Vier Studien des Barcelona Instituts für Globale Gesundheit

Neue Belege für robustere Gesundheit durch städtisches Grün

Wachsen Kinder in einer grünen Umgebung auf, entwickeln sie in bestimmten Bereichen des Gehirns ein höheres Volumen an weißer und grauer Gehirnmasse. Foto: Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

Vier Studien des Barcelona Instituts für Globale Gesundheit (ISGlobal) haben neue Belege dafür erbracht, dass städtisches Grün positive Effekte auf die physische und psychische Entwicklung hat. Die Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass Menschen, die in einem grüneren Wohngebiet wohnen oder näher an freier Natur leben, sich als Kinder geistig besser entwickeln, als Frauen ein geringeres Risiko haben, an Brustkrebs zu erkranken und in höherem Alter über bessere physische Leistungen und bessere psychische Gesundheit verfügen.

Die erste, im Februar 2018 veröffentlichte Studie prüfte die mentale Entwicklung von Vorschulkindern. Wachsen sie in Haushalten auf, die von vielen Grünflächen umgeben sind, entwickeln sie in bestimmten Bereichen des Gehirns ein höheres Volumen an weißer und grauer Gehirnmasse, was mit positiven Effekten für die kognitiven Funktionen verbunden wird. Gemeinsam mit der Fielding School of Public Health der University of California Los Angeles (UCLA) untersuchten sie 253 Schüler des BREATHE Projekts in Barcelona.

Mehr weiße und graue Gehirnmasse

Die Anatomie der Schüler-Gehirne wurde mit hochauflösenden 3D-Fotos eines Magnetresonanztomografen am Hospital del Mar in Barcelona erhoben, das Erinnerungsvermögen und die Unaufmerksamkeit mit IT-gestützten Tests, die Wohnumgebung mit Satellitenfotos. Die Daten-Analyse ergab, dass Kinder, in deren Leben sich grüne Umgebung und größeres Gehirnvolumen überlappen, höhere und damit bessere Werte bei kognitiven Tests erzielten. Schülern mit besonderen Spitzenergebnissen wurden ein besseres Erinnerungsvermögen und weniger Unaufmerksamkeit attestiert.

Frauen, die inmitten von Gärten und Parks wohnen, haben ein geringeres Brustkrebs-Risiko. Foto: Kzenon, Fotolia.com

Weniger Brustkrebs-Risiko bei mehr Grün

Eine zweite, im Juli 2018 publizierte Untersuchung befasste sich mit dem Risiko von Frauen, an Brustkrebs zu erkranken. Analysiert wurden die im Rahmen einer spanischen Krebsstudie erhobenen Daten von 1738 spanischen Frauen, die an Brustkrebs erkrankten und 1.900 Frauen ohne diese Krankheit. Auch hier wurden genaue Geodaten zum Wohnort der Teilnehmerinnen abgefragt. Nach Angaben von ISGlobal-Forscherin Cristina O'Callaghan-Gordo habe man ein "reduziertes Brustkrebs-Risiko unter Frauen in der Nähe urbaner Grünflächen" festgestellt. Die Forscher stellten "eine lineare Korrelation zwischen der Distanz zu Grünflächen und einem Brustkrebs-Risiko" fest. Noch nicht bekannt ist, welcher Nutzen städtischen Grüns das Gesundheitsrisiko herabsetzt. Die Wissenschaftler vermuten jedoch, dass es geringerer Stress ist.

Eine dritte, im Juni 2018 veröffentlichte Studie richtete sich auf den kognitiven Verfall bei älteren Menschen. Dabei zeigte sich, dass der Verlust kognitiver Funktionen im natürlichen Alterungsprozess von Menschen, die in grüneren Wohngebieten leben, etwas langsamer abläuft. In einer zehnjährigen Langzeitstudie wurde die Entwicklung von rund 6500 Teilnehmern im Alter zwischen 45 und 68 Jahren untersucht, die im Londoner Regierungsviertel Westminster leben. Untersucht wurden ihre mündlichen und mathematischen Fähigkeiten, die Flüssigkeit der Sprache und das Kurzzeitgedächtnis. Zusätzlich wurde der Abstand zwischen der Wohnung und der nächsten Grünfläche auf Satellitenfotos gemessen.

Kognitiver Verfall bei Älteren verlangsamt

"Unsere Daten zeigen, dass der Niedergang kognitiver Fähigkeiten bei Teilnehmern, die in grüneren Wohngebieten leben, am Ende der zehnjährigen Langzeitstudie - im Rahmen des Composite Cognitive Score - um durchschnittlich 4,6 Prozent geringer war", erläuterte Carmen de Keijzer, Hauptautorin der Studie und ISGlobal-Forscherin. Interessanterweise sei dieses Phänomen bei Frauen stärker zu beobachten gewesen. Dies lasse die Forscher vermuten, dass der Zusammenhang je nach Geschlechtszugehörigkeit variieren könnte.

Senioren, die in Wohngebieten mit viel Vegetation leben, bleiben geistig und körperlich länger fit. Foto: seventyfour, Fotolia.com

Eine vierte, im Dezember vergangenen Jahres veröffentlichte Studie beschäftigte sich mit den physischen Leistungen älterer Erwachsener. Sie belegte, dass die Laufgeschwindigkeit ältere Menschen, die in grüneren Wohngebieten leben, langsamer abnimmt. Auch in dieser Untersuchung wurden Menschen aus dem Regierungsviertel Westminster über eine Zeitspanne von etwa zehn Jahren befragt. Diesmal handelte es sich um über 5.700 Teilnehmer zwischen 50 und 74 Jahren.

Senioren bleiben länger leistungsfähig

Teilnehmer, die in Wohngebieten mit einem sehr hohen Grünanteil leben, verzeichneten innerhalb von fünf Jahren eine um 6,0 bis 7,5 Prozent langsamere Abnahme ihrer Laufgeschwindigkeit, verglichen mit Teilnehmern, die in Gebieten mit dem geringsten Grünanteil wohnten. Zugleich wurde deutlich, dass Menschen in Gebieten mit einem hohen Grünanteil über mehr Griffstärke in Armen und Händen verfügten als anderswo. Diese Eigenschaft schwand über den gesamten Untersuchungszeitraum nicht.

Die Forschungsergebnisse des ISGlobal werden bald Eingang in die Politik finden. Bereits im Mai vergangenen Jahres haben die Forscher mit der Regierung der Provinz Barcelona eine Vereinbarung zur Nutzung ihres wissenschaftlichen Know-hows bei der Entwicklung nachhaltiger Ziele für die Stadtentwicklung unterzeichnet. Gemeinsam wollen die Provinzregierung und das Institut Strategien ausarbeiten sowie Weiterbildungsveranstaltungen für Beamte und Lokalregierungen durchführen. Der Schwerpunkt soll bei Fragen der Luftverschmutzung und Stadtlärm, physischen Aktivitäten, Temperatur und der Nutzung von Grünflächen liegen.

cm/ISGlobal

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe NEUE LANDSCHAFT 02/2019 .

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