Vogelschutz durch nährende Wildkrautansaaten

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Wildblumen Naturnahe Gärten
Winterstimmung mit abgestorbenen Blütenständen. Foto: Martin Bocksch

Die Zahl heimischer Singvögel nimmt seit Jahren sichtbar ab. Hauptursache dafür ist ein fehlendes natürliches Nahrungsangebot. Mit einer neu entwickelten Futterwiese kann nun gegengesteuert werden. Die Wildvogel-Futterwiese ist mehrjährig und ohne Gräser.

Die Ausgangslage: Nach Erhebungen der Weltnaturschutzunion (IUCN) ist inzwischen jede siebte bis achte der weltweit rund 10000 vorkommenden Vogelarten im Fortbestand bedroht. Rund 50 Prozent der Arten sind als mehr oder weniger gefährdet in rote Listen eingestuft und weltweit nehmen die Bestandsrückgänge immer noch zu. Vor allem Vögel der Agrarlandschaften, sind zunehmend bedroht. Informationen der Bundesregierung zeigen, dass die Zahl der Brutpaare in den landwirtschaftlichen Gebieten in der Europäischen Union (EU) zwischen 1980 und 2010 um 300 Millionen zurückgegangen ist, was einem Minus von 57 Prozent entspricht. In Deutschland hat demnach der Bestand der Braunkehlchen zwischen 1990 und 2013 um 63 Prozent abgenommen, die Zahl der Uferschnepfen um 61 und die der Feldlerchen um 35 Prozent.

Gründe dafür gibt es viele - das Fehlen geeigneter Lebensräume und das Insektensterben gehören zu den wichtigen. Bei manchen Insektenarten ist der Bestand um bis zu 90 Prozent zurückgegangen. Der Rückgang von Wildvögeln wird in absehbarer Zeit nicht durch Biotopgestaltung oder Renaturierungsmaßnahmen aufzuhalten oder gar umzukehren sein. Und es sei an dieser Stelle auch ganz deutlich gesagt, er wird sich auch durch Zufütterung nicht generell beheben lassen.

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Neuansaat im Frühjahr – hoffentlich reicht das Wasser. Foto: Martin Bocksch

Mangel an natürlichem Futter - ein Grund für den Artenrückgang

Singvögel haben wichtige Funktionen für die Umwelt. Damit sie in unserer menschlich geprägten Umgebung leben können, benötigen sie Zweierlei: Erstens geeigneten Lebens- und Brutraum und zweitens eine Nahrungsgrundlage. Lebens- und Brutraum sind erstaunlicherweise auch in unserer dicht besiedelten und immer urbaneren Welt weniger das Problem. Hier passen sich viele Vogelarten an. Zum Problem wird die Nahrungsbeschaffung für die Vögel. Denn, wovon leben unsere Singvögel? Grob gesagt von Früchten, Körnern, Samen oder Insekten beziehungsweise deren Larvenstadien und Würmern. Oft sind es ganz spezielle Insekten oder Sämereien. Zudem und das zeigt, dass alles irgendwie zusammenhängt, sind vielmals auch bestimmte Pflanzen- und Insektenarten voneinander abhängig. Finden Pflanzen, oft sind es in unseren Augen nur unerwünschte "Unkräuter", keinen Lebensraum auf dem Acker oder in der Siedlung mehr, dann verschwinden auch die damit in Beziehung oder gar Abhängigkeit stehenden Insekten und fehlen Vögeln als Futter.

Die Ursachen für diese Entwicklungen sind vielfältig und es ist müßig darüber zu lamentieren oder zu streiten. Vieles sind Fakten. Es werden immer mehr Menschen. Die brauchen Platz für Arbeit, Wohnen oder Infrastruktur. Landwirtschaft mag keine Nahrungskonkurrenten für die angebauten Feldfrüchte auf dem Acker - die Konventionelle genauso wie die biologische Landwirtschaft. Nötig wäre zur Förderung der Biodiversität ganz allgemein eine kleinteilige, vielfältige Landschaft, die mit einer großen Vielfalt an Lebensräumen einer ebensolchen Vielzahl von Pflanzen, Insekten und Vögeln Lebensräume bietet. Kleine Felder, dazwischen Hecken, Wäldchen, Wege, nasse Wiesen, Teiche, Bäume, Weiden und Bachläufe - kurz eine Vorkriegslandschaft.

