkopf (Echium vulgare) oder Königskerzen (Verbascum spec.) brauchen zwei Jahre bis zur vollen Entfaltung. Mehrjährige Pflanzen wie Färberkamille (Anthemis tinctoria) und Skabiosen-Flockenblume (Centaurea scabiosa) bieten dauerhaft Nahrung. Trockenheitsverträgliche Arten wie Steppen-Wolfsmilch (Euphorbia seguieriana) sind zudem pflegeleicht. Der ebenfalls trockenresistente Gewöhnliche Hornklee (Lotus corniculatus) nützt 57 Wildbienenarten und 46 Schmetterlingsarten (Bild 3) (Hölzer & Hoppen). Allein dieses kleine Gewächszeigt, dass auch unscheinbare Pflanzen wichtig sind.
Auch Gehölze sollten in einer naturnahen Gestaltung nicht fehlen: Felsenbirne (Amelanchier ovalis), Eberesche (Sorbus aucuparia) und Schwarzer Holunder (Sambucus nigra) bieten Vögeln Nistplätze und Nahrung. Auch hier gilt: Heimische Wildformen sind exotischen und/oder gezüchteten Gehölzen vorzuziehen. Der Eingriffelige Weißdorn (Crataegus monogyna) bietet 32 Vogelarten Nahrung, während die Züchtung des Lederblättrigen Weißdorns (Crataegus lavallei 'Carrierei') nur drei Vogelarten nutzt. Der Gemeine Wacholder (Juniperus communis) spendet 43 Vogelarten Nahrung, im Gegensatz zum Chinesischen Wacholder (Juniperus chinensis), der lediglich einer Vogelart Futter liefert (Witt, 2013).
Lebensräume schaffen: Vielfalt durch Struktur
Neben heimischen Pflanzen sind vielfältige Strukturen entscheidend, um einen vielfältigen Lebensraum zu erhalten. Je abwechslungsreicher die Strukturen, desto mehr Tierarten finden Unterschlupf, Nistmöglichkeiten und Nahrung.
Totholz ist ein wertvoller Lebensraum für Insekten, Pilze und Vögel. Liegendes Totholz bietet Käferlarven Nahrung und Unterschlupf. Stehendes Totholz dient Spechten als Nahrung und anderen Vögeln als Sitzwarte (David, 2020). Auch Benjeshecken und Totholzhaufen bieten vielen Tieren Schutz und Lebensraum. (Bild 4)
Steinhaufen und Trockenmauern speichern Wärme. Eidechsen, Wildbienen, Kröten und Kleinsäuger nutzen sie gerne als Unterschlupf. Wasserelemente wie Teiche oder Sumpfbeete locken Frösche, Kröten, Libellen und andere wasserliebende Tiere an. Wussten Sie schon: Für einen kleinen Teich brauchen Sie nur einen Arbeitstag!
Künstliche Nisthilfen für Wildbienen, Vögel und Fledermäuse ergänzen das Angebot an natürlichen Nistmöglichkeiten. Sandhaufen oder Lehmhügel bieten bodennistenden Tieren Möglichkeiten zur Nestanlage.



Nachhaltige Pflege – Weniger ist mehr
Die Pflege von naturnahen Gärten unterscheidet sich von der klassischen Grünflächenpflege. Das Grundprinzip lautet: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Das Ziel dabei ist, natürliche Prozesse zu unterstützen, ein natürliches Gleichgewicht der Pflanzengemeinschaften zu erreichen, und Lebensräume für Tiere zu schaffen. Dabei gilt es, die folgenden Pflegehinweise zu beachten:
Mahd von Wiesen: ein- bis zweimal pro Jahr mähen, Schnittgut entfernen; in Teilflächen mähen, um Rückzugsräume zu bieten.
Schnitt von Stauden: im Frühjahr schneiden, abgeblühte Samenstände über den Winter stehenlassen.
Umgang mit Laub: unter Gehölzen liegen und vererden lassen, Laubhaufen mit Reisig für Igel anlegen.
Unkrautkontrolle: problematische Unkräuter wie Quecken oder Giersch entfernen.
Bewässerung: standortgerechte Pflanzenwahl minimiert Wasserbedarf, zusätzliche Bewässerung meist nur in der Anwachsphase nötig.
Nach der bunten Blüte folgt die braune Jahreszeit
Nicht alle Menschen empfinden den Anblick von struppigen Wiesen und braunen Fruchtständen im Herbst als ästhetisch. Viele Menschen assoziieren diesen Anblick mit Unordnung und bevorzugen akkurat geschnittene Rasenflächen. Das kann zu Konflikten im Wohnumfeld führen. (Bild 6)
Hier setzt das "Vokuhila"-Prinzip ("vorne kurz, hinten lang") an, das als Kompromiss zwischen den Bedürfnissen von Mensch und Natur dient. Indem der vordere, sichtbare Bereich gemäht wird, entsteht ein gepflegtes Erscheinungsbild, das die Akzeptanz erhöht. Der hintere Bereich bleibt naturnah und bietet wertvollen Lebensraum. (Bild 7)
"Viele Menschen wünschen sich eine artenreiche, lebendige Umgebung. Doch wenn es dann konkret wird, reagieren manche erst mal skeptisch." – Dr. Corinna Hölzer, Gründerin und Leiterin der Stiftung für Mensch und Umwelt
Welche Bedeutung haben Partizipation und Kommunikation?
