Zur Berliner Spiel- und Sportbewegung im deutschen Kaiserreich

Grünes Gras und frische Luft im Hippodrom

von:
Berlin Historische Parks und Gärten
Abb. 1: Gustav Meyer, Rekonstruktionszeichnung der Villa Tusculum des jüngeren Plinius Quelle: Gustav Meyer, Lehrbuch der schönen Gartenkunst (Berlin: Riegel’s Verlagsbuchhandlung, 1860), Tafeln III and IV.

Während in vielen Städten der Welt Sportstadien und -hallen in Behelfskrankenhäuser und Impfzentren umgewandelt werden, bevölkern Menschen in den Städten mehr als sonst Park-, Spiel-, und Sportanlagen. Die derzeitige Corona-Pandemie hat den Wert öffentlich zugänglicher Spiel- und Sportanlagen im Freien besonders deutlich gemacht.

Ebenso bedeutend wie das Vorhandensein gut gepflegter Anlagen ist ihre gleichmäßige Verteilung im Stadtgebiet. Die Grundlage vieler Sportanlagen, die uns in der derzeitigen Krise besonders zugutekommen, wurde bereits zur Zeit des deutschen Kaiserreichs und während der Weimarer Republik geschaffen. Schon vor dem Ersten Weltkrieg argumentierten Stadtgartendirektoren und die ersten Sportfunktionäre nicht nur für die Notwendigkeit, Spiel- und Sportanlagen neu zu schaffen, sondern sie auch gleichmäßig im Stadtgebiet zu verteilen, um der gesamten Bevölkerung Zugang zu ermöglichen.

Hippodrom ohne Pferde

Eine erste Wende in der Bereitstellung öffentlicher Freiräume für Sport und Spiel war durch den Goßler'schen Spielerlass 1882 geschaffen worden, der zur Stärkung der Wehrkraft in Preußen unter anderem die Anlage von Turnplätzen und die Wiederbelebung von Turnspielen im Freien förderte. Ein bereits 1916 vorbereitetes Spiel- und Sportplatzgesetz wurde zwar nie in der angestrebten Form verabschiedet, sorgte aber zusammen mit der immer stärker werdenden öffentlichen Begeisterung für Sport und Spiel und dem Drang nach Ersatz des fehlenden Wehrdienstes nach dem Ersten Weltkrieg dafür, dass Städte und Gemeinden in den 1920er-Jahren die Schaffung neuer Sportanlagen vorantrieben, so auch in der Hauptstadt Berlin. Dort hatte Gartendirektor Gustav Meyer bereits in den 1870er-Jahren vorausschauend die ersten Parkanlagen mit Hippodrom-förmigen Rasenspielplätzen versehen und damit die klassische Geometrie eines antiken Erdbaus in weitgehend landschaftlich gestaltete Parks integriert.

In seinem erstmals 1860 veröffentlichen Lehrbuch der Schönen Gartenkunst hatte Meyer unter Einfluss der zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch Friedrich Ludwig Jahn begründeten Turnbewegung dafür plädiert, öffentliche Parkanlagen mit einer Laufbahn sowie einem Turn- und Ballspielplatz zu verbinden. In seiner Darstellung des "römischen Gartenstyls" spielten Bewegungsräume zum Spazierengehen und -fahren eine besondere Rolle. Wie schon Karl Friedrich Schinkel vor ihm, hatte sich Meyer unter anderem mit der zeichnerischen Rekonstruktion der Villa Tusculum des jüngeren Plinius beschäftigt, die einen Hippodrom-förmigen Gartenteil für Spaziergänge und -fahrten enthielt. Letztere galten im Römischen Reich als gesundheitsfördernde Körperübungen. Im Lehrbuch druckte Meyer seine zeichnerische Rekonstruktion der Villa samt Hippodrom-förmigen Gartenteil ab (Abb. 1).¹

