Vom Tun und Lassen für mehr Artenvielfalt

Biodiversität im GaLaBau

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Zuverlässige Wasserstelle: Wie können wir Funktion und Gestaltung von Ausstiegshilfen optimieren? Foto: Nikolai Kendzia, LWG
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Temporäre Gewässer können wertvolle Lebensräume sein. Mit dem Prinzip "Schwammstadt" werden sich unsere Sehgewohnheiten verändern. Foto: Angelika Eppel-Hotz, LWG

Wir Landschaftsgärtner sind Macher. Schaffenskraft ist unser Metier. So verspricht die aktuelle BGL-Broschüre "Grüne Dächer und Fassaden: Wir machen das!" Gleichzeitig aber verlangt das Thema "Biodiversität im GaLaBau" nach der entgegengesetzten Kraft: Bevor wir etwas (neu) machen, müssen wir genauer hinschauen, was auf dem Kundengrundstück als Bestand Artenvielfalt bereits fördert und wie das erhalten und intensiviert werden kann.

Temporäre Gewässer, offene Bodenstellen und Böschungen sowie Totholz in jeglicher Form fördern die Biodiversität. Es geht also darum, mehr "stehen und liegen zu lassen" und zwar gezielt, nicht aus Nachlässigkeit, sondern mit Absicht und Augenmerk, denn das Ganze soll am Ende auch optisch überzeugen. Etwas sein lassen im Bestand und "Lassenskraft" walten zu lassen, erfordert gutes Urteilsvermögen und gärtnerisch-ökologische Fachkenntnisse über die Entwicklung von Stehen-, Liegen- und Durchgelassenem. Dabei kann der Landschaftsgärtner einem Anspruch auf naturschutzfachliche Vollständigkeit und Sachlichkeit nur selten genügen; muss er auch nicht, denn es geht um den kaum bezifferbaren positiven kumulativen Effekt kleiner Schritte und Anpassungen gewohnter beziehungsweise beauftragter Bau- und Pflegeleistungen.

Lassenskraft Nr. 3: Stehen lassen

Dass wir artenreiche Wiesen nur durch gezieltes "Stehen lassen" und Eingreifen erhalten, ist inzwischen breit verfügbares Wissen. Die Maschinenhersteller werben mit insektenfreundlichen leistungsstarken (Balken-)Mähwerken und Schwadern.

Wasser stehen lassen

Im Gegensatz dazu führt die Vorstellung, Wasser in Garten und Park oberflächlich zu sammeln und stehen zu lassen, bei vielen Flächenmanagern zu nervöser Unruhe. Man möchte keine Mückenzucht riskieren und vergisst dabei schnell, dass diese neben anderen Insektengattungen der nachfolgenden trophischen Ebene (Vögel, Kleinsäuger) eine wertvolle Eiweißquelle bieten. Temporäre Gewässer sind essentiell für amphibische Lebensformen, dauerhafte Wasserstellen hingegen werden zunehmend wichtiger für verschiedene Tiergruppen (darunter Igel und Vögel) während der sich häufenden Trockenheitsphasen und Hitzewellen. (s.a. Jonas Renk in NL 05/22) Der Lösungsansatz Schwammstadt wird zwangsläufig zu einer höheren Akzeptanz von temporären Gewässern führen. Nassstellen und Vernässungsbereiche, die sich grundstücksübergreifend häufen, sind vom GaLaBau generiertes Biodiversitätspotential.

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Offene standfeste Böschung – ein natürliches Wildbienen-Habitat auf bindigen Böden, das es zu erhalten und in die Gartengestaltung zu integrieren gilt. Foto: Theresa Edelann, LWG
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Kirschbaumtorso mit Seilabspannung zur Verkehrssicherung: so gelingt vielfältiger Lebensraum auch bei Weichholz-Baumarten. Foto: Jonas Renk, LWG
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Nistplatz offene Bodenstelle in Pflanz- und Rasenflächen: bei der Bauzeitenplanung und Gartengestaltung sind Rücksicht und kreative Integration gefragt. Foto: Dr. Katja Arand, LWG
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Laubsammelkörbe: Mit gezielten Anpassungen könnte hieraus ein Überwinterungsquartier für viele Tierarten entstehen: es fehlt vor allem die bodennahe Öffnung. Foto: MEG Mülheim
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Totholzhecke nach Art des Hauses – günstig aufgestellt vom Profi, hat der (Privat)kunde durchaus Spaß daran, Jahr für Jahr Material zu ergänzen. Foto: Theresa Edelmann, LWG

