Landschaftsarchitektur in Norwegen

Freiraumgestaltung von Winters Gnaden

Der Ureddsplassen im nördlichen Norwegen ist nicht nur ein Rastplatz für Reisende, sondern auch ein Gedenkort für das U-Boot "Uredd" (dt.: furchtlos), das im Zweiten Weltkrieg unweit der Küste gesunken ist. Foto: Steinar Skaar

Für viele Deutsche ist Skandinavien ein Sehnsuchtsort, dessen landschaftliche Schönheit ihnen direkt zu Herzen geht. Mehr noch als seine Nachbarländer zieht uns das Königreich Norwegen in seinen Bann: Mit mächtigen Fjorden, schroffen Gebirgsketten und endlosen Wäldern besitzt es eine Naturkulisse, die europaweit ihresgleichen sucht. Bei aller Romantik stellt sich jedoch die Frage: Wie ist es, als Landschaftsgestalter in einem Erdteil zu arbeiten, dessen Topographie so fundamental anders ist als die deutsche?

Antworten lieferte ein Vortrag des Landschaftsarchitekten Jens Zeevaert, der seit vielen Jahren in Trondheim lebt und arbeitet. Der Auswanderer war der Einladung der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Dresden und der sächsischen Landesgruppe des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten (BDLA) gefolgt, um Studenten und Hochschulgäste an seinen Erfahrungen im Land der Mitternachtssonne teilhaben zu lassen.

Die Gastgeber posieren mit dem Referenten: Prof. Cornelius Scherzer, Studiendekan Landschafts- und Freiraumentwicklung an der HTW Dresden (l.), Jens Zeevaert vom norwegischen Planungsbüro Asplan Viak (m.) sowie Steffi Schüppel vom BDLA Sachsen. Foto: Neue Landschaft

Fachübergreifende Büros

Als einer von norwegenweit rund 1.000 Angestellten des Planungsbüros Asplan Viak ist Zeevaert in vielfältige Projekte involviert, die für gewöhnlich fachübergreifend bearbeitet werden. Kein Wunder: Dem Wahl-Trondheimer zufolge sind in Norwegen gemischte Büros aus Architekten, Bauingenieuren und Landschaftsarchitekten weitaus üblicher als hierzulande. Ein weiterer Unterschied zu unseren Gefilden: 3D-Modelle stellen bei planerischen Projekten fast schon den "state of the art" dar. Zeevaert schätzt, dass rund zwei Drittel aller Büros ihnen den Vorzug gegenüber manuellen Skizzen geben.

Der norwegischen Landschaftsarchitektur deshalb ideale Rahmenbedingungen zu attestieren, wäre allerdings übertrieben. Denn die topographischen und klimatischen Gegebenheiten im Land der Mitternachtssonne begrenzen die gestalterischen Spielräume der dortigen Berufskollegen nicht unerheblich.

Schmales Materialspektrum

Schließlich herrscht dort oben ein Winter, der diesen Namen auch wirklich verdient - weshalb ein strenger Frost bei der Werkstoffwahl stets mitgedacht werden muss. Beispiel Wegematerial in offener Landschaft: Ob die dort oft verwendeten Gitterroste ästhetisch ansprechend sind, rückt angesichts des harschen Klimas in den Hintergrund - wichtig ist, dass von ihnen keine Rutschgefahr ausgeht, da Schnee und Regenwasser durch ihre Zwischenräume hindurchgleiten und absickern können.

Doch nicht nur wegen des unwirtlichen Klimas müssen Freiraumgestalter in Norwegen bei ihren Ideen oft Abstriche machen: Auch das verfügbare Materialspektrum ist dort viel kleiner als hierzulande. So gibt es in Norwegen beispielsweise nur einen großen Betonlieferanten, von dem alle Freiraumgestalter den Baustoff beziehen, so Zeevaert. Bei lediglich fünf Millionen Einwohnern im ganzen Land absolut einleuchtend, aber eben doch eine Einschränkung.