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Abb. 2: Volkspark Friedrichshain mit Berlins erstem städtischen Krankenhaus und Hippodrom- förmigen Spielplatz auf der Erweiterungsfläche im Nordosten, ca. 1880 (links). Volkspark Humboldthain mit Rasenspielplatz im track in the north, ca. 1880 (rechts). Map of Treptower Park with a hippodrome-shaped sport and playground in the center, surrounded by an elevated promenade marked by four rows of trees, ca. 1880 (unten). Quelle: Berlin und seine Bauten: Einleitendes–Ingenieurwesen, vol. 1, hrsg. von Architekten-Verein zu Berlin und Vereinigung Berliner Architekten (Berlin: Wilhelm Ernst & Sohn, 1896)

Für Meyers Aneignung und Übersetzung der Form des antiken griechischen Hippodroms bei der Gestaltung von Rasenspielplätzen in Berliner Parkanlagen des späten 19. Jahrhunderts gab es mehrere Gründe und Vorbilder. Zur Etablierung eines deutschen Nationalbewusstseins zwischen dem späten 18. und frühen 20. Jahrhundert blickten deutsche Intellektuelle und Politiker zurück in die Antike, nach Griechenland und Rom. Architekten waren seinerzeit inspiriert von den archäologischen Ausgrabungen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts - auch in Olympia - sowie von neuen Schriften über griechische und römische Architektur, und ihre Baukunst rekurrierte auf die klassischen Bauformen.

Im Wissen um Hippodrom-förmige Gartenräume in der römischen Villa Borghese, auf dem Pariser Champ de Mars und im Wörlitzer Garten hatten Karl Friedrich Schinkel und Peter Joseph Lenné das antikisierende Motiv bereits in den 1830er-Jahren für Friedrich Wilhelm IV bei der Gartengestaltung am Schloss Charlottenhof in Potsdam verwendet. Während es dort einen Gartenraum für königliche Feste bieten sollte, benutzte Lenné die Form, die er schon in den 1820er-Jahren der russischen Kolonie Alexandrowka in Potsdam zugrunde gelegt hatte, bald auch für die städtebauliche Gestaltung Berlins. Der Exerzierplatz am Brandenburger Tor wurde in den Hippodrom-förmigen Königsplatz umgewandelt, und im Zuge der Umfeldgestaltung des neuen Landwehrkanals entstand 1845 im südwestlichen Bereich des Tiergartens ein wahres Hippodrom für den morgend-, abend- und festtäglichen Ausritt des Berliner Bürgertums.

Meyers erster Hippodrom-förmiger Rasenspielplatz entstand Anfang der 1870er-Jahre als neuer Zusatz im Friedrichshain, Berlins erstem für die Bevölkerung angelegten Park aus den 1840er-Jahren. Es folgten Rasenspielplätze im Humboldthain und im Treptower Park, der nach langjährigen Planungen in den 1880er-Jahren angelegt wurde. Während sich die ersten Spielplätze im Friedrichs- und Humboldthain noch am Rand der Anlagen befanden, wurde der große Spielplatz im Treptower Park zum zentralen Element (Abb. 2). Diese räumliche Entwicklung war nicht nur Ausdruck der neuen nationalliberalen Spielbewegung und der gestiegenen Bedeutung körperlicher Ertüchtigung im Freien, sondern sie unterstützte diese auch.

Die Berliner Rasenspielplätze gaben der neuen Bewegung einen angemessenen Rahmen und Raum. Der klassische Erdbau des griechischen Hippodroms bot eine ikonische Gestalt und ein Modell für einen praktischen Freiraum, in dem sowohl die reglementierten Übungen der alten konservativen deutschnationalen Turnbewegung als auch die mehr oder weniger konkurrenzbetonten Spiele der neuen Spiel- und Sportbewegung stattfinden konnten. Hier wurden die bereits um 1810 von Jahn verbreiteten Turnspiele wie Barlauf und Der Schwarze Mann wiederbelebt, und hier konnten die in den 1870er-Jahren aus England eingeführten Spiele wie Lawn-Tennis und Fußball ganz wörtlich Fuß fassen.

