Der Uferpark der Landesgartenschau Überlingen 2020

Grüner als grün

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Klimawandel, Artenvielfalt und die Entwicklung von Ökosystemen bestimmen als Themen und Argumente aktuell verschiedenste gesellschaftliche Diskurse. Für eine Gartenschau schafft diese Situation eine Steilvorlage, gerade diese für die landschaftsarchitektonische Arbeit ohnehin wesentlichen Aspekte und den planerischen Umgang damit in den Fokus zu rücken. Der Uferpark der Landesgartenschau Überlingen 2020 nimmt diesen Ansatz auf.

Die Lage am Bodensee spielte für die Entwicklung Überlingens historisch unter verschiedensten Vorzeichen eine prägende Rolle. Die Stadt entwickelte sich so zum bedeutenden Handelsplatz und später zum Ziel von Touristen und Kurgästen. Dabei übernahm die Uferlinie nicht nur die Rolle einer exponierten Stadtkante, durch die sich Lagegunst und städtische Identität definierten. Mit ihrer Form wurde sie selbst zu einer wesentlichen Einflussgröße, die Nutzungsformen ermöglichte und im Zuge dieser anthropogenen Aneignung mehrfach gestalterisch verändert wurde.

Die anlässlich der Landesgartenschau realisierten Freiräume rücken den Uferbereich erneut in den Fokus der Stadtentwicklung. Am deutlichsten gilt das für den westlich des historischen Stadtkerns geschaffenen Uferpark, der mit 6,5 ha den größten Ausstellungsbereich bildet. Grundlage für dessen Gestaltung war ein 2012 durchgeführter landschaftsarchitektonischer Realisierungswettbewerb, in dem das von relais Landschaftsarchitekten entwickelte Konzept den ersten Preis erhielt. Für diesen Wettbewerbsbeitrag und den anschließenden Planungsprozess war die Auseinandersetzung mit der Frage entscheidend, welche Bedeutung das Seeufer als Schnittstelle heute für Überlingen hat und welche Perspektiven sich daran knüpfen lassen.

Landschaft als Resonanzraum

Das Areal des Uferparks verweist schon durch seinen Zuschnitt in besonderem Maße auf seinen Kontext. Es grenzt auf seiner Südseite auf einer Länge von etwa 800 m an den Bodensee und im Norden an die landschaftlich ebenso prägenden Formen der Molassekante, einen Aufschluss weichen Sedimentgesteins. Diese außergewöhnliche räumliche Disposition führt dazu, dass diese wirkungsstarken Naturräume bestimmend für das Erscheinungsbild des Parks sind. Dieses Potential galt es zu nutzen und szenografisch zu entwickeln. Dabei war es drängend - und nicht nur zeitgemäß - den Bodensee und die Molassefelsen nicht nur ästhetisch, sondern als ökologische Räume aufzufassen. Der schmale Zuschnitt des Areals führte so unweigerlich dazu, dass die Schaffung von Nutzungsangeboten im neuen Park nicht räumlich getrennt von ökologischen Fragen betrachtet und gelöst werden konnte. Daher fasste das Konzept Freiraumnutzung und ökologische Belange nicht als Gegensätze auf, sondern setzte auf die Synergien, die sich durch das gestalterisch vermittelte Zusammenwirken beider Aspekte entwickeln lassen. Entsprechend zielt das Konzept darauf, dass der neue Uferpark als dynamischer Raum erfahrbar wird. Mit dem Park wurde ein Resonanzraum geschaffen, der - ohne dies didaktisch darzustellen - Biodiversität und die Veränderung von Ökosystemen sichtbar macht und damit schrittweise das Bewusstsein der Nutzer für diese "leisen Töne" verändern kann.

