Nur heimische und nichtheimische Pflanzen gemeinsam trotzen dem Klimawandel

Das Veitshöchheimer Leitbild zur integrierten Pflanzenverwendung

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Heimische Arten Forschung und Bildung
Die wichtigsten Entscheidungen auf dem Weg zur optimalen Ansaatmischung. Grafik: LWG
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Die wichtigsten Entscheidungen auf dem Weg zur optimalen Ansaatmischung. Grafik: LWG

Während in den Trockenjahren 2018/2019 in Städten wie Würzburg tausende Bäume heimischer Arten starben, wird vielfach unverdrossen die Verwendung heimischer Pflanzenarten auch im Siedlungsbereich als einzige Lösung gegen den Biodiversitätsverlust propagiert. Wie passt das zusammen? Die Ergebnisse aus 25 Jahren (Wild-)Pflanzenforschung an der LWG Veitshöchheim zeigen Möglichkeiten auf, wie mit sorgfältiger Verwendung heimischer Pflanzenarten in Kombination mit nichtheimischen Arten attraktive, klimaangepasste Pflanzungen und Ansaaten gelingen können, die gleichzeitig neue Lebensräume für heimische Tiere bieten.

Der Garten- und Landschaftsbau ist eine der vielseitigsten Branchen, deren Betriebe vor allem im Privatgartenbereich eine Vielzahl von Materialien und Bauweisen beherrschen müssen. Eine biodiversitätsfördernde, klimaangepasste Pflanzenverwendung wird zur Herausforderung: der stetige Strom von neuen Veröffentlichungen und Empfehlungen zum Thema Klimaanpassung und Biodiversität reißt nicht ab. Für den Anwender im Garten- und Landschaftsbau ist dabei insbesondere die Saatgut-Auswahl schwierig. Aber selbst die keimfähigste und reinste Saatgutmischung versagt bei mangelnder Standorteignung oder Bodenvorbereitung und umgekehrt. Achtung, Lichtkeimer! - Schlüssel zum Erfolg ist auch die oberflächliche Ablage des blumenreichen Saatguts am Boden.

Zur Förderung der Biodiversität wird sehr häufig eine "rein heimische" Saatgut- und Gehölzauswahl pauschal für sämtliche Pflanz- und Ansaatflächen propagiert. Seit dem 1. März 2020 darf in der "freien Natur" nach § 40 (1) BNatSchG tatsächlich nur noch gebietseigenes Saat- und Pflanzgut ausgebracht werden - ausgenommen ist der Anbau von Pflanzen in der Land- und Forstwirtschaft. Der erste Schritt zur Entscheidungsfindung sollte deshalb die Frage sein: Wo befindet sich die konkrete, artenreich zu begrünende Fläche: in der sogenannten freien Natur außerorts, auf land- und forstwirtschaftlich genutzten Flächen oder innerhalb der Siedlung? Die "Spielregeln" für die Pflanzenverwendung unterscheiden sich erheblich.

Selbstverständlich kann auch gebietseigenes Pflanzenmaterial innerhalb der Siedlungen verwendet werden. Solange jedoch die Verfügbarkeit von gebietseigenem Pflanz- und Saatgut so gering ist wie zum aktuellen Zeitpunkt, sollte den sensiblen außerörtlichen Bereichen der Vorzug gegeben und diese damit begrünt beziehungsweise renaturiert werden.

Meilensteine der Forschungsarbeiten zur Pflanzenverwendung der LWG

An der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim (LWG), die zum Geschäftsbereich des Bayerischen Landwirtschaftsministeriums gehört, werden seit über 25 Jahren Wildpflanzen und ihre ökologische Funktionalität und Leistungsfähigkeit als Nahrung und Deckung für Tiere erforscht. Die Erprobung von artenreichen, meist mehrjährigen Saatmischungen für Ackerflächen erfolgt stets in Zusammenarbeit mit den Bewirtschaftern. Während in den frühen 2000er-Jahren die Entwicklung von Brachemischungen für Ackerflächen als Lebensraum für Insekten, Vögel und weitere Wildtiere vorangetrieben wurde, beispielsweise die bekannte "Veitshöchheimer Bienenweide" (siehe auch Ledermann und Pilz 2019) oder die Mischung "Lebensraum 1", stellte die Energiewende ab 2008 die Aufgabe, biodiversitätsfördernde Alternativen zum einseitigen Energie-Maisanbau in Form von Biogas-Wildpflanzenmischungen anzubieten (Krimmer et al. 2021).

