Junge Landschaft

Insektensterben - es ist später als fünf vor zwölf

von:
Artenschutz GaLaBau

135. FOLGE: Unsere Serie für den Nach wuchs erläutert das wichtigste GaLaBau- Grundlagenwissen vom Abstecken bis zum Zaunbau: Diesmal geht es um das Thema Artensterben.

Damit wir uns recht verstehen: Das soll hier kein "Endzeit-Stimmungs-Beitrag" werden, aber es ist, so glaube ich, endlich mal an der Zeit, den Kopf auch dafür zu verwenden, wofür er eigentlich da ist - zum Nachdenken! Es ist an der Zeit, die Meinungsunterschiede beiseite zu lassen und sich auf das Wesentliche zu besinnen. Was ist wesentlich? Es ist sicher nicht so wesentlich, ob man auf der Autobahn 180 km/h oder nur 100 km/h fahren darf. Es ist nicht wichtig, dass es Fahrzeuge gibt, die ohne Fahrer herumfahren. Es ist auch nicht von Bedeutung für die Menschheit, wer auf Facebook, Instagram oder Twitter die meisten Follower hat. Es ist auch nicht wichtig, sich darüber zu streiten, ob "jede Milchkanne" Internetanschluss haben sollte.

Wichtig sind Wir! Wir alle. Und damit es uns noch lange gibt müssen wir unsere Lebensgrundlagen schützen. Unsere Lebensgrundlage ist unsere Umwelt, alles was uns umgibt und was uns am Leben erhält. Unsere Erde, unsere Natur, unsere Luft, unser Wasser. Schützen wir es endlich.

In diesem Artikel soll es um das Insektensterben gehen, um unseren Beitrag, was wir tun können, um das Artensterben zu verhindern. Unweigerlich richtet sich da unser Blick nach Bayern. Donnerwetter; Millionen Menschen sagen "Nein" zum Sterben der Insekten, zwingen die Regierenden zum Handeln.

Stellen wir uns die Frage: Sind denn Insekten (nicht nur die drolligen Bienchen und Hummeln, wie es uns in Süddeutschland versucht wurde schmackhaft zu machen, sondern auch die hässlichen "Viecher" wie Wespen, Fliegen, aber auch Spinnen oder beispielsweise Asseln) für uns so wichtig?

Insekten und andere "Krabbeltiere" sind im ökologischen Kreislauf der Natur von großer Bedeutung. Von den circa 1,7 Millionen bekannten Tierarten auf unserer Erde sind 80 Prozent Insekten. Die Biomasse aller Insekten beträgt etwa 0,9 Milliarden Tonnen - zum Vergleich: die Masse aller Menschen beträgt 0,4 Milliarden Tonnen. Sie bilden nicht nur zahlen- und gewichtsmäßig einen Beitrag der Superlative auf unserem Planeten, sondern bilden für die meisten Lebewesen die Grundlage ihres Fortbestehens. 80 Prozent aller heimischen Pflanzen werden von ihnen bestäubt. Rekordhalter ist hier die Honigbiene, bei der ein Volk am Tag bis zu 3000000 Obstbaumblüten bestäuben kann. 60 Prozent aller einheimischen Vögel ernähren sich von Insekten. Für den Menschen unterscheiden sich Insekten nur durch Nutzen und Schaden, den sie verursachen. "Schaden" bedeutet: sie stechen, saugen Blut, schädigen Pflanzen, verbreiten Krankheiten. Worin liegt dann ihr "Nutzen"?

NL-Stellenmarkt

Relevante Stellenangebote
Sachbearbeitung Bauleitung und Vergabe für..., Düsseldorf  ansehen
Gärtnermeisters / Technikers (m/w/d) als..., Baden Baden  ansehen
Bezirksleitung Pflegebezirk für das Garten-,..., Düsseldorf  ansehen
Alle Stellenangebote ansehen
Artenschutz GaLaBau
Grafik: Uwe Bienert

Lasst uns Gutes tun

Es ist ziemlich schwierig, eine Systematik zum Thema "Nützlichkeit" zu finden. Das hängt immer von der Betrachtungsweise rab, denn auch eine lästige Blattlaus ist als Futtergrundlage ein existenziell wichtiger Knotenpunkt in der Natur. Deshalb habe ich in der nebenstehende Tabelle die bekanntesten Nutzinsekten und ihre Aufgabe im Dienst des Gärtners zusammengefasst.

Die Qual der Wahl

Sicher hat sich jeder schon einmal die Fragen gestellt: Wie finden Bienen eigentlich die Blüte und wie unterscheiden sie so im Vorbeiflug, ob sich ein Besuch noch lohnt?

