Der Kommentar

Warten auf die Krise

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Irgendwie wissen alle, dass es so wohl nicht weitergehen kann - aber am Bau will die Krise einfach nicht ankommen. Vermutlich wird der Wohnungsbau etwas schwächeln, auch weil die geplanten 400.000 neuen Wohnungen weder dieses Jahr noch die kommenden Jahre erreicht werden.

So ist es mit den Wahlversprechen. Vielleicht ist auch der Industriebau zögerlich, zumindest sind die ersten Projekte schon auf Eis gelegt. Für alles, was mit Infrastruktur zu tun hat, sei es Verkehr, Verkehrswende, Energie oder Energiewende, sind sehr umfangreiche Investitionen erforderlich. Nach wie vor ist die Nachfrage für Baustoffe deutlich höher als das Angebot, auch wenn der Krieg einen Beitrag geleistet hat, ist es vor allem die hohe Nachfrage, die zur Kostensteigerung führt.

Einen ganz anderen Blick haben die Personalverantwortlichen in den Betrieben. Sinnbildlich steht vielleicht die Schilderung aus einem Büro, in dem schon länger freitags um 13 Uhr Feierabend gemacht wird, Work-Life-Balance halt. Nun musste bei einem Kunden freitags um 15 Uhr etwas präsentiert werden und dem studentischen Praktikanten, der mit praktischer Ausbildung im Handwerk eigentlich die Arbeitswelt schon kennt, wurde angeboten, an dieser Präsentation teilzunehmen. Schließlich habe er ja auch an diesem Projekt mitgearbeitet. Die Antwort des Studenten war klar und deutlich: "Sehr gerne, dann komme ich aber erst um 11 Uhr, sonst habe ich ja zu viele Stunden."

Es ist wie immer in Deutschland, alles wird übertrieben. Vor fünf Jahren hätte ich den Mitarbeitern noch mehr Anerkennung gewünscht, heute tun mir die Arbeitgeber fast schon leid. Die Arbeitnehmer von heute, insbesondere am Bau, in den Planungsbüros und vielen anderen Branchen, kennen heute ihren Wert - und manch einer spielt das aus. Dabei geht es nicht immer um die finanzielle Gratifikation. Ganz häufig geht es um Freizeit oder andere Kleinigkeiten, die fast schon üblich werden: Private Termine in der Arbeitszeit, aber Überstunden auf keinen Fall.

Meine Studierenden fragen mich ganz verwundert, warum ich nicht ein Verfechter der 4-Tage-Woche bin. Die Überzeugung ist in Teilen groß, dass diesem Arbeitszeitmodell die Zukunft gehört. Nicht jeder Betrieb kann sich das leisten. Diese Situation hat kürzlich eine Personalverantwortlichen eines großen Unternehmers dazu veranlasst, auf die Krise zu hoffen. Warum? Damit gerade die jungen Mitarbeiter, die jetzt auf den Arbeitsmarkt kommen, überhaupt wieder das Leistungsprinzip kennenlernen.

In anderen Branchen ist dagegen die 70-Stunden-Woche durchaus noch üblich - das aber bei sechsstelligen Einstiegsgehältern. Voraussetzung: Top-Abschluss an einer Topausbildungsstätte. Was uns zu einer schon älteren Diskussion um die "High-Performer" und "Low-Performer" der Arbeitswelt zurückbringt. Vielleicht wird es so sein, dass durchschnittlich Einsatzbereite bei durchschnittlichem Gehalt, bedacht auf die Freizeit sind und die Enthusiasten im Beruf viel arbeiten und damit viel Geld verdienen werden. Die Entscheidung muss dann jeder für sich selbst treffen.

Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff hat kürzlich auf die Frage, was er jungen Akademikern empfiehlt, gesagt: "Vergesst Work-Life-Balance! Wer zwischen Arbeit = böse und Freizeit = gut unterscheidet, kann nicht glücklich werden". Macht euren Beruf zu dem, was euch glücklich macht, dann kann auch die Krise kommen.

Ihr Martin Thieme-Hack

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Prof. Dipl.-Ing. (FH) Martin Thieme-Hack
Autor

Hochschule Osnabrück, Fakultät A&L

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