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Topographie

Da der Bereich des neuen Parks die Übergangssituation zwischen den dominanten landschaftlichen Einheiten des Bodensees und der Molassefelsen bildet, bestand eine entscheidende gestalterische Aufgabe darin, Landschaftsbezüge zu vermitteln. Hier zielt das Konzept darauf, nicht zu "renaturieren", d. h. natürlich erscheinende Ufersituationen zu imitieren, sondern die strukturreichen Formen der Molassekante in eine landschaftsarchitektonische Geländemodellierung zu übersetzen und damit ein Initial für eine ortsspezifische ökologische Weiterentwicklung zu formulieren. Damit wird die Gestaltung in Bezug zur anthropogen geprägten Entwicklungslinie dieses Uferabschnitts positioniert. Entscheidend ist dies durch die starke Prägung der Ufersituation in den Jahren 1944 und 1945, als Häftlinge des KZ-Außenlagers Überlingen-Aufkirch zum Stollenbau für die Rüstungsindustrie in den Molassefelsen eingesetzt wurden. Der Abraum dieser Arbeiten am Goldbacher Stollen wurde am Bodenseeufer aufgeschüttet und später mit einer Ufermauer befestigt. Dieser historische Zusammenhang wurde im Gestaltungskonzept des Parks durch die Schaffung eines neuen Gedenkortes lesbar gemacht.

Als Fortschreibung des in seiner Form immer wieder veränderten Terrains zielt die Parkgestaltung darauf, Potentiale für die Freiraumnutzung und die Förderung der Biodiversität zu gewinnen. Mit dem Uferpark entstand ein strukturreiches und vielfältig nutzbares Relief, dessen Terrassierungen schwingend auf das Bodenseeufer zuführen. Im Inneren des Parks fasst das Relief großzügige gekieste Spielflächen, deren Ausstattung am Bootsbau und Fischfang orientiert ist. Der von der Internationalen Gewässerschutzkommission 2006 als beeinträchtigt beziehungsweise naturfern bis naturfremd eingeschätzte Uferabschnitt erhielt zur Etablierung einer größeren ökologischen Vielfalt eine differenziertere Gestaltung. Dafür wurde die frühere Ufermauer zugunsten einer bewegten Geländemodellierung im Wechsel von zwei Steiluferabschnitten mit zwei Flachuferbereichen abgebrochen.

Der Erinnerungsort "Lesezeichen"

Der topographische Bezug des Uferparkareals zum nahegelegenen Goldbacher Stollen in der Molassekante und die historische Bedingtheit eines Teils des Geländes durch dessen Abraum sind vor Ort kaum wahrnehmbar. Gründe dafür sind die räumliche Trennung durch eine Straßentrasse, das Fehlen einer unmittelbaren Verbindung zum heutigen Stolleneingang sowie eine generelle scheinbare Selbstverständlichkeit des Reliefs. Um im Zusammenhang mit der Schaffung des Uferparks an das Schicksal der Häftlinge und ihre Bedeutung für diesen Ort zu erinnern, wurde in den Park ein "Lesezeichen" als eine konkrete auf den geschichtlichen und topographischen Zusammenhang verweisende Zäsur eingebaut. Dieses Element ist als irritierender Fremdkörper konzipiert, der sich der umgebenden Parkgestaltung nicht zuordnet, sondern sich vom Uferweg in eine Rasenfläche einschneidet. In seiner Form und Ausrichtung bezieht sich das "Lesezeichen" aus Rorschacher Sandstein auf die ingenieurtechnische Struktur der Stollenanlage und lenkt den Blick des Parkbesuchers auf die in den Molassefelsen sichtbaren Fensterstollen. Damit wird ein formaler Bezug zu den äußerlich verborgenen Bauten des Stollens formuliert. Um diesen verständlich zu machen, sind auf dem sich in den Boden eingrabenden Zeichen vermittelnde Informationen angebracht. Eine Graphik stellt das Stollensystem und die Aufschüttungen am Bodenseeufer dar und ein zugehöriger Text erläutert den historischen Bezug. Durch die leicht zunehmende Vertiefung des Zeichens vom Weg zur Rasenfläche sammelt sich darin Regenwasser, das dann daraus verdunstet. Damit wird zugleich ein atmosphärischer Bezug zur Wasserfläche des Bodensees formuliert.

