Die Philosophie der Schwammstadt am Bauprojekt umgesetzt

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Seit einiger Zeit liest man immer häufiger, dass als eine der Antworten auf den Klimawandel unsere Städte zu "Schwammstädten" werden sollen. Weil Hitze- und Kälteperioden immer unregelmäßiger und extremer werden, weil Stark- und Dauerregenereignisse zunehmen, müssten unsere hochverdichteten und stark versiegelten Siedlungsgebiete resilienter werden. Damit ist gemeint, dass man zusätzlich zu allen anderen Funktionen und Ansprüchen Wege findet, die Quartiere so zu ertüchtigen, dass sie mehr Regenwasser aufnehmen und speichern sowie Verschattung beziehungsweise Kühlung leisten können.

Des Weiteren müssen alle im Gebiet verwendeten Materialien und Pflanzen auf Langlebigkeit/Nachhaltigkeit und ihre Fähigkeit zur Unterstützung der oben genannten Ziele geprüft werden. Das sind viele Forderungen auf einmal - vor allem, weil sich hinter jeder Forderung und jedem Ziel ein neuer Strauß von Kriterien auftut. Außerdem stellen sich echte Hindernisse in Gestalt von Kostengrenzen, Baurecht, Normen, Förderfähigkeit etc. sowie gefühlte Barrieren, wie mangelnde Erfahrung, Gewährleistungsbedenken, Unkenntnis beziehungsweise Fehlinterpretation von Regelwerken oder ganz generell die fehlende Bereitschaft zur Weiterentwicklung in den Weg.

Zusätzlich hat das Schwammstadtprinzip viele Teilaspekte und verschiedene Ebenen. Auf Ebene des einzelnen Grundstücks haben wir es mit den Belangen des Gebäudes, des Eigentümers und der Nachbarn zu tun; Kosten und Folgekosten spielen ebenfalls eine sehr große Rolle. Mit dieser Ebene werde ich mich im Folgenden schwerpunktmäßig beschäftigen. Als Kontrapunkt, beziehungsweise zur besseren Einordnung, möchte ich aber im Vorfeld noch auf die Ebene der Stadt/des Quartiers zu sprechen kommen.

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Kommunale Ebene

Hier begegnen uns übergeordnete Regelwerke und Gesetze, die bis in die EU-Verordnungen reichen. Aber auch Landesrecht sowie kommunale Satzungen, wie die Bebauungspläne, regeln den Umgang mit Regenwasser – oder eben NICHT, weil sie dafür einfach zu alt sind. Erst seit einigen Jahren erstellen manche Kommunen gebietsübergreifende Regenwasser-Konzepte und integrieren sie in ihre Bauleitplanung. Auf Ebene von Rahmenplänen und Wettbewerben wird mittlerweile zumindest eine qualifizierte Betrachtung der Regenwasserbewirtschaftung mit ungefähren Lösungswegen gefordert. Bedauerlicherweise gehen von diesen (wichtigen) Bemühungen mehrere kontraproduktive Botschaften aus:

  • Regenwassermanagement ist (ausschließlich) Aufgabe der Kommune und spielt sich unterirdisch oder im öffentlichen Raum ab.

    Klares Nein. Eine Kommune tut zwar gut daran, ihre Gemarkung anhand von Topographie, Vorflut, Klimadaten, Bodendaten etc. einzuschätzen und Szenarien zur schadlosen Bewirtschaftung des Regenwassers zu entwickeln. Aber nur, weil früher jegliches Wasser von privatem Grund in eine öffentliche Kanalisation eingeleitet werden musste, entspringt daraus keine Rechtfertigung für die Zukunft, zum einen weiter alles Wasser in den Untergrund zu verbannen und zum anderen, alle Zuständigkeit dafür weiterhin an die Kommune zu delegieren.

    Wir erinnern uns: die Schwierigkeiten, die wir haben (Überflutungen nach Starkregen, überlastete Kanäle, steigende Kosten etc.), resultieren genau aus dieser Haltung! Wenn sich etwas ändern soll, bedingt das gerade die Abkehr von dieser Vorgehensweise, also die Rückübertragung der individuellen Verantwortung für Regenwasser vom öffentlichen auf das private Grundstück. Die Antwort wird eben nicht lauten: noch mehr technische, unterirdische Bauten und das Generieren einer teuren, nutzlosen oberirdischen Infrastruktur, die zeitweise Regenwasser vom privaten Grundstück in eine öffentliche Retentionseinrichtung leiten kann
  • Regenwassermanagement (auch oberirdisches) muss immer groß(räumig) gedacht werden.

