Hersteller des Bio-Tech-Filters geraten unter Druck

Zweifel an der luftreinigenden Wirkung der CityTrees nehmen zu

Die Ergebnisse einer Pilotstudie des Amts für Umweltschutz der Landeshauptstadt Stuttgart mit einer Mooswand fallen sehr ernüchternd aus. Foto: Landeshauptstadt Stuttgart

Mit einem weltweit einmaligen, patentierten Bio-Tech-Filter will ein Berliner Startup für saubere Atemluft in den Städten sorgen. Der CityTree, eine sich selbst versorgende Mooswand, sorgt seit 2014 für Aufsehen in Politik und Wissenschaft. Doch inzwischen mehren sich die Zweifel an ihrer Funktionalität.

Werbung mit Superlativen

Die Herstellerfirma Green City Solutions GmbH (GCS) in Berlin-Schöneberg spart nicht mit Superlativen: "Saubere Luft in jeder Stadt", "Die perfekte Kombination aus Pflanzen und Internet of Things-Technologie", heißt es auf der firmeneigenen Website. Oder auch: "Nachweisbare Verbesserung der Stadtluft". Im Dezember 2017 meldet das Unternehmen die "erfolgreiche Installation von 30+ CityTrees in mehr als 10 Ländern".

Dipl.-Ing. Victor Splittgerber, Mitbegründer und damals Chief Technology Officer (CTO) von Green City Solutions, erklärte vor acht Monaten der Zeitschrift "Cities Today", die Pflanzen des CityTrees seien in der Lage, Feinstaub (PM), Stickstoffdioxod (NO²) und Ozon zu vertilgen. So könnten insgesamt 240 t CO² pro Jahr aus der Luft gefiltert werden. Der Pflanzenfilter hätte den gleichen Effekt wie bis zu 275 Stadtbäume, benötige aber 99Prozent weniger Platz.

Der Bio-Tech-Filter enthalte Sensoren, die Umwelt- und Klimadaten sammelten, um sie zu regeln, zu kontrollieren und sicherzustellen, dass die Pflanzen überleben. Mit Technologien wie WiFi, Near Field Communication (NFC) und Bildverarbeitungsgeräten könnten die CityTrees sämtliche digitalen und visuellen Informationen übertragen.

Die City Trees sind seit 2014 auf dem Markt. Der Hersteller verspricht eine "nachweisbare Verbesserung der Stadtluft". Foto: Lupus in Saxonia, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Nur wenige Stunden Pflege im Jahr

Nach Angaben des CTO gibt es den CityTree in Deutschland ab 24900 Euro. Er könne mit zusätzlichen Funktionen ausgerüstet werden. Weil er Solarenergie und die Internet of Things-Technologie nutze sowie über einen integrierten Wassertank verfüge, benötige der vertikale Aufsteller nur wenige Stunden Pflege im Jahr. Er könne zudem an Orten aufgestellt werden, an der kein Baum gepflanzt werden oder wachsen könne. Die Angebote der grünen Branche erscheinen gegenüber dem Produkt von Green City Solutions hoffnungslos veraltet: Anders als Bäume könne der CityTree die Luft auf Fußgänger-Niveau reinigen und nicht erst mehrere Meter darüber, erklärte Splittgerber. Während traditionelle Luftreinigungsfilter in Gebäuden einen regelmäßigen Wechsel der Filterelemente erforderten, sei das beim CityTree dank der sich selbst regenerierender Mooskulturen nicht nötig. Die Anbieter grüner Dächer und Fassaden machen für das Berliner Startup auch keine gute Figur: Wegen ihrer extensiver Begrünung, Gewichtsbegrenzungen oder einem Einbau oberhalb der Straßenebene reinigten sie entweder wenig Luft oder sie wären wegen der Eigentümerstruktur der Städte zumeist ungeeignet, sagte Splittgerber.

Doch Studien zum CityTree sprechen eine andere Sprache. Das Prüfinstitut für Luftfilterprüfungen fiatec in Mainleus hatte im April vergangenen Jahres noch herausgefunden, dass die Feinstaub-Filterleistung der CityTrees bei einem konstanten Luftstrom von 5,5 m³ pro Minute und variierend nach Moosarten von 20 bis 53 Prozent, 26 bis 64 Prozent und 56 bis 86 Prozent jeweils für PM1, PM2,5 und PM10 reichten.