"cut and fill"

Der landschaftliche Konversionsprozess zum neuen Uferpark konnte bezogen auf das Gesamtareal mit einer weitgehend ausgeglichenen Auf- und Abtragsbilanz realisiert werden. So wurde der durch die Neumodellierung der Uferzone gewonnene Erdabtrag genutzt, um Geländebewegungen im Park zu modellieren. Die Beton-Ufermauer wurde geschreddert und als Tragschicht in die neugeschaffenen Wege eingebaut. Werksteine der früheren Uferbefestigung aus Rorschacher Sandstein wurden als Treppenelemente im Bereich des Flach- und Steinufers wiederverwendet.

Ökologie und Ästhetik

Durch den Stellenwert ökologischer Aspekte bei der Gestaltung gewinnt der Park eine außergewöhnliche Ästhetik. Seine großzügigen Wiesenbereiche sind durch mit Sträuchern bepflanzte Auffaltungen im Terrain und durch Staudenpflanzungen akzentuiert. Dabei werden jeweils Arten der Kulturlandschaft mit Vertretern einer "klassischen" Parkästhetik kombiniert. Die Wiesenbereiche wurden mit regionalem, zertifiziertem Saatgut angelegt und werden künftig extensiv gepflegt. Blühaspekte bilden darin unter anderem Wiesen-Margerite (Leucanthemum vulgare), Klatschmohn (Papaver rhoeas), Wiesen-Salbei (Salvia pratensis), Kornblume (Centaurea cyanus) und Rote Lichtnelke (Silene dioica). Die Strauchpflanzungen im Park greifen motivisch die charakteristischen wärmeliebenden Gebüsche des Überlinger und Sipplinger Steilufers auf und kombinieren deren Arten mit verschiedenen Schmuckgehölzen. Dabei werden Arten wie Weinrose (Rosa rubiginosa), Heckenrose (Rosa canina), Geißklee (Cytisus nigricans) und Wolliger Schneeball (Viburnum lantana) mit Bartblume (Caryopteris x clandonensis) oder Baum-Felsenbirne (Amelanchier arborea) kombiniert. Das Pflanzkonzept setzt somit auf die Besonderheit des Ortsspezifischen und dessen gestalterische Inwertsetzung.

Ökologie und Parknutzung

Dass sich auch zwischen Ökologie und Freiraumnutzung vielversprechende Synergien für den neuen Park ergeben, zeigt sich vor allem an der Gestaltung des Bodenseeufers. Anstelle der früheren Ufermauer wurde eine strukturreiche Ufertopographie geschaffen, in der steile und flachere Bereiche abwechseln. Die Uferlinie wurde dadurch gegenüber der früheren Situation zwischen 7 und 40 m in das Parkinnere verschoben. Auf diese Weise werden nicht nur die wechselnden Wasserstände des Bodensees stärker und vielfältiger erlebbar, sondern es entstanden auch vielfältige kleinräumige Lebensräume für Pflanzen und Tiere in der Uferzone.

Die Steiluferbereiche wurden mit einer Neigung von 1:1,5 als Setzungen und Schüttungen unterschiedlicher Steinformationen aus beigem Granit erstellt und damit in Farbigkeit und Struktur Bezug auf den anstehenden Molassefelsen genommen. Zwischen Mittelhochwasserlinie und Hochwasserlinie wurde das Steilufer mit Weidensteckhölzern besetzt. Der oberhalb anschließende Bereich bis auf die Böschungskrone wurde mit Substrat ausgeführt und mit Weidenstecklingen bepflanzt. Verwendung fand dabei bei den Steckhölzern autochthones Material der Purpurweide (Salix purpurea), Korbweide (Salix viminalis), Mandelweide (Salix triandra) und Grau-Weide (Salix cinerea) und für die Pflanzung Baumschulware der gleichen Arten. Diese Uferbepflanzung wird im zweijährigen Turnus auf Stock gesetzt.