    Eher nein. Natürlich muss man den Kontext einer privaten Fläche immer mit untersuchen. Ein Grundstück ist keine Insel. Andererseits neigen Probleme dazu, riesig und fast unlösbar zu erscheinen, wenn man den Zoom groß aufzieht. Wie schon beim ersten Punkt verdeutlicht, tut eine Kommune gut daran, sich potenziell gefährdete Bereiche (z. B. Geländetiefpunkte, Bodenkennwerte oder Kanalauslastung) anzusehen und damit auseinanderzusetzen.

    Aber der Großteil der (Frei-)Flächen in einer Stadt oder Gemeinde befindet sich in privater und nicht in kommunaler Hand. Meistens sind die kommunalen Flächen sowieso schon mit Funktionszuweisungen überlastet (Erholen, Spielen, Ausgleich etc.) oder von kommunalen Tochtergesellschaften belegt (Stadtwerke, Feuerwehr, Kläranlage, öffentlicher Nahverkehr).

    Wie soll eine Kommune da ein autarkes, zusammenhängendes Konzept auf ihren eigenen Flächen erstellen? Sie wird also für die privaten Flächen mitdenken und mit der maßstäblichen Unschärfe Ergebnisse produzieren, die dann am Ende doch auf dem jeweiligen Grundstück nicht richtig passen. Warum nicht die Denkrichtung umkehren? Lösungen für die Grundstücke entwickeln und nur mit dem Überschuss überhaupt auf die öffentliche Infrastruktur zugehen.
  • Regenwassermanagement ist eine komplizierte technische Aufgabe, die teure technische Lösungen bedingt.

    Klares Nein. Dass Regen vom Himmel fällt ist kein Phänomen der Neuzeit. Schon zu allen Zeiten mussten sich die Menschen dazu etwas einfallen lassen. Kurz aufgezählt sind die Hauptthemen: überlastete Kanäle aus der Zeit, als man glaubte, alles im Untergrund abhandeln zu können. Es wuchsen die Städte und die Kanäle konnten das viele Wasser nicht mehr aufnehmen. Außerdem ändert sich unser Klima; die Regenereignisse werden länger, unregelmäßiger und stärker. Auch das verträgt sich nicht mit überlasteten Kanälen.

    Zusätzlich erwähnt seien Barrierefreiheit (Wassereintritt durch fehlende Schwellen/Stufen) und Fachkräftemangel (steigende Kosten für Wartung und Unterhalt von Technik). Wie auch bei einigen anderen Themen reift daraus die Überzeugung, dass der Ansatz, aus einem natürlichen Ereignis ein Problem zu machen, schon früher falsch war. Das bedeutet, dass die Taktik für die Zukunft nicht noch mehr teure, komplizierte, wartungsintensive Technik im Untergrund lauten kann, sondern Vereinfachen, Dezentralisieren, Ertüchtigen der Geländeoberfläche.

Grundstücksebene

Schwammstadt meint, dass ein bebauter Bereich (Haus/Grundstück - Quartier - Stadtviertel - Stadt - Umland) das dort fallende Regenwasser schadlos aufnehmen, zurückhalten, speichern und verteilen kann. So richtet Niederschlag, auch in extremer Form, keinen Schaden an, sondern speist gleichmäßig die Vegetation, vermehrt das Grundwasser, sorgt durch Verdunstung für Kühlung und steht gegebenenfalls für Nutzungen zur Verfügung (Brauchwasser, Löschwasser, Gießwasser etc.). Dadurch wird zusätzlich die Vorflut entlastet, so dass daraus gleichzeitig ein Hochwasserschutz entsteht. Umgekehrt sind Retentionsflächen für Regenwasser auch als Pufferflächen für Hochwässer zu denken.