Böschungen stehen lassen

Im GaLaBau als biodiversitätsfördernd bekannt ist die (artenreich bepflanzte) Trockenmauer. Aufgrund des hohen Lohnanteils beim Bau gehört sie heute zu den viel zu selten beauftragten Bauweisen. Ungewohnt - aber zielführend - ist vor der Entscheidung für ein Stützbauwerk die Abwägung, ob eine dauerhaft offene Böschung (s. Beispielfoto) mit der geplanten Nutzung vereinbar sein könnte: 50 Prozent der hierzulande bekannten Wildbienenarten nisten im Boden - Vertikalflächen ohne Flutungsrisiko sind dringend benötigte Brutplätze in Reichweite der Futterquellen, die dank (Wild)blumenansaaten zunehmend in der Siedlung zu finden sind.

Totholz stehen lassen

Eine weitaus kniffligere Aufgabe für den Verkehrssicherungspflichtigen, sei es nun Privatgartenbesitzer oder kommunaler Flächenmanager, ist das Stehenlassen von Totholz. Es lohnt sich allerdings, denn kaum eine unserer gut(gemeint)en "Nisthilfen" kann mit der Vielfalt an Mikrohabitaten mithalten, die durch anhaltende natürliche Verwitterung an Stamm und Stark-Ästen entstehen. Beschleunigen Sie dies durch spreißelfreie, geglättete Initialbohrungen von 2 bis 8 mm Durchmesser ins Längsholz (s. a. Jonas Renk in NL 01/22) .

Während beim Kronensicherungsschnitt eine Restkrone verbleibt, erhält der Rückschnitt zum Baumtorso nur Teile von Stamm oder Stämmlingen. Ab einer Höhe von 5 m vervielfacht sich das Lebensraumpotential von stehendem Totholz. Einfallsreichtum ist also gefragt, um hierfür statisch akzeptable Lösungen zu finden (z. B. Exoskelett-Projekte in Augsburg und Würzburg) (s. a. Jonas Renk in ProBaum 4/21) . Die bekannte Seilsicherung kann optisch vielleicht auch den engagierten Privatkunden überzeugen, der bereit ist, bei Pflegedurchgängen auf die unscheinbaren Spannseile achtzugeben. Stehendes Totholz realisiert der Landschaftsgärtner - am besten in Kooperation mit Baumpflegern.

Lassenskraft Nr. 2: Liegen lassen

"Liegen lassen" fällt dem fleißigen Gärtner eher schwer. Verbunden mit der Popularität der Blumenwiesen ist die Erkenntnis, dass Mähgut abzuräumen ist, wenn die Fläche dauerhaft artenreich bleiben soll. Daraus ergeben sich aktuelle Fragen für die anwendungsorientierte Forschung des Instituts für Stadtgrün und Landschaftsbau der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) Veitshöchheim, vor allem, welche Nutzungsmöglichkeiten für verunreinigtes Mähgut bestehen beziehungsweise entwickelt werden können. Der Vorschlag Markus Gastls, Teilflächen mit Biomasse-Entzug und -Anreicherung auf kurzer Distanz anzuordnen und standortgerecht zu bepflanzen, weist einen Weg. Biomasse-Entzug erhöht die Wahrscheinlichkeit offener Bodenstellen, die ähnlich biodiversitätsfördernd sind wie offene Böschungsanschnitte.

Offene Bodenstellen liegen lassen

Der klassische Landschaftsgärtner unterscheidet vier Rasentypen, Kahlstellen triggern ihn zum Eingreifen: Boden belüften, Nachsäen und so weiter. Auch hier ist Lassenskraft vonnöten. Eine fachlich fundierte Abwägung schließt sich an: Ist das Bodenmaterial für grabende Insekten geeignet und wenn ja, wie kann die offene Bodenstelle dauerhafter Bestandteil der Grünanlage werden? In der aktuellen DIN 18917 (2018) Rasen und Saatarbeiten ist (noch) die Maulwurfssperre enthalten. Eine Verschiebung in die FLL-Richtlinie für den Bau von Golfplätzen scheint überfällig, denn der Maulwurf sorgt jedes Jahr für offene Bodenstellen, von denen etliche Pflanzen- aber auch Tierarten profitieren.