Die Flachuferbereiche wurden als terrassierte Böschungen ebenfalls aus beigem Granit mit einer Neigung von 1:8,5 bis 1:20 ausgeführt und dabei in den steileren Böschungsfuß Trittstufen eingebunden. Durch Abschnitte mit Kies und größeren Wackensrteinen sowie Sandbereiche weisen diese Ufer eine stark ausdifferenzierte Struktur auf. Oberhalb der Hochwasserlinie schließen daran Rasenflächen mit akzentuierenden Schwarzpappel-Gruppen (Populus nigra) an. Zur weiteren räumlichen Differenzierung der Uferzone tragen Schilfpflanzungen, eingebaute Totholzstämme und Wurzelstöcke bei.

In der auf diese Weise geschaffenen strukturreichen Ufersituation bilden die gekiesten Flachuferbereiche und einzelne Treppen Zugänge zum See und öffnen das Ufer so zur kontemplativen und spielerischen Aneignung. Der hinzugewonnene Strukturreichtum ist also nicht nur ein ökologischer Wert, sondern er kann auch erkundet werden. Ein besonderes Entdeckungsfeld bietet dabei der im Wechselwasserbereich initiierte Strandrasen mit ehemals verbreiteten Arten der Ufervegetation. Dazu wurde in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe Bodenseeufer (AGBU) und dem Botanischen Garten Konstanz von der Stadtgärtnerei Überlingen autochthones Pflanzenmaterial vermehrt und ausgepflanzt. Dabei handelt es sich unter anderem um das durch seinen zartblauen Blühaspekt attraktive Bodensee-Vergissmeinnicht (Myosotis rehsteineri), die Strand-Schmiele (Deschampsia rhenana), den Europäischen Strandling (Littorella uniflora), den Ufer-Hahnenfuß (Ranunculus reptans), die Nadel-Sumpfbinse (Eleocharis acicularis), den Binsenlauch (Allium schoenoprasum) und die Stumpfkantige Hundsrauke (Erucastrum nasturtiifolium).

Damit verfügt der Park am Ufer - wie auch in anderen Bereichen - über außergewöhnliche Pflanzungen. Sie zeigen eine besondere, ortsspezifische Ästhetik, die für das Gartenschauerlebnis innovativ sein kann, indem sie ökologische Werte vermittelt und damit die für diese Veranstaltungen gängigen Sehgewohnheiten durchbricht. Zugleich werden einige der Strandrasenarten durch das Betreten der Uferzone in ihrem Bestand wesentlich gefördert. In dieser Weise schafft das Konzept Räume für die ökologische Entwicklung und Naturentdeckung, deren Dynamik zugleich durch die Entdecker entscheidend beeinflusst wird.


LGS Überlingen Landesgartenschauen und Grünprojekte
Der Park lädt zur Neuentdeckung des Bodensees ein. Foto: Hanns Joosten


Das Konzept fasst Pflanzungen, ebenso wie die räumlichen Situationen des Parks als Initiale auf. Ziel ist es, diese zur Grundlage von Dynamiken zu machen. Demnach ist nicht entscheidend, ob sich eine einzelne Pflanzenart dauerhaft etabliert, sondern dass Biodiversität gefördert wird. Ebenso geht es nicht um die Etablierung einzelner spezifischer Funktionen der Parknutzung, sondern um das Ermöglichen von Aufenthalt und das Stiften anhaltender individueller Bindungen zur landschaftlichen Situation des Parks mit ihren Naturaspekten. So kann der Uferpark sowohl Impulse für das Leben in Überlingen bieten, wie auch für die Ökologie des Bodensees. Geschaffen wird somit nicht nur ein offenkundig "grüner" Ort, sondern auch eine Vielschichtigkeit und Dynamik, die darüber hinausgeht und die ihn hoffentlich nachhaltig "grüner" macht.


Freianlagenplanung:
  • relais Landschaftsarchitekten
  • mit Mark Krieger Pflanzungen
  • Bauzeit: 2016-2020
  • Fläche: 6,5 ha
 Marianne Mommsen
Autorin

Landschaftsarchitektin

relais Landschaftsarchitekten Heck Mommsen PartGmbB
Dipl.-Ing. Thomas Thränert
Autor

Landschaftsarchitekt

KRT – Krepelin Rolka Thränert

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