Die Einbindung der Anwohner sowie aller relevanten Akteure und Interessensgruppen ist entscheidend für die Akzeptanz und den Erfolg naturnaher Gestaltungsprojekte im Wohnungsbau. Für ein effektives Verfahren ist es wichtig, die verschiedenen Planungsstufen zu berücksichtigen und den Beteiligungsgrad sowie die Einbindung der jeweiligen Akteure an die spezifischen Ziele und den Handlungsspielraum des Projekts anzupassen (Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), 2019). GaLaBau-Unternehmen können eng mit den Flächeneigentümern zusammenarbeiten. Geeignete Partizipationsformate fördern die Identifikation mit den Anlagen und können Vandalismus vorbeugen. (Bild 8)
Herausforderungen liegen in der Koordination unterschiedlicher Interessen. Chancen bieten sich durch Nutzung des lokalen Wissens und Stärkung des Gemeinschaftssinns.



Bewährte Kommunikationsstrategien sind
Infoveranstaltungen: Information über Ziele und Maßnahmen des Projekts.
Workshops: gemeinsame Planung und Gestaltung der Flächen.
Hauswurfsendungen: regelmäßige Information über den Projektfortschritt, dass jahreszeitliche Erscheinungsbild und die Pflege der Fläche.
Infotafeln: erklärende niedrigschwellige Tafeln, die Anwohnern und Passanten ein besseres Verständnis für die Strukturen vermitteln.
Einweihungsfeste: fördern die Akzeptanz und Identifikation der Anwohner durch gemeinsames Feiern und Kennenlernen der neuen Grünfläche. (Bild 9)
Vorteile und Herausforderungen naturnaher Gärten
Naturnahe Gärten bieten zahlreiche Vorteile für Mensch und Natur: Sie fördern die Biodiversität, schaffen Erholungsräume und tragen zur Klimaanpassung bei, indem sie die Umgebung kühlen und Regenwasser besser aufnehmen.
Herausforderungen
Akzeptanz: ungewohntes Erscheinungsbild erfordert Aufklärungsarbeit.
Pflege: erfordert Fachwissen und unterscheidet sich von konventionellen Methoden.
Kosten: Kosten für die Anlage können zunächst höher sein, langfristig können durch geringere Pflegekosten Einsparungen erzielt werden.
Finanzierung und Bezugsquellen
Für die Umgestaltung von Flächen mit Bautechnik sollten mindestens 150 bis 200 Euro netto pro Quadratmeter eingeplant werden. Naturnahe Flächen können auch deutlich günstiger sein, wenn keine Mauern und Wege gebaut oder große Mengen an Boden bewegt werden müssen. Je nach Aufwand der Bodenvorbereitung können Blumenwiesen inklusive Blumenzwiebeln für 5 bis 15 Euro netto pro Quadratmeter angelegt werden.
Zur Realisierung naturnaher Flächen können Förderungen beansprucht werden! Auf Bundesebene unterstützt beispielsweise das "Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz" (ANK) Kommunen und Unternehmen (BMUV, 2023). Zudem können Eigenleistungen durch die Anwohner, wie Pflanzaktionen oder die Pflege der Flächen Kosten reduzieren und identitätsstiftend sein.
Jeder Quadratmeter zählt!
Naturnahe Gärten leisten einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz und steigern nachweislich die Lebensqualität der Menschen. Jeder Quadratmeter, der mit heimischen Pflanzen und vielfältigen Strukturen gestaltet wird, bietet Insekten, Vögeln und anderen Tieren Nahrung und Lebensraum. Die Zeit ist reif, das Portfolio von GaLaBau-Unternehmen um ein grünes, zukunftsgerichtetes Gestaltungs- und Pflegeangebot zu erweitern.
Literatur
BMUV/Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (Hrsg.) (2023): Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz. Kabinettsbeschluss vom 19. März 2023. BMUV. Berlin: 86 S.
David W. (2020): Lebensraum Totholz. Gestaltung und Naturschutz im Garten. pala-verlag. Darmstadt: 180 S.
IÖW (2019): Partizipation in der Grünflächenplanung. Für mehr Biodiversität und eine bessere Anpassung an die Folgen des Klimawandels. Ein Leitfaden. Berlin.
Marselle, M. R., Bowler, D. E., Watzema, J., Eichenberg, D., Kirsten, T., & Bonn, A. (2020): Urban street tree biodiversity and antidepressant prescriptions. Scientific Reports, 10(1), 1–11.
Methorst, J., Rehdanz, K., Mueller, T., Hansjürgens, B., Bonn, A., & Bohning-Gaese, K. (2021). The importance of species diversity for human well-being in Europe. Ecological Economics, 181, 106917.
Holzer, C. & Hoppen, C. (2024): Naturnahe Wohnquartiere. Lebendige Oasen zwischen Häuserzeilen. Natur & Garten, Heft 3.24.
Spieß, C.K., Daelen, A., Diabate, S., Kriechel, L., Ruger, H., Stawarz, N., Barschkett, M. (2024): BiB Monitor Wohlbefinden 2024: Regionale Unterschiede in der Lebenszufriedenheit in Deutschland. Hrsg. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Wiesbaden.
Stiftung für Mensch und Umwelt (2023): Der Handlungsleitfaden: Naturnahe Gestaltung von Wohnquartieren. Praxistipps für Planung, Anlage und Pflege, ISBN 978-3-00-075040-3.
Wila Bonn/Wissenschaftsladen Bonn e. V. (Hrsg.) (2021): PikoPark. Treffpunkt Vielfalt. Naturnahe Gestaltung von Wohnquartieren. Bonn; 19 S.
Witt, R. (2013): Firmengelände in Neu-Ulm: Pflegekosten Schurrasen, Blumenrasen, Blumenwiese, Wildblumensaum
Zehm, A., Blick, T., von Brackel, W., Brau, M., Fuchs, H. & Guggemoos, T. (2024): 1000 Arten im Garten – selbst kleine Haus gärten können zur Artenvielfalt beitragen. – Anliegen Natur 46(1): 63–74, Laufen.
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