Wie Unternehmen in Thüringen Wildbienen und Biodiversität fördern
BULB – Blühende Betriebsgelände
von: Ann-Kathrin Pöpel-Eisenbrandt
Immer mehr Unternehmen erkennen, dass Nachhaltigkeit nicht nur ein Schlagwort ist, sondern handfeste Vorteile für Gesellschaft, Umwelt und das eigene Image bringt. Betriebsflächen – häufig als pflegeleichte Rasenflächen oder Parkplätze gestaltet – bieten bislang meist wenig Lebensraum für Insekten. Gleichzeitig bergen sie enormes Potenzial: Rund 1 bis 2 Prozent der Gesamtfläche (Quelle: Statistisches Bundesamt, destatis.de) Deutschlands entfallen auf Industrie- und Gewerbeflächen. Genau hier setzt BULB an – mit dem Ziel, ökologisch wertvolle Strukturen zu schaffen, die Wildbienen und anderen Insekten zugutekommen.
Lebensraumverlust als zentrale Herausforderung
Bislang dominieren monotone Rasenflächen und versiegelte Böden viele Gewerbeflächen. Blühpflanzen, Nistplätze und Rückzugsorte fehlen. Dabei ist gerade die Wildbiene als Bestäuber unersetzlich: Studien wie Gallai et al. (2009) belegen ihren ökonomischen Wert, während Hallmann et al. (2017) den alarmierenden Rückgang von Insektenpopulationen dokumentieren. Mit vergleichsweise einfachen Maßnahmen, wie Baum- oder Strauchpflanzungen sowie Anlage von Staudenflächen oder Blühwiesen, können Unternehmen aktiv gegensteuern – ein Ansatz, der sowohl der Biodiversität als auch den Menschen vor Ort zugutekommt.
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Projekt BULB: Von der Idee zur Umsetzung
Koordiniert vom Service Verband Gartenbau Thüringen, wurde BULB von Januar 2023 bis Juni 2025 umgesetzt. Die Finanzierung erfolgte durch das Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft sowie den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) mit rund 200.000 Euro. Neben zehn Kooperationspartnern aus Wirtschaft und Verbänden mit zum Teil großen Flächen in Industriegebieten oder dörflichem Raum sowie beschränktem Platzangebot im innerstädtischen Raum, begleiteten eine Insektenkundlerin sowie das Lehr- und Versuchszentrum Gartenbau Erfurt (TLLLR) das Projekt wissenschaftlich.
Die Ziele von BULB: Im Mittelpunkt stand die Schaffung von Nahrungs- und Nistmöglichkeiten für Wildbienen, um deren Lebensgrundlagen dauerhaft zu sichern. Beide Aspekte wiegen gleich, da sich Wildbienen nicht ohne Nahrungsgrundlage in einem bestimmten Gebiet ansiedeln werden oder umgekehrt. Gleichzeitig sollten die Betriebsgelände zu ästhetisch ansprechenden Flächen entwickelt werden, die Mitarbeitenden und Besuchenden einen angenehmen Aufenthalt ermöglichen. Ein weiterer Schwerpunkt lag in der Beratung von Unternehmen, die ihre Nachhaltigkeitsziele verwirklichen möchten und Verantwortung für die Umwelt übernehmen. Darüber hinaus trug das Projekt dazu bei, eine engere Verbindung zwischen der Thüringer Wirtschaft und dem Gartenbau herzustellen und so ökologisches Know-how direkt in die Praxis zu übertragen.
Umsetzung
Schritt 1: Bestandsaufnahme
Am Anfang stand die Erhebung des aktuellen Zustands. Dazu gehörten die Kartierung des Firmengeländes, das Monitoring der vorhandenen Vegetation sowie die Erfassung von Nistplätzen. Ergänzt wurde dies durch eine detaillierte insektenkundliche Untersuchung.
Schritt 2: Individuelles Konzept
Auf Basis der Ergebnisse wurde ein maßgeschneidertes Konzept zur Förderung der Insekten entwickelt. Dieses berücksichtigte die Gegebenheiten des Betriebsgeländes und wurde gemeinsam mit dem jeweiligen Kooperationspartner erarbeitet.
Schritt 3: Umsetzungsvorschläge
Im nächsten Schritt erhielt der Betrieb ein landschaftsgestalterisches Konzept. Dieses umfasste Pflanzpläne, Kostenschätzungen sowie Pflegeempfehlungen. Die Umsetzung erfolgte durch die beteiligten Unternehmen, während das BULB-Team beratend zur Seite stand.
Schritt 4: Kontrolle und WeiterentwicklungNach der Umsetzung wurde die Wirksamkeit der Maßnahmen überprüft. Regelmäßiges Monitoring, Wissenstransfer sowie die Erarbeitung praxisnaher Handlungsempfehlungen sorgen dafür, dass die Flächen langfristig einen Mehrwert für die Biodiversität bieten.
Maßnahmen: Von Rasen zu Lebensraum
Neun Unternehmen beteiligten sich aktiv, sechs davon mit konkreten Umsetzungen. Das Ergebnis nach zweieinhalb Jahren:
- 2000 m² Ansaatflächen,
- 572 m² Staudenpflanzungen,
- 6500 m² umgewandelte Mähflächen,
- 480 m² Strauchpflanzungen,
- neun neu gepflanzte Bäume.
Verwendet wurde ausschließlich regionales Saatgut. Außerdem wurden Stauden, Sträucher und Bäume von ortsansässigen Gärtnereien geliefert – ein Beitrag nicht nur zur ökologischen, sondern auch zur wirtschaftlichen Regionalförderung. Zudem wurden Pflegekonzepte angepasst: Rasenflächen werden nun seltener gemäht, sodass Blütenpflanzen zur Entwicklung kommen. Um die Pflanzungen weiterhin fachgerecht zu Pflegen bekam jedes Unternehmen, welches sich aktiv beteiligte einen maßgeschneiderten Pflegeplan.