Herbstlaub liegen lassen

Wahllos liegengelassenes Laub ist für viele Gartenbesitzer und Nutzer öffentlicher Freiräume Inbegriff mangelnder Pflege. Auch hier gilt es, deutlich zu machen: Liegen lassen ist absichtsvoll. Es muss uns Landschaftsgärtnern also gelingen, den vermeintlichen Widerspruch zwischen Ordnung und artenfördernder Funktionalität im Garten aufzulösen: Wie also kann Laub im Garten gelagert, als Habitat angeboten und seinem natürlichen Verfall überlassen werden UND dabei noch in die Gartengestaltung integriert werden? Ein "Haufen" ist keine Option. Ausnahmen sind unter anderem das Laub der miniermottengeplagten Kastanien und hartblättrigen Platanen. Das größte Potential als biodiversitätsfördernde GaLaBau-Leistung bietet jedoch liegendes Totholz.

Totholz liegen lassen

Natürlich lassen wir es nicht einfach dort liegen, wo es anfällt. Und wir werden es auch nicht einfach auf einen Haufen werfen: wer möchte schon einen Haufen in seinem Garten und noch dazu aus Totholz!? Wir haben bei vielen Privatkunden ein Marketing-Problem! Und mittelfristig auch ein Logistik-Problem, denn Stamm-, Ast- und Zweigmaterial zum Entsorger fahren ist weder CO2-neutral noch besonders wertschöpfend, handelt es sich doch um die Verlagerung von Biomasse, die vor Ort dringend gebraucht wird als Lebensraum, Nahrungsquelle, Wasser- und CO2-Speicher.

Was im Wald unproblematisch ist abseits der Waldwege und Forststraßen, stellt uns Landschaftsgärtner vor neue Herausforderungen: Ist es möglich, kostenneutral mit Totholz im Garten zu arbeiten, statt es mühsam aufzuladen und wegzufahren? Totholz erfordert anfangs anhaltenden Kundenkontakt. Den Weg zum totholzneutralen Garten der Zukunft, aus dem nichts entfernt wird, muss der GaLaBau anführen. Überzeugen werden wir auch hier allerdings nur, wenn abgesehen vom Biodiv-Faktor, Optik und Funktion für den Kunden zusammenpassen. Während das Platzieren von Stammstücken eine einmalige Aktion darstellt, kommt es beim Kombinieren und Anordnen von Ast- und Zweigmaterial darauf an, dass diese Konstruktion in den Folgejahren weiteres anfallendes Material aufnehmen kann. Dafür muss es nicht nur günstig platziert werden, sondern auch zugänglich sein. Und der Kunde atmet auf, seinen Samstag nicht am Häcksler verbringen zu müssen.

Wenn vor allem Astholz nicht abgefahren, sondern vor Ort formschön verbaut wird, kann die Einfriedung selbst Lebensraum sein: Igel beispielsweise benötigen mehrere Tagesverstecke in ihrem Revier. Benjes-Hecken, in letzter Zeit öfters als Totholz-Hecken in den Medien bezeichnet, dürfen als beste Form der biodiversitätsfördernden Einfriedung zwischen Gärten und Grünflächen gelten, allerdings benötigen Nachbarn dafür Platz, Mut und ausreichendes Pflege-Know-how.

Am 17.11.2021 ging das Anleitungs-Video "Totholzhecke im Garten anlegen" der Baumarktkette OBI online, in der Serie "machbar" - es tut sich was, auch bei der Konkurrenz. Herr Benjes hat vor 50 Jahren auf einen (Neben)effekt der Totholzhecke hingewiesen, der uns zu denken geben sollte: Sie schafft ideale Bedingungen für Anflug oder Anhaftung ungewünschter Pflanzenarten. Der Übergangsbereich zu den angrenzenden Flächen(pflanzungen) muss daher sehr gut beobachtet und gepflegt werden. Alternativ platzieren wir die Totholz-Skulptur auf einer befestigten Fläche, auch wenn damit der direkte Kontakt zum anstehenden Boden verlorengeht. Totholz als Sichtschutz oder Raumteiler - gute Lösungen entstehen dort, wo gestalterische und ökologische Ziele gleichermaßen erreicht werden wollen. Unser größter Fehler ist es, Grünflächenpflege als Belanglosigkeit abzutun, stattdessen sollten wir verstärkt in Stoffkreisläufen vor Ort denken.