Das idealtypische Konzept für ein Grundstück in der Schwammstadt arbeitet mit folgenden Bausteinen:

  • Entsiegeln/Nicht-Versiegeln von Flächen, damit auf einem möglichst großen Teil des Grundstücks Regenwasser direkt von Vegetation und Oberbodenschichten aufgenommen werden kann.
  • Falls funktionsbedingt eine Versiegelung/ Befestigung von Oberflächen erforderlich ist, sollte sie einen möglichst niedrigen Abflussbeiwert haben (Schotterrasen, Rasen-/Sickerfugenpflaster, versickerungsfähige Beläge), also einen Großteil des Regenwassers einsickern lassen.
  • Sanftes Modellieren der Grundstücksoberfläche, damit auch bei schlechten Rahmenbedingungen (Frost, gesättigter Boden, schlechte Versickerungswerte) Extrem-Regenereignisse schadlos zurückgehalten werden können. Bindiger Boden ist kein pauschales Ausschlusskriterium!
  • Einbeziehen von untergeordneten Funktionsflächen wie Feuerwehrzufahrten und Kfz-Stellplätze in diese Modellierungen.
  • Überziehen von Gebäuden, Nebengebäuden und unterirdischen Einbauten mit möglichst dicker Substratschicht, die Regenwasser aufnehmen, speichern und wieder verdunsten beziehungsweise an Vegetation abgeben kann.
  • Vermeiden von Entwässerungseinrichtungen, die Regenwasser schnell und ohne vorherige Pufferung/Versickerung in den Untergrund ableiten. Abläufe sollten also eher 'Überläufe' von Versickerungsflächen sein.
  • Ertüchtigen der Gebäude, damit sie solche Bestrebungen fördern und nicht blockieren.
    Das bedeutet konkret, das Dachgefälle zu minimieren (möglichst gefällelos), innenliegende Entwässerung zu vermeiden, keine Inseldächer auf Penthäusern zu produzieren, möglichst wenige und dafür gezielt positionierte Regenfallleitungen zu planen, die frei in die Umgebung auslaufen können. Außerdem die Zielkonflikte an den Schnittstellen Gebäude/Gelände entschärfen: niedrige Sockel statt bodentiefer Fenster mit Fassadenrinnen, niedrige Schwellen statt Ausreizen der Barrierefreiheit. Vermeiden beziehungsweise Optimieren von Lichtschächten, Lichtgräben, Lüftungs- und Entrauchungsöffnungen. Oft hilft hier die kluge Wahl der OKFF, beziehungsweise die Abschnittsbildung bei sehr langen Gebäuden oder abschüssigem Gelände.

    Meistens lässt sich so schon das komplette Regenwasser inclusive einer Reserve für Starkregen auf der Geländeoberfläche bewirtschaften. Falls Dachform, Grundstücksgröße, Versiegelungsgrad oder Bodenwerte das erschweren, kann über eine unterirdische Versickerung nachgedacht werden. Allerdings sind solche Ansätze oft teuer (in Anschaffung und Wartung), nicht nachhaltig oder scheiden aufgrund von Bodenwerten oder Grundwasserstand sofort wieder aus.

    Falls am Ende der Überlegungen nur noch eine (meist gedrosselte) Einleitung in den Schmutzwasserkanal bleibt, stellt sich die Frage, ob das Anstauvolumen und die Drosselung tatsächlich unterirdisch als großes Bauwerk errichtet werden müssen, oder ob der Anstau/die Drosselung nicht schon auf dem Dach beziehungsweise oberirdisch im Gelände erfolgen könnten. Das ist zwar auf den ersten Blick ungewohnt, jedoch meist erheblich günstiger und oft wartungsfrei.

    Man muss sich vor Augen führen, dass dieses Ereignis nur an wenigen Tagen im Jahr eintreten wird oder auch ausbleiben kann. Und wen würde ein Anstau von 10 cm Regenwasser über wenige Stunden auf einer Feuerwehrzufahrt (Schotterrasen, Rasenpflaster) im Gelände stören? Oder kurzfristig stehendes Wasser in einem entsiegelten, vertieften Überhangstreifen von KFZ-Stellplätzen? Bereits geringfügig modellierte Vegetationsflächen, Feuerwehrzufahrten und optimierte Pkw-Stellflächen ergeben auf fast jedem Grundstück ein enormes Retentionsvolumen.


Aus der Praxis - jetzt mal konkret!

Auch wenn es also etwas ungewöhnlich erscheint, möchte dieser Beitrag dazu ermutigen, sogar unabhängig von einer kommunalen Vorgabe, zumindest einige grundlegende Planungsansätze zu überprüfen, Möglichkeiten auszuloten und sich nicht auf ein "auf Projektebene muss/kann man sowieso nichts mehr machen" zurückzuziehen. Stellen wir uns also vor, wie ein typischer Projektstart aussieht: ein Eigentümer, Investor, eine Kommune oder ein Hochbauarchitekt nehmen Kontakt mit einem Landschaftsarchitekten oder gleich mit einer Landschaftsbaufirma auf.