Hier und da findet man solche vielgestaltigen, abwechslungsreichen Lebensräume noch. Meist vom Menschen geschaffen, denn auch er sehnt sich eigentlich danach. Zu finden auf Friedhöfen, in alten, kommunalen Parkanlagen, in Wohngegenden mit großen Gartenflächen und auch auf Golfanlagen. Diese Mischung aus "gepflegten" und meist niedrig gehaltenen Blumen, Kräutern und Gräsern und hochgewachsenen, "ungepflegten" Bereichen mit ebenso blühenden Blumen und Kräutern, mit Wasserflächen, Bäumen, Schattenbereichen und besonnten Flächen. Jeder einzelne Lebensraum ist die Basis für viele, oft spezielle Pflanzen und Tiere. In Summe bieten sie einer Vielzahl von Pflanzen und Insekten Lebens- und Nahrungsgrundlage und unseren Singvögeln Samen und Insekten. Da diese Flächen oft in der Stadt oder zumindest stadtnah zu finden sind, hat das dazu geführt, dass städtische Lebensräume heute oft artenreicher sind als ländliche. Eine Restrukturierung unserer Agrarlandschaft in die Vorkriegs- oder zumindest Vorflurbereinigungszeit wird es nicht geben und wäre der falsche Weg. Freiwilligkeit, positive Anreize und offene, ehrliche Aufklärungsarbeit, die die Beteiligten überzeugen kann, sind bessere und wirkungsvollere Ansätze.

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Eine Wiese des Oldenburgischen Golfclubs.Aktuelle Aufnahme der Ansaat aus dem Herbst 2016. Foto: Martin Bocksch

Aktive Fütterung ist Wildvogelschutz

Wildvögel sind "Kulturfolger" und es zieht sie mehr und mehr in die Städte. Ebenso unbestritten ist die Bereitschaft der Verbraucher gerade in den Städten, Wildvögel ganzjährig zu unterstützen. Die vielen Balkon- und Gartenbesitzer sorgen mit unzähligen Futterplätzen dafür, dass unsere Wildvögel insbesondere in unseren Städten gut durch das Jahr kommen.

Singvögel ganzjährig mit Futter zu versorgen, ist ein Weg um ihren stetigen Rückgang aufzuhalten. Bei wenig Platz im Garten oder keiner Chance für eine Ansaat der richtige Ansatz um Alt- und Jungvögeln eine Nahrungsbasis zu schaffen.

Wichtig ist in diesem Falle, dass die Fütterung verlässlich rund um das Jahr angeboten wird, damit die daran gewöhnten Vögel wirklich immer Futter finden. Wo gefüttert wird, sollte zudem stets eine Vogeltränke nicht fehlen. Viele Vögel baden nahezu täglich zur Pflege ihres Gefieders und das auch bei Regen und im Winter. Fast alle bei uns lebenden und überwinternden Arten müssen täglich trinken. Die ideale Vogeltränke hat eine maximale Wassertiefe von 5 cm und ist eventuell auch mit einem flachen Stein als Insel ausgestattet.

Wer viele Wildvögel in seinem Umfeld ansiedeln möchte, sollte darüber hinaus Nisthilfen verschiedenster Art anbringen. Sie bieten den Vögeln Brutplätze und dienen auch als willkommener Schlafplatz, der im Winter Schutz vor Kälte bietet. Wildvögel nisten gerne in der Nähe ihrer Futterplätze.

Natürlicher Wildvogelschutz ist möglich

Auf lange Sicht und in der Fläche sollten andere Lösungen den Vorrang bekommen. Firmen, Vereine, Unternehmen, Kommunen, Landwirte oder Privatleute, jeder der einen Acker, Garten, Wiese oder andere Flächen zur Verfügung hat, kann und sollte mit der Schaffung eines gesunden und vielfältigen Lebensraumes und in der Folge einem reichhaltigen Nahrungsangebot aktiv werden, damit der Artenrückgang zumindest aufgehalten wird. "Bauern, Bürger, Bürgermeister, Bauhöfe - jeder an seinem Platz"¹ so Harald Blankert, Leiter Bereich Landwirtschaft, Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Karlstadt am Main. Das kann nur bedeuten: Schaffung von Strukturen, die Pflanzen und Tieren Lebensraum und Nahrung bieten, zum Beispiel durch die Anpflanzung heimischer Stauden und Sträucher. Sie locken eine Vielzahl von Insekten an, die von den Singvögeln gefressen werden und auch ihre Samen und Früchte werden gerne angenommen.