Bei der Umsetzung dieser produktionsintegrierten Naturschutzstrategie für intensiv bewirtschaftete Agrarflächen wurde schnell klar, dass heimische Wildpflanzen allein nicht die erforderliche Biomasse und damit eine Akzeptanz bei den Landwirten würden erbringen können. Die gezielte Suche nach massewüchsigen und gleichzeitig für Bestäuber attraktiven Pflanzenarten führte unter anderem zu den Floren Nordamerikas und der östlichen Steppengebiete. Im "Veitshöchheimer Hanfmix" sind beispielsweise 13 nichtheimische Arten vertreten. Damit wurde bewusst ein Kompromiss bewerkstelligt aus der Kombination der hohen Anforderungen aus landwirtschaftlicher und artenschutzfachlicher beziehungsweise biodiversitätsfördernder Perspektive.

Erkenntnisse aus diesen Pilotprojekten für die Zielgruppe der landwirtschaftlichen Unternehmer erwiesen sich als wertvoll für die Verfeinerung von Ansaatmischungen für den Siedlungsbereich (einen Überblick über alle Mischungen gibt Marzini in NL 07/2019). Bereits bei den Brachemischungen hatte sich gezeigt, dass die hohe Blütendichte den Spaziergänger magisch anzieht, weshalb unter der Leitung von Diplom-Biologin Kornelia Marzini schon vor 20 Jahren auch eine "Pflückmischung" zur Besucherlenkung konzipiert wurde. Schließlich wurde auch eine vorgelagerte "Distelmischung" notwendig, um ausgeführte Hunde davon abzuhalten, in wertvolle, von Wildtieren als Rückzugsraum genutzte Brachflächen(mischungen) einzudringen.

Faktor Mensch

Bedürfnisse von Bewirtschaftern, Anliegern und Spaziergängern (Besucherverhalten) zu berücksichtigen sind wichtige Aspekte der jeweiligen Projektarbeit: aus unserer Erfahrung wird eine langfristig biodiversitätsfördernde und klimaangepasste Pflanzenverwendung erst durch die Akzeptanz breiter Bevölkerungsteile möglich. Motor dafür ist, auch beim derzeit steigenden Allgemeinwissen über Pflanze-Tier-Beziehungen, die sinnliche Wahrnehmung des Menschen. So gab noch 2018 über die Hälfte der in Bayern befragten Freizeitgärtner an, Entspannung und/oder Gestaltung stünden bei ihrer Gartennutzung im Vordergrund. ("Freizeitgärtner verstehen und erreichen", Hrsg. LWG 2018). Es gilt also, die etablierten Zierpflanzensortimente auf ihre Multifunktionalität hin zu untersuchen, um für beliebte Gattungen und Arten zeitgemäße Sortimentsempfehlungen aussprechen zu können. Erste Ergebnisse liegen bereits vor (LWG 2018, LVG 2020). Forschungsbedarf besteht hinsichtlich der Verwertbarkeit verschiedener Pollenqualitäten und -herkünfte durch die Insektenarten.

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Fokus Blattmasse: Raupenfutterpflanzen. Foto: LWG
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Wie wichtig es ist, vielfältige Ansaaten und Pflanzungen zu realisieren, um eine möglichst große Zahl von Insekten und Spinnen zu fördern, zeigt die Grafik "Biodiversität – Die Mischung macht\'s". Grafik: LWG

Mittelfristig sollte es gelingen, über die pauschale Bestäuberfreundlichkeit hinaus weitere ökologische Funktionen besser abzudecken, zum Beispiel mit dem gezielten Angebot von Raupenfutterpflanzen, die gleichzeitig für den Menschen hochattraktive Gartenpflanzen sein können.

Die nach den 1980er-Jahren nun erneut populär gewordene Anweisung, im Garten (des Kunden) eine "wilde Ecke" mit Raupenfutterpflanzen wie zum Beispiel der Brennnessel vorzusehen, scheitert häufig am zur Verfügung stehenden Platz und weiterhin hauptsächlich ästhetisch motivierten Gartenbesitzern.

Welche Artenvielfalt soll geschützt werden?

Planer, Berater und Ausführende im Garten- und Landschaftsbau sind in der glücklichen wie auch komplexen Lage, mit sehr unterschiedlichen Kunden und Flächengrößen umzugehen. Im Beratungsgespräch sollte deshalb gemeinsam ausgelotet werden, welche konkreten Zielsetzungen zur Förderung der Biodiversität verfolgt werden können.