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Über Bepflanzung lässt sich streiten – Durchlässigkeit hingegen ist eine Ja-Nein-Frage. Foto: Theresa Edelmann, LWG
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Wohngebiet mit Igel-Marathon: bei diesen Sockelmauern hilft auch kein Jägerzaun mehr. Foto: Theresa Edelmann, LWG
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Eine Treppenstufe – gerade noch überwindbar für einen erwachsenen Igel. Foto: S. Steinemann,
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Durchlässe in Stabmattenzäunen: überlebensnotwendig vor allem für Igel. Foto: Christopher Leuz


Lassenskraft Nr. 1: Durchlassen

Insektenfreundliche Gärten sind Mainstream geworden. "Obenrum" wird also viel getan für Leben im Garten - doch wie steht es um die Gartenbesucher, die auf Knöchelhöhe unterwegs sind? Wenn es ums Lassen geht, liegt "durchlassen" auf Platz 1: nichts könnte einfacher sein - und wäre ohne Aufpreis machbar.

12 Straßenzüge, 1 Revier

Das aktuelle Preisniveau bei Baugrundstücken und die Flächenverknappung in bestimmten Lagen führt zu immer kleineren Grundstücken. Verbleibende Gartenflächen sind oftmals vom Zuschnitt her nicht geeignet, größere Gehölze als Säulen- oder Formschnittbäume aufzunehmen, wenn Kronenkontakt mit der Fassade langfristig vermieden werden soll. Vor allem in eng parzellierten Wohnlagen verstärkt das bei vielen Bauherren der Wunsch nach Abgrenzung und Sichtschutz. Das Budget hierfür wird selten gestrichen. Das Revier eines Igelmännchens umfasst jedoch bis zu einem Quadratkilometer Fläche, ohne bodengebundene Verbindungen zwischen den Grundstücken sinkt die Chance auf sein Überleben in der Siedlung drastisch.

Wird das Budget für die Ersteinfriedung auf ein Minimum zusammengekürzt, kommen für die ersten Jahre billigere Zaunbauweisen wie zum Beispiel Wild-Drahtzäune aus Knotengeflecht oder Maschendraht in Frage. Meist erfolgt kein Rückbau und, verdeckt von der zwischenzeitlich herangewachsenen Grenzbepflanzung, bleiben diese Grundstücke unbemerkt weiße Flecken auf der Landkarte der Lebensräume.

Zaunvorlieben gestern und heute

Die aktuell am häufigsten gewählte Zaunbauweise ist die zwischen Metallpfosten eingehängte Stabmatte. Auch bei sockelfreier Errichtung wird hiermit der innenliegende Gartenraum für Jahrzehnte abgeschottet, denn als Material kommt mindestens feuerverzinkter Stahl zum Einsatz.

Es gibt sie nur noch selten, die guten alten Jägerzäune. Bekannt auch als Scherenzaun und früher häufig ein Fall für "Selbst ist der Mann", sind sie heute verpönt. Schade, denn damit geht eine der besten biodiversen Einfriedungsbauweisen verloren. Während wir uns drinnen, auf der Garteninnenseite, über insektenfreundliche Bepflanzung Gedanken machen, bleibt ein großer Teil der Artenvielfalt draußen: auch der bekannte und beliebte Igel.

Odyssee der Nachtjäger

In unseren Gärten und Freiflächen ist der Braunbrust-Igel unterwegs, eine von 16 Stacheligelarten, die in Europa und Eurasien leben. Erwachsene Igel legen hierzulande auf ihrer nächtlichen Nahrungssuche bis zu 2 km Wegstrecke zurück. Dank seiner exzellenten räumlichen Erinnerung steuert der Igel Durchschlüpfe und Stellen mit reichem Nahrungsangebot gezielt an. Während wir hoffentlich ruhig schlafen, findet draußen zunehmend ein Marathon statt, um viele unüberwindbare Grundstückslängen zu unterwandern. Denn längst ist der Verbreitungsschwerpunkt des Igels nicht mehr die sogenannte freie Landschaft, sondern der Siedlungsraum. In Bayern steht der Braunbrust-Igel auf der Vorwarnliste, d.h. die Zahl der Tiere ist rückläufig. Erfolgt keine Trendwende, wird auch diese frühere Allerweltsart auf die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Arten kommen. Wie also können wir die Ansprüche des Igels an seinen Lebensraum in unsere bautechnische Ausführung integrieren?