Bienen können visuell die Farben Gelb, Blau und Violett erkennen. Bei weißen Blüten hilft für die Erkennung ihre Fähigkeit den UV-Anteil zu filtern. Schwarze Blüten erscheinen ihnen schwarz und werden weniger oft angeflogen. Hummeln dagegen bevorzugen die Farben Gelb und Blau. Dabei werden die Blüten nach der Farbintensität bewertet: Je kräftiger desto besser. Rote Blüten fliegen Hummeln nicht an, da sie diese Farbe nicht erkennen können.

Schmetterlinge benötigen zum Nektartrinken auf Grund ihrer Anatomie (Rüssel) röhrenförmige Blüten. Tagfalter erkennen orange bis purpurrote Blüten am besten; Nachtfalter bevorzugen die Farbe Weiß.

Schwebfliegen sind für die Korbblütler zuständig. Sie ernähren sich von den Pollen und ganz nebenbei werden die Blüten bestäubt.

Generell kann man sagen, dass alle Bestäuber die Blüten immer anhand mehrerer Faktoren auswählen. Zu diesen Auswahlfaktoren zählen der Duft der Blüte, ihre Farben und Muster, die Form und das elektromagnetische Feld der Blüte. Dieses verändert sich nach dem Besuch eines Bestäubers und signalisiert dem Nachfolger, dass die Blüte bereits angesammelt wurde.

Artenschutz GaLaBau
Grafik: Uwe Bienert
Artenschutz GaLaBau
Tabelle: Uwe Bienert

Ein kluger Plan

Ein umfassender 9-Punkte-Plan gegen das Insektensterben wurde am 19.10. 2018 von WissenschaftlerInnen in Stuttgart veröffentlicht. Ich habe versucht, den durchaus beachtenswerten Inhalt einmal soweit wie möglich zusammenzufassen. Den genauen Wortlaut findet man auf den Seiten des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) und des Bundes für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND).

Folgende Punkte müssen zur Abwendung des Insektensterbens auf der Agenda stehen:

1. Einschränkung des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft

a) Änderung der Zulassungsverfahren für Pestizide, Beurteilung der Toxizität von Pflanzenschutzmitteln nach der nicht tödlichen Schädigung, Vorsorgeprinzip gilt nicht nur für Menschen und Nutztiere, sondern auch auf die belebte und unbelebte natürliche Umwelt , bessere Erforschung und Risikobewertung der Auswirkungen.

b) Verbot jeglichen vorbeugenden Pflanzenschutzes, insbesondere das Beizen von Samen und das vorsorgliche Spritzen, noch bevor ein Befall mit Schadinsekten nachgewiesen wurde.

c) Verbot von Neonikotinoiden und Pestizide (bei gleichem Wirkprinzip) im Freiland, Reduzierung des Einsatzes chemischer Pflanzenschutzmittel auf höchstens 20 Prozent des bisherigen Einsatzes.

d) Totalherbizide wie Glyphosat sollten in Schutzgebieten, Pufferzonen, Biotopverbundkorridoren und öffentlichen wie privaten Grünflächen umgehend vollständig verboten werden.

2. Extensivierung der Landwirtschaft

a) Die EU-Agrarsubventionierungen sind dahingehend zu ändern, dass Direktzahlungen an ökologische Leistungen gekoppelt werden.

b) Erhöhung der Anzahl von Brachflächen.

c) Sofortige Erhöhung des Anteils der ökologisch bewirtschafteten landwirtschaftlichen Flächen auf mindestens 20 Prozent.

d) Erhöhung des Anteiles ökologischer Vorrangflächen von fünf auf zehn bis zwanzig Prozent.

e) Begrenzung von Nährstoffüberschüssen in der Landschaft, Einhaltung einer bedarfsgerechten Düngung.

f) Stärkere Subventionierung kleinerer Felder mit strukturreichen Feldrändern und Hecken, verbesserte Landschaftsplanung, um Biotopverbundkorridore mit allen lokal sinnvollen Maßnahmen der Vernetzung zu gestalten, ökologische Maßnahmen vorrangig in bereits strukturarmen und ausgeräumten Landschaften.

3. Erhöhung der Artenvielfalt des Grünlands

a) Verhinderung des weiteren Rückgangs der Grünlandflächen.

b) Einführung insektenfreundlicher Mähweisen und -methoden (Stehenlassen von zehn Prozent des Wiesenbestandes, Einhaltung einer Mahdhöhe von mindestens zehn cm).

c) Der Einsatz von Mulchgeräten und Mähaufbereitern gehört auf ein absolutes Minimum reduziert.