Die aktuelle Forschung verdeutlicht, dass mittels einer Ansaatmischung oder Begrünungsmaßnahme kaum alle Tierarten(gruppen) gleichermaßen gefördert werden können (z. B. Krimmer, Diss. 2020).

Aus naturschutzfachlicher Sicht wird die Funktion nichtheimischer Arten für unsere heimische Tierwelt stark angezweifelt. Wenn man bestmöglichen botanischen Artenschutz betreiben möchte, muss man selbstverständlich gebietseigene Herkünfte verwenden. Anders verhält es sich, wenn das Ziel die Förderung der faunistischen Artenvielfalt, sprich der heimischen Tierwelt ist: hier spielt der Klimawandel eine große Rolle. Durch den Klimawandel haben sich die Blütezeiten um mehrere Wochen nach vorne verschoben. Die resultierende Unterversorgung der Insekten im Spätsommer und Frühherbst ("Trachtlücke") trifft nicht nur die Honigbiene, sondern viele Arten besonders hart, die durch die warmen Herbsttemperaturen länger als bisher aktiv gehalten werden und somit weiterhin auf Nahrungssuche sind. So ist das Artenspektrum der gebietseigenen Herkünfte alleine nicht ausreichend, um in den Spätsommer- und Herbstmonaten genügend Nahrung und Deckung für die Tierwelt zu bieten. Zudem haben immer mehr heimische Pflanzen-Arten Probleme, den klimatischen Extrembedingungen vor allem im städtischen Umfeld standzuhalten.

Nicht nur unsere heimischen Kräuter sind in Zukunft an vielen Orten den Anforderungen im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr gewachsen, sondern auch viele heimische Gehölze. Dies wird in den aktuellen Zustandserhebungen von Bäumen in historischen Gärten und in den von den Wetterextremen besonders geprägten Städten deutlich. Welchen Beitrag nichtheimische stadtklimaresiliente Baumarten zur tierischen Artenvielfalt im Siedlungsbereich leisten können, zeigen jüngste Untersuchungen (Böll et al. 2020). Die zentrale Empfehlung daraus lautet, gemischte Baumbestände aus robusten, heimischen und nichtheimischen Arten aufzubauen und diese mit einer artenreichen Krautschicht zu kombinieren. Sollen insbesondere Wildbienen gefördert werden, sind Bewuchslücken und offene Bodenstellen zu belassen, wenn nicht gar anzulegen. In einem aktuell anlaufenden Projekt der LWG zur urbanen Biodiversität wird daher der Zusammenhang zwischen Stadtbäumen und darunterliegender Krautschicht näher beleuchtet. Dabei wird die Akzeptanz unserer Insektenwelt von nichtheimischen und heimischen Pflanzenherkünften vergleichend untersucht.

Der insekten-/tierfreundliche Garten als Kundenwunsch

Stark vereinfacht gesprochen, wird Biodiversität am Beispiel der Insekten anhand von zwei Größen sichtbar: Artenzahl + Individuenzahl = Biodiversität. Die Anzahl der unterschiedlichen Arten und die Gesamtanzahl der Insekten in einem bestimmten Gebiet (z. B. Garten plus Umgebung) müssen demnach zusammen betrachtet werden.

Aktuell wird auch von Privatkundenseite die Ansaat oder Pflanzung heimischer Stauden und Gehölze gewünscht, in der Annahme, damit einen Beitrag zu einem besonders insekten- beziehungsweise tierfreundlichen Garten zu leisten.

Tatsächlich sind seltene heimische Wildbienen häufig in Ernährung und Lebenszyklus stark spezialisiert und nur durch die Ansaat oder Pflanzung ausgewählter, meist heimischer Arten zu fördern. Möglichst gebietseigenes Material ist dabei erste Wahl. Es sollte aber immer dann durch ausgewählte, für den Begrünungszweck und -ort geeignete Arten aus fremden Florenreichen ergänzt werden, wo die sogenannten Generalisten unter den Insekten ebenfalls in ihrem Bestand gefährdet sind. Das ist derzeit auf vielen Flächen im urbanen beziehungsweise besiedelten Raum der Fall.

Die Wahl der Ansaatmischung darf daher aus unserer Sicht nicht allein in Anbetracht des Seltenheitswerts einer Tier- oder Pflanzenart erfolgen. Vielmehr sollten auch die Generalisten unter den Insekten besser versorgt werden zur Förderung eines komplexen Nahrungsnetzes. Gleiches gilt für die Auswahl von Gehölzen.