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Alles richtig gemacht: Gabionen-Stabmatten-Kombination mit circa 10 cm lichter Höhe unter dem Gartentorrahmen. Foto: Theresa Edelmann, LWG
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Provisorium im Neubaugebiet in Ortsrandlage: Es geht nicht nur um die Begrünung, sondern auch um die Durchlässigkeit von Einfriedungen. Foto: Theresa Edelmann, LWG
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Metallstaketenzaun mit flacher Randeinfassung lässt auf voller Länge Barrierefreiheit für Igel, Frosch & Co. Foto: Theresa Edelmann, LWG
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Blechrahmen als Durchschlupf in einer Pergone: Was für die geliebte Katze ermöglicht wurde, hilft vor allem auch dem Igel. Foto: Theresa Edelmann, LWG

Barrierefreiheit für alle

Als vor etwa zehn Jahren das Thema Barrierefreiheit am Bau stärker in den öffentlichen Fokus geriet, war noch nicht vorstellbar, was heute in vielen auch kleineren Kommunen Normalität ist: Taktile Leitsysteme in öffentlichen Gebäuden und Freiräumen, Querungshilfen an (vielbefahrenen) Straßen und vieles mehr. Übertragen auf den Garten- und Landschaftsbau könnte das bedeuten: wir verbauen nur noch Fertigzäune mit standardmäßigen Aussparungen, wir verzichten auf durchgängige Einfriedungen zwischen Gärten und sonstigen verkehrsarmen Freiflächen, um Vernetzung zu fördern. Und wir investieren allenfalls in bodenbündige straßenseitige Einfriedungen, um die Zahl der überfahrenen Artenvielfalt, beispielsweise Igel, Frösche oder Kröten, zu reduzieren.

Das haut uns vom Sockel

In einigen Bundesländern gilt das ausdrückliche Verbot "tiergruppenschädigender Anlagen oder Bauteile" (in Bayern nachzulesen im Leitfaden "Bauen im Einklang mit Natur und Landschaft - Eingriffsregelung in der Bauleitplanung", 2021). Darin eingeschlossen sind Sockelmauern bei Zäunen. Ziel dabei ist es, "die Durchlässigkeit der Siedlungsränder für die Fauna, insbesondere für die Klein- und Mittelsäuger, zu gewähren". Die Vorgabe "sockelfrei" findet sich daher auch in vielen Bebauungsplänen unter dem Stichwort Einfriedung. Das Thema ist also nicht neu, allein die Geschwindigkeit und Endgültigkeit (Stahlmatten), mit der wir derzeit Freiflächen weiter parzellieren und einfrieden, sollte uns in allen Folgen bewusst sein. Die weitere Fragmentierung von Lebensräumen durch das (Straßen)bauwesen könnten wir abmildern - ohne Mehrkosten.

Die obenstehendes Checkliste gibt Anhaltspunkte für die fortlaufende Kundenberatung im Garten- und Landschaftsbau.

Was sonst noch Sinn macht

Bevor hochstehende Vegetation gemäht oder abgeräumt wird, sollte nachgeschaut werden, ob Igel & Co. sich darin aufhalten. Durch unvorsichtigen Einsatz von Freischneidern und Mähern werden jährlich viele Igel verletzt oder getötet. Mähroboter werden als ungefährlich für Igel verkauft - mehrere Igel-Stationen berichten Gegenteiliges. In Trockenstress-Gebieten wie Mainfranken sind Kleinsäuger wie der Igel zunehmend auf verlässliche Wasserstellen angewiesen, die ihnen von Gartenbesitzern und Flächenmanagern angeboten werden. Diese kommen auch Insekten und Vögeln zugute.

Braunbrust-Igel sind ortstreu, das heißt, sie kommen wieder, wenn auch in unregelmäßigen Abständen. Die rund zehn Winter ihres Lebens verbringen sie schlafend an wechselnden Orten ihres Reviers. Als Überwinterungsplätze kommen unter anderem auch Laubhaufen in Frage. Der einfache Haufen kann auch gestalterisch gefasst werden und somit sichtbar bleiben, statt in einer "Schmuddelecke" zu liegen, die von so vielen Kunden rigoros abgelehnt wird.