Trittsichere Pfade

Wie naturnah sich der Berufsalltag eines norwegischen Landschaftsarchitekten darstellt, wird angesichts eines Projekts am Stadtrand von Trondheim deutlich, in das Zeevaert federführend involviert war. Die Stadt hatte Asplan Viak damit beauftragt, 15 bestehende Wege und Trampelpfade aufzuwerten und zusätzlich neue anzulegen. Der Etat für den Ausbau des öffentlichen (Wald-)Wegenetzes: Stolze 1,8 Millionen Euro. Dass Trondheim eine derart hohe Summe in ein eher banal anmutendes Projekt investiert hat, sagt auch etwas über die norwegische Volksseele aus: Spaziergänge und Joggingläufe im nahen Wald sind für viele Einheimische ein ganz wesentliches Element ihrer Freizeitgestaltung. Dass diese möglichst risikoarm auf trittsicheren Pfaden stattfinden können, ist der Stadt ein entsprechend wichtiges Anliegen.

1,8 Millionen Euro ließ sich die Stadt Trondheim für Sanierung und Ausbau ihres Waldwegenetzes kosten. Eine wichtige Neuerung: Sämtliche Pfade wurden mit Schildern ausgestattet, die sie als öffentlich zugänglich ausweisen. Foto: Knut Opeide

Elchschonende Planung

Die örtliche Tierwelt zu schonen war während des gesamten Projekts oberste Priorität, sodass Wildkorridore - insbesondere jene von Elchen - von vornerein in den Plänen berücksichtigt wurden. Sobald sichergestellt war, dass die Wegführung nicht zulasten der örtlichen Elchpopulation gehen würde, durften die Landschaftsgärtner ihr Werk verrichten. Im Ergebnis erhielten die Trampelpfade ein umfassendes Upgrade für eine optimierte Naherholungserfahrung. Trittsicherheit wurde durch eine neue Tragschicht und eine wassergebundene Wegedecke gewährleistet, Spaziergänge im Zwielicht durch neue Beleuchtung ermöglicht. Darüber hinaus errichteten die ausführenden Landschaftsgärtner zusätzliche Sitzgelegenheiten, Geländer und Brücken. Und schließlich wurden - ganz im Geiste des nordeuropäischen "Jedermannsrecht", nach dem die Natur allen gehört - sämtliche Wege mit Schildern ausgestattet, die sie als öffentlich zugänglich ausweisen.

Postkartentaugliche Prestigeprojekte

Die Sanierung des Wegenetzes ist ein sehr lebensnahes, im besten Sinne alltägliches Beispiel aus Zeevaerts Wirken in Norwegen. Mit dem eingangs beschworenen Bild der monumentalen Landschaft hat es zwar nichts zu tun, doch postkartentaugliche Prestigeprojekte gibt es ebenfalls. Das womöglich malerischste Beispiel: Der Ureddplassen, ein Rastplatz bei Gildeskål in Nordnorwegen. Benannt nach dem U-Boot "Uredd" (dt.: furchtlos), das dort im Zweiten Weltkrieg sank und nie gehoben wurde, dient der Ort einerseits als Mahnmal für die militärische Tragödie. Zugleich bietet er einen imposanten Ausblick auf die unbewohnte Atlantikinsel Fugløya, deren Gebirgsketten schneegekrönt emporragen.

Einen nahezu ironischen Bruch erfährt diese bedeutungsschwere Szenerie durch den Daseinszweck des kleinen Steinhauses, dessen Umrisse sich markant vom Horizont abheben: Es handelt sich dabei nicht etwa um ein winziges Militärmuseum, sondern ein Toilettenhäuschen. Denn auch wenn man den Kopf in den Wolken hat, bleiben einem die irdischen Bedürfnisse nicht erspart. Der Ureddsplassen bringt landschaftliche Erhabenheit mit allzu menschlicher Trivialität zusammen - ein reizvoller Kontrast, wie er in dieser Form nur in Norwegen zu finden ist.

Hendrik Behnisch

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe NEUE LANDSCHAFT 02/2020 .

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