Wildpflanzenmischungen auf Ackerflächen - Mehrfachnutzen für Kommunen

Zur Klimaanpassung bei begrenztem Flächenangebot ist es dringend notwendig, mehrere Ziele gleichzeitig (Förderung der Artenvielfalt, Hitze-, Strahlungs- und Trockenheitsresilienz, Boden- und Grundwasserschutz, Sichtschutz etc.) zu erreichen.

So kann jede Kommune im Rahmen ihrer Ackerverpachtungen durch mehrjährige artenreiche Wildpflanzenmischungen (WPM) zur Erzeugung von Biogas die im urbanen Raum zunehmend geforderte Multifunktionalität von Begrünungen fördern (BMI 2017 Weißbuch Stadtgrün). Häufig sind Stadtböden ähnlich nährstoffreich wie Ackerflächen, so dass sich solche Flächen mit denselben Mischungen begrünen lassen. Gegenüber einjährigen Monokulturen, wie beispielsweise Mais, bieten die auf fünf Jahre Standzeit angelegten WPM wie der "Hanfmix" viele Vorteile: Erosionsschutz durch Bodenruhe und Bedeckung, Trockenresistenz durch tiefere Verwurzelung, Nitratreduktion (Degenbeck 2019).

Je nach Bedarf können die Saatmischungen durch Anpassung der Artenzusammensetzung entweder in Richtung einer höheren ökologischen Wertigkeit oder in Richtung eines höheren Ertrags ausgerichtet werden. Dadurch ist ein breiter Einsatzbereich möglich, bis hin zur produktionsintegrierten Kompensationsmaßnahme. Sie eignen sich insbesondere zum Einsatz in Wasserschutzgebieten aufgrund der Verringerung der Nitratauswaschung.

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Eine von sechs dauerhaften Staudenansaatmischungen ohne Gräseranteil. Foto: LWG

Klimaanpassung - Die Mischung macht's!

Eines der drängendsten Probleme unserer Zeit ist das Insektensterben, das unter anderem durch ein zu geringes Nektar- und Pollenangebot in der landwirtschaftlich geprägten Flur verursacht worden ist, auch in Gärten und Parkanlagen lässt das Angebot an Nahrungspflanzen oft zu wünschen übrig. Dieser Effekt kann durch die aktuellen Bemühungen um mehr Blütendichte im öffentlichen Grün in Teilen kompensiert werden. Erfolgreiche mehrjährige bestäuberfreundliche Brachemischungen der ersten Generation wie die "Veitshöchheimer Bienenweide" müssen jetzt weiterentwickelt werden, da diese den regionalen Herkunftsaspekt der heimischen Arten noch nicht berücksichtigt hatten. So kann mit einer "Regio-Bienenweide" aus 100 Prozent gebietseigenem Saatgut der botanische Artenschutz maximiert und genetische Anpassungen der Pflanzen an lokale Gegebenheiten unterstützt werden.

Allerdings reifen diese Bestände wie auch die Biogas-Mischungen zu früh ab, bereits Ende Juli, weshalb im Sinne des faunistischen Artenschutzes diese sogenannte Trachtlücke mit Arten aus fremden Florenreichen gezielt geschlossen werden kann. An dieser sogenannten Klima-Bienenweide, die vor allem den faunistischen Artenschutz zum Ziel hat, arbeitet die LWG aktuell. Mit der "Klima-Bienenweide" (aufgrund der Kombination von heimischen und nichtheimischen Arten auch Hybridmischung genannt) wird im Zeitraum von Juli bis September die nötige Blütenvielfalt und -dichte angeboten. Diese Mischung ist sowohl für landwirtschaftliche als auch für kommunale Flächen geeignet. Aufgrund der durchgängigen Versorgung mit Nahrung entfällt ein vorzeitiger Pflegeschnitt zur Anregung einer zweiten Blüte. Diese fällt in Trockenjahren ohnehin oft sehr gering aus (s. dazu Marzini 2019 in NL). Ausgewählte nichtheimische Gehölze können hier ebenfalls einen Beitrag leisten, so zum Beispiel die Silber-Linde (Grauberger, Loidolt 2020). Einen Überblick zu den Gehölzsortimenten der Zukunft gibt Philipp Schönfeld in NL 09/2020.