In diesem durch einen stilistischen Rückgriff auf eine antike Form geprägten Raum wurde Englischer Sport "naturalisiert" und mit Deutschem Turnen zum scheinbar neutralen Spiel zusammengeführt. Nicht "Sportspiele" oder "Turnspiele" wurden im "Hippodrom" durchgeführt, sondern "Bewegungsspiele." Und diese Bewegungsspiele fanden eben nicht auf dem "Turn-" oder gar "Sportplatz" statt, sondern auf dem "Spielplatz." Diese "deutsche" Bezeichnung könne, so Lehrer Konrad Koch 1898, "weder dem Turnen noch dem Sport anstößig sein."²

Berlins Hippodrom-förmige Spielplätze wurden zum Modell für derartige Anlagen im gesamten Deutschen Reich. Bremens Parkdirektor Wilhelm Benque entwarf zum Beispiel für Dresdens Heidepark einen (nicht realisierten) Volksspielplatz mit zentralem Rasen-"Hippodrom," und 1897 war eine ovale Rasenfläche, umgeben von einer Radrennbahn, der Mittelpunkt eines neuen Spielplatzes im Großen Garten der Stadt.³ 1905 positionierte der Gartenarchitekt Ernst Finken ein Rasen-"Hippodrom" im Zentrum seines Wettbewerbentwurfs für den Düsseldorfer Kaiser-Wilhelm Park (heute Rheinpark)4.

Gefördert wurde die Spielbewegung von Pädagogen, Ärzten, Militärs und Politikern verschiedener Couleur. Der Liberale Rudolf Virchow war darunter ebenso wie der Deutschkonservative Gustav von Goßler. Bewegungsspiele im Freien waren "Volksgesundheitspflege," und die war ein unbestrittenes Gut. In den Augen ihrer Förderer, stärkten Bewegungsspiele die Jugend, machten sie wehrhaft und trugen so zur nationalen Sicherheit bei. Sie "zivilisierten" und beschäftigten die Arbeiterklasse und versprachen, die von weiten Teilen des Bürgertums befürchtete soziale Unruhe zu vermeiden, und sie waren ein Baustein in der Hygienebewegung und konnten zur Bekämpfung der Tuberkulose beitragen.

Das besonders große und prächtige 1887 im Treptower Park fertiggestellte "Hippodrom" wurde zum Stolz der Berliner und avancierte schnell zu einem Synonym für Gesundheit und sportliche Betätigung (Abb. 3). Turnlehrer begannen zu differenzieren zwischen krankheitsanfälligen "Stubenhockern" beziehungsweise "Nicht-Treptowern" und gesunden, kräftigeren und oft leistungsfähigeren "Treptowern," Schülern, die jede Gelegenheit wahrnahmen, im Treptower "Hippodrom" zu spielen.5 Als besonders wichtig für die oft anti-urban und rassenhygienisch geprägten gesundheitlichen Argumente für die Anlage von Spielplätzen galt ihre Materialität, insbesondere die Bodenbeschaffenheit und die einfassende Vegetation.

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Abb. 3: Das Treptower Rasen-"Hippodrom" (Großer Spielplatz) im Luftbildplan der Hansa Luftbild, 1928. Quelle: Geoportal Berlin, Luftbilder 1928, Maßstab 1:4000, Datenlizenz Deutschland – Version 2.0
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Abb. 4: Hippodrom am westlichen Rand des Tiergartens. Westlich und südlich von neu ausgewiesenen Baugebieten umgeben. Quelle: Ausschnitt aus dem Plan von Berlin und Umgegend bis Charlottenburg, Übersichtskarte des Bebauungsplanes der Umgebungen Berlins/Boehm, Ferdinand, 1862. Zentral- und Landesbibliothek Berlin
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Abb. 4a: Der 1923 angelegte Sportplatz Tiergarten, nach dem ursprünglichen Ausrittplatz auch weiterhin "Hippodrom" genannt, in einem Ausschnitt des Pharus-Plan 1926. Grafik: Pharus-Plan Berlin, 1926, Wikimedia Commons, Public Domain

Grünes Gras

Es war schwierig, im stärker kontinental geprägten Klima Deutschlands die Qualität der frischen, kurzgeschorenen Rasen britischer Sportanlagen zu erreichen. Dies mussten die Befürworter der deutschen Spielbewegung im ausgehenden 19. Jahrhundert immer wieder anerkennen. Was ihnen damals jedoch entging, war, dass die Rasenforschung, die in Deutschland erst nach dem Zweiten Weltkrieg aufholte, in Großbritannien bereits fortgeschritten war. Nichtsdestotrotz waren sich Ärzte, Lehrer und Spielsympathisanten einig, dass Rasen für gesundes Spiel unumgänglich war.