Auf einem Grundstück in einem bebauten Kontext soll ein Gebäude errichtet werden. Dafür liegt bereits ein Vorentwurf vor, nun wird das Planungsteam zusammengestellt. Oft wurden per Index auch schon Baukosten für die Freianlagen (DIN 276 Kostengruppe 500) in den Raum gestellt. Unglücklicherweise verbergen sich hier in der Kostengruppe 550 manchmal hohe Beträge für unterirdische Entwässerungstechnik (aus der TGA), während Kosten für eine etwaige Dach- oder Fassadenbegrünung meist in der Kostengruppe 300 zu finden sind. Das sorgt gegebenenfalls bereits für Ärger und Verwirrung bei der Definition honorarfähiger Kosten für die Planung der Freianlagen und damit auch den Zuständigkeitsbereich dieses Teammitgliedes. Andererseits gibt es mittlerweile Leistungen und Planungsansätze, die zum einen nicht in den Grundleistungen der HOAI enthalten sind, Überschneidungen zu anderen Gewerken darstellen und am Ende womöglich keine Baukosten verursachen (auf deren Basis man sie abrechnen könnte), sondern zu Kosteneinsparungen (ggf. in anderen Kostengruppen) führen. Diese Leistungen sind daher bereits in der Verhandlungsphase zu benennen und ihre Vergütung zu beziffern - sonst geht man am Ende leer aus und/oder das gesamte Team ist verärgert.

So gesehen ist es wichtig, bereits in der Angebotsphase, sonst spätestens bei Projektstart, die Rahmenbedingungen und Erwartungen der Beteiligten genau zu prüfen. Dazu ist es nötig, sich auch als "Team außen" mit gewissen Grundprinzipien aus der Bauleitplanung, dem Hochbau und der TGA (Technische Gebäudeausrüstung) vertraut zu machen, weil diese schon in frühem Stadium als Indikatoren für die späteren Schnittstellenprobleme sichtbar sind. Auch wenn es also Verwunderung auslöst, müssen sehr früh schon Fragen gestellt werden, die auf den ersten Blick gar nichts mit den Freianlagen zu tun haben. Oft können dann aufgeschlossene Architekten und Bauherrn noch reagieren und etwaige bereits getroffenen Entscheidungen wieder ändern.

Erstaunlicherweise können die meisten dieser Fragen bereits im Vorfeld grob beantwortet werden beziehungsweise müssen unbedingt und so früh wie möglich im Planungsteam und mit dem Bauherrn diskutiert werden - weil alle diese Entscheidungen massive Auswirkungen darauf haben werden, ob ein Grundstück mit seiner Bebauung erfolgreicher Teil einer Schwammstadt sein kann! Das gilt sowohl für Neubauten und Nachverdichtungen, als auch für Umbauten oder Renovierungen. (Siehe folgende Liste)

Fazit

Man sollte dem Impuls widerstehen, Regenwasser von überall und auf kürzestem Wege mittels technischer Einrichtungen unter die Erde zu verfrachten oder über längere Strecken an der Oberfläche zu leiten. Das verursacht hohe (Folge-)Kosten und degradiert Regenwasser zum Problem. Der Fokus wird meist vorschnell auf angebliche Risiken für das Gebäude verengt, die sich durch kluge Planung sicher vermeiden lassen. Im Umkehrschluss lassen sich Bedürfnisse wie die Verringerung der Bau- und Unterhaltskosten für Belags- und Vegetationsflächen, Verschattung und Kühlung von Flächen und Gebäuden sowie Überflutungs- und Hochwasserschutz nur verwirklichen, wenn das Regenwasser möglichst breitflächig und wartungsfrei auf der gesamten zur Verfügung stehenden Fläche verbleibt und von dort aus direkt beziehungsweise nach Versickerung über die Vegetation verdunstet. Ausschließlich unterirdische Versickerung reichert zwar das Grundwasser an, befriedigt aber die oben genannten Bedürfnisse auf der Grundstücksoberfläche nicht.

Wie in manch anderen Bereichen der Technik auch, liegt der Weg zur Lösung nicht im aufwändigen MEHR, sondern im intelligenten WENIGER. Das "Team Landschaft" sollte seinen Beitrag hier keinesfalls zu geringschätzen.

Dipl.-Ing. Daniela Bock
Autorin

MBA. Inhaberin PartG mbB. Landschaftsarchitektin & Stadtplanerin

Nürnberg
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