Vielfältige Gärten und moderne Bautechnik sind kein Widerspruch

Die Flucht von Zaunpfosten regelt DIN 18202. Bei einem Nennmaß Mitte Zaunpfahl zu Mitte Zaunpfahl unter 3 m ist eine Abweichung von der Flucht von 8 mm zulässig usw. Gehen wir es an und integrieren wir entsprechende funktionelle Maße für unsere gebetenen Gartengäste wie zum Beispiel den Igel! Wildtiere bereichern das Gartenerlebnis. Kleine, unscheinbare Änderungen können entscheidend sein, es braucht also kein Bauprogramm für Tiere. Wir Landschaftsgärtner haben es im Kundengespräch in der Hand, ob Gartengestaltung und -pflege ein Mehr an Lebendigkeit bietet.

Machen Sie den Selbst-Check: Kann ich dies oder jenes (noch) stehen oder liegen lassen? Kann ich anfallendes Material so verarbeiten innerhalb des Gartens, dass es Lebensraumpotential entfalten UND gleichzeitig Teil der Gartengestaltung sein kann? Sollte die Antwort Ihres/r Kunden/in trotz allem "nein" lauten, dann machen Sie ihm/r Mut zur (Zaun)lücke - Zinkspray nicht vergessen!

Herzlichen Dank an meine Kollegen Angelika Eppel-Hotz, Nikolai Kendzia und Jonas Renk für die Bereitstellung weiterer Fotos.

Garten-/Freiflächen-Neuanlage

  • zeigen Sie auf, welche Bauweisen kleinsäuger- oder "igelfreundlich" sind
  • kontaktieren Sie Ihren Zaun-/Metallbau-Händler und verhandeln Sie werkseitige Durchlässe, so dass keine Korrosionsgefahr durch nachträgliches Ausklinken entsteht
  • beraten Sie zu temporären Einfriedungen: Baustahlmatten sind igelfreundlich, Knotengeflechte nur bei bestimmten Maschenweiten wie 80/8/15 oder 100/8/15
  • nutzen Sie die Vorteile von Hanggrundstücken: hier ergeben sich bei vorausschauender Höhenplanung automatisch ausreichend große Durchschlupfe
  • modellieren Sie Böschungen statt niedriger Stützmauern
  • bauen Sie Mauersockel nicht höher als 15 cm, so können Igel noch passieren, wenn auch keine Amphibien
  • verzichten Sie auf Mauersockel wo immer möglich, investieren Sie in die übrigen Gartenelemente
  • versehen Sie Lichtschächte mit einem feinmaschigen Gitter und/oder einer Ausstiegshilfe
Garten-/Freiflächen-Umgestaltung
  • prüfen Sie die vorhandene(n) Einfriedung(en): wie kann durch einfache Anpassungen die Durchgängigkeit für Igel, Frosch & Co. verbessert werden?
  • entschärfen Sie die Doppelstabmatten 6/5/6 oder 8/6/8 durch selbst ausgeführte Zaundurchlässe mit entsprechendem Korrosionsschutz
  • schaffen Sie lokale Durchlässe in Form von Bodenvertiefungen unter dem Zaun
  • erhalten Sie Böschungen wo immer möglich
  • halbieren Sie die Auftrittshöhe von Treppen im Randbereich der Stufen
Kommunikation
  • sichern Sie Ihrem Kunden verlässliche fachliche Beratung zu: auch im gemeinsamen Gespräch mit Nachbarn, vor Ort, an der Grundstücksgrenze
  • unterstützen Sie Projekte wie Hedgehog Highway durch fachlich und baulich sinnvolle Detaillösungen im Bestand und beim Neubau
  • stellen Sie bei Bedarf klar, dass Sie kein "Naturschützer" sind, aber bereit und in der Lage, Tiere im Garten gezielt zu unterstützen
Grünflächenpflege
  • bewegen Sie Kompost-, Laub- oder Asthaufen vorsichtig, stechen Sie nicht hinein
  • entfernen Sie zwischen November und März keine Ast- und Laubhaufen
  • decken Sie einen versehentlich abgedeckten Igel (im Winterschlaf oder mit Jungen) sofort wieder zu
Dipl.-Ing. Theresa Edelmann
Autorin

Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau

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