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Aktuelle Aufnahmen einer privaten Ansaat aus dem Frühjahr 2017. Foto: Martin Bocksch

"Insekten lieben blühende Gartenlandschaften und verhungern in Steinwüsten. Mit den richtigen Pflanzen sorgen wir für reichhaltige Nahrung für Insekten und damit auch für viele andere Tiere", so Helmut Selders, Präsident des Bundes Deutscher Baumschulen (BdB)². Nicht jede Ecke auf einem Grundstück muss "geschleckt" sein. Man kann nicht nur, man sollte "wilde Ecken" mit einem bunten Mix aus blühenden Bäumen, Sträuchern und Stauden zulassen und gestalten. Dieser Bereich sollte nicht gemäht und nach Möglichkeit auch nicht betreten werden. Mit dichten, dornigen Hecken bieten solche Nischen reichhaltige Nahrung, einen Rückzugsort, Versteck und Nistplatz. Entscheidendes Element in diesem Vorgehen sind artenreiche Ansaaten. Saatgut angepasster Kräuterarten, die Insekten anlocken und viele, nahrhafte Samen produzieren. Auf Gräser ist in solchen Mischungen unbedingt zu verzichten, da sie auf den meist gut mit Stickstoff versorgten Acker- oder Gartenböden einen Wachstumsvorteil haben und die Kräuter und Blumen in kürzester Zeit unterdrücken und verdrängen.

Verkauft werden in Gartenfachmärkten, Gartencentern, Baumärkten oder auch in Drogerieketten, zumeist die einjährigen Blühmischungen mit wohlklingenden Namen, vorgesehen zur Ansaat im Frühjahr. Doch dieser Termin ist aufgrund häufigerer Trockenheit in der Ansaat- und Keimphase im Mai und Juni immer riskanter geworden. Das Ergebnis dieser Mischungen war sehr oft nicht zufriedenstellend. Ganze Städte haben aufgrund der Probleme die Ansaat solcher Mischungen zwischenzeitlich wieder gestrichen und Rasen auf die Flächen gesät. Oft scheitert es zudem an der jährlichen Bodenbearbeitung und der relativ langen Brachephase ohne Bewuchs, die der Bevölkerung schwer zu vermitteln ist.

Daher können Wildvogel-Futterwiesen hier gezielt Abhilfe schaffen. Entstanden ist die neue mehrjährige Mischung im Rahmen einer langjährigen Zusammenarbeit der GEVO GmbH mit dem Biologen und ehemaligen Direktor des Max-Planck-Institutes für Ornithologie Prof. Dr. Peter Berthold, sowie dem Autor. Die Mischung (mehrjährig - ohne Gräser) ist eine natürliche, vielfältige, ausdauernde, bunte Nahrungsbasis für Wildvögel. Geeignet für alle Böden und Standorte, sonnig wie schattig, trocken und feucht. Über 45 ganz speziell nach ornithologischen Gesichtspunkten ausgewählte, heimische Kräuter, Wildblumen und Staudenarten verwandeln Grünflächen, Gärten, Äcker, Brachen oder auch Golfanlagen in einen reichhaltig gedeckten Tisch und liefern Nahrung für Schmetterlinge, Wildbienen, Schwebfliegen und andere Insekten. Üppige Samenstände sind nach dem Abblühen eine natürliche und bevorzugte Futterquelle für Wildvögel. Im Winter bieten die Bestände eine interessante Silhouette. Stängel und abgestorbene Pflanzen bieten Insekten darüber hinaus ein Winterquartier und Schutz, wenn sie nicht im Herbst abgemäht, sondern über den Winter bis ins Frühjahr stehen bleiben können. Diese Insekten liefern die erste und wichtige Nahrung für die Wildvögel im nächsten Frühling. Die Mischung leistet damit einen vielfältigen, wertvollen Beitrag zum Schutz unserer freilebenden Singvögel.