Die Beurteilung, welche Pflanzenarten, unabhängig von ihrer Herkunft, im zukünftigen Klima am besten zurechtkommen werden, erfordert vorausschauendes Arbeiten. Der zeitliche Vorlauf umfasst bei zu vergemeinschaftenden krautigen Pflanzen wie auch bei Gehölzen mehrere Jahre, wenn verlässliche Ansaatmischungen entwickelt werden sollen. Langzeitversuche durch Hochschulen und Lehr- und Versuchsanstalten mit durchgängiger Sichtung und Bonitur sind die Basis für zukünftige Empfehlungen.

Welche Rolle spielt die Flächengröße?

Die hohe Effektivität bei der Bodenvorbereitung und Aussaat von artenreichen Wildpflanzenmischungen auf großen, landwirtschaftlich genutzten Flächen dank modernster Maschinentechnik liegt auf der Hand.

Für Ansaaten im Siedlungsbereich gilt als Anhaltspunkt: Je kleiner die Ansaatfläche, desto geringer sollte der Gräseranteil sein. Zwar sind Gräser Teil jeder traditionell genutzten Heuwiese, die nach diesem Vorbild konzipierten Blumenwiesenmischungen sehen jedoch erst ab einer gewissen Flächegröße ansprechend aus. Zudem ist ein Flächenverlust durch einen kurz zu haltenden, rasengrasdominierten Bankettstreifen entlang von (öffentlichen) Platz- und Wegeflächen einzukalkulieren. Ein solch empfehlenswerter Mähstreifen stellt auch bei einer im Regen umgefallenen Blumenwiese das erwartete gepflegte Gesamterscheinungsbild sicher.

Für kleinere Flächen wurden von der LWG daher pflegeleichte Staudenansaaten ohne Gräseranteil entwickelt und erprobt, die das Angebot der inzwischen im öffentlichen Grün gerne verwendeten Staudenmischpflanzungen ergänzen. Diese dauerhaften Ansaatmischungen bestehen aus ein-, zwei- und mehrjährigen Arten, wobei letztere zu 85 Prozent (Mischung "Blaulicht") heimisch sind.

Die gezielte Ergänzung durch nichtheimische Arten stellt eine hohe Attraktivität bereits wenige Wochen nach der Ansaat sicher und integriert weitere mögliche Anforderungen wie Wuchshöhe, Farbigkeit und Duft.

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Sämlingserkennung: Anwenderkompetenz der Zukunft. Foto: LWG
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Gesucht: Pflanzen mit Bodenerschließungsvermögen. Grafik: LWG

"Ist das die Mischung oder kann das weg?"

Noch eines haben Landwirtschaft und Garten- und Landschaftsbau auf kommunalen und privaten Flächen gemeinsam: nach der gezielten Auswahl der Ansaatmischung und erfolgreichen Ausbringung des empfindlichen Blumensaatguts sind Muße und Artenkenntnis gefragt.

Die Keimungs- und Auflaufphase der Wildpflanzen erstreckt sich, unabhängig von ihrer Herkunft, über mehrere Wochen, teilweise Monate.

Oft haben die Projektbeteiligten daher den Eindruck, da stünde ja nur "Unkraut" auf der frisch angesäten Fläche. Beim genauen Hinsehen stellt sich dann heraus, dass alle gesäten Arten vorhanden sind. Sich Artenkenntnisse im Jungpflanzenstadium anzueignen, gelingt dank einiger Neuerscheinungen beziehungsweise gepflegter webbasierter Nachschlagewerke inzwischen leichter (Oftring 2020, botanik-bochum.de/web/pflanzenbilder_kraeuter_keimlinge.htm). Hierzu sollte in naher Zukunft ein verstärktes öffentliches Fortbildungsangebot verfügbar gemacht werden.

Viele junge Ansaatflächen scheitern daran, dass die gute Bodendeckung zu spät differenziert betrachtet wird und unerwünschte Arten die Oberhand gewinnen. Ein beherzter Rückschnitt (Schröpfschnitt) zur rechten Zeit wirkt oft Wunder, denn nun können die zwei- und mehrjährigen Arten im Unterwuchs zur Geltung kommen. Das muss im Betriebsablauf als gegebenenfalls nötiger Arbeitsschritt als Terminsache berücksichtigt werden.

