Chelsea Flower Show 2017

Wilde Naturgärten mit Mut zu klarer Kante

NULL Foto: Col Ford & Natasha de Vere, CC BY 2.0

Auf der 104. Chelsea Flower Show lagen wie in den Vorjahren naturnahe, von Wildwuchs geprägte Gartengestaltungen in der Jury- und Publikumsgunst ganz vorn. Ein starker Akzent bestand zusätzlich in gewollt hässlicher Industrie-Ästhetik. Durch dieses Stilmittel wurden mitunter wuchtige politische Botschaften rund um das Thema Klimawandel ans Publikum gesandt. Die Gestalter lösten sich somit zusehends vom formschönen Wohlfühl-Design und zeigten in Form und Inhalt vermehrt klare Kante. 165 000 Besucher - inklusive der Queen - waren in diesem Jahr zu Londons farbenprächtigem Gartenfestival gekommen, das Ende Mai auf 4,5 ha acht große und 20 kleine Schaugärten präsentierte.

Wildwuchs erobert den Steinbruch zurück

Als bester Ausstellungsgarten wurde der "M&G Garden" von James Basson ausgezeichnet, der vor allem eine umweltpolitische Botschaft verkörpert. Der Brite inszenierte einen verlassenen maltesischen Steinbruch, den die Natur durch üppigen Wildwuchs langsam zurückerobert. Inmitten des von Menschen gemachten Ödlands wurde ein Johannisbrotbaum gepflanzt, der auf Malta unter Artenschutz steht. Unterschiedlich hohe Kalksteinblöcke symbolisieren die tiefgreifenden Effekte des Bergbauzeitalters. Dass er mit einem solchen Ansatz manche Garten-Ästheten vor den Kopf stoßen könnte, war dem in Südfrankreich lebenden Basson von Anfang an bewusst. "Mein Garten soll gar nicht schön sein", stellte er gegenüber britischen Medien klar - vielmehr wolle er ein Zeichen für den Umweltschutz setzen. Die Jury honorierte die mutige Inszenierung mit einer Goldmedaille.

Das offene Stahlgerüst des Gartens "Breaking Ground" ist von den Synapsen- und Neuronenverbindungen des menschlichen Hirns inspiriert. Foto: Col Ford & Natasha de Vere, CC BY 2.0

Bei den Kunsthandwerker-Gärten wurde der "World Horse Welfare Garden" Publikumsliebling. Er illustriert das traurige Schicksal verlassener Pferde weltweit. Foto: Col Ford & Natasha de Vere, CC BY 2.0

Offenes Stahlgerüst im Heideland

Der Goldmedaillen-Schaugarten "Breaking Ground" (dt.: "Bahn brechen") von Andrew Wilson und Gavin McWilliam widmet sich dem Bildungsauftrag des in Südengland gelegenen Wellington College. So ist das offene Stahlgerüst inmitten der Pflanzen kein Selbstzweck, sondern symbolisiert in seinem Winkel zu den Pflastersteinen Synapsen- und Neuronenverbindungen des menschlichen Hirns. Die Bepflanzung ist von dem Heideland rund um das College inspiriert, wobei insbesondere ein Paar 30-jähriger, mehrstämmiger Weißdorne zum Blickfang gerät. Der Bildungsgedanke, der dem Garten zugrunde liegt, findet sich auch auf der bronzefarbenen Grenzmauer wieder: Dort haben Studenten ihre Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft verewigt.

Rost als Leitmotiv in Mobiliar und Bepflanzung

In der Kategorie der Artisan gardens, der Kunsthandwerker-Gärten, ging die Goldmedaille an den "Walker`s Wharf Garden supported by Doncaster Deaf Trust" (dt.: "Walkers Kai-Garten") von Graham Bodle. Ähnlich wie beim "M&G Garden" stehen hier Industrie- und Verfallsmotive im Vordergrund. Dadurch erscheint die bescheidene Bepflanzung des Gartens, dessen Herzstück ein rostbrauner, stillgelegter Kai ist, wie Beiwerk. Tatsächlich sind die verwendeten Pflanzen insbesondere ihrer Färbung wegen ausgewählt worden. Der rostige Farbton industriellen Verfalls findet sich somit nicht nur auf dem Kai und den dortigen Sitzgelegenheiten. Auch in der Pflanzung - etwa im bronzefarbenen Blattwuchs der Epimedium - ist er präsent. Ein kleiner Teich, über den eine Zugbrücke zum Sitzbereich führt, simuliert in dem Setting des verfallenen Schiffs-Anlegeplatzes die offene See.

Ein Denkmal für leidgeplagte Pferde

In allen Gartenkategorien wurden auch die People's Choice Awards vergeben. Dieser Publikumspreis ging bei den Kunsthandwerker-Gärten an einen weiteren umweltpolitischen Beitrag: Den "World Horse Welfare Garden" (dt.: "Weltwohlfahrtsgarten für Pferde"). Der satte grüne Wildwuchs unterstreicht auf den ersten Blick den anhaltenden Naturgarten-Trend. Die hohen Gräser und kreuz und quer sprießenden Pflanzen sollen zudem die Verlassenheit des Ortes symbolisieren - in dessen Mitte sich eine einsame Pferdeskulptur befindet. Sie ist das zentrale Motiv des Settings: Woolcotts und Smiths Werk stellt eine Würdigung der Wohltätigkeitsorganisation "World Horse Welfare" dar, die sich für verlassene und gequälte Pferde weltweit einsetzt. Die Pflanzenauswahl des Publikumslieblings ist stark auf britische Gattungen ausgerichtet: So umgeben etwa Kuckucks-Lichtnelken, Wiesenkerbel und Nesseln die einsame Pferde-Skulptur. Hendrik Behnisch

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe NEUE LANDSCHAFT 07/2017 .

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