Wissenschaftliche Begleitung: Wildbienen im Fokus
Die ökologische Wirkung der Maßnahmen wurde durch regelmäßige Wildbienenkartierungen überprüft. Methodisch kamen Sichtbeobachtungen, Kescherfänge und Bestimmungen unter dem Stereomikroskop zum Einsatz. Auch für das Projekt aufgestellte Nisthilfen lieferten wichtige Daten. Zusätzlich zu den Wildbienenbeobachtungen wurden Vegetationserfassungen durchgeführt. In einem gleichmäßigen Rhythmus haben Begehungen stattgefunden, bei denen Artenvielfalt sowie Blühstärke der am Standort vorkommenden Pflanzen bewertet wurden.
Ergebnisse im Überblick
- 2023: 59 Wildbienenarten aus 14 Gattungen
- 2025: 69 Wildbienenarten aus 17 Gattungen
Über die gesamte Projektlaufzeit wurden insgesamt 87 Arten aus 18 Gattungen identifiziert.
Gefährdete Wildbienen wurden gefunden
Bemerkenswerte Funde sind die der Sommer-Kielsandbiene (Andrena nitidiuscula), Östlichen Zwergwollbiene (Anthidium nanum), Felsspalten-Wollbiene (Anthidium oblongatum), Veränderlichen Hummel (Bombus humilis), Sandrasen-Kegelbiene (Coelioxys conoidea), Grobpunktierten Maskenbiene (Hylaeus punctatus), Runzelwangigen Schmalbiene (Lasioglossum puncticolle), Matten Natternkopfbiene (Osmia anthocopoides), Luzerne Blattschneiderbiene (Megachile rotundata) und Getrennten Wespenbiene (Nomada distinguenda).
Anthidium nanum ist mit 7 bis 8 mm Köpergröße die kleinste der heimischen Wollbienenarten. Sie nistet oberirdisch in markhaltigen Pflanzenstängeln und sammelt ausschließlich Pollen an Korbblütlern. Sie gilt in Deutschland als selten und ist nach der Roten Liste Thüringens stark gefährdet sowie nach der Roten Liste Deutschlands gefährdet.
Bombus humilis ist deutschlandweit mäßig häufig und kommt vorwiegend im offenen Gelände und an Biotopübergängen vor. Entgegen den häufig anzutreffenden Hummelarten wie Bombus terrestris agg. oder Bombus lapidarius nistet diese Art hypergäisch unter Moospolstern oder Grasbüscheln. Sie ist in Deutschland als gefährdet und in Thüringen als stark gefährdet eingestuft
Osmia anthocopoides gehört zu den Mauerbienen und sammelt Pollen ausschließlich am Gewöhnlichen Natternkopf. Bedingt durch dieses spezielle Pollensammelverhalten ist die Art nur selten anzutreffen. Die Rote Liste Deutschlands als auch Thüringens listen sie als gefährdete Wildbienenart.
Insgesamt wurden 22 Arten der Roten Liste Thüringens und 17 Arten der Roten Liste Deutschlands gefunden. Die Mehrzahl der Wildbienen auf allen vier Betriebsgeländen nistet ausschließlich im Erdboden (insgesamt 41 %), dagegen 28 Prozent ausschließlich über dem Erdboden und 8 Prozent weisen beide Nistverhalten auf.
Chancen und offene Fragen
Die Ergebnisse belegen, dass gezielte Maßnahmen Artenvielfalt fördern. Selbst kleine Flächen in der Innenstadt können erheblichen Nutzen entfalten. Herausforderungen bleiben jedoch:
- Noch fehlen standardisierte Bewertungsmaßstäbe für die Qualität solcher Flächen.
- Eine Zielarten-Matrix könnte helfen, Wirkung und Effizienz künftig systematisch zu beurteilen.
- Im Großteil der Bevölkerung muss noch ein Bewusstsein für ökologische Anliegen geschaffen werden.
- Das Verständnis über die Dynamik, d. h. Anlage, Pflege, Umgang und Aussehen mit und von insektenfreundlichen, blühenden und lebenden Flächen muss aufgebaut werden, da der allgemein deutsche "Ordnungstick" in vielen Köpfen verankert ist.
Nutzen für Unternehmen
Neben dem ökologischen Wert bietet die naturnahe Gestaltung von Betriebsgeländen zahlreiche Vorteile:
- Stärkung der Außenwahrnehmung und Unternehmensreputation,
- Höhere Aufenthaltsqualität für Mitarbeitende und Besucher,
- Förderung der Mitarbeitermotivation und Teambuilding (z. B. durch Pflanzaktionen),
- Schutz vor Bodenerosion und Überhitzung.
Fazit und Ausblick
BULB hat gezeigt, dass eine ökologische Aufwertung von Betriebsflächen praktisch umsetzbar, wirksam und für Unternehmen attraktiv ist. Innerhalb von zweieinhalb Jahren konnten über 80 Wildbienenarten dokumentiert werden – darunter viele gefährdete. Besonders ermutigend ist die Erkenntnis, dass auch kleine, urbane Flächen einen Beitrag leisten können.
Für die Zukunft gilt es, Bewertungsmaßstäbe zu etablieren und vor allem weitere Unternehmen zu motivieren Flächen anzulegen. Ein Netzwerk vieler solcher Flächen könnte das Artensterben spürbar abbremsen und die ökologische Resilienz stärken.
"Die biologische Vielfalt ist unsere wertvollste, aber am wenigsten geschätzte Ressource." – Edward O. Wilson, 1992
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