Der Landschaftsgärtner ist auch gefordert, vorhandene Rasengesellschaften kritischer als bisher zu beurteilen, wenn es um die Etablierung von Blumenwiesen geht. Denn es muss nicht immer gleich mit einer spezifischen Kräutersaatgut-Mischung neu angesät werden. Ist im bestehenden Rasen bereits ein größerer Anteil an Kräutern sichtbar und die Rasennarbe selbst eher lückig, kann durch gezielte Pflegeextensivierung (keine Düngung und Bewässerung, jedoch Abtransport des Mähguts) die Artenvielfalt im Laufe der Jahre deutlich erhöht werden. Lückige Bestände mit offenen Bodenstellen sind besonders willkommen, wenn der Auftraggeber die Förderung von Wildbienen wünscht, denn sehr viele Wildbienenarten brüten im Boden und benötigen Nahrungspflanzen und Nistplätze möglichst nah beieinander.

Multifunktionale klimaangepasste Grünflächen als Normalfall in der Stadt

Wir haben inzwischen das Know-how, funktionales Stadt- und Gebäudegrün herzustellen, wie es vor 50 Jahren noch undenkbar war. Pflanzen aus verschiedenen Teilen der Welt wurden und werden hierfür gezielt kombiniert, um solche Extremstandorte Teil einer lebenswerten Stadt werden zu lassen.

Nicht nur die Einsatzorte von Grün haben sich im Siedlungsbereich ausdifferenziert, auch die Ansprüche an Ökologie und Ästhetik von Ansaaten werden noch komplexer: Grünflächen müssen vermehrt auch Starkregenereignisse und Überflutungen nicht nur tolerieren können, sondern bei der Bewirtschaftung aktiv mithelfen. Dazu wünschenswert ist die Fähigkeit zur Tiefendurchwurzelung.

Dass eine Pflanze dabei gleichzeitig Nahrung und Deckung für heimische, eingebürgerte und unweigerlich zuwandernde Tiere bieten soll, muss zur Selbstverständlichkeit bei der Arten- und Sortenwahl werden. Die LWG hat vor diesem Hintergrund das Veitshöchheimer Leitbild zur Integrierten Pflanzenverwendung entwickelt (LWG 2021).

Um das zu erreichen, müssen wir die voraussichtliche Klimaveränderung berücksichtigen und mit einer geeigneten Pflanzenauswahl reagieren. Dazu kann die angebotene Pflanzenvielfalt aus den unterschiedlichen Florenreichen zur Problemlösung genutzt werden, ein mögliches Invasionsrisiko sollte bei der Artenauswahl unbedingt berücksichtigt werden. Zudem sind lange Beobachtungszeiten unbedingt erforderlich, um das Verbreitungsverhalten vielversprechender nichtheimischer Arten abschätzen zu können.

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Veitshöchheimer Leitbild zur integrierten Pflanzenverwendung: 1. Orts- und funktionsbezogen, 2.Standortgerecht, 3.Klimaangepasst, 4.Langlebig, 5.Weltoffen, 6. Kultiviert, 7. Fachübergreifend Grafiken: LWG

Fazit

Je nach Planungsanforderung und Begrünungsziel wählt der geübte Pflanzenverwender nur gebietseigene Pflanzenarten, heimische oder/und nichtheimische Pflanzenarten aus, wobei gerade die Verwendung nichtheimischer Arten genau durchdacht sein muss. Dies gilt sowohl für die Gehölzverwendung als auch für krautige Begrünungen.

Es gilt dabei anzuerkennen, dass uns die Siedlungsbereiche und die Ackerflächen Möglichkeiten zur Förderung der Biodiversität bieten, welche mit rein gebietseigener Pflanzenauswahl unerreichbar wären. Dies belegen zahlreiche faunistische Begleituntersuchungen der LWG, etwa die Attraktivität der Ansaatmischung "Veitshöchheimer Hanfmix" für zahlreiche Wildbienenarten.

Optimierte Saat- und Mähtechnik vorausgesetzt (siehe Praxisanleitungen LWG 2019/20), sind Geduld sowie die Kenntnis bestimmter Pflanzenarten im Jahresverlauf für den Anwender notwendig, um beispielsweise den optimalen Mähzeitpunkt bestimmen zu können. Damit hat der Landschaftsgärtner zahlreiche Stellschrauben zur Verfügung, um vor allem im Siedlungsbereich wertvolle Lebensräume für Tiere mitzugestalten, die so dringend benötigt werden.

Literatur

Dipl. -Ing. Andreas Adelsberger
Autor

Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau

Dipl.-Ing. Martin Degenbeck
Autor

Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau

Dipl.-Ing. Theresa Edelmann
Autorin

Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau

Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau
Dipl.-Biologin Angelika Eppel-Hotz
Autorin

Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau
Dr. Elena Krimmer
Autorin

Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau
Dipl.-Biol. Kornelia Marzini
Autorin

Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau

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