Gras war ein geeignetes Mittel zur Staubbindung und bot eine elastische Oberfläche, durch die Verletzungen vermieden werden konnten. Zudem war seine satte grüne Farbe bedeutsam. Ihr waren bereits seit der Antike heilende Kräfte zugesprochen worden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und im frühen 20. Jahrhundert verwendeten Gartenarchitekten die nervenberuhigende Wirkung von Grün als gesundheitliches Argument für die Anlage öffentlicher Parkanlagen. Auch Rasenspielplätze galten als Gegenmittel gegen den Stress urbanen Lebens, das oft mit Frischluftmangel und einem inaktiven sitzenden Lebensstil gleichgesetzt wurde.

Berlins Bürgermeister George Reicke, der 1906 für die Ausweisung weiterer Areale im Treptower Park als Spielwiesen eintrat, mahnte trotz des fehlenden britischen Klimas, Rasenflächen zum Spielen anzulegen.6 Um die Jahrhundertwende waren die "Hippodrome" Berlins einzige Rasenspielplätze, die explizit für Spielzwecke angelegt worden waren. Entsprechende Grasflächen unterschiedlicher Qualität gab es zudem auf dem Charlottenburger Schützenplatz und Exerzierplatz in der Sophien-Charlottenstraße, im Schlosspark Schönholz, auf dem Exerzierplatz am Schlesischen Busch, auf dem neuen Turn- und Spielplatz in der Hasenheide und auf Teilen des Tempelhofer Feldes.

Nur wenige andere meist städtische Plätze und Exerzierplätze kamen für die Spielnutzung in Frage, und sie wiesen lediglich kahle Erd- und Sandböden auf. So war zum Beispiel das ursprünglich mit dichtem Rasen bedeckte Charlottenburger Hippodrom durch die Nutzung für Reitzwecke in tiefgründigen Sandboden verwandelt worden (es wurde 1923 in einen Sportplatz mit Rasenspielfeld, Aschenbahn sowie leichtathletischen Sprung- und Stoßanlagen umgewandelt; Abb. 4 und Abb. 4a.7 Die Situation zeigte das Dilemma, mit dem die Gärtner der unterschiedlichen städtischen Reviere auch auf den Rasenspielplätzen zu kämpfen hatten: sie waren so beliebt, dass die Nutzung das Gras stark strapazierte. Um Abhilfe zu schaffen, forderte der Blankenburger Oberlehrer Witte 1902 eine "Art Dreifelderwirtschaft oder jedenfalls eine Schonzeit" und schlug zu diesem Zweck vor, Rasenplätze in verschiedene Felder mit Ruhezeiten einzuteilen. "Das ist notwendig, wenn wir gesundheitlich auf die Höhe kommen wollen", gab er zu bedenken.8

Aber Rasen war nicht gleich Rasen und Gras nicht gleich Gras. Das wussten die Fachleute, und ihre Erfahrungen führten 1914 zu der Maßgabe, dass je nach Bodenbeschaffenheit und klimatischen Verhältnissen Saatmischungen aus widerstandsfähigen Gräsern herzustellen seien, darunter Deutsches Weidelgras (Lolium perenne), Wiesen-Lieschgras (Phleum pratense), Echter Schafschwingel (Festuca ovina), Flaches Rispengras (Poa compressa) und Hain-Rispengras (Poa nemoralis). Die Baumschule L. Späth fertigte auf Nachfrage Sondermischungen für bestimmte Zwecke an, auch für Tennisrasen und Exerzierplätze, denn nicht immer war es möglich oder wünschenswert, ausgestochene Wiesensoden zu verwenden.9

Doch erst als in den 1920er-Jahren Berlins Oberbürgermeister Gustav Böß eine Welle neuer Sportplatzanlagen in Gang brachte und sich Spiel und Sport im gesamten Reich immer größerer Beliebtheit erfreuten, war die Erfahrung vorhanden und der Bedarf so groß, dass die Firma zahlreiche fertige Standardmischungen zur Anlage verschiedener Sport-, Spiel-, und Golfplätze herstellte.10 Auch die Bodenvorbereitung war entscheidend, und Mischungen aus Sand, Humus, Lehm, Klärschlamm, und Hauskehricht stellten sich als günstig heraus.¹¹ Der Berliner Architekt Georg Demmler, selbst Sportler und später Sportfunktionär, betonte, dass für erfolgreiche Rasenanlagen ferner Bewässerung bei trockenem Wetter, häufiges Walzen zur Festigung, regelmäßige Düngung und Schnitt sowie Nutzungspausen auch während und nach anhaltendem Regen erforderlich waren.¹²