Immer weniger Filterleistung festgestellt

Das Leibnitz-Institut für Troposphärenforschung in Leipzig stellte fünf Monate später "unter realen Testbedingungen" nur noch eine Reduzierung des Massenanteils von Feinstaub um 23 Prozent durch die CityTrees fest. Und das Institute of Atmospheric Sciences and Climate (ISAC) aus Bologna beobachtete im November 2017 bei einem Feldversuch im italienischen Modena eine durchschnittliche Feinstaub-Filterleistung von 19±7 %, 15±5 % und 11±5% jeweils für PM10, PM2,5 und PM1. Das lag noch einmal unter den Messwerten der vorangegangenen Tests. Zur Abscheidung von Stickoxiden durch die CityTrees deutete sich nach Untersuchungen des Instituts für Luft- und Kältetechnik (ILK) in Dresden im März 2018 an, dass sie entsprechend der untersuchten Materialien doch sehr verschieden waren. Die Messwerte reichten von 0 bis 10Prozent.

Stuttgarter Pilotstudie stellt wenig fest

Sehr ernüchternd aber fallen die vorläufigen Ergebnisse einer Pilotstudie des Amts für Umweltschutz der Landeshauptstadt Stuttgart, der Universität Stuttgart und des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart aus. Eine entsprechende Einschätzung der Wissenschaftler liegt der Neuen Landschaft vor. Sie hatten im März 2017 an einem Stuttgarter Belastungshotspot, der Cannstatter Straße, eine Mooswand von 100 m Länge und einer Höhe von 3 m in Betrieb genommen. Verwendet wurden graues Zackenmützenmoos (Racomitrium canescens) und Hornzahnmoos (Ceratodon purpureus). Die Pflanzen wurden täglich jede Stunde bewässert. Vor der Wand wurden horizontal zusätzliche Moosmatten verlegt.

Bisher konnte die Stuttgarter Umweltschutzbehörde jedoch keine große Wirksamkeit der Mooswand bei der Reduktion von Luftschadstoffen feststellen. Einen Nachweis zu führen, sei sehr schwierig. Wenn es eine Wirkung des Mooses auf den Feinstaub PM10 gebe, sei diese klein (<10% Reduzierung) und gehe vermutlich in den Messungenauigkeiten und der allgemein hohen Variabilität des PM10s unter. Die ersten Analysen deckten sich mit den Ergebnissen einer 2012 abgeschlossenen Mooswandstudie des Instituts für Agrar- und Stadtökologische Projekte (IASP) der Humboldt-Universität Berlin, heißt es in Stuttgart.

Die Umweltbehörde hatte 2017 an einem Stuttgarter Belastungshotspot eine Mooswand von 100 m Länge und einer Höhe von 3 m in Betrieb genommen. Foto: Landeshauptstadt Stuttgart

CityTree in braun und gelb

Ein Reduktionspotenzial gebe es wohl bei kleinen Feinstaub-Partikeln <1µm. Doch im Sommer unter ungünstigen Witterungsbedingungen stieg der Feinstaub der Größe PM10 vor der Mooswand. "Dies ist darin begründet, dass die Moose austrocknen und teilweise zerfallen", heißt es in einem Papier, "durch den Wind werden Pflanzenteile aufgewirbelt."

Schlechte Nachrichten gibt es auch aus Essen. Dort war im vergangenen Jahr ein CityTree mit sich selbst regenerierenden Mooskulturen in der Halle des Hauptbahnhofs aufgebaut worden. Doch schon zur Jahresmitte glich die Wand einem Schlachtfeld, berichtete das Onlineportal "DerWesten". Gelbe und braune Stellen wechselten sich ab. Mitarbeiter mussten immer wieder frische Pflanzen in die Wand setzen, da die alten abgestorben auf den Boden rieselten.

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Dieser Artikel erschien in der Ausgabe NEUE LANDSCHAFT 05/2018 .

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