Infrastruktur ist Landschaftsarchitektur

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Die Parkanlage Waller Sand in Bremen zeigt auf, wie nötige Maßnahmen gegen Meeresspiegelanstieg und Klimawandel als nutzbare, öffentliche Räume umgesetzt werden können. Zur Aufwertung unserer Städte und der zukünftigen Landschaft.

Aufgrund des Klimawandels ist die Anpassung des Hochwasserschutzes ein notwendiger Teil der Stadtentwicklung des 21. Jahrhunderts. Wasserlagen bieten gleichzeitig ein landschaftliches Potenzial für das Leben und Wohnen und erhöhen die Möglichkeit zum Naturerleben und -erfahren in der Stadt. Wie wollen wir mit dem Wasser leben? Wie kann ein moderner, nutzungsfreundlicher Schutz vor Überflutung aussehen?

Durch subtile, multifunktionale Eingriffe kann Hochwasserschutz im Einklang mit ökologischen Ansprüchen und der Aufwertung als urbaner Freiraum gewährleistet werden. Dabei kann Hochwasserschutz positiv gestaltet und dem steigenden Anspruch der Bevölkerung an die Aufenthaltsqualität des öffentlichen Raums gerecht werden. Die neue Parkanlage Waller Sand in Bremen zeigt, wie die komplexen, technischen Erfordernisse eines Landesschutzdeichs mit hoher baukultureller Qualität verbunden werden können. Hier ist ein vielfältig nutzbarer öffentlicher Raum für die nachverdichtete Großstadt entstanden.

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Hafen und Fluss

In Bremen sind rund 86 Prozent der Fläche einer potentiellen Gefährdung durch Hochwasser ausgesetzt. In dem bis in die 1990er Jahre rein industriell genutzten Hafen, auf einem Landausläufer im Westen der Innenstadt, entsteht eines der größten aktuellen innerstädtischen Entwicklungsprojekte Europas: Die Überseestadt. Auf 300 ha wächst das neue, gemischte Quartier für über 6000 Bewohner und 17000 Arbeitsplätzen. Hier wird gleichzeitig ein integrierter und nachhaltiger Hochwasserschutz angestrebt, der nicht nur die technischen Anforderungen erfüllt, sondern gleichzeitig eine besondere Freifläche erschafft, die eine Aufwertung für die Gesamtstadt darstellt.

Die Weser ist die Lebensader Bremens. Die Häfen der Hansestadt sind Grundlage der langen Handels- und Wirtschaftstradition und bis heute Stifter der städtischen Identität. Rund um das Wendebecken manifestiert sich die Industriegeschichte der Stadt. Der Tidehub der Weser von mehr als vier Metern ist hier der höchste in der norddeutschen Bucht, hinzukommen die erwarteten Auswirkungen des Klimawandels. Der Generalplan Küstenschutz sieht eine notwendige Anpassung der Deichanlagen um zusätzlich einen Meter vor.

Deichbau wird Strandpark

Die Parkanlage Waller Sand bildet den nordwestlichen Abschlusspunkt dieses aufstrebenden Areals zwischen dem neuen Quartier und dem Wendebecken des Hafens. Anstelle der bisher rein funktionalen Steinschüttung wurde hier durch eine Sandaufschüttung einen Ort mit vielfältigen Angeboten, belebten Treffpunkten, einer weiten Strandfläche, aber auch Raum für ruhige Erholung entwickelt. Durch Landgewinnung entstand auf dem heutigen Wendebecken ein neuer Park, der die Stadt mit dem Wasser verbindet. Der Hochwasserschutz wird außerdem durch eine über das Geländeniveau hinausgehende Spundwand gewährleistet. Die Spundwand ist in eine Bank integriert und damit sowohl ein nutzbarer als auch ein gestalterischer Teil des Freiraums. Auf der Stadtseite zieht sich die von beiden Seiten bespielbare Bank als Rückgrat des Parks entlang des angrenzenden Boulevards.

Vor der Spundwand wurde die weite Sandfläche aufgeschüttet, die den Wellenschlag abrschwächt. Daraus erwächst ein Strandpark mit Kiefern und Dünengräsern. Zwischen Stadt- und Wasserkante bildet der Strand einen atmosphärischen Kontrast zum industriell geprägten Umfeld. Die knapp drei Hektar große, nutzungsoffene Fläche verknüpft sich mit den umliegenden Stadtteilen und ist stadtweiter Magnet für zahlreiche Freizeitnutzungen. Wasserseitig wird die Sandfläche durch einen barrierefreien Uferweg abgeschlossen, der die Weser und die Weite des Wendebeckens unmittelbar erfahrbar macht.

Gegenpol zur trockenen, maritimen Dünenlandschaft des Strandparks bildet die urbane Wildnis der Südmole. Ortstypische Pflanzen und Wildstauden ergänzen dort dem vor Ort gewonnenen Saatgut. Durch die Erweiterung der besonderen, bestehenden Spontanvegetation auf dem aufgegebenen Gleisschotter mit heimischen Pflanzen wird die gewachsene Landschaft akzentuiert und inszeniert. Das Areal um den Molenturm wurde behutsam aufgewertet und die Zugänglichkeit über einen befestigten Weg auch für mobilitätseingeschränkte Menschen ermöglicht. Eine Baumreihe, die das Pflanzthema der Promenade aufgreift und fortführt, flankiert den Weg. Eine große, multifunktionale Sitzskulptur aus recycelten Reibhölzer ehemaliger Schleusenwände besetzt den Platz an der Mole und markiert den Zugang zum Holzhafen.

Hochwasserschutz als Chance urbane Orte zu schaffen

Wir brauchen eine neue Vision für den Deichbau: Waller Sand Bremen zeigt, wie Hochwasserschutzinfrastrukturen den technischen Anforderungen Genüge tun und dabei als multifunktional nutzbare städtebauliche Elemente entwickelt werden können, die dem gegenwärtigen öffentlichen Leben angepasst sind. Mit seiner Weite und Rauigkeit stellt der Park Bezüge zur umgebenden Natur- und Kulturlandschaft her, weist aber gleichzeitig in Materialität und Atmosphäre - trotz der wassertechnischen Rahmenbedingungen - eine große Eigenart auf.

Die Schnittstelle zwischen Flussraum und Hafenareal wird als eine Kulturlandschaft interpretiert, die Platz für Freizeitgestaltung bietet und das Freiflächendefizit der angrenzenden Stadtteile ausgleicht. Als Gegenwelt zum dicht bebauten neuen Stadtteil bildet Waller Sand eine poetische, landschaftliche Kulisse und bringt das Wasser in die Stadt. Der urbane Deichbau verdeutlicht so, wie komplexe technische Infrastrukturen und baukulturell hochwertige Bestandteile des städtischen Raums komplementär entwickelt werden können zur Schaffung lebenswerter Städte.

Parkanlage Waller Sand

  • Verfahren: VOF-Verfahren
  • Programm: Park, Promenade, Hochwasserschutz
  • Bauherr: WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH
  • Größe: 3 ha
  • Standort: Bremen
  • Jahr: 2015-2019
  • LP: 1-8
  • Bausumme: 2,5 Mio. Euro
  • Partner: SWECO GmbH, bremenportsGmbH & Co. KG
  • Förderung: Nationale Projekte des Städtebaus, EFRE
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