Die Praxis war jedoch oft weit entfernt vom Ideal. Die starke Nutzung sowie die Nichtbeachtung der Absperrungen während notwendiger Rasenschonzeiten bereitete den zuständigen Gartenverwaltungen immer wieder Kopfzerbrechen. Das beliebte Lauf- und Fangspiel Dritter Abschlag stellte sich als besonders rasenstrapazierend heraus. Wenn an warmen Frühlingswochenenden Spielplätze noch für die Nutzung gesperrt waren, missachteten viele Bürger die Warnungen der Parkwächter. Und nicht nur während des Ersten Weltkriegs fehlten die Arbeitskräfte, um die Rasenflächen angemessen zu pflegen. Bis in die 1920er-Jahre gab es keine ausreichenden Mittel.¹³

Dennoch boten Berlins Rasenspielplätze auch anderen Nutzungen einen geeigneten Raum und Rahmen, was bei Spielbefürwortern allerdings mitunter zu Kritik führte. So war die Spielnutzung des Treptower "Hippodroms" zwischen 1894 und 1899 aufgrund verschiedener Ausstellungen besonders stark eingeschränkt. Zudem wurde der Spielplatz während der Wanderausstellung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft im Treptower Park im Sommer 1894 "schlimm zerstampft" und 1896 für die Gewerbeausstellung sogar in einen See verwandelt.14

Im Februar und April 1910 fanden die ersten Massendemonstrationen der SPD zusammen mit der Demokratischen Vereinigung gegen das Dreiklassenwahlrecht auf den Spielplätzen im Humboldt- und Friedrichshain sowie der großen Spielwiese nordwestlich des "Hippodroms" im Treptower Park statt (Abb. 5).15 Sie signalisierten den Beginn einer explizit politischen Nutzung dieser Freiräume, die während der Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Diktatur üblich wurde.

Auf dem Treptower Spielplatz fanden Maifeiern kommunistischer Jugendgruppen, Veranstaltungen zahlreicher Gewerkschaften, Kundgebungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Sozialdemokraten statt, ebenso wie im August 1938 das Kraft-durch-Freude Volksfest. Da letzteres die Fläche der Spielnutzung für mehr als eine Woche entzog und den Rasen stark beschädigte, sorgte es für so viel Missfallen bei der Bevölkerung, dass sogar Gartendirektor Joseph Pertl, ein überzeugter Nazi, derartige Nutzungen für die Zukunft unterband.16

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Abb. 5a: Ludwig Lesser, Vogelperspektive eines Entwurfs für eine Schul- und Sportplatzanlage in Hennigsdorf bei Berlin. Quelle: Ludwig Lesser, Volksparke heute und morgen (Berlin: Rembrandt, 1927), 99
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Abb. 5: Die im Vorwärts angekündigten Versammlungsorte der SPD im Friedrichshain und Treptower Park am 10. April 1910. Zudem diente der Spielplatz im Humboldthain als Versammlungsort. Quelle: „Unser Demonstrationstag“, Vorwärts Berliner Volksblatt 27, Nr. 83, 10. April 1910, 1
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Abb. 6: Grundrisszeichnung des Frankfurter Waldstadions. Quelle: Max Ostrop, Deutschlands Kampfbahnen (Berlin: Weidmannsche Buchhandlung, 1928), 104

Frische Luft

Treptows großer Spielplatz war von 1,3 m hohen Erdterrassen umgeben, die mit Aushubmaterial des nahegelegenen Sees geschaffen wurden und auf denen vier Platanenreihen Windschutz und eine schattige Promenade boten.17 Auf dem 450 m langen und insgesamt 4,5 ha umfassenden Rasenplatz konnten mehrere Gruppen gleichzeitig spielen und leichtathletischen Übungen nachgehen. Noch bevor das Deutsche Reich im Zuge der modernen olympischen Bewegung mit dem Deutschen Stadion 1913 im Grunewald sein erstes Sportstadion erhielt, hatte Berlin sein "Stadion im Grünen"18 in Form eines Hippodroms, das auch als abstrahierte Waldlichtung beschrieben werden könnte. Denn als genauso wichtig für gesundheitsförderndes Spiel wie intakte Rasenflächen galt ihre Einbindung in baumbestandene Park- oder Waldlandschaften.