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Die Zahl heimischer Singvögel nimmt seit Jahren ab. Foto: GEVO

Anwendungsmöglichkeiten

Ein ausgewogenes Verhältnis von ein- und zweijährigen Wildblumen, die sich sicher aussäen und damit jährlich aufs Neue blühen, sowie mehrjähriger Stauden sorgen für eine heterogene, vielgestaltige Blühfläche an jedem Standort und das über mindestens drei Jahre. Der Verzicht auf Gräser und ein nur sehr kleiner Anteil von Leguminosen, beide neigen zur Dominanz und Verdrängung konkurrenzschwacher Arten, erhält diese Vielfalt.

Die Wildvogel-Futterwiese wurde so konzipiert, dass alle Pflanzen stark blühen und reichlich nahrhafte Samen liefern, die Mischung nachhaltig ist und mindestens drei bis vier Jahre gut funktioniert und reichlich fruchtet. Sie sind einfach und sicher anwendbar, im Kleinen wie im Großen. Auf jedem Boden und Standort lieferte die Mischung befriedigende Resultate, die zeigten, dass die Arten dicht wachsen und konkurrenzstark sind, damit die Flächen nicht Vergrasen. Mit der Mischung ist es auch möglich, farbliche Akzente zu setzen. Das macht sie einsetzbar im ökologisch interessierten Hausgarten und auf allen öffentlichen Grünflächen mit ökologischem Anspruch.

Die Herbstaussaat reduziert das Trockenheitsrisiko in der Keimphase und entlastet im arbeitsreichen Frühjahr. Auch die spätere Pflege ist einfach und beschränkt sich auf ein Abmähen der abgefrorenen Pflanzen vor dem neuen Austrieb im Frühjahr. Für Parks, Golfanlagen oder Gärten bietet sich die Mischung besonders zur Anlage großer Inseln in weiten Rasenflächen und damit zur Auflockerung und Bereicherung an. Es sollten dafür Bereiche gewählt werden, die nicht oder nur selten betreten werden.

Auch Brachen werden mit der Wildvogel-Futterwiese sicher, ganzflächig und für mehrere Jahre begrünt. Zum Wohle der Natur und dem Erhalt der wichtigen Insekten- und Vogelwelt sowie dem Niederwild. Sehr gut eignet sich diese Neuentwicklung auch zur artenreichen, bunten Begrünung im Rahmen von landwirtschaftlichen Ackerrandstreifen-Programmen. Zumal sie aus prämienrechtlicher Sicht für die "aktive Begrünung" von Brachen und Ackerrandstreifen im Sinne von § 5 Abs. 1 der Agrarzahlungen-Verpflichtungen Verordnung eingesetzt werden kann. Eine vogel- und insektenfreundliche Landwirtschaft ist ebenso ohne finanzielle Einbußen möglich, wie die Schaffung von bunten, ansprechenden und für Anwohner, Besucher und Spieler - sowie die Natur - attraktiver Garten-, Park- und Golfanlagen.

Fazit

Mit der Ansaat einer mehrjährigen, reinen Stauden, Kräuter und Wildblumenmischung holen sich Kommunen, Gartenbesitzer oder Firmeninhaber Oasen für Insekten und Vögel auf ihre Flächen. Die Herbstansaat reduziert die Austrocknungsgefahr während der Keimung und damit das Ausfallrisiko. Vom Frühjahr bis zum Herbst - über die ganze Vegetationsperiode und mindestens drei Jahre - bietet die Mischung ein reichhaltiges und wechselndes Blütenbild auf allen Flächen. Dabei verändert sich die Zusammensetzung der Pflanzen und auch der Blüten im Laufe der Jahre. Und das erfreut nicht nur die zahlreichen Insekten und die hör- und sichtbare Singvogelschar, sondern auch die Mitmenschen, die sich ebenfalls an der bunten Blütenpracht erfreuen.

Quellen

Vögel füttern - aber richtig; Peter Berthold und Gabriele Mohr; Kosmos Verlag, 4. Auflage 2017.

Studie des Deutschen Bundestages. Engelbert Kötter, "Das Branchenforum" Ausgabe 08-2018. Pressemitteilung Bund deutscher Baumschulen, 9.8.2018.

Prof. Martin Bocksch
Autor

Diplom Agrarbiologe

Hochschule Geisenheim University

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