4. Pflege von Naturschutzgebieten

a) Berücksichtigung der Habitatansprüche von Insekten müssen im Pflegemanagement von Naturschutzgebieten berücksichtigt werden.

b) Erhöhung des Etat der zuständigen Naturschutzbehörden.

c) Angemessene Integration der Landnutzung (z.B. von Ackerflächen) in den Pflege- und Bewirtschaftungssystemen der Schutzgebiete, klare Definition der unterschiedlichen Nutzungstypen aus der Sicht des Biodiversitätsschutzes.

d) Verbot des Einsatzes von Pestiziden in Naturschutzgebieten, Schaffung von angemessene Pufferzonen zwischen Naturschutzgebieten und angrenzenden Ackerflächen.

e) Erhöhung der Zahl von Schutzgebieten.

5. Mehr Natur im öffentlichen Raum

a) Umsetzung eines insektenfreundlichen Management-Konzepte auf öffentlichen Grünflächen.

b) Pflanzung von nektarreichen Pflanzen in Städten und Gemeinden.

c) Großflächige Umstellung des Mähregimes öffentlicher Grünflächen im städtischen und ländlichen Raum von einem Kurzrasen-Management auf ein extensives Wiesenmanagement mit maximal zwei Mahden pro Jahr unter Abräumung des Mähgutes erst nach einigen Tagen.

Wiesen im öffentlichen Raum sollten unter Verwendung regionaltypischen einheimischen Saatguts neu angelegt werden.

d) Im Straßenbau sollten insektenfreundliche Straßenränder unter Verwendung autochthonen Saatguts und Einhaltung eines extensiven Mähregimes angelegt werden.

6. Lichtverschmutzung

a) Verringerung des Lichtes mit hohem Blauanteil.

b) Einsatz von LED Straßenleuchten.

c) Verringerung der Farbtemperatur von 4000 Kelvin (neutralweißes Licht) auf maximal 3000 Kelvin.

7. Forschungs- und Bildungsoffensive

a) Erhöhung des Kenntnisstandes zur Biodiversität der Insekten (Grundlagendaten zur Lebensweise, Verbreitung sowie zu ihren Funktionen in den lokalen Artengemeinschaften).

b) Taxonomie-Offensive zur Erforschung und Dokumentation der Artenvielfalt mit neuen Stellen an Naturkundemuseen und Universitäten.

c) Anstatt das Fach "Biologie" in Schulen weiter einzuschränken, sollten wieder verstärkt Artenkenntnis, Verständnis für ökologische Zusammenhänge und die Bedeutung von Biodiversität vermittelt werden.

d) langfristiges und flächendeckendes Insektenmonitoring

8. Förderung von Wildbestäubern

a) Strengerer Schutzstatus in der Bundesartenschutzverordnung für hochgradig gefährdete Wildbienen.

b) Bei der Zucht und der kommerziellen Vermarktung von Honigbienen, Hummeln und anderen Bienenarten als Bestäuber sollten strengere Hygienemaßnahmen durchgeführt werden, um eine Übertragung von Krankheiten auf Wildbienen und andere Insekten zu vermeiden.

c) Initiativen zur Förderung von Honigbienen eignen sich nicht als Naturschutzmaßnahmen, da sie vor allem bei knappem Blütenangebot zu Nahrungskonkurrenz mit Wildbestäubern führen können. Spezifische Maßnahmen für Wildbienen sind zwingend.

d) Für Honigbienenvölker sollte abhängig vom Lebensraum eine ökologisch vertretbare Höchstzahl festgesetzt werden. Honigbienenhaltung darf innerhalb von Naturschutzgebieten und angrenzenden Pufferzonen nicht mehr erlaubt sein.

9. Öffentlichkeitsarbeit

a) Jede/r Einzelne kann und sollte dazu beitragen, einen weiteren Rückgang von Insekten zu verhindern. Hierzu ist jedoch ein neues Bewusstsein nötig, das die Vielfalt an Pflanzen und Tieren auch in Wohngebieten und öffentlichen Grünanlagen als einen Wert an sich begreift.

b) Monotone Rasenflächen oder mit Kies versiegelte Gärten und Grünanlagen sollten nicht als "aufgeräumt" angesehen, sondern als Problem der weiteren ökologischen Verarmung unserer Städte und Gemeinden identifiziert werden. Sich selbst überlassene ausgewählte Flächen in Parks und Privatgärten stellen wichtige Naturerlebnisräume für die Stadtbevölkerung dar.

c) Um ein langfristiges Umdenken in der breiten Bevölkerung einzuleiten, müssen wir bei den Jüngsten beginnen. Gezielte Fortbildungen von Lehrer/innen und Erzieher/innen könnten zum Beispiel ein Weg sein, um das Thema verstärkt in die Schulen zu tragen und die Aufmerksamkeit von Kindern weg von ihrem Smartphone und hin zu dem, was da am Wegesrand krabbelt, zu lenken.