Berlins städtischer Oberturnwart und Vorsitzender des Deutschen Turnlehrervereins Eduard Angerstein betonte 1892 die anregende "Einwirkung der Natur" auf die moralische und körperliche Erziehung beim Bewegungsspiel. Es sollte deshalb idealerweise "auf einem mit grünem Rasen bedeckten von schattigen Bäumen umgebenen Platze" stattfinden.19 Entscheidend für diese Maßgabe waren nicht nur der von den Pflanzen produzierte Sauerstoff, sondern insbesondere das mit Bäumen und Wäldern assoziierte Ozon. Bis ins 20. Jahrhundert herrschte die allgemeine Vorstellung, dass Ozon bei Licht und Sonne in der Nähe von Pflanzen entstand oder gar von ihnen hergestellt wurde.

Ozonhaltige Waldluft galt nicht nur aufgrund seiner aseptischen Wirkung als gesund. Anhänger der Naturheilkunde betrachteten Ozon auch als Heilmittel gegen Blutarmut und Herzschwäche. Wissenschaftliche Erkenntnisse vermischten sich schnell mit ideologisierten naturheilkundlichen und lebensreformerischen Ansichten, so dass auch in der Presse noch in den 1920er-Jahren die Rede war von "ozonhungrigen Menschen", die zur "fröhlichen Erholung" an Sommertagen zu Tausenden die Spielwiesen bevölkerten.20 Seit der Jahrhundertwende galt das Atmen frischer ozonhaltiger Luft als Heilmittel gegen Tuberkulose und andere Atemwegserkrankungen, und 1928 wurde erwogen, die Spielwiesen des Treptower Parks für Liegekuren zu benutzen. Aufgrund des Bedarfs an Spielfläche wurde dieser Plan allerdings nicht umgesetzt.²¹

Neben innerstädtischem Platzmangel war es das vermeintliche, die Gesundheit fördernde "Waldozon", das Turn- und Sportvereine sowie Stadtverwaltungen dazu bewog, neue Spielplätze wo möglich nicht nur in Parks, sondern auch in Waldgebiete zu integrieren. So entstanden in einigen Städten, darunter Dresden, München, Augsburg, Bonn und Dortmund, sogenannte Waldspielplätze. Während der englische Rasen auf Spielplätzen in Deutschland unerreichbar schien, hielten patriotische Spielförderer Waldspielplätze nun für eine wahrhaft deutsche Errungenschaft, die die englischen Parkspielplätze noch überbot.²²

Auf diesen Ideen aufbauend entstanden in den 1920er-Jahren in bestehenden Waldflächen vielerorts Waldstadien. An kleineren Orten waren dies einfache Sportplätze, die oft aus einer Kombination von Rasenplatz mit Lauf- und Radrennbahn samt Sprung- und Wurfanlagen bestanden und unter Umständen von zusätzlichen Übungsplätzen ergänzt wurden (Abb. 5). In größeren Städten waren es umfangreiche Sportparks, die sich aus mehreren Übungs- und Wettkampfstätten zusammensetzten. Das 1925 eröffnete Frankfurter Waldstadion galt bald als Paradebeispiel, denn dort waren die Sportanlagen "eins geworden mit der Natur" (Abb. 6).²³

In Berlin wurde im Zuge des von Oberbürgermeister Böß angestoßenen Spielplatzprogramms zwischen 1922 und 1927 über 320 ha neue Spielfläche geschaffen. Durch private Mittel mitfinanziert und mit Hilfe von Notstandsarbeiten umgesetzt, wurden Brachen und insbesondere ehemalige Exerzierplätze, die im Zuge der Versailler Verträge nicht mehr vom Militär genutzt werden durften, in Spiel- und Sportflächen umgewandelt. Sie wurden teils notdürftig als Tennenplätze, teils mehr oder weniger aufwendig als Sportplätze, Stadien und als Bestandteil neuer Volksparks angelegt.

Der Sportanlagenbau bot Gartenarchitekten neue Arbeitsmöglichkeiten. Standen ihnen Spielplatzförderer um die Jahrhundertwende noch misstrauisch gegenüber, da ornamentale Freiraumgestaltung Spielnutzung oftmals unberücksichtigt ließ, hatte sich nun das Blatt gewendet. Carl Diem, seit den 1910er-Jahren einer der einflussreichsten Sportfunktionäre, wollte Sportplätze in "Schmuckplätze" verwandelt sehen,24 und er forderte 1924 Deutschlands Gartenarchitekten auf, dafür zu sorgen, "dass die Bretterzäune verschwinden, dass die rein technischen Anlagen sich umgestalten in Anlagen, die dem Kunstbedürfnis entsprechen."25 Bewegungs-, Körper- und Sportkultur verlangten, so Diem, nach einer angemessenen Garten- und Landschaftskultur. Gartenarchitekt Ludwig Lesser schlug 1927 in diesem Sinne vor, einen Rasenspielplatz mit umgebender Baumpromenade zum Nukleus eines jeden Volksparks zu machen.26

Und tatsächlich wurden formal gestaltete Sport- und Rasenspielplätze in den neuen Berliner Volksparks Jungfernheide (Abb. 7), Rehberge (Abb. 8, Abb. 9, Abb. 10) und am Tempelhofer Feld, zentrale Bestandteile. Sie führten in den 1920er-Jahren eine Entwicklung fort, die mit den Hippodrom-förmigen Spielplätzen in den ersten Berliner Parkanlagen während des deutschen Kaiserreichs begonnen hatten.

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Abb. 7: Erwin Albert Barth, Grundrisszeichnung des Volkspark Jungfernheide, 1924. Quelle: Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin (Inv: 40675)
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Abb. 8: Erwin Albert Barth, Grundrisszeichnung des Volkspark Rehberge, 1927. Quelle: Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin (Inv: 40978)
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Abb. 9: Übungswiese im Volkspark Rehberge bei der Eröffnung im Juni 1929. Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-07963, Wikimedia commons, CC-BY-SA 3.0
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Abb. 10: Blick auf die Übungswiese im Volkspark Rehberge, November 2020. Im Vordergrund die 1906 von Wilhelm Haverkamp geschaffene Plastik einer Ringergruppe. Foto: Sonja Dümpelmann

Literatur

¹ G. Meyer, Lehrbuch der Schönen Gartenkunst, 2. Aufl. (Berlin: Ernst & Korn, 1873), 146-147; Mayako Forchert, "'Der römische Gartenstyl' im Historismus: Gustav Meyers formale Gestaltung und seine Rekonstruktion der Villa Tusculum von Plinius d. J.," Die Gartenkunst 11, no 1 (1999): 123-130. Zu einer ausführlicheren wissenschaftlichen Darstellung und Interpretation der hier angesprochenen Themen, siehe Sonja Dümpelmann, "Labyrinth, Hippodrome, Racetrack: Shaping Landscapes and Bodies for Sport in Nineteenth- and Early Twentieth-Century Berlin," in Landscapes for Sport: Histories of Physical Exercise, Sport, and Health, ed. by Sonja Dümpelmann (Washington D.C.: Dumbarton Oaks Research Library and Collection, 2022).

² Konrad Koch, "Der gegenwärtige Stand der Spielplatzfrage in Deutschland," Jahrbuch fur Volks- und Jugendspiele 7 (1898): 210-214 (213).

³ Karl Böhmert, "Der Dresdner Heidepark, ein Volksspielplatz," Jahrbuch für Jugend- und Volksspiele 4 (1895): 169-176; Böhmert, "Der neue Spielplatz am Großen Garten zu Dresden," Jahrbuch für Volks- und Jugendspiele 6 (1897): 173-178.