Artenschutz GaLaBau
Grafik: Uwe Bienert

Wie kann man helfen?

Gärtner, Landwirte und alle in der Natur tätigen können ihren Beitrag zur Verringerung des Sterbens der Insekten leisten. Kleine Maßnahmen haben da meist große Wirkung.

Die größte Bedeutung spielt dabei die Auswahl der Pflanzen. Sie bilden die Nahrungsgrundlage der Insekten. Je vielfältiger ein üppiger bunter Blütenbestand vom Spätwinter bis hin zum Spätherbst angeboten wird, desto bessere Chancen hat die Insektenpopulation sich zu entwickeln und zu stärken. Es muss auch nicht immer beispielsweise Buchsbaum sein - eine blühende Alternative hat durchaus auch seinen Reiz und seinen Nutzen.

Dabei ist ein "aufgeräumter" Garten nicht besonders hilfreich, da er den Insekten viele ihrer wichtigen Lebensräume vorenthält. Offener Boden, Sand und Steine sind genauso wichtig wie altes Laub und Totholz. Sie bilden die Lebensräume, Eiablageplätze und Aufzuchtstätten der Larven.

Jeder über den Winter stehengelassene Fruchtstand oder Pflanzenstängel ist ein potenzieller Überwinterungsort und Unterschlupf. Sinnvoll ist es mit dem Rückschnitt erst im April zu beginnen und das Schnittgut in einer Gartenecke temporär zu deponieren. Mitte bis Ende Mai, abhängig von den Temperaturen, kann dann das Schnittgut entsorgt oder kompostiert werden, da dann alle Bewohner bereits wieder ausgezogen sind.

Für alle "Aufräumfanatiker" ist das Insektenhotel eine gängige Alternative. Dazu bieten die einschlägigen Naturschutzverbände ganz brauchbare Bauanleitungen an. Viel im Handel erhältlichen Konstruktionen sehen in der Regel zwar schön aus, sind aber funktionell ziemlich fragwürdig. Einfach ist manchmal mehr. Zu den ganz einfachen Mitteln zählen beispielsweise mit Holzwolle gefüllte, umgekehrt aufgehängte Blumentöpfe (Ohrwürmer), Wellpapperollen (Marienkäfer) oder gebohrte Holzbalken (Solitärbienen).

Das wichtigste Lebensmittel auch für Insekten ist Wasser. Deshalb sind Wassertankstellen für die Tiere sinnvoll. Keiner verlangt, dass mitten auf der Grünfläche ein bis zum Rand mit Wasser gefüllter Maurerkübel stehen soll. Kleine, dafür aber ständig gefüllte, flache Schalen leisten hier gute Dienste.

Uwe Bienert

Quellen:

  • Insektensterben/Schmetterlingssterben/Bienensterben: Was tun?
    (Dr. Lars Krogmann, Prof. Dr. Oliver Betz, Dr. Jonas Geldmann, Prof. Dr. Dave Goulson, Prof. Dr. Randolf Menzel, Dr. Uwe Riecken, Prof. Dr. Joachim Ruther, Hans Richard Schwenninger, Dr. Martin Sorg, Prof. Dr. Johannes Steidle, Prof. Dr. Teja Tscharntke, Prof. Dr. Wolfgang Wägele)
  • Farbatlas Krankheiten und Schädlinge an Zierpflanzen, Obst und Gemüse,
    (Bernd Böhmer, Walter Wohanka; Ulmer-Verlag),
  • Der Gärtner 1 (Martin Degen, Karl Schrader; Ulmer-Verlag),
  • Schädlinge & Krankheiten (Pippa Greenwood, Andrew Halstead; Dorling Kinderley Verlag),
  • Einheimische Laubgehölze (Hecker, Quelle & Meyer Verlag Wiebelsheim),
  • Grundkurs Gehölzbestimmung (Lüder, Quelle & Meyer Verlag Wiebelsheim),
  • Taschenlexikon der Gehölze (Schmidt/Hecker, Quelle & Meyer Verlag Wiebelsheim),
  • International standard ENA 2010-2015 (M.H.A. Hoffmann, ENA's European Plant Names Working Group),
  • www.kiefernspezi.de,
  • Wikipedia,
  • www.hortipedium.de

Nächsten Monat lesen Sie: "Indoor-Gartenbau"

 Uwe Bienert
Autor

Landschaftsgärtner-Meister und Ausbilder

Ausgewählte Unternehmen
LLVZ - Leistungs- und Lieferverzeichnis

Die Anbieterprofile sind ein Angebot von llvz.de

Redaktions-Newsletter

Aktuelle GaLaBau Nachrichten direkt aus der Redaktion.

Jetzt bestellen