4 Döring, "Körperbau und Körperpflege in Berlin C.," Jahrbuch fur Volks- und Jugendspiele 11 (1902): 268-279 (273, 279).

5 Konrad Koch, "Öffentliche Spielplätze (Fortschritt und Rückständigkeit)," Jahrbuch für Volks- und Jugendspiele 16 (1907): 35-41 (40-41).

6 Jahrbuch für Volks- und Jugendspiele 7 (1898): 146-147.

7 Bericht von Oberlehrer Dr. Witte, Blankenburg im Harz, Jahrbuch fur Volks- und Jugendspiele 11 (1902): 183-189 (187-189).

8 Siehe Katalog 1913-1914 der Baumschule L. Späth (Berlin), 191.

9 Siehe Späth-Buch 1720-1930 (Berlin: L. Späth, 1930), 72, 551-553.

10 Carl Diem und Martin Berner, Städtische Sportanlagen. Ein Wegweiser für den Bau von Spiel- und Sportgelegenheiten (Berlin: BZ am Mittag und Ullstein, 1914), 38-41; Bromme, "Das Stadion in Frankfurt am Main," Die Gartenkunst 37, no. 9 (1924): 140-145 (144).

¹¹ Carl Diem und Martin Berner, Städtische Sportanlagen. Ein Wegweiser für den Bau von Spiel- und Sportgelegenheiten (Berlin: BZ am Mittag und Ullstein, 1914), 38-39.

¹² Siehe z. B. Landesarchiv Berlin, A Rep 045-08 Nr. 137; Bezirksgartenamt Wedding, 5 January 1923, Landesarchiv Berlin, A Rep 033-08 Nr. 360.

¹³ K. Koch, "Der gegenwärtige Stand der Spielplatzfrage in Deutschland," Jahrbuch für Volks- und Jugendspiele 6 (1897): 163-169 (164-66).

14 "Unser Demonstrationstag," Vorwärts Berliner Volksblatt 27, Nr. 83, 10. April 1910, 1; Extra-Ausgabe Vorwärts Berliner Volksblatt 27, Nr. 83a, 11. April 1910; Bernd Jürgen Warneken et al., Als die Deutschen demostrieren lernten. Das Kulturmuster "friedliche Straßendemonstration" im preußischen Wahlrechtskampf 1908-1910 (Tübingen: Gulde-Druck, 1986), 36-37, 47-53.

15 Siehe Landesarchiv Berlin, A Rep 045-08 Nr. 146.

16 Der Platz war "540 Schritte" lang und "160 Schritte" breit. Siehe auch "Erläuterungsbericht zu dem Plane und Kostenanschlage, betreffend die Parkanlagen vor dem Schlesischen Thore hierselbst," Landesarchiv Berlin, A Rep.000-02-01 Nr. 1010.

17 e., "Im Treptower Park," Der Südosten Nr. 160, 25. Juni 1922.

18 E. Angerstein, "Die sittliche und physiologische Bedeutung der Bewegungsspiele," Über Jugend- und Volksspiele. Allgemein unterrichtende Mitteilungen des Zentral-Ausschusses zur Förderung der Jugend- und Volksspiele in Deutschland (1892): 7-11 (10).

19 e., "Im Treptower Park," Der Südosten no. 160, 25 June 1922.

20 See Landesarchiv Berlin, A_Rep_045-08_Nr_138.

²¹ K. Koch, "Über die Notwendigkeit der weiteren Schaffung von Spielplätzen in Deutschland," Jahrbuch fur Volks- und Jugendspiele 11 (1902): 176-183 (178); Ignaz Stiefel, "Der Waldspielplatz des Männerturnvereins München e. V. in Gräfling," Jahrbuch fur Volks- und Jugendspiele 11 (1902): 279-285.

²² Max Ostrop, Deutschlands Kampfbahnen (Berlin: Weidmannsche Buchhandlung, 1928), 100.

²³ Carl Diem, Die Anlage von Spiel- und Sportplätzen (Berlin: Weidmannsche Buchhandlung, 1926), 77.

24 Carl Diem, "Leibesübungen und Spielplatzfrage," Die Gartenkunst 37, no. 9 (1924): 137-140 (140).

25 Ludwig Lesser, Volksparke heute und morgen (Berlin: Rembrandt, 1927), 99-100. n

Prof. Dr. Sonja Dümpelmann
Autorin

